Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 646
Wappen im Weserbergland

Die Burgruine in Polle an der Weser (Burg Everstein)

Ein winziger Rest einer großartigen Anlage
Heute präsentiert sich die Burg Polle (Landkreis Holzminden, Niedersachsen) als Ruine, ein unregelmäßiger Mauerring der Kernburg mit ca. 20 m hohem, rundem Bergfried auf der Spitze des sanft ansteigenden Bergspornes, tiefer ein weiter gefaßter äußerer Mauerring der einstigen Vorburg. Und einige Schritte weiter zur Straße hin ein isoliertes Tor aus der Renaissance, reich geschmückt und oben mit einem wunderschönen Allianzwappen.

Einst war hier eine große und wichtige Anlage, deren Gründung um ca. 1200 anzusetzen ist, eine Burg der Grafen von Everstein. Diese waren ein einst mächtiges und reichsunmittelbares Geschlecht, das seinen Aufstieg gegen Ende des 12. Jh. nahm. Sie sind von 955 bis 1409 nachgewiesen. Die Grafschaft umfaßte weite Teile der Gegend um Hameln bis Holzminden; insgesamt besaßen die Eversteiner mehrere Burgen in ihrer Grafschaft (Burg Everstein in Polle, Fürstenberg, die Burg Everstein auf dem Burgberg, Grohnde, Ottenstein, Holzminden, Aerzen, Ohsen und Hemersen, die spätere Klencke'sche Hämelschenburg). Der Niedergang des einst so mächtigen Geschlechtes wurde durch die ständigen Fehden mit den Herzögen von Braunschweig einerseits und den Homburgern andererseits eingeleitet, während derer sich die Grafen aufzehrten. Sie schienen keine Gelegenheit zu Streit und Fehde auszulassen, und entsprechend oft war die Burg zu Polle, die um die Wende zum 13. Jh. stark ausgebaut wurde, Zeuge von Kämpfen. Um 1407 endete die sog. Eversteinsche Erbfolgefehde (1404-1407) mit der Einnahme der Burg Everstein in Polle durch die Mannen des Herzogs Heinrich von Braunschweig-Lüneburg. Nach Verlust seiner Burg ging der letzte Graf von Everstein, Graf Hermann VIII, in die Verbannung nach Neustadt am Rübenberge. Seitdem blieb die Burg im Besitz der Braunschweiger Herzöge. Als eine Art kleiner, später, aber nicht unbeachteter Wiedergutmachung verlobte 1408 der letzte Graf von Everstein seine einzige Tochter Elisabeth, die erst 4 Jahre alte Erbtochter, mit dem Sohn des damaligen Herzogs von Braunschweig, Otto IV. von Lüneburg, und gab ihr den Rest der Grafschaft Everstein als Mitgift. Die Herzöge von Braunschweig hatten damit wichtige Ziele erreicht: Ende der lästigen Fehden am südlichen Rand ihrer Herrschaft, Vernichtung des streitlustigen Gegners und territorialer Gewinn. Die Herzöge errichteten 1613 das Renaissance-Portal mit dem Allianzwappen von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig und seiner Gemahlin Elisabeth von Dänemark. Es wurde integriert in ein großes querstehendes Haus des Amtshofes mit einem steinernen Untergeschoß und zwei vorkragenden Fachwerk-Obergeschossen, durch dessen Untergeschoß hindurch der Zugang zum Burgbereich verlief.

Im 30jährigen Krieg spielte die Burg wieder eine Rolle, 1623 wurde sie von kaiserlichen Truppen unter Tilly eingenommen, später wieder aufgegeben. 1625 eroberte Piccolomini die Burg erneut, 1633 wiederum nahmen die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel wieder von ihr Besitz, 1641 belagern die Schweden erneut die Burg und schießen sie in Brand, die Kernburg verfällt anschließend. Das Weserbergland war einer der wichtigeren Schauplätze des 30jährigen Krieges, und die Burg erlebte ihn hautnah mit, inmitten des ständigen Hin und Hers zwischen kaiserlichen, schwedischen und braunschweigischen Truppen. Auch der Sohn des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig und seiner Frau Elisabeth von Dänemark, deren Wappen wir hier sehen, ist eine der herausragenden Gestalten des 30jährigen Krieges: Er ging als der "tolle Christian" in die Geschichte ein, einer der abenteuerlustigsten und streitbarsten Akteure des 30jährigen Krieges, der u. a. Paderborn fürchterlich verwüstete und im Münsterland Schrecken verbreitete, bis er schließlich in der grausamen Schlacht von Stadtlohn von General Tilly geschlagen wurde und sich nach immensen Verlusten seines Heeres nach Holland rettete.

Während die mittelalterliche Burg auf dem Hügel selbst nicht wieder aufgebaut wird, errichtet man 1656 in der Unterburg ein stattliches Amtshaus und gestaltet diesen Bereich in Folge durch weitere Einbauten um. Die Zerstörung der Unterburg und des repräsentativen Amtshauses erfolgte erst 1945 anläßlich von Kampfeshandlungen im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. Einzig das schöne Renaissance-Portal blieb erhalten. 1956 wurde der Bereich durch das Land Niedersachsen erworben. Der Burgbereich wurde 1984-1988 saniert und parkartig angelegt. Der Torbogen, letzter Rest des alten Eingangsbereiches, wurde 1994 umfassend restauriert, dabei wurden die beiden Wappen farblich neu gefaßt, die farblich durchweg korrekte Fassung sei hier lobend hervorgehoben.

