Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 644
Wappen im Weserbergland

Pyrmont: Wappen am neuen Schloß - Südseite

Ein neues Schloß auf der alten Festung
Die lustvollste Architektur der Festung Pyrmont ist das Barockschloß. Vorne relativ niedrig auf den Wällen stehend, geht es hinten bis auf Hofniveau herunter, 2 Etagen mehr. Graf Anton Ulrich von Waldeck und Pyrmont ließ dieses Schloß in den Jahren 1706-1710 errichten anstelle des im 30jährigen Krieg beschädigten Renaissance-Schlosses. Dessen Reste wurden abgetragen, Fundamente konnten verwendet werden. Eigentlich residierten die Grafen von Waldeck in Waldeck und später in Bad Arolsen, daher wurde dieses Schloß im entfernten Landesteil nur als Sommerresidenz genutzt.

Weitere Veränderungen der Festungsanlage folgten. Ab 1721 wurde dieser Schloßbau von Julius Ludwig Rothweil verändert, er ließ 1723 ein neues Kommandantenhaus errichten sowie die beiden zierlichen Kavaliershäuser auf der Wallkrone, 1726 folgte das Magazingebäude. Die gesamte Festungsanlage wurde instandgesetzt. Vor allem aber wurden auf den Wällen Gärten angelegt im barocken Geschmack. Unter Franz Friedrich Rothweil, dem Nachfolger als Baudirektor, kam es ab 1765 zu weiteren Veränderungen. 1777 waren seitliche Erweiterungsbauten des Schlosses fertiggestellt; über unten gelegenen, offenen Gartenräumen befanden sich in der Beletage flachgedeckte Säle. Diese Anbauten wurden 1852-1855 aufgestockt. Heute gehören Schloß und Festung dem Land Niedersachsen, 1956 erworben. Größere Sanierungsarbeiten fanden 1984-1987 statt.

Die Verbindungen zwischen Waldeck-Pyrmont und Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler-Zweibrücken
Das Schloß hat im flachen Dreiecksgiebel ein Allianzwappen des Bauherren und seiner Frau. Friedrich Anton Ulrich Graf von Waldeck (1676-1728), das 11. Kind von insgesamt 14 der Eltern Christian Ludwig zu Waldeck-Wildungen und Anna Elisabeth (Erbin von Rapottenstein), heiratete 1700 Luise Pfalzgräfin von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler (1678-1753), eine Schwester Christians III Pfalzgraf von Birkenfeld, ab 1731 Herzog von Pfalz-Birkenfeld-Zweibrücken. Friedrich Anton Ulrich war 1706-1712 Graf von Waldeck und Pyrmont und 1712-1728 Fürst zu Waldeck und Pyrmont. Kaiser Karl VI hatte ihn in den erblichen Fürstenstand erhoben. Er ist der größte Schloßbauer in der Geschichte des Waldecker Grafen- und Fürstenhauses, denn er erbaute nicht nur das Pymonter Schloß (1706-1710), sondern auch Schloß Arolsen (1713-1729) und Schloß Friedrichstein in Wildungen (1707-1714). Von seinen 11 Kindern wurde Karl August (1704-1763) sein Nachfolger als Fürst zu Waldeck-Pyrmont.

Das Wappen der Grafschaft Waldeck-Pyrmont
Das Wappen von Friedrich Anton Ulrich Graf von Waldeck (1676-1728) ist neunfeldrig mit Herzschild:

Zu diesem Wappen würden insgesamt fünf Helme gehören, die hier aber nicht abgebildet sind:

Eine Abweichung bei den Helmzieren gab es bei einer gräflichen Nebenlinie, die Josias Graf v. Waldeck-Bergheim (20.8.1696 - 2.2.1763), ein Sohn des Grafen Christian Ludwig, einem jüngeren Bruder des im Jahre 1712 gefürsteten Friedrich Anton Ulrich, gründete: Er verwendete die Helme von rechts nach links: Hohenack, Pyrmont, Waldeck, Rappoltstein und Geroldseck - Tonna (Gleichen) fehlte, dafür wurden Waldeck und Pyrmont entzerrt und wieder auf zwei Helme verteilt.

Der Waldecker Stern
Eigentlich ist das Haus Waldeck eine Seitenlinie der Grafen von Schwalenberg (Alt-Schwalenberg). Alt-Schwalenberg führte in Gold einen roten Stern. Die Seitenlinie, die sich von Waldeck nannte, differenzierte ihr Wappen von der Alt-Schwalenberger Hauptlinie durch einen Wechsel der Tinktur des Sternes: Es wurde nun in Gold (gleich) ein schwarzer (geändert) achtstrahliger Stern. Cave: Neu-Schwalenberg ist von Alt-Schwalenberg ebenfalls durch einen Tingierungswechsel differenziert, zusätzlich kommt als differenzierendes Beiszeichen die Schwalbe ins Schildbild. Alt-Schwalenberg lebt in Sternberg fort, um die Verwirrung komplett zu machen. Und beide, Sternberg und Neu-Schwalenberg, im Wappen der Fürsten zu Lippe.

