Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 302
Mainz - Erzbischöfe, Kurfürsten, Adelspaläste

Der Osteiner Hof in Mainz

Die Gegend um den Schillerplatz und die Schillerstraße ist ganz geprägt von den alten Adelspalais: Osteiner Hof, Schönborner Hof, Erthaler Hof, Bassenheimer Hof - hier steht die noble Repräsentationsarchitektur des kurmainzischen Staates zusammen. Beim Namen der Reichsgrafen von Ostein fällt einem zunächst der Kurfürst und Erzbischof Johann Friedrich Karl von Ostein (6.7.1689-4.6.1763) ein, der am 22.4.1743 Erzbischof von Mainz und am 18.1.1756 zusätzlich Bischof von Worms wurde. Das stattliche Palais am Schillerplatz 1 wurde aber nicht für ihn gebaut, sondern von ihm für seinen Bruder, den Kurmainzischen Oberamtmann Reichsgraf Johann Franz Wolfgang Damian von Ostein (3.5.1694-5.1.1778), der Domherr zu Würzburg war, ebenfalls Stiftskapitular des Ritterstifts Comburg und zu St. Peter in Mainz, auch würzburgischer und kurmainzischer geheimer und geistlicher Rat, Oberamtmann zu Amorbach, Buchen, Walldürn, Bürcken und Seligenthal, Herr zu Malleschau, Daschitz und Markwaretz. Ihrer beider Eltern waren Johann Franz Sebastian Freiherr von Ostein (4.11.1652-24.6.1718), kurmainzischer Geheimrat und Kämmerer, Oberamtmann zu Amorbach, Buchen, Walldürn und Seligenthal, und dessen Frau, Anna Carolina Maria von Schönborn (3.10.1671-7.2.1716).

Eine Familie gemeinsam an den Schaltstellen des Kurstaates: Ein Bruder Kurfürst, ein Bruder Oberamtmann. Genauso steht auch das Palais: Stehen die anderen Palais nebeneinander und säumen die Straße, so bildet dieser Adelshof einen abschließenden Querriegel im Süden des Platzes, auf den die Prachtstraße zuführt. Allein diese Positionierung hebt ihn gegenüber den anderen Adelshöfen im Stadtbild heraus.

Diese beiden Brüder waren nicht die einzigen Kinder, die eine geistliche Laufbahn einschlugen: Ein weiterer Bruder, Lothar Johann Hugo Franz von Ostein (1695-27.2.1759), wurde Domherr zu Eichstätt und Augsburg und k. k. wirklicher Geheimrat. Der nächste Bruder, Johann Philipp Carl Franz v. Ostein (3.10.1697-9.12.1719), wurde 1713 Domherr zu Trier und zu Lüttich.

Ein weiterer Bruder, Ludwig Wilhelm Johann Maximilian von Ostein (6.12.1705-28.8.1757), ging zum Militär und wurde kaiserlicher Reichs- und k.k. Generalfeldmarschall-Leutnant, Geheimrat und Kämmerer. Ein anderer Bruder setzte die Familie fort: Johann Franz Heinrich Carl Sebastian Graf von Ostein (2.2.1693-23.4.1742) heiratete in erster Ehe 1733 in Datschitz Maria Carolina Josepha Anna Johanna von Berlepsch (1707-9.4.1737) und in zweiter Ehe Maria Clara Elisabeth Gräfin von Eltz (15.10.1720-). Er war kaiserlicher Geheimrat und wurde 1742 Reichshofrats-Präsident. Von 1734 bis 1739 war er kaiserlicher Gesandter beim russischen, dann 1740 beim englischen Hof.

