Bernhard Peter
Was ist Flußblindheit?

(Bitte besprechen Sie im Zweifelsfall Ihre Beschwerden und Maßnahmen mit Ihrem Arzt)

 

Wie erkrankt man an Flußblindheit?

Flußblindheit ist ein katastrophales Schicksal vor allem afrikanischer Länder, das ganze Landstriche unbewohnbar gemacht hat. Flußblindheit, auch Onchozerkose genannt, ist eine Tropenkrankheit, die von weiblichen Kriebelmücken (Black flies, Simuliiden) übertragen wird. Diese Mücken sind nur ca. 2 mm groß, haben aber einen Flugradius von bis zu 150 km! Der eigentliche Bösewicht ist aber nicht die Mücke, sondern ein Wurm (ein Fadenwurm namens Onchocerca volvulus), der sich in der Haut des Menschen vermehrt und auch vor der Hornhaut des Auges nicht Halt macht und so zu schwersten Hauterkrankungen, unerträglichem Juckreiz, bleibenden Entstellungen und Blindheit führen kann. Reservoir ist ausschließlich der Mensch.

 

Wo und wann ist das Risiko am größten?

Länder: Hauptgebiet sind die Savannen und der tropische Regenwald Afrikas südlich der Sahara. Besonders betroffen sind die Länder des Voltabeckens: Mali, Elfenbeinküste, Burkina-Faso, Ghana, Togo, Benin, Nigeria sowie Zaire/Kongo. 99% der Erkrankten weltweit leben in Afrika südlich der Sahara, ca. die Hälfte in Nigeria und Kongo. Ein zweites Gebiet ist Lateinamerika mit den Ländern Mexiko, Guatemala, Kolumbien, Venezuela, Ecuador sowie Brasilien. Ein drittes Gebiet ist das südliche Arabien, insbesondere der Jemen.

Örtlichkeit: Die Überträger, die Kriebelmücken, bevorzugen schnell fließende, sauerstoffreiche Gewässer, z. B. mit Stromschnellen, wo sie ihre Eier an Felsen, Steinen und Wasserpflanzen ablegen können. Deshalb sind insbesondere die fruchtbaren Flußtäler betroffen.

Aufenthaltsdauer: Reisende, die sich für die Dauer eines Urlaubes in den Gebieten aufhalten, haben normalerweise kein ernstes Risiko, weil die Übertragung der Würmer vergleichsweise ineffizient ist. Nur wer auf Dauer (mehr als ca. 1 Jahr) dort lebt, ist gefährdet. Infektionen treten bei einem Aufenthalt unter einem Jahr nur äußerst selten auf. Flußblindheit ist zwar eine verheerende Krankheit, aber keine typische Reisekrankheit.

 

Wie verläuft eine Erkrankung an Flußblindheit?

Beim Biß einer infizierten Kriebelmücke gelangen Larven in die menschliche Haut. Es dauert ca. 1/2-1 Jahr, bis sich erwachsene Würmer entwickelt haben. Die Weibchen werden 30-80 cm (!!!) lang, die Männchen "nur" 3-5 cm. Knäuelartig aufgewunden leben die Fadenwürmer in Bindegewebsknoten tieferliegender Hautschichten. Erst wenn das Immunsystem die Fadenwürmer wahrnimmt, entsteht eine Entzündung mit unerträglichem Juckreiz. Bei Überreaktion der körpereigenen Abwehr kommt es zu stark juckenden, überpigmentierten, papulösen Veränderungen (Sowda). Sog. Elefantenhaut entsteht durch Verlust elastischer Fasern in der Haut. Eine weitere mögliche Form ist die Leopardenhaut: Die Haut verliert Pigment, es kommt zu hellen Flecken. Die Nachkommenschaft der Fadenwürmer besteht aus 220-360 µm langen Mikrofilarien, die in andere Hautschichten, ins Blut, in die Augenhäute etc. auswandern können. Sie leben ca. 6-30 Monate. Beim Eindringen in die Häute des Auges kommt es zur Erblindung durch Hornhauttrübung oder Entzündung von Ader- und Netzhaut. Über einen erneuten Mückenstich werden die Mikrofilarien wieder von einer nächsten Mücke übernommen und weiterverbreitet.