Wie eng die drei Familien verwandt sind, sieht man hieran: Heinrich I Graf von Sternberg (gest. ca. 1280), war ein Bruder von Graf Adolf I von Neu-Schwalenberg (gest. ca. 1300). Und beide sind Neffen von Adolf I von Waldeck (gest. ca. 1270), dem Stammvater der Grafen und Fürsten zu Waldeck. Fassen wir zusammen: Alt-Schwalenberg ist der Ursprung. Dessen Schildbild hat sich in Sternberg erhalten. Neu-Schwalenberg und Waldeck sind durch Wechsel der Tinkturen resp. Aufnahme von Beizeichen abgeleitet.

Aber auch Pyrmont hängt mit den Schwalenbergern zusammen: Im 12. Jh. war die Grafschaft Pyrmont eine Secundogenitur der Grafen von Schwalenberg, die 1494 erlosch und nach langem Streit mit Paderborn an die Grafen von Spiegelberg kam.

Das meiste ist nur Anspruch im Wappen
Betrachten wir das Wappen genauer: Von neun Feldern sind nur 1x Waldeck und 2x Pyrmont "echt". Waldeck ist der Stammsitz des Geschlechtes, und Pyrmont ist ihr später dazugekommener Besitz. Alles andere, also zwei Drittel der Felder, sind Ansprüche ohne realen Hintergrund. Die Grafen haben die übrigen Gebiete nie besessen oder beherrscht. Die Grafen und Fürsten trugen klangvolle Titel wie "Se. Durchlaucht, der regierende Fürst zu Waldeck und Pyrmont, Graf zu Rappoltstein, Herr zu Hohenack und Geroldeck am Wasziegen" - wahr davon waren nur Waldeck und Pyrmont. Der Hintergrund zu den elsässischen "Besitzungen" ist weiter unten auf dieser Seite ausgeführt.

Und Tonna? Pyrmont war zwischenzeitlich im Besitz der Grafen von Gleichen-Tonna, die mit den Grafen von Spiegelberg verschwägert waren. 1631 erloschen die Grafen von Gleichen. 1621 war ein Erbvertrag geschlossen worden, aufgrund dessen Pyrmont jetzt an Waldeck fiel. Die Grafen von Waldeck waren jedoch nie Inhaber eines Grafentitels von Gleichen. Auch dies Anspruch. Und als die Grafen von Gleichen (deren Stammname Tonna war) 1631 mit Hans Ludwig von Gleichen erloschen, wurden die Gebiete aufgeteilt. Die Herrschaft Tonna gelangte an die Schenken von Tautenburg. Als diese 1640 erloschen, kam die Herrschaft Tonna an das Haus Waldeck, wurde aber bald darauf wieder verkauft.

Das Wappen Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler
Der Schild ist einmal geteilt und dreimal gespalten und hat somit acht Felder. Hier begegnen uns zwei bekannte Elemente, die auch der Ehemann in seinem Wappen hat:

Die anderen - nicht identischen - Felder stehen für:

Der Schild ist also gespalten, vorne vom Pfälzer Löwen und den Wittelsbacher Rauten geviert, hinten von Veldenz, Sponheim, Rappoltstein und Hohenack. Die Farbgebung ist am Schloß völlig falsch.

Dieses Wappen der Pfalzgrafen von Pfalz-Birkenfeld ist hier ohne Helme abgebildet. Theoretisch möglich wären folgende sechs Helme:

