Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1107
Pirna (Sachsen)

Bürgerhäuser in Pirna (1)
Stadthaus: Am Markt 10

Das ehemalige Patrizierhaus Am Markt 10 wurde um 1554 erbaut, als Architekt kommt wahrscheinlich Wolf Blechschmidt in Frage. Von der Renaissance-Architektur ist nicht mehr viel zu erkennen, weil das Gebäude gegen Ende des 19. Jh. stark verändert wurde. Das Anwesen war das Wohnhaus des Bürgermeisters Lorenz Fuchs, der der Stadt 1536-1554 vorstand. Hier war ursprünglich die heute auf der Südseite des Rathauses eingemauerte Relieftafel mit dem Brustbild des Bürgermeisters als Portalbekrönung angebracht.

Seit 1919 ist das Haus Stadthaus. In seiner Funktion als solches trägt es das Stadtwappen von Pirna, in Gold auf einem grünen Dreiberg ein grüner Birnbaum mit meist sieben, hier neun goldenen Birnen, an dessen Stamm zwei rote, einwärtsgekehrte Löwen emporklettern. Pirna führt sogar ein Vollwappen mit einem grünen Birnbaum mit goldenen Früchten als Helmzier auf gekröntem Helm und rot-goldenen Decken.

Volkamer-Haus: Am Markt 9

Das um 1500 erbaute sog. Volkamer-Haus wurde im Jahre 1673 barock umgebaut, wobei das prächtige, reichverzierte, 2.60 m breite und 3.70 m hohe Portal entstand. Innen befindet sich eine Halle mit Kreuzgewölbe und Wendelstein. Das Patrizierhaus gehörte der Familie Volkamer. Volkamer war auch Bürgermeister der Stadt Pirna. Das Portal wird von zwei korinthischen Säulen eingerahmt. Über der Verkröpfung des Gebälkes schließen zwei Vasen die seitlichen Vertikalen ab.

Die dem Verlauf der Steine folgenden und innen nach unten abknickenden Inschriften am Portal lauten links: "Hanns Christoph Volkamer inwendig mich neu baute, als GOTT fünff Jahr zuvor ihm diese Stadt vertraute" und "ANNO" sowie rechts: "Durchs Bürger Meister Ambt. Gib höchster Gott gib Gnade, das mir die Feuersgluth, noch sonst ein Feind nicht schade" und "1673". Vor allem interessant die naturalistisch nachgebildeten Früchte. Das Portal wurde 1905 erneuert, und das gesamte Haus wurde 2007 restauriert.

Im Aufsatz des Portales befinden sich zwei Wappen, heraldisch rechts ein aus einem Dreiberg wachsender Widder, Helmzier ein mit einem Balken belegter offener Flug (Wappen Volkamer), heraldisch links ein Balken, aus dem oben drei Blütenstengel herauswachsen und der unten von einem Stern begleitet wird, Helmzier der Stern zwischen einem offenen Flug (Wappen Ziegenbalg). Die Frau des Hanns Christoph Volkamer war Anna Margaretha Ziegenbalg, Tochter des Martin Ziegenbalg, kurfürstlicher Amtsschöffe in Radeberg.

Das Wappen Volkamer hier hat übrigens nichts zu tun mit dem der Familie Volkamer aus Nürnberg (von Silber und Blau geteilt, oben ein oberhalbes rotes Rad, unten eine silberne Lilie, Helmzier ein unterhalbes rotes Rad, oben mit schwarzen Hahnenfedern besteckt, Decken blau-silbern für die Sebalder Linie und rot-silbern für die Lorenzer Linie).

