Bernhard Peter
Die dicke Backe im Jemen:
Qat und Cathinon

Raumstruktur von Cathinon

Botanik:
Stammpflanze des Qats ist der Qat-Strauch oder auch Kathstrauch, Katstrauch, Catha edulis Forsk, ex Celastrus edulis Vahl aus der Familie der Celastraceae (Spindelbaumgewächse). Der Qat-Strauch wächst vor allem in den Bergen des Jemens in Höhen von 900 - 1200 m, aber die Pflanze kommt auch in anderen Ländern der arabischen Halbinsel wie Saudi-Arabien, Oman oder Palästina sowie in Ländern Ostafrikas wie Äthiopien, Kenia, Tansania, Uganda, Malawi, Somalia, in Ostafrika insbesondere in den Höhenlagen von 1500-1800 m angebaut, dazu in Westafrika, Madagaskar, Südafrika, Turkestan und Afghanistan vor. Catha edulis kann über 20 m hoch werden, wird aber in Kulturen als Strauch bis ca. fünf Meter gezogen. Junge Blätter von Catha edulis sind an den Stielen und Adern bräunlich-rötlich überlaufen, ältere Blätter sind tiefdunkelgrün, ledrig und elliptisch mit gesägtem Rand (ähnlich wie Pflaumenblätter). Weiße fünfzählige Blüten sind in Büscheln angeordnet. Qat-Pflanzen werden heute auf großen Flächen im Hochland ostafrikanischer uns südarabischer Länder kultiviert und können ganzjährig geerntet werden. Als Qat werden die Zweigspitzen mit jungen Blättern bezeichnet, in Bündeln werden sie auf den Märkten feilgeboten. In der Regel (Jemen, Äthiopien) handelt es sich um Strauch-Qat (Zweigspitzen), es gibt aber auch Baum-Qat (neu getriebene Stammausschläge, letzteres mehr in Kenia). In Saudi-Arabien ist der Anbau verboten.

Inhaltstoffe und Wirkstoffe des Qats:
In den Blättern sind 0,09 % biogene Amine, Alkaloide vom Typ der Phenylalkylamine, enthalten, die strukturell eng verwandt sind. Sie werden unter der Gruppenbezeichnung Kathamine oder Catheduline geführt (insgesamt ca. 40). Im einzelnen sind die wichtigeren davon Cathinon, Cathin, Cathinin, Cathidin, L-Ephedrin und Edulin. Für den größten Teil der Wirkung des Qats beim Menschen ist das Cathinon verantwortlich.

Der Gehalt der Blätter an Cathinon und an anderen Kathaminen schwankt stark, er ist auch vom Alter der Triebe und vor allem von der Dauer der Lagerung abhängig. Im Verlauf des Blattwachstums wird Cathinon zu Cathin und (-)-Norephedrin umgewandelt. Das Cathinon geht beim Welken der Blätter bei der Lagerung ebenfalls in das Cathin über. Cathinon ist eine relativ instabile Verbindung, die in alkalischem Milieu leicht dimerisiert. Die Kathamine Cathin und (-)-Norephedrin haben beide eine ähnliche Wirkweise wie Cathinon, aber nur ein Zehntel der Wirkung von Cathinon. Das liegt daran, daß das lipophilere Cathinon leichter die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann als das Cathin. Aus diesem Grund muß für den Konsum die Ware stets so frisch wie möglich sein, Blätter vom Vortag sind keine Qualität mehr, nach 3-4 Tagen ist praktisch keine Wirkung mehr vorhanden. In jungen Trieben findet man im Schnitt 0,3% Kathamine, davon bis die Hälfte Cathinon. Schon auf dem Weg zum Markt beginnt das Cathinon, zu Cathin und zu seinem Diastereomer Norephedrin reduziert zu werden. Frische, junge Triebe, wie sie gehandelt werden, haben ca. 0,02 - 0,96 % Kathamine insgesamt und ca. 0,01 - 0,33 % Cathinon, bezogen auf das Frischgewicht der Pflanzen. Frische, erwachsene Blätter haben insgesamt 0,2 % Kathamine und nur noch 0,004 % Cathinon. Qualitätsware wird am gleichen Tag frühmorgens geerntet, beim Transport mit Wasser und Umhüllung mit Bananenblättern, Papier oder neuerdings auch Plastikfolien feucht gehalten und so frisch wie möglich auf den Markt gebracht, so daß sie am Nachmittag des Erntetages noch konsumiert werden können. Eine tiefgekühlte Lagerung wäre möglich, ist aber unrealistisch. Dieser Abbau der wirksamen Bestandteile beim Lagern erklärt auch, warum der Genuß früher im wesentlichen auf die Anbaugebiete beschränkt war und warum die Droge keine größere Verbreitung außerhalb finden konnte.

