Bernhard Peter
Eine Magen-Darm-Geschichte namens Giardia lamblia

(Bitte besprechen Sie im Zweifelsfall Ihre Beschwerden und Maßnahmen mit einem Arzt Ihres Vertrauens!)

 

Was ist Giardia lamblia?

Giardia lamblia ist ein Parasit des menschlichen Dünndarmes, der relativ häufig ist und für viele Durchfallerkrankungen verantwortlich ist. Die daraus resultierende Erkrankung hat viele Namen: Giardia lamblia, Gardia intestinalis, Lamblia intestinalis, Giardiasis, Giardiose, Lamblienruhr. Es handelt sich bei dem Erreger um einen parasitischen Einzeller, der sich mit Hilfe von Geißeln fortbewegen kann, einen sog. Flagellaten.

 

Die zwei Gesichter des Erregers

Der Erreger der Lamblienruhr hat zwei Erscheinungsformen: Trophozoit und Zyste. Beide können sich jeweils ineinander umwandeln.

 

Der parasitäre Zyklus von Giardia lamblia

Für die Verbreitung der Infektion sind die mit dem Stuhlgang ausgeschiedenen Dauerformen (Zysten) wichtig. Nur diese können unter den widrigen äußeren Bedingungen hinreichend lange überleben, um auf die Aufnahme durch einen möglichen Wirt zu warten und diesen erfolgreich zu infizieren.

Nach der Aufnahme durch den Mund und der Magenpassage schlüpfen im Zwölffingerdarm (Duodenum) aus den Dauerformen (Zysten) zwei Exemplare der Wachstumsform (Trophozoiten). Ausgelöst wird diese Umwandlung durch vielfältige Reize wie z. B. pH-Schock beim Übergang vom Magen in den Dünndarm oder der Temperaturanstieg nach Aufnahme. Weiterhin spielen chemische Reize für die Umwandlung, das „Auspacken“ der Zysten, eine Rolle. Dort wächst und gedeiht der Parasit und vermehrt sich durch Zweiteilung. Angeheftet an das Dünndarmepithel des Menschen vermehren sich die Trophozoiten.

 

 

Im unteren Dünndarm dagegen werden die Lebensbedingungen zunehmend feindlich für den Parasiten: Mangels Cholesterin steht kein Baumaterial mehr für die Zellmembranen zur Verfügung. Auf eine so unfreundliche Umwelt, besonders im Dickdarm, reagiert der Parasit „beleidigt“ und verpackt sich wieder in seine Dauerform, die Zysten. Diese werden ausgeschieden und stehen für eine weitere Infektion vieler neuer Opfer zur Verfügung.

 

Wo kommt Giardia lamblia vor?

Der Erreger kommt weltweit in über 140 Ländern vor und ist einer der häufigsten Durchfallerreger weltweit. Die jährliche Inzidenz wird weltweit auf 200 Millionen Fälle geschätzt. In endemischen Gebieten liegt die Prävalenz bei über 5%. In Zentraleuropa ist der Erreger seltener, spielt aber eine Rolle als Reisekrankheit bei Tropenrückkehrern (3 - 4%).

 

Wie kann man sich an Giardia lamblia anstecken?

Die Ansteckung erfolgt über den Mund auf fäkal-oralem Wege. Das heißt vereinfacht: Der Erreger wird in seiner Dauerform gegessen, und er wird dann im Dünndarm frech, nachdem er sich entpackt hat. Einer Ansteckung leistet also all das Vorschub, was Fäkalien und Mund verbindet, mittelbar oder unmittelbar:

Es wird diskutiert, ob Haus- und Wildtiere ein mögliches Reservoir darstellen. Wenn dem so sein sollte, könnte die Erkrankung als Zoonose angesprochen werden, also als eine vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheit.

Ein sexueller Zyklus konnte bis heute nicht nachgewiesen werden und gilt als unwahrscheinlich.

 

Wie äußert sich eine Erkrankung an Giardia lamblia?

Giardia lamblia ist ein fakultativ pathogener Erreger. Er kann, muß aber nicht Beschwerden hervorrufen. Ein Befall verläuft häufig ganz ohne Beschwerden, in anderen Fällen lassen sich dagegen im Dünndarm Entzündungen nachweisen. Der Erreger kann nach wenigen Wochen spontan durch unser körpereigenes Abwehrsystem eliminiert werden, er kann aber auch über Jahre hinweg im Verdauungstrakt persistieren und Probleme bereiten. Das Spektrum möglicher Beschwerden ist also weit gefächert und reicht von beschwerdefrei bis zu entzündlichen Durchfällen.

Die Inkubationszeit beträgt zwischen einer und 10 Wochen.

Wenn keine Beschwerden auftreten, spricht man von gesunden Zystenausscheidern. Diese garantieren die Übertragung des Parasiten (im Stuhl können Milliarden von Zysten abgegeben werden), ohne selbst sichtbar krank zu werden.
Bei geringerem Befall können Zysten mit wohlgeformtem Stuhl ausgeschieden werden, ein Durchfall tritt nicht auf.

Bei einer massenhaften Vermehrung der Lamblien im oberen Dünndarm können jedoch schwere wäßrige Durchfälle auftreten (insbesondere bei Kleinkindern). Diesen Durchfällen liegt eine Resorptionsstörung zugrunde, denn anders als viele andere Erreger von Durchfällen (Amöben z. B.) können die Lamblien die Schleimhaut nicht durchdringen und kaputtmachen. Infolge dieser Resorptionsstörung kann es auch zu Mangelerscheinungen bei länger andauernder Infektion kommen, weil Vitamine, Mineralstoffe und andere essentielle Bausteine des Lebens nicht mehr in ausreichendem Maße von der Darmwand aufgenommen werden können. Die Darmzotten werden durch die Entzündungsprozesse geschädigt, und chronisch wiederkehrende Durchfälle, Fettdurchfall (Steatorhoe), Oberbauchschmerzen, Erbrechen, Gewichtsabnahme, gelegentlich auch Fieber sind die Anzeichen einer ernsten Lamblienruhr.

 

Was kann man gegen Giardia lamblia tun?

Die Therapie erfolgt in der Regel mit den Wirkstoffen Metronidazol, Tinidazol oder Ornidazol. Die Heilungschancen sind sehr gut.

 

Kann man sich gegen Giardia lamblia impfen lassen?

Es gibt keine Impfung gegen die Giardiasis und die Entwicklung einer solchen ist auch nicht zu erwarten. Das liegt daran, daß der Erreger nicht ein Virus oder ein Bakterium ist, sondern ein Einzeller, ein Flagellat, sozusagen ein ganz extrem primitives Tier, dessen Zelloberflächenstrukturen zu wenig charakteristisch von den unsrigen abweichen, um gezielt Antikörper dagegen erzeugen zu können.

 

Wie kann man einer Erkrankung an Giardia lamblia vorbeugen?

Eine Chemoprophylaxe gibt es nicht.

Wenn nach einer Reise in Endemiegebiete Beschwerden auftreten, kann eine Stuhluntersuchung beim Arzt rasch Klarheit verschaffen: In der mikroskopischen Untersuchung des frischen Stuhls fallen die charakteristischen, ruckartig taumelnden Trophozoiten auf. Zysten lassen sich ebenfalls mikroskopisch nachweisen.

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