Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 161
Bad Neustadt an der Saale (Franken)

Die Salzburg bei Bad Neustadt/Saale

Die Salzburg liegt hoch über Bad Neustadt auf der anderen Seite der fränkischen Saale, am Ende eines Bergspornes, der heute vom Rhönklinikum beherrscht wird. Am Ende der die Klinik erschließenden Straße liegt direkt der massive Torturm von ca. 1220 AD mit Buckelquader-Mauerwerk und Zickzack-Ornament. Ein tiefer trockener Graben trennt den Burgbereich von der angrenzenden Hochfläche. Den besten Eindruck von der Burg hat man, wenn man dem Fußweg rund um die Burg folgt, entlang der über 400 m langen, ganz grob dreieckigen Ringmauer von 1190 AD, da werden dem Wanderer die Ausmaße und die Wehrhaftigkeit erst so richtig bewußt. Besonders eindrucksvoll ist die NO-Mauer mit dem Torturm und drei weiteren Mauertürmen. Innen kann man zwar die erhaltenen Bergfriede und die sog. "Münze" bewundern, aber die besterhaltenen Bereiche sind noch bewohnt und unzugänglich. Die Ringmauer ist zwischen 1,5 und 2,7 m stark. Insgesamt ist die Burganlage eine der größten in Franken.

Die beiden hier gezeigten Wappen befinden sich an dem Gebäude vor dem ehemaligen Brende'schen Ansitz, genauer an dem ehemaligen Saalgeschoßbau, "Münz" genannt. Das zweigeschossige Bauwerk, heute Ruine mit löchrigem Dach, gilt aufgrund der Fensteröffnungen des Saalgeschosses mit je drei Spitzbögen auf zwei schlanken Säulen mit schön gearbeiteten Kapitellen und darüber zwei durchbrochenen Vierpässen als einer der Höhepunkte der frühgotischen Profanarchitektur in Franken. Über dem rundbogigen Eingang sind die zwei Wappensteine eingelassen, linkerhand der des Fürstbischofs von Johann Philipp von Schönborn, rechterhand das Wappen der Voit von Salzburg.

Johann Philipp von Schönborn (1642-1673) war zugleich Erzbischof von Mainz und führt das Mainzer Rad im Wappen, daher in Rot das silberne Mainzer Rad (Feld 1 und 4), später auch den Wormser Schlüssel, der hier aber noch nicht bei dem relativ früh in seiner Amtszeit entstandenen Wappen auftaucht. Der Fränkische Rechen (von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt) in Feld 2 steht bei allen Fürstbischöfen Würzburgs für das Herzogtum zu Franken. Von 1168 bis 1802 trugen die Fürstbischöfe von Würzburg zugleich den Titel des Herzogs zu Franken. Die rot-silbern gevierte, schräggestellte Standarte mit goldenem Schaft in Blau ist das alte Lehens-Banner des Hochstiftes Würzburg. Hier ist sie in Feld 3 repräsentiert. Auch dieses Symbol ist in allen Wappen der Fürstbischöfe zu finden. Das Schönbornsche Stammwappen ist im Herzschild zu finden, in Rot auf drei silbernen Spitzen schreitend ein goldener bekrönter Löwe.

Die uradeligen Voit von Salzburg waren die Burgvögte der Salzburg. Ursprünglich soll das Geschlecht der Voit von Salzburg "von Windheim" geheißen haben. Aufgrund ihres Amtes als Vögte änderten sie ihren Familiennamen. Sie führten in Silber einen schwarzen Zickzackbalken. Auf dem gekrönten Helm ein silberner Spitz- oder Turmhut bzw. Köcher, der oben mit schwarzen Hahnenfedern besteckt ist, der Hut ist meistens mit dem schwarzen Zickzackbalken des Schildbildes belegt. Helmdecken schwarz-silbern.

Der Besitz der Familie war verstreut, und die Voit von Salzburg waren in den drei Ritterkantonen Rhön-Werra, Steigerwald und Odenwald immatrikuliert. Die Familie stellte viele Domherren in Würzburg und Bamberg und mit Melchior Otto Voit von Salzburg einen Würzburger Landrichter, Domkantor und schließlich 1642-1653 Bamberger Fürstbischof. Er ging in die Geschichte als Gründer der Bamberger Universität ein. Auch im Deutschen Orden begegnet uns mit dem Deutschmeister Eberhard Voit von Salzburg (gest. 1327) der Name. Später existierten von den Voit von Salzburg noch eine katholische Linie zu Rödelmeyer und eine evangelische Linie zu Salzburg, letztere seit 1715 im Freiherrenstand. 1795 verkaufte die Familie ihre letzten Anteile an der Salzburg. Die Familie starb 1858 mit Freiherr Friedrich August Valentin Voit von Salzburg aus.