Die restlichen Kathamine wie Merucathinon, Merucathin, Pseudomerucathin und (-)-N-Formylnorephedrin tragen kaum zur Wirkung des Qats bei.

Ätherisches Öl ist nur in Spuren vorhanden. Daneben enthält Qat Sesquiterpenesteralkaloide (die Cathaeduline, wirken insektizid), Peptidalkaloide, Cinnamoylethylamin, Triterpene (Celastrol, Pristimerin etc.), Gerbstoffe, Aminosäuren und Vitamine, insbesondere Vitamin C. Aber deswegen kaut es ja wohl keiner.

Cathinon: (S)-2-Amino-phenylpropan-1-on, (S)-(-)-alpha-Aminopropiophenon, Beta-Keto-Amphetamin, Klasse: Phenylalkylamine, Summenformel: C9H11NO, M = 149.19 g/mol

Kalottenmodell des Cathinon

Cathin: (+)-Norpseudoephedrin, D-Norpseudoephedrin, (1S,2S)-2-Amino-1-phenyl-propan-1-ol, D-nor-iso-Ephedrin etc.

Synonyme von Qat:
Qat ist mit vielen unterschiedlichen Namen belegt: Kus-es-Salahin, Catha, Mirra, Quat, Kat, Khat, Chat, Afrikanischer Tee, Tohai, Cath, Qat, Tschat, Abessinentee, Cafta, Arabischer Tee, Abessinischer Tee, Afrikanischer Salat u.v.a.m.

Anwendung von Qat:
Die Pflanze wird in ihrem Verbreitungsgebiet im Jemen und in Äthiopien seit prähistorischer Zeit als Genußmittel Droge verwendet, wobei der Übergang zur Droge sehr fließend ist. Üblicherweise werden nach und nach 100 - 200 g frische, junge Laubblätter über einen Zeitraum von 3 - 4 Stunden lang gekaut. Der Saft wird verschluckt, die Rückstände werden irgendwann mehr oder weniger diskret entsorgt. Aber in der Regel werden den vorhandenen Blättern immer weitere hinzugefügt, bis man die typische einseitige Hamsterbacke hat. Die Kombination mit dem Rauchen einer Wasserpfeife macht insofern Sinn, als Tabakkonsum die Wirkung von Qat verstärkt.

Die soziale Rolle des Qats:
Qat ist eine jemenitische Alltagsdroge. Typisch ist die Verwendung in geselliger Männerrunde im Empfangsraum im obersten Stockwerk jemenitischer Häuser oder in einer schattigen Ecke des öffentlichen Raumes, oft kombiniert mit dem Rundgehen einer Wasserpfeife. Die Hitze des Nachmittags, wenn die Städte und Dörfer unerträglich heiß werden, wird am angenehmsten mit geselligem Nichtstun verbracht, das sich bis in den frühen Abend ziehen kann. Der Hausherr sorgt für einen ausreichenden Vorrat an Qat und legt seinen Gästen ausgesuchte Zweige vor. Die Zuteilung von Qat-Zweigen (insbesondere qualitativ hochwertiger Zweige) an die Teilnehmer der Runde durch den Hausherrn stellt ein alltägliches Ritual dar, das viel über soziale Rollen, gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung aussagt und die Beziehungen der Personen untereinander zum Ausdruck bringt.

Wegen der langen Tradition, der landesweiten Verbreitung und sozialen Akzeptanz kann Qat als Alltagsdroge gelten wie in Deutschland der Alkohol, und entsprechend weit sind die Länder davon entfernt, das Problem in den Griff zu bekommen. Nur wenige Länder wie z. B. Saudi-Arabien bekämpfen die Qat-Sucht mit einem rigorosen Verbot.

Pharmakokinetik von Cathinon
Beim Kauen erfolgt die Aufnahme von Cathinon relativ langsam. Maximale Plasmakonzentrationen werden ca. 2 Stunden nach Einnahme erreicht. Die Elimination aus dem Körper verläuft mit einer Halbwertszeit von ca. 4.3 Stunden. Cathinon wird abgebaut zu (+)-Norpseudoephedrin, (-)-Norephedrin, 3,6-Dimethyl-2,5-diphenylpyrazin und 1-Phenyl-1,2-propandion, wobei Norpseudoephedrin und Norephedrin auch schon natürlich in den Blättern vorkommen. Maximale Blutspiegel von Norephedrin und Norpseudoephedrin werden nach 3.3 bzw. 3.1 h erreicht.

