Bernhard Peter und Dominik Smasal
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 685
Gernsbach (Murgtal, Schwarzwald)

Gernsbach: Liebfrauenkirche

Geschichte
Außerhalb der eigentlichen Altstadt befindet sich ein städtebaulich atypisches Ensemble: Zwei Türme der mittelalterlichen Stadtbefestigung Gernsbachs sind erhalten, der Storchenturm (mit kleinem gedrehten badischen Wappen über der hoch liegenden Eingangstür) und der Turm der Liebfrauenkirche. Die daran angebaute Kirche, deren älteste zu findende Jahreszahl 1388 ist, gilt als Nachfolgerin einer Burgkapelle auf diesem Hügel. Der Kirchtum selbst war ehemals in die Stadtbefestigung eingebunden, gehört baugeschichtlich noch ins 13. Jh. und hat bis zu 2.5 m Mauerstärke. Das Langhaus ist gotisch, aber nicht zur Gänze: Nur 4 der 7 Joche sind authentisch, nämlich die direkt an den alten Turm angebauten. Die 3 östlichen Langhausjoche wurden 1833 im Zuge der von A. Moosbrugger durchgeführten neugotischen Erweiterung ergänzt, wobei auch der alte Chor durch einen neuen ersetzt wurde. Auch die erhaltenen Joche stammen im gegenwärtigen Zustand nicht aus der Zeit der ältesten Jahreszahl, sondern wurden vermutlich im späten 15. Jh. erneuert. 1970/71 wurde die Kirche umfassend renoviert und im Innern von neugotischen Zutaten bereinigt. Dadurch tritt das schöne gotische Netzgewölbe wieder besser hervor, und die wenigen authentischen Objekte kommen besser zur Geltung. Die konfessionelle Geschichte Gernsbachs ist komplex, als Ergebnis ging die Liebfrauenkirche als katholische, die Jacobskirche als evangelische Kirche hervor.

Wappen über der Seitenpforte
Über dem seitlichen Eingangsportal befinden sich zwei farbig gefaßte Wappen im gotischen Stil: Das Wappen der Grafen von Eberstein zeigt in Silber eine rote Rose mit blauem Butzen (Ebersteiner Rose) und als Helmzier einen silbernen Mannesrumpf, auf dem Haupte eine silberne Bischofsmütze mit abflatternden Bändern, der Rumpf belegt mit einer roten Rose (fehlt hier). Helmdecken rot-silbern. Das Wappen der Markgrafen von Baden zur optisch Rechten zeigt in Gold einen roten Schrägbalken. Die Helmzier sind auf gekröntem Helm zwei hier abweichend silberne Steinbockshörner (normalerweise rot und golden tingiert), Helmdecken rot-golden.

Bei der Gelegenheit, da wir das badische Wappen in seiner einfachsten Form mit Helmzier sehen, ein paar Anmerkungen dazu: Der Balken taucht zum ersten Mal in einem Siegel von Hermann V (gest. 1243) auf. Er soll als Wappen bereits von Hermann II angenommen worden sein (gest. 1130), der sich erstmals 1112 Markgraf von Baden nannte. Als älteste Helmzier führten die Markgrafen von Baden als Kleinod zwei mit Lindenzweigen besteckte Büffelhörner, so zu sehen in einem Siegel von Hermann VII aus dem Jahre 1280. Auch die Züricher Wappenrolle bildet um 1330 das Wappen mit Lindenzweigen ab. Es gab damals zwei Linien der Markgrafen, einmal die Badener und einmal die Hachberger, entstanden durch Teilung des Besitzen unter Hermann V und Heinrich I, beides Enkel von Hermann III. Die Hachberger Linie führte die Steinbockshörner, die später nach der Wiedervereinigung die badischen Büffelhörner mit ihren Lindenzweigen ganz verdrängten. Die Steinbockshörner trugen dieselben Farben wie der Schild, rechts golden, links rot (oder auch umgekehrt dargestellt). Hier sind sie abweichend ganz weiß angestrichen. Die gesamte Geschichte und Entwicklung der badischen Wappen ist hier nachlesbar.

Dieses Wappen ist Ausdruck des Kondominats über Gernsbach, infolgedessen sowohl die Ebersteiner Grafen als auch die Markgrafen von Baden 1387-1660 über die Stadt herrschten. Die neue Kapelle "zu unserer lieben Frau" wurde gemeinsam von Vertretern beider Geschlechter gestiftet, die älteste bekannte Jahreszahl ist 1388, nur ein Jahr nach Beginn des Kondominats. Es gibt in der Literatur zwar konkrete Zuordnungen der Wappen zu Personen, die aber eher spekulativ sind.

Abb.: Konsolen mit Fratzen an verschiedenen Eingangspforten der Liebfrauenkirche.

Literatur:
Siebmachers Wappenbücher.
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Herbert Brunner, Alexander von Reitzenstein, Reclams Kunstführer Baden-Württemberg, Philipp Reclam Stuttgart 1979, ISBN 3-15-008073-8
Regina Kunitzki, Gernsbach im Murgtal, Casimir Katz Verlag 1985, ISBN 3-88640-025-5
Katholische Seelsorgeeinheit Gernsbach:
www.kath-gernsbach.de

Gernsbach (Murgtal, Schwarzwald): Schloß Eberstein (1) - Schloß Eberstein (2) - Liebfrauenkirche - Kondominatsbrunnen - Altes Rathaus - Liebfrauenkirche, Anna Alexandria von Fleckenstein - Liebfrauenkirche, Hans Bernhard von Eberstein - Liebfrauenkirche, sonstige

Die Wappen der Markgrafen, Kurfürsten und Großherzöge von Baden

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