Der Mann hinter dem Wappen: Heinrich Julius Herzog zu Braunschweig-Lüneburg und Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel (1564-1613)
Heinrich Julius (1564 -1613) war Sohn von Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1528-1589) und dessen Frau Hedwig von Brandenburg (1540-1602). Er gilt neben seinem Vater als einer der gebildetsten Herrscher im Fürstentum Braunschweig. Im Alter von 12 Jahren wurde er bereits von seinem kulturell sehr aktiven Vater Julius an der von ihm gegründeten Universität Helmstedt als Rektor eingesetzt. Er übernahm 1566 unter Vormundschaft und 1578 endgültig die Herrschaft im Bistum Halberstadt als Administrator und führte es zum Protestantismus (1648 wurde es säkularisiert). Weiterhin war er 1582-1585 Administrator des Bistums Minden (geht 1648 an Brandenburg). Er widmete sich dem konzeptionellen Ausbau Wolfenbüttels als Residenzstadt und als Festung. Unter seiner Herrschaft entstanden in Wolfenbüttel repräsentative Gebäude im Stile der Renaissance, so 1590 das Kanzleigebäude im Stile eines italienischen Palazzo, ab 1608 die neue Hauptkirche Beatae Mariae Virginis, der erste nennenswerte Neubau einer protestantischen Kirche in Norddeutschland. Wolfenbüttel wurde die erste deutsche Stadt mit einem festen Theater. Herzog Heinrich Julius hatte selber literarische Ambitionen und verfaßte Bühnenstücke. Sein Hof zog Künstler und Gelehrte der Zeit an und war einer der kulturell bedeutsamsten in Norddeutschland. Er war zweimal verheiratet, in erster Ehe mit Dorothea von Sachsen (1563-1587), eine Tochter von Kurfürst August von Sachsen, dieser Ehe entsprang lediglich eine Tochter. In zweiter Ehe heiratete er die hier heraldisch vorgestellte Prinzessin Elisabeth von Dänemark (1573-1625), die älteste Tochter von König Friedrich II. von Dänemark. Dieser Ehe entstammen sowohl sein Nachfolger als Herzog, Friedrich Ulrich (1591-1634) als auch der oben erwähnte "Tolle Christian" (1599-1626); die anderen drei Söhne starben alle als Kind. Nach Friedrich Ulrich gab es keine weiteren Nachkommen des "Mittleren Haus Braunschweig", die Herrschaft fällt 1635 an das "Neue Haus Braunschweig" mit August d. Jüngeren.

Detailansicht: Optisch linker Teil des Wappensteines über dem Portalbogen mit dem Braunschweiger Wappen

Detailansicht: Optisch rechter Teil des Wappensteines über dem Portalbogen mit dem Wappen von Dänemark

Aufbau des Wappens der Prinzessin Elisabeth von Dänemark (1573-1625)
Das Dänische Königswappen hat hier die Form, wie sie ab König Friedrich II (1534-1588) verwendet wurde und erst durch Friedrich IV (1671-1730) wieder geändert wurde.

Aufbau des Wappens von Heinrich Julius Herzog zu Braunschweig-Lüneburg und Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel (1564 - 1613)
Das Wappen folgt im wesentlichen dem allgemeinen Aufbau der Wappen der der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, hat aber ein paar kleine Besonderheiten, die im Lebenslauf von Herzog Heinrich Julius begründet liegen:

Im Vergleich zu anderen Darstellungen des Braunschweiger Wappens enthält dieses Wappen kein Symbol für Diepholz. Die fünf Helme zeigen Alt-Bruchhausen und Neu-Bruchhausen, Hoya, Braunschweig-Lüneburg, Hohenstein kombiniert mit Lauterberg, Regenstein kombiniert mit Blankenburg - auch bei den Helmzieren fehlt Diepholz.

Literatur und Quellen:
Informationstafeln an der Burg
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Landesfürsten
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Klöster, Tafel 227
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Karl-Ernst Sittel, Hannover, für wertvolle Hinweise
Fiala, Münzen, Medaillen IV, vor S. 1
Welter, Münzen II, S. 39, Abb. 628
Staatsarchiv Wolfenbüttel 3 Slg. Nr. 352 und Nr. 402
http://www.welfen.de
Johann Prigge, Friedrich Wittkopp, Karl Faupel, Wolfgang Wagner: Was Polle und seine Burg erzählen - ein kleiner Streifzug von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, Polle 1994.
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
http://www.heraldique-europeenne.org/Regions/Scandinavie/Danemark.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Kalmarer_Union
http://www.burgen.de/burgen/deutschland/niedersachsen/polle/
http://www.burgenwelt.de/polle/gei.htm
Münzen der Welfen:
http://www.welfen-muenzen.de/

Wappen, Linien und Territorien der Welfen (1): Wappen-Komponenten und ihre Geschichte
Wappen, Linien und Territorien der Welfen (2): Entwicklung der herzoglichen Wappen

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