Rochowsches Haus: Schössergasse 3

Das im 16. Jh. erbaute Haus in der Schössergasse 3 war das Wohnhaus des Freiherrn von Rochow, Kommandant der Festung Sonnenstein während des Siebenjährigen Krieges. Um 1608 wird das Haus erstmals erwähnt. Das heutige Aussehen ist das Ergebnis eines Umbaus während der zweiten Hälfte des 18. Jh., und aus dieser Zeit stammt auch die illusionistische Fassadengestaltung mit dem Allianzwappen. Im Hof befindet sich noch ein auf 1761 datierter Altan. heute ist das 1994/95 sanierte und rekonstruierte Haus Sitz der Sächsischen Zeitung, Lokalredaktion Pirna.

Die Familie der Freiherren von Rochow stammt ursprünglich aus der Altmark (Rochow, heute Rochau, Landkreis Stendal, Sachsen-Anhalt) und war mehrere Jahrhunderte im Havelland in der Mark Brandenburg angesessen. Die Familie kommt seit dem 13. Jh. urkundlich unter diesem Namen vor, von 1227 stammt eine Urkunde, in der Theodericus miles des Recken genannt wird. Die Stammreihe der Familie beginnt mit Ritter Heinrich von Rochow 1280. Die Familie hatte auch Besitzungen bei Jüterbog und Luckenwalde und in der Zauche (eine Landschaft in Brandenburg). Ihnen gehörten Goltzow (Golzow, Landkreis Zauch-Belzig, Mittelmark, Brandenburg), Kammerode, Bliesendorf, Reckahn, Schloß Stülpe (bei Luckenwalde, heute ein Ortsteil von Nuthe-Urstromtal), Plessow (bei Potsdam), Burg Zolchow, Ferch, Bliesendorf, Resau, Wildenbruch, Krahne, Rotscherlinde, Klaistow und halb Kanin. Im 16. Jh. teilte sich die Familie in vier Linien: v. Rochow zu Reckahn (Stammvater: Dietrich II. von Rochow (1513–1531)), v. Rochow zu Golzow, v. Rochow zu Gollwitz und v. Rochow zu Plessow.

Bekannte Familienmitglieder:

Das Stammwappen zeigt in Silber drei (2:1) schwarze Schach-Rochen. Die Helmzier auf gekröntem Helm ist ein silberner, wachsender Ziegenbock; Helmdecken schwarz-silbern.

Ein Roch ist eine Schachfigur, und zwar der Turm. Seine alte Bezeichnung "Rukh" reicht weit zurück in die Geschichte des Schachs. Das Wort kommt aus dem Arabischen bzw. Persischen und gelangte mit der Kenntnis des Schachspiels über die europäisch-arabische Kulturbrücke in Andalusien nach Zentraleuropa. Schach gehörte seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts zu den sieben Tugenden der Ritter. Der Turm war damals ein Kampfwagen oder Streitwagen, genannt Rukh. Der Turm in der heute verwendeten kantigen Form taucht im Schachspiel erst im 15. Jh. auf. Das alte Schachspiel der Inder, Perser und Araber kannte andere Regeln für die Züge der Figuren, hier war der Kampfwagen die Figur, die weite Strecken überwinden konnte, sozusagen der einzige wirkliche Langschrittler. Die Dame war noch eine schwache Figur. Erst gegen Ende des 15. Jh. wurden die Regeln reformiert. Der Roch war im arabischen "Schattrandsch" die mächtigste Figur, das erklärt seine Auswahl als Motiv, heute gilt er neben der Dame nur noch als zweitstärkste Figur.

Die typische heraldische Darstellung ist ein Sockel mit konisch zulaufendem, zylindrischem oder gestuftem aufrechten Mittelstück und oben zwei spiegelbildliche hakenartige Abschlüsse wie die Seitenteile einer heraldischen Lilie. Eine solche gemeine Figur darf auch nicht als Schachturm bezeichnet werden, denn ein solcher wird wie ein heute üblicher Schachturm dargestellt. Ein Roch, Rukh, Schachroch oder Rock ist nicht, wofür er fälschlicherweise gehalten wird: Lilie, Siegel oder Stempel.