Der dreiflügelige Osteiner Hof wurde von Johann Valentin Thomann (1695-1777) in den Jahren 1747 bis 1752 erbaut. Von der Architektur her unterscheidet er sich von den anderen Palais in der Nachbarschaft durch die gerundeten Ecken und den rund vorspringenden Mittelrisalit, unter dem sich die dreischiffige Toreinfahrt und in dem sich im Obergeschoß ein längsovaler Festsaal befinden - ein Konzept, das schon in Trier im Palais Kesselstatt vorgezeichnet wurde. In beiden Fällen wurde bei schwierigen Standortbedingungen eine künstlerisch hervorragende Lösung mit großer Platzwirkung geschaffen, wobei sich die Gestaltungselemente sehr ähneln. Durch das vorspringende Halbrund wirkt die Fassade dynamischer, bewegter als die seiner kantigen Nachbarn. Das Prinzip der Rundungen ist ebenso beim Mansarddach mit seinen kuppelförmigen Erhebungen zu sehen. Die beiden kurzen, nach außen gestellten Seitenflügel folgen den angrenzenden Straßenzügen, Ballplatz und Gaustraße. Die abgerundeten Ecken des Gebäudes bilden nicht nur eine Entsprechung zur Vorwölbung der drei Mittelachsen, sondern sie leiten auch wie Gelenke zu den nicht rechtwinklig ansetzenden Seitenflügeln über.

Sowohl die Mittelgestaltung als auch die Ecklösungen werden durch Sandsteinelemente deutlich von den restlichen Architekturflächen abgesetzt: Alle drei besitzen eine Erdgeschoßbänderung und rustizierte Lisenen, alle besitzen gekurvte Giebelaufsätze sowie korbbogenartig abschließende Fenster im ersten Obergeschoß, und alle drei besitzen Balkone im ersten Obergeschoß. Natürlich ist der Mittelteil wiederum gegen die Eckteile abgesetzt, bei ersterem sind im Erdgeschoß alle drei Achsen mit roten, gebänderten Füllungen abgesetzt, und alle drei Fenster im ersten Obergeschoß schließen halbrund ab, und der Balkon reicht über die ganze Breite - bei den Ecken betrifft das jeweils nur die mittlere Achse. Zusätzlich haben auch die Fenster des zweiten Obergeschosses nur am Mittelteil balkonartige Ziergitter.

Auf dem rund vorspringenden Mittelrisalit befindet sich das Wappen der Familie von Ostein. Interessant ist, daß hier das Bischofswappen verwendet wird, denn der Osteiner Hund ist mit dem Mainzer Rad geviert, was eigentlich nur dem Erzbischof als Bauherrn zustand, nicht aber seinem Bruder als Bewohner, aber wie gesagt - die "Macht war in der Familie". Entsprechend ist das Wappen auch mit einem Kurhut bekrönt, auch dieser stand eigentlich nur dem regierenden Bruder zu, der hier der Bauherr und Auftraggeber war. Das Wappen ist geviert: Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad (Erzstift bzw. Fürsterzbistum Mainz), Feld 2 und 3: in Blau einwärts ein goldener Hund mit rotem Halsband und ebensolcher Zunge (von Ostein).

 

Der weitere Bauschmuck umfaßt Puttenfiguren in den Giebelaufsätzen, Rocaille-Kartuschen über den Fenstern, Reliefs mit Musikinstrumenten und allegorische Darstellungen. Schwert und Krummstab, des Fürstbischofs Symbole für die weltliche und die geistliche Macht im Kurfürstentum, sind hier nicht wie sonst üblich hinter dem Schild schräggekreuzt, sondern weit nach außen gerückt, wo sie separat von je zwei Putten gehalten werden. Auf dem zentralen Bischofswappen hält ein weiterer Putto den Kurhut über der Rokoko-Kartusche.

 

Die schmiedeeisernen Gitter der Balkone tragen Monogrammschmuck, der ebenfalls auf den eigentlichen Bauherrn gemünzt ist: Die drei verschlungenen und mit einer Perlenkrone besetzten Initialen J, C und F stehen für den Fürstbischof Johann Friedrich Karl von Ostein.

