Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 690
Fränkische Schweiz: Gößweinstein

Gößweinstein: Das Pfarrhaus von Küchel

Vor der Wallfahrtsbasilika gibt die vorgebaute Terrasse mit elegant geschwungener Balustrade, auf deren Knickpunkten Urnen mit daraus hervorkommenden vergoldeten Flammen positioniert sind, der barocken Fassade Raum zur Entfaltung. Zur Seite rechts neben der Kirche befindet sich das Pfarrhaus. Der breit gelagerte doppelstöckige Bau mit Mansarddach erscheint zurückhaltend gegen die himmelstrebende Fassade der Wallfahrtskirche daneben, doch beim näheren Hinsehen ist es ebenso ein architektonisches Meisterwerk, und die Dimensionen sind die eines ländlichen Schlosses.

Ein Sandstein-Mittelrisalit von 3 Fensterachsen enthält eine repräsentative Toreinfahrt und wird von einem breiten und niedrigen Dreiecksgiebel bekrönt, der das fürstbischöfliche Wappen enthält. Rechts und links davon ist der Bau verputzt, weiß mit Werksandsteingewänden und ebensolchen Eckquadern aus honigfarbenem Sandstein, jeder Teil 4 Fensterachsen breit, das ganze Gebäude 5 Fensterachsen tief. Es ist ein barocker Prunkbau von vornehmer Zurückhaltung, der seine Wirkung aus Regelmäßigkeit der Anordnung, edlen Proportionen und der gekonnt eingesetzten Steigerung von Material und Schmuck zur Gebäudemittelachse bezieht. Dieses Pfarrhaus, das in Wahrheit einem barocken Landschloß ähnelt, hat der Architekt Johann Michael Küchel entworfen. Es entstand nach dem Brand von 1746, der den Neubau der Wallfahrtskirche schwer beschädigte und dessen Dachstühle vernichtete, sogar die Hauptgesimse wurden dabei von der Hitze gesprengt, und die bereits eingebauten Glocken schmolzen in den Türmen. Glücklicherweise hielt jedoch das Kirchengewölbe den Belastungen durch die herunterfallenden Ziegel stand, und die Schäden konnten in den Folgejahren ausgebessert werden. Nach besagtem Brand wurde dieses repräsentative Pfarrhaus geschaffen, in dessen Dreiecksgiebel das Wappen des Bamberger Fürstbischofs Johann Philipp Anton von Franckenstein prangt.

Johann Jakob Michael Küchel wurde am 19.8.1703 in Bamberg geboren und verstarb am 2.6.1769 dortselbst. Er ist ein Schüler von Maximilian von Welsch und wurde zu einem der bedeutendsten Rokoko-Baumeister Frankens, der vom Bamberger Fürstbischof Friedrich Carl Graf von Schönborn zum Hofarchitekten ernannt wurde und dieses Amt auch unter seinen Nachfolgern behielt. 1737 ging er in bischöflichem Auftrag auf eine ausgedehnte Studienreise durch Böhmen, Sachsen und Österreich. In Franken gehen u. a. der Gartenpavillon der Neuen Residenz Bamberg, die Umgestaltung des Alten Rathauses Bamberg, das Elisabeth-Hospital in Scheßlitz und die Kilianskirche in Pretzfeld auf ihn zurück.

Gößweinstein, Pfarrhaus, Wappen im Dreiecksgiebel

Das Wappen ist zweimal geteilt und zweimal gespalten, an Position 5 liegt ein Herzschild auf:

Es handelt sich bei den Feldern 3/7 und 4/6 um eine verändernde Übernahme des Wappens derer von Sachsenhausen, die einen gevierten Schild führten:

Dieses Wappen ist an einem Epitaph in der Kirche St. Kastor zu Koblenz zu sehen (Doppelgrabmal des Friedrich von Sachsenhausen (gest. 1411, Koblenzer Amtmann) und seiner Frau Sophie Schenk von Liebenstein). Die Angabe im Siebmacherschen Wappenwerk "Feld 2, 3, 4 und 5 zu Sachsenhausen, welche jedoch den Schwan ohne Helm und keine Rosen führten" ist damit widerlegt.

Hier sind als Beiwerk die Kaiserkrone über dem Wappen als Zeichen der Entstehung des Hochstifts Bamberg als kaiserliche Stiftung und die hinter der Schildkartusche schräggekreuzten Insignien Schwert und Krummstab gewählt.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher.
Fritz Kestel: Die Wallfahrtsbasilika Gößweinstein, BVB Bayerische Verlagsanstalt Bamberg, 2. Auflage 2003, ISBN 3-89889-027-9
Ursula Pechloff: Wallfahrtsbasilika Gößweinstein, Herausgeber: Kath. Pfarramt Gößweinstein, Peda-Kunstführer Nr. 146/2002, ISBN 3-930102-51-X
Reclams Kunstführer Bayern, Philipp Reclam Verlag Stuttgart, 1956
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Roland Kunzmann: Die Kirchenbauten des Johann Jakob Michael Küchel. Dissertation, Universität Bamberg 2005 http://www.opus-bayern.de/uni-bamberg/volltexte/2007/110/pdf/Küchel.pdf

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