Hier begegnet uns eine besondere darstellerische Variante: Statt aus zwei spiegelbildlichen hakenartigen Abschlüssen besteht der obere Abschluß aus je zwei abgewendeten Pferdeköpfen mit Hälsen wie bei einem Springer, einer ganz anderen Schachfigur. Eigentlich stehen diese auf dem typischen Sockel einer Schachfigur, doch der ist hier weggelassen worden, so daß wir hier dreimal zwei Pferdeköpfe mit Hals Rücken an Rücken sehen. Damit ähneln die Figuren mehr verdoppelten Schachspringern, in Wahrheit wird hierdurch immer noch die Schachfigur "Roch" dargestellt, die überhaupt sehr großen darstellerischen Veränderungen unterlag, die meisten aus Unkenntnis der ursprünglichen Bedeutung, was sehr schade ist, handelt es sich bei den Rochen doch um ein redendes Wappen ganz besonderer Art.

Neben diesem Wappen führten die Reichsfreiherren von Rochow noch ein vermehrtes Wappen (ab 1640 in einer Linie aus dem Hause Golzow in Person des kaiserlichen Feldwachtmeisters und Generals Moritz August von Rochow, die aber 1679 wieder erloschen ist). Dabei wurden unglücklicherweise die Farben teilweise verfälscht, wobei neben der schwarz-goldenen die schwarz-silberne Variante tritt:

zwei Helme:

Schildhalter zwei wilde Männer mit Keulen.

Das optisch rechte, heraldisch linke Wappen, ebenfalls mit einem wilden Mann mit einer aufgestützten Keule und Laubkränzen um Haupt und Hüfte als Schildhalter begleitet, ist das der Familie Birkholz (Birckholz, Birckholtz, Birkholtz), die dem Uradel der Altmark zugerechnet wird (Siebmacher Band Brandenburg), schon in der ersten Hälfte des 13. Jh. urkundlich vorkommt und vom gleichnamigen Sitz bei Stendal stammt. Aus der Altmark kam das Geschlecht in die Mittelmark (Lebus: Hohen-Jesar; Beeskow-Storkow: Markgrafenpieske und Wernsdorf), die Niederlausitz (Schlabendorf, Lindichen, Schorbus), Neumark (Hermsdorf, Blumenfelde), ins Draumburgische (Schilde, Mellen, Sarranzig), nach Sachsen (Rittergut Stechow im Kreis Schweinitz), Preußen, Pommern und auch nach Schlesien. Die Blütezeit der Familie und maximale Ausbreitung liegt im 14.-17. Jh. Die Märkischen Linien erloschen alle im 18. Jh. Zu den letzten gehörten 1774 August Carl v. Birckholtz aus dem Hause Neu-Lobitz, Preußischer Premierlieutenant beim Infanterie-Regiment v. Münchow, sowie der Kammerpräsident George Albrecht v. Birckholtz 1774 aus dem Hause Rosenow in Pommern. Die Familie scheint erloschen zu sein.

Das Wappen zeigt in Rot drei (2:1) silberne, gestülpte Heidenhüte (Stulphüte), an der Spitze besetzt mit je drei schwarzen Hahnenfedern. Die Helmzier ist ein rotgewandeter Mannesrumpf, auf dem Haupte einen links (hinten) abhängenden, roten Heidenhut mit silbernem Stulp und drei schwarzen Hahnenfedern. Decken rot-silbern.

Literatur
Siebmachers Wappenbücher
Geschichte von Pirna und Rundgang:
http://www.pirna-altstadt.de/
Kuratorium Altstadt Pirna:
http://www.kuratorium-altstadt-pirna.de/cgi-bin/art.pl?idx=2, dazu ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise
Stadtseite:
http://www.pirna.de/Startseite.42/
Stadtlehrpfad Pirna, Begleitheft zum Stadtrundgang, herausgegeben vom Kuratorium Altstadt Pirna e.V.
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