Die Salzburg ist ein besonderer Burgentyp, eine Ganerbenburg. Dieser Burgentyp kommt eigentlich nur in Mitteleuropa vor. Beispiele sind die Tours de Merle im Limousin, Burg Eltz im Moselland, Burg Lichtenstein, die Schauenburg/Schwarzwald, die Burg Altenstein, die hier besprochene Salzburg in Bad Neustadt an der Saale, die Schwarzburg/Thüringen, Schweinsberg, Normannstein bei Trefurt, Burg Ortenberg/Hessen, Burg Montfort/Pfalz, Saffenburg/Ahr und die Burg Leonrod in Dietenhofen, weiterhin die jetzt nur noch aus Ruinen bestehende Asseburg bei Wolfenbüttel. In Frankreich ist sie viel seltener als in Deutschland, und in England erst recht. Eine Ganerbenburg hat ihre Wurzel meist im Erbrecht (daher auch der Name, gan = gemeinsam): Nicht der Älteste übernahm die komplette Burg, sondern der Besitz wird unter den Erben aufgeteilt, so daß nicht ein einziger Burgherr die gesamte Anlage besitzt, sondern die verschiedene Familienteile gemeinsam eine Burg in der Art bewohnten, daß sie die äußeren Verteidigungsanlagen zwar teilten, innerhalb des Burgberinges aber ihre eigenständige Wehranlage hatten. So kann eine Ganerbenburg einfach aus mehreren zu einer Burg gefügten Häusern bestehen (z. B. Burg Eltz), oder aber aus lauter eigenständigen Mini-Burgen mit eigenem Bergfried (z. B. die Salzburg) oder aus einer Gruppe mehrerer Wohntürme (z. B. Tours de Merle, Limousin) bestehen. Welchen Grad an Eigenständigkeit die jeweiligen Besitzer haben, kann nicht generell angegeben werden. Das Spektrum reicht von quer geteilten Wohntürmen bis zu assoziierten selbständigen Kleinburgen.

Eine Burg, in der einzelne Teile unterschiedlichen Familien gehören, kann auch auf andere Art entstehen, wobei dann der Begriff "Ganerbenburg" streng genommen nicht mehr gerechtfertigt ist, weil der Besitz nicht durch Erbschaft geteilt wurde, aber dennoch verwendet wird: Aus Geldnot konnten Teile einer Burg an eine andere Familie verkauft oder verpfändet werden. Oder es konnten Burgen gleich als gemeinschaftlich von mehreren Familien bewohnte Burg konzipiert werden, wobei mehrere Dienstmannen gemeinsam eine Burg eines Feudalherren bewohnten und verteidigten, innerhalb der Mauern aber ihre Selbständigkeit hatten ("Ritter-WG"). So ließen sich große und mächtige Burgen wirkungsvoll bemannen und verteidigen, ohne daß die Machtfülle des einzelnen Dienstmannen zu groß wurde. Insgesamt hatte man eine starke Festung für den Lehnsherren, ohne daß der einzelne Vasall dem Lehnherrn gefährlich werden konnte. Außerdem kontrollierten sich so die Dienstmannen gegenseitig. Für diese Entstehungsart ist die hier besprochene Salzburg ein Beispiel: Sie bestand einst aus sieben eigenständigen Kleinburgen, der Burgvogt (Voit von Salzburg) trug die Verantwortung für die Gesamtburg.

Das heißt, eine Ganerbschaft konnte auch durch andere Wege als Erbschaft, nämlich durch Vertrag entstehen. Dazu war es auch nicht nötig, daß die Vertragspartner durch Verwandschaft miteinander verbunden waren, viel häufer verbanden sie einfach gemeinsame Interessen und Aufgaben und vor allem gemeinsame Verteidigungsanlagen.

Wenn mehrere Besitzer sich eine Burg teilten, war es beispielsweise so geregelt, daß die Kapelle, die Tore und Verbindungswege, die Brunnen und Zisternen allen gemeinsam gehörten, der einzelne Ansitz aber privat war (Mutscharung). Gehörte die Burg einem üergeordneten Lehnsherrn, gehörten diesem die genannten Gemeinschaftseinrichtungen. So gehörten hier z. B. Torturm und Kapelle dem Bischof von Würzburg und nicht einem der hier lebenden Vasallen.