Wirkung:
Die zentral stimulierende Wirkung wird durch Beeinflussung verschiedener Neurotransmittersysteme erreicht. Cathinon, der erwünschte Wirkstoff, ist ein indirektes Sympathomimetikum. Es fördert die Freisetzung der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin aus den Speichern und Ausschüttung in den synaptischen Spalt der entsprechenden Nerven. Die Rückspeicherung der Transmitterstoffe wird blockiert. Somit stehen kurzfristig größere Mengen der Botenstoffe zur Verfügung, es kommt zur zentralen Anregung, aber auf lange Sicht verarmt die Nervenzelle an Transmitter. Norpseudoephedrin bewirkt ebenso Freisetzung von Catecholaminen (eine Sorte Neurotransmitter).

Im Vordergrund steht die psychostimulierende und euphorisierende Wirkung. Ein Zustand des allgemeinen Wohlbefindens mit heiter-erregter Grundstimmung wird berichtet. Die Menschen werden gesprächig, ein erhöhter Rededrang fördert die Geselligkeit des Konsums. Probleme scheinen leichter zu bewältigen zu sein. Das Gefühl für Raum und Zeit verschwimmt leicht. Müdigkeit verschwindet. Zu Halluzinationen kommt es nicht. Nach etwa zwei Stunden nimmt der erregte Zustand ab.

Weitere Wirkungen von Cathinon bzw. Qat:

Unangenehme Wirkungen bei regelmäßigem Konsum:

Macht Qat süchtig? Abhängigkeit und Suchtverhalten
Eine körperliche Abhängigkeit ist beim Menschen nicht bekannt in dem Sinne, daß bei Entzug typische körperliche Entzugserscheinungen auftreten.

Die psychische Abhängigkeit ist beim Qat vorhanden. Süchtige haben ein ausgeprägtes Bestreben zum erneuten Konsum, genau wie bei Amphetamin-Sucht. Die Ähnlichkeit der Sucht ist aber qualitativ, nicht quantitativ. Insbesondere bei den ärmeren Bevölkerungsschichten im Jemen gibt es auch Probleme durch ungezügelte Qat-Sucht bei chronischen Qat-Anwendern mit Verarmung, Vernachlässigung der Person, der Arbeit, der Ernährung und der körperlichen Hygiene. Durch die psychische Abhängigkeit kann es beim Qat sogar zum psychischen Verfall der Persönlichkeit kommen, der mit einer Vernachlässigung des Sozialverhaltens verbunden ist und zum Herausgleiten aus der Gesellschaft durch kontinuierliche Pflichtverletzung führen kann.

Qat wird von der WHO als „mäßig suchtgefährdend“ eingestuft.

Toleranzentwicklung: Gegenüber den psychischen Effekten soll sich nach Literaturangaben keine Toleranz entwickeln, wohl aber gegenüber der kreislaufanregenden Wirkung. Es gibt eine Kreuztoleranz zwischen Cathinon, Cathin und Amphetamin.

Verwandtschaft zu anderen Stoffen:
Qat ist sowohl chemisch als auch in seiner Wirkung eng verwandt mit den Amphetaminen. Die Ähnlichkeit der Sucht ist aber qualitativ, nicht quantitativ. Nur durch intensives Kauen über mehrere Stunden lassen sich die erwünschten psychischen Wirkungen erzielen. Eine Überdosierung mit entsprechenden Intoxikationen ist daher beim Qat unwahrscheinlich, im Gegensatz zu häufigen Komplikationen beim Gebrauch von Amphetaminen, die als konzentrierte Stoffgemische eingenommen werden. Ein Derivat ist Methcathinon (Ephedron, 2-Methylamino-1-phenylpropan-1-on, Methcathinon oder kurz N-Methyl-Cathinon), ein synthetisch hergestelltes Rauschgift. (S)-(+)-Methcathinon ist zweimal so potent wie (S)-(+)-Amphetamin und fünfmal so potent wie das R-Enantiomer von Methcathinon.

Legal oder illegal in Deutschland?
Der Anbau der Pflanze Catha edulis ist zu botanischen Zwecken erlaubt.

Cathinon ist seit 1986 in Anlage I zu §1 Abs. 1 des Betäubungsmittelgesetzes und damit weder verkehrsfähig noch verschreibungsfähig. Kauf, Verkauf, Weitergabe und Besitz sind verboten. Das Gleiche gilt für das synthetische Derivat Methcathinon – auch Anlage I.

Cathin ist in Anlage III zu §1 Abs. 1 BtMG verzeichnet (verkehrsfähige und verschreibungsfähige Betäubungsmittel). Ausgenommene Zubereitungen sind bis 50%ige Lösungen, wenn die Menge 1600 mg je Packungseinheit und 40 mg pro abgeteilte Form nicht überschreitet, bezogen auf die Base. Cathin ist arzneilich wirksamer Bestandteil bestimmter verschreibungspflichtiger Appetitzügler.

Diese Informationen sind keine Anleitung oder Motivierung zum Drogenkonsum, sondern dienen zur Aufklärung und Vorbeugung durch Bereitstellung von Informationen.

Literatur beim Verfasser.

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