 

Was macht Flußblindheit zu einem ernsten Problem?

Die Menge der Infizierten und das Ausmaß der Endemie: 120 Mio. Menschen sind dem Infektionsrisiko ausgesetzt. Weltweit sind ca. 18 Mio. Menschen infiziert, 6.5 Mio leiden unter schwerem Juckreiz, bei 500 000 Menschen ist die Sehfähigkeit beeinträchtigt, 300 000 Menschen haben aufgrund von Flußblindheit das Augenlicht gänzlich verloren. In den Hochrisikogebieten ist fast jeder Mensch mit den Würmern infiziert; 1-30% der Erwachsenen sind blind.

Das Immunsystem ignoriert den Eindringling sehr lange. Erwachsene Würmer können jahrelang unbehelligt vom Immunsystem in der Haut leben.

Lange Lebensdauer des Parasiten: Bis zu 14 Jahre leben die Würmer und lassen den betroffenen Menschen zu einer ebenso lange aktiven Infektionsquelle werden. Deshalb ist die Gefahr trotz immenser Ausrottungskampagnen vergangener Jahre noch lange nicht im Griff.

Ausbreitungsgefahr: Das Verbreitungsgebiet der Überträgermücken ist derzeit viel größer als das der Würmer, es steht zu befürchten, daß die Krankheit weitere Landstriche bedroht.

 

Gibt es eine Impfung gegen Flußblindheit?

Nein, es gibt keinen Impfstoff gegen Flußblindheit. Ein solcher ist auch in der nächsten Zeit nicht zu erwarten. Das Problem ist die Tatsache, daß es sich um einen Wurm handelt und nicht um Viren oder Bakterien. Es gibt auch keine prophylaktischen Mittel, die man einnehmen könnte.

 

Vorbeugen ist besser als leiden - wie Sie sich selbst schützen können:

Eine Hilfe beim Aufenthalt im Freien sind insektenabwehrende Mittel, sog. Repellentien. Sie werden direkt auf die un­bedeckte Haut aufgetragen und wirken sechs bis acht Stunden. Wichtig bei der Anwendung ist das lückenlose Einreiben, sonst stechen die Insekten genau in die freigelassenen Stellen. Augen, Nase und Mund sollten Sie aber trotzdem frei halten. Sie können auch die Kleidung damit einsprühen.

Wenn Sie stärker schwitzen, kann die Wirkung von Repellents nachlassen. Deshalb: Häufiger nachbehandeln!

Auch tagsüber nützlich sind vor den Fenstern angebrachte Fliegengitter, deren feinmaschiges Netz keine Insekten durchläßt. Für den, der abends und nachts offene Fenster schätzt, sind sie unverzichtbar.

In riskanten Gebieten sollten engmaschige Moskitonetze Standard sein. Netz dabei nicht mit dem Körper berühren. Netz imprägnieren, hält 4-6 Monate an.

Kleidung: Lockere Oberbekleidung mit langen Ärmeln und lange Hosen sowie Strümpfe tragen. Helle Kleidungsstücke wirken auf Mücken weniger anziehend. Die Plagegeister werden dagegen von bunter Kleidung stärker angezogen.

Parfüm und duftende Cremes können Insekten magisch anziehen. Gehen Sie lieber sparsam damit um, wenn Sie sich länger im Freien aufhalten.

Achten Sie auf den Ort Ihres Aufenthaltes - Meiden Sie fließende Gewässer sowie die fruchtbaren Flußtäler der betreffenden Länder, denn das sind die Brutstätten für Kriebelmücken.

 

Kommen Sie gesund aus dem Urlaub zurück!

Zurück zur Übersicht Reisemedizin
Andere pharmazeutische Seiten
Home

© Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2004
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de