Die Salzburg ist eine bischöflich würzburgische Lehensburg. Schon im Jahre 1000 wurde das Gebiet des Salzgaues von Kaiser Otto III dem Hochstift Würzburg (Bischof Heinrich I) gegeben, welche die Burg ausbauen ließen und verschiedene Burgmannensitze einrichteten, erst nur für einen Vogt und Schultheiß, später für weitere Burgmannen, ab 1220 insgesamt gab es insgesamt 7 solcher Burgmannensitze innerhalb der gemeinsamen Mauern. Die Burg war nach Piper offensichtlich von Anfang an als Ganerbenburg geplant, dafür spricht ihre schiere Ausdehnung, die bei einem einzigen Burgbesitzer sicher sehr unvorteilhaft gewesen wäre und deren Verteidigung nur mit einer ausreichenden Anzahl wehrfähiger Männer zu bewerkstelligen gewesen war. Weiterhin zeigt die Burg in ihrem Inneren keine strukturelle Aufteilung in Zwinger, Vorburg, Hauptburg etc. Ebhardt teilt diese Ansicht nicht, für ihn sind das willkürliche Einbauten. Pipers logischen Gründen kann man sich nicht verschließen, wahrscheinlich wurden die frühen Ganerbenburgen noch nicht so strukturiert und kohärent geplant wie die späteren. Außerdem war hier der Lehnsherr ein mächtiges Hochstift, das eine wehrhafte Gesamtanage konzipierte, während sich jeder Burgmann selbst um seinen Ansitz zu kümmern hatte. Insofern ist die zufällige Anordnung meines Erachtens kein Widerspruch zu einer Konzeption als Ganerbenburg von Anfang an. Ein interessantes Detailo, das dem Konzept einer Ganerbenburg gut entspricht, ist auch die Tatsache, daß alle Bergfriede ungefähr gleichwertig sind - daß aber der (gemeinsame) Torturm mächtiger und höher ist als jeder einzelne Bergfried. Wäre es im Konzept keine Ganerbenburg, wäre es umgekehrt zu erwarten.

Die Burg war strategisch wichtig als Vorposten des Hochstifts gegen die Grafen von Henneberg. weiterhin kreuzten sich hier im frühen Mittelalter zwei bedeutende Handelsstraßen, weiterhin wurde die fränkische Saale ab hier schiffbar. Namentlich bekannt sind die Familien Voit von Salzburg (Johannes Advocatus (=Vogt)), Brende (Iringus de Brende), Heustreu (Siboto und Rudolfus de Heustrowe, Heustrew), Lebenhan (Swigerus de Lewenhagen, Lewenhain), Eichenhausen (Fridericus de Echenhausen), von Steinau genannt Steinrück, von Eberstein, Schneberg und Hollstadt. Die einzelnen Burgmannensitze wurden rechtlich unabhängig voneinander behandelt (Verkauf, Vererbung, Belehnung), die Salzburg bildete nur militärisch eine Einheit. Torturm, Kapelle und äußere Umwallung gehörten dem Bischof von Würzburg. Heute sind nicht mehr alle Burgmannensitze zu sehen. Die Weite des Burghofes täuscht. Vollständig erhalten ist nur der Burgmannensitz der Familie Voit von Salzburg, die einst einen Fürstbischof von Bamberg stellte, dieser wird heute bewohnt von den Freiherren von Guttenberg - eine Familie, die einen Fürstbischof von Würzburg gestellt hatte. Die anderen Ganerbensitze sind Reste um einen massiven Turm oder gänzlich verschwunden. Der große Fremdkörper, der sich nicht so recht in die Anlage einfügen will, ist die neoromanische Burgkapelle von 1841.

Noch ein paar Begriffe:

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Liste der Würzburger Fürstbischöfe:

Rudolf II. von Scherenberg 1466-1495
Lorenz von Bibra 1495-1519
Konrad II. von Thüngen 1519-1540
Konrad III. von Bibra 1540-1544
Melchior Zobel von Giebelstadt 1544-1558
Friedrich von Wirsberg 1558-1573
Julius Echter von Mespelbrunn 1573-1617
Johann Gottfried von Aschhausen 1617-1622
Philipp Adolf von Ehrenberg 1623-1631
Franz von Hatzfeld 1631-1642
Johann Philipp von Schönborn (desgl. Erzbischof von Mainz) 1642-1673
Johann Hartmann von Rosenbach1673-1675
Peter Philipp von Dernbach (desgl. Bischof von Bamberg) 1675-1683
Konrad Wilhelm von Wernau 1683-1684
Johann Gottfried von Guttenberg 1684-1698
Johann Philipp von Greiffenklau-Vollraths 1699-1719
Johann Philipp Franz von Schönborn 1719-1724
Christoph Franz von Hutten 1724-1729
Friedrich Carl von Schönborn (desgl. Bischof von Bamberg) 1729-1746
Anselm Franz von Ingelheim 1746-1749
Karl Philipp von Greiffenklau-Vollraths 1749-1754
Adam Friedrich von Seinsheim (dsgl. Bischof von Bamberg) 1755-1779

Literatur:
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Karfunkel Nr. 59, 08/09 2005, Ganerbenburgen, S. 23
Bodo Ebhardt, Der Wehrbau Europas im Mittelalter, Band I
Carl Schuchardt, Die Burg im Wandel der Weltgeschichte
Otto Piper, Burgenkunde, Originalausgabe München 1912, Nachdruck Wetbild Verlag 1993, ISBN 3-89350-554-7, S. 571 ff.
Eugen Haberkorn, Joseph Wallach, Hilfswörterbuch für Historiker
Joachim Zeune: Führer durch die Salzburg, Verlag Sendner & Neubauer, Bad Neustadt/Creußen 1994
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe. Herausgegeben vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein. Würzburg, 1974. 192 Seiten.
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Schlösser und Burgen in Unterfranken, von Anton Rahrbach, Jörg Schöffl, Otto Schramm. Hofmann Verlag Nürnberg 2002, ISBN 3-87191-309-X

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