An den westlichen Flügel, also den in der Vorderansicht rechten, ist rückseitig entlang der Gaustraße der eingeschossige Wirtschaftstrakt angebaut. Er weicht unter Bildung eines kleinen Vorplatzes hakenförmig nach hinten, so daß er von der Schauseite aus nicht wahrgenommen wird.

Mit der französischen Besatzung wurde dem Stadtadel und seinen Residenzen ein jähes Ende bereitet. Klerus und Adel verloren ihr Eigentum und suchten ihr Heil in der Flucht. Neuer Eigentümer des Osteiner Hofes wurde die öffentliche Hand. Seit dem 19. Jh. diente das Gebäude als Sitz der Festungsgouverneure. Der Balkon des Osteiner Hofes war Ort wichtiger Proklamationen, mal etwas ernsthafter, wie 1914, als vom Mittelbalkon aus durch General Hugo von Kathen der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verkündet wurde, meistens aber weniger ernsthaft, denn hier wird jedes Jahr am 11.11. um 11.11 Uhr der Beginn der fünften Jahreszeit ausgerufen. Bis 2014 diente der 1944/45 ausgebrannte und 1947/48 wiederhergestellte Osteiner Hof als Standortkommandatur der Bundeswehr und war Sitz des Befehlshabers des Wehrbereichskommandos II. Seit 2014 ist der bis dahin im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) befindliche ehemalige Adelshof, der 58 Jahre lang für Publikumsverkehr unzugänglich war, in der Hand der sog. Osteiner Hof Entwicklungsgesellschaft, die von dem Heilbronner Immobilienentwickler Jürgen F. Kelber, der AK Projektmanagement Beteiligungs GmbH Heilbronn und der Deutschen Wohn- und Anlagengesellschaft Wiesbaden (Deuwa) getragen wird. Diese Entwicklungsgesellschaft hat den Hof erworben und unternimmt einen Umbau und eine umfassende Restaurierung. Von den ca. 3300 m² Nutzfläche sollen danach zwei Drittel für Wohnungen und ein Drittel für Büros zur Verfügung stehen. 18-20 Mio Euro sollen in die Herrichtung des Adelssitzes investiert werden. Bis dahin kann der Hof an bestimmten Terminen besichtigt werden, auch werden die Räumlichkeiten jungen Künstlern für Ausstellungen zur Verfügung gestellt.

Literatur:
Baedeker: Mainz, Karl Baedeker-Verlag, 2004. ISBN 3-87954-074-8
Werner Schäfke: Der Rhein von Mainz bis Köln, eine Reise durch das romantische Rheintal, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Verlag, Köln 2006, ISBN 978-3-7701-4799-1
Siebmachers Wappenbuch, insbes. Band Bistümer
http://de.wikipedia.org/wiki/Osteiner_Hof
http://news.genealog.de/rheinhessen/mainzundvororte/denkmal-des-monats-der-os.shtml
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Mainz, Band 2.2: Altstadt, bearb. von Ewald Wegner, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz 1988, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 3. Auflage 1997, ISBN 3-88462-139-4, S. 300-301
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Andreas Praefcke für wertvolle Hinweise
Verkauf:
http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/kaufvertrag-fuer-den-osteiner-hof-in-mainz-ist-unterzeichnet-osteiner-hof-entwicklungsgesellschaft-mbh-neuer-besitzer_13981986.htm und http://www.mainzund.de/osteiner-hof-schillerplatz-verkauft/ und http://www.wirtschafts-news.org/news/article/-831f0efa6c.html
Öffnung des Adelshofes:
http://www.mainzund.de/osteiner-hof-2x-tag-fuehrungen/
Umbau und Renovierung:
http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/osteiner-hof-in-mainz-ab-26-mai-regelmaessig-fuer-besucher-offen-raum-fuer-junge-kuenstler_14144992.htm

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