Die Sache mit Rappoltstein (1) - zur Ehefrau
Beide Ehepartner krallen sich hier heraldisch an Ansprüche auf Gebiete, die sie nie tatsächlich besessen oder regiert haben. Rappoltstein, Geroldseck, Hohenack - alles Gebiete im Elsaß. Es handelt sich übrigens um Grand-Geroldseck im Elsaß, nicht um Hohengeroldseck im Ortenaukreis. Die Herren von Rappoltstein sind eine uradelige Familie und herrschten von 1084 bis 1673 im Elsaß, in und um Rappoltsweiler (Ribeauville). Bekannt sind die Burgen der Rappoltsteiner, allen voran die wunderschöne Ulrichsburg, dazu Giersberg und Hohen-Rappoltstein, Hohenack und Judenburg, bekannt auch der erbitterte Konflikt mit den Giersbergern. Der letzte Herr von Rappoltstein wurde in den Grafenstand erhoben, es handelte sich um Johann Jacob Graf von Rappoltstein (1598-1673). Sein vollständiger Titel lautete "Graf zu Rappoltstein, Herr zu Hohenack und Geroldseck am Wasichin". 1673 starb das Geschlecht in männlicher Linie aus. Die Besitztümer fielen an das Haus Birkenfeld-Bischweiler-Pfalz-Zweibrücken, denn durch ein altes kaiserliches Privileg war es den Rappoltsteinern erlaubt, ihren Titel auch in weiblicher Linie zu vererben, wenn keine männlichen Nachkommen das Erbe antreten konnten.

Catharina Agathe Gräfin zu Rappoltstein, Herrin zu Hohenack und zu Geroldseck am Wasichen (1648-1683), älteste Tochter des verstorbenen Grafen Johann Jacob, heiratete im Jahr 1667 Christian II., Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler (1637-1717), der 1673 den Rappoltsteiner Titel annahm. 1699 folgte sein Sohn Christian III nach, auch als Titelträger, und unsere Luise Pfalzgräfin von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler (1678-1753), deren Wappen wir hier sehen, ist seine Schwester und ebenfalls Anspruchsträgerin.

Mit der tatsächlichen Ausübung der ererbten Rechte war es aber nicht weit her, denn die betreffenden Besitzungen standen seit 1680/81 unter französischer Souveränität. Die leiseste Resthoffung des Hauses Wittelsbach auf Rappoltstein ging endgültig in der Französischen Revolution verloren, als am 4.8.1789 durch Beschluß der Nationalversammlung sämtliche Feudalrechte aufgehoben wurden.

Die Sache mit Rappoltstein (2) - zum Ehemann
Soweit zur Ehefrau. Doch woher kommen die Ansprüche des Ehemannes? Graf Johann Jakob von Rappoltstein hatte einen Bruder, Georg Friedrich Graf zu Rappoltstein, und dessen Tochter, Anna Elisabeth Gräfin von Rappoltstein (1644 - 1676) heiratete 1658 Christian Ludwig; Graf von Waldeck (1660-1706), den Vater unseres Friedrich Anton Graf von Waldeck und Pyrmont. Im Gegensatz zur Grafentochter, die den Titel und die Besitzansprüche tatsächlich erbte, war der Anspruch über die Nichte des letzten Rappoltsteiner Grafen inhaltsleer. Ungeachtet der oben erwähnten französischen Souveränität und Aufhebung sämtlicher Feudalrechte, und ungeachtet der Tatsache, daß Anna Elisabeth NICHT die Erbin war, führte und führt das Haus Waldeck-Pyrmont die Ansprüche im Wappen weiter. So nennt sich der heutige Chef des Hauses immer noch "Wittekind, Fürst zu Waldeck und Pyrmont, Graf zu Rappoltstein, Herr zu Hohenack und Geroldseck am Wasigen".

Fazit: Hier treffen beide Ehepartner zusammen mit Ansprüchen, die längst jeder Grundlage entbehren bzw. noch nie eine besaßen. Doppelt auftretend, wirken sie umso inhaltsleerer.

Detail der Giebeldekoration: Inmitten kriegerischer Trophäen, Kanonen, Lanzen, Fahnen als Schildhalter ein wilder Mann mit Keule, Laubgewinde im Haar, die Füße auf Kanonenrohre gestützt. Die Kartusche der Wappenschilde wird mit vegetabilen Girlanden verziert.

Literatur und Quellen:
Informationstafeln an der Festung
Wertvolle Hinweise gab Herr Peter Stammnitz, Idar-Oberstein, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Der Durchlauchtigsten Welt 24. Geschichts-, Geschlechts- und Wappenkalender von Christoph Weigel (Hrsg.), Nürnberg 1746
Siebmachers Wappenbücher
Hartmut Platte: Waldeck und Pyrmont, Geschichte eines Fürstenhauses, Heft 3 der Reihe Deutsche Fürstenhäuser, Börde-Verlag Werl 2006, ISBN 3-980-6221-8-5
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9

Pyrmont (Weserbergland): Festungswälle - Kaminsturz - Neues Schloß, Vorderseite - Neues Schloß, Hofseite

Wappen der Wittelsbacher (1): Pfalz
Die Wappen der Grafen und Fürsten von Waldeck-Pyrmont
Das Feld für die Grafschaft Gleichen und seine Verbreitung in deutschen Adelswappen

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