Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 715
Paderborn (Westfalen)

Paderborn: Liborianum (An den Kapuzinern 5-7)

Das Liborianum ist eine Bildungsstätte des Erzbistums Paderborn. Früher war es ein Kapuzinerkloster, von den durch Fürstbischofs Dietrich von Fürstenberg und seinem Domdechanten und späteren Dompropst Arnold von Horst nach Paderborn berufenen Kapuzinermönchen 1612 gegründet. Den Mönchen wurde zur Ansiedlung ein Grundstück für Kirche und Kloster überlassen. Die Fassade am ehemaligen Kloster nennt mit der Zahl 1674 unübersehbar aber ein neueres Datum, was daran liegt, daß der erste Bau 1616 beim Stadtbrand zerstört wurde und erneuert werden mußte. Aber auch dieser zweite Bau, vom Domdechanten und späteren Dompropst Arnold von Horst finanziert, blieb nicht lange bestehen, denn man hatte ihn eilig auf den alten, zu schwachen Grundmauern hochgezogen, eilige Reparatur in einer vom Brand geschädigten Stadt, was aber nur bis 1670 hielt, ehe sich größere Schäden zeigten. 1673 wurden das baufällige Kloster und die Kirche abgerissen; das Kloster wurde 1674 neu erbaut, die Kirche 1681-1683.

Dieses Kloster bestand auch fast zwei Jahrhunderte, bis es im Zuge der Säkularisierung auf Anweisung Napoleons erst 1811 aufgehoben und schließlich1834 endgültig geschlossen wurde. Danach wurde das Haus vielfältig genutzt, erst als Heim für betagte Priester, dann ab 1841 als Kinderheim (Pauline von Mallinckrodt), 1847-1979 als Bischöfliches Knabenseminar, ein Konvikt mit dem Ziel der Förderung der Hinführung auf den späteren Priesterberuf. Die Ausbildung setzte sich zusammen aus dem Besuch des humanistischen Gymnasium Theodorianum und zusätzlichen Kursen im Hause. Seit 1979 ist das Collegium Liborianum Bildungsstätte des Erzbistums Paderborn mit Angeboten zur religiösen, theologischen, sozialen und politischen Bildung. Es wird auch für Mitarbeiterfortbildungen, Gasttagungen und Konferenzen genutzt.

Das Portal wird von einem prächtigen Rahmen eingefaßt, das insgesamt drei Wappen enthält. Auf der optisch linken Seite befindet sich das Wappen von Horst. Der Edelherr Arnold von Horst ist Stifter: "NOB(ILIS) D(OMI)N(VS) ARNOLD AB HORST CATHED EC(CLES)IAE PADERBOR(NENSIS) PRAEPOSIT CONVENTV(M) HVNC AEDIFICAVIT A(NN)O 1615 A(NN)O VERO...." Die Inschrift nennt auch die Tatsache des Wiederaufbaus des Collegiums nach dem Stadtbrand, ebenfalls von Arnold von Horst finanziert ("SEQVENTI COMBVSTVM REAEDIFICAVIT A(NN)O 1618") und das Todesdatum des Stifters, den 12.12.1630, wurde also posthum angebracht, als der dritte Bau entstand. Das Wappen Horst zeigt in silbernem Feld fünf blaue Balken und darüber einen roten, golden gekrönten Löwen. Das Helmkleinod zeigt einen roten Löwen wachsend zwischen einem wie der Schild bez. Adlerflug. Helmdecken blau-silbern, hier mit reichlichen goldenen Applikationen. In Paderborn befinden sich weitere Vollwappen Horst am Theodorianum an einem von ihm gestifteten Treppenturm, im Dom am Epitaph für Christoph A. A. von Elmendorff, gest. 1779, sowie an einem Monumental-Epitaph als zusammengeschobenes Wappen.

Auf der optisch rechten Seite befindet sich das Wappen von Johann Heinrich Freiherr von Sintzig "IOES HENRICVS LIB(ER) BARO DE SINTZIG". Sein Wappen ist geviert: Feld 1 und 4 zeigt 3 (2:1) schreitende Vögel, Feld 2 und 3 ein Kreuz. Die Helmzier zeigt auf einem gestulpten Hut zwischen einem Paar Büffelhörner einen Vogel vor einem Busch Hahnenfedern. Der Name "Sintzig" wird auch "Sintzich" geschrieben. Die Anbringung des Wappens steht in Zusammenhang mit dem Neubau des baufälligen zweiten Gebäudes ("COLLAPSVM PER PIVM LEGATVM RESTAVRAVIT A(NN)O 1674"). Die Inschrift nennt ihn auch einen Erbmarschall im Herzogtum Jülich und Herr von Sommerberg sowie sein Todesdatum 20.4.1673, wurde also posthum angebracht.

Ein weiterer Beleg für dieses Wappen ist im Dom an einer Seitenkapelle (Dreifaltigkeitskapelle), gleich zweimal übereinander, das untere mit Krone in einer kreisförmigen Kartusche, das obere freistehend als Vollwappen. Beide haben eine andere Farbigkeit als hier am Liborianum, beide zeigen in Feld 1 und 4 in Gold 3 (2:1) golden gekrönte, rote, schreitende Vögel, Feld 2 und 3 in Rot ein goldenes Kreuz. Die Helmzier ist identisch. Neben der Inschrift "SANCTISSIMAE & INDIVIDVAE TRINITATIS SACELLVM IN SEPVLTVRAM VIVENS SIBI EXSTRVXIT A D 1653 ILLVSTRIS D IOANNES WILHELMVS BARO DE SINTZICH HVIVS & CATHEDRALIVM ECCLESIARVM MONASTERIENSIS ET MINDENSIS NEC NON COLLEGIATAE IN BVSTORF RESPECTIVE PRAEPOSIT ARCHIDIACONVS & CANONICVS DOMINVS IN SOMMERSBERG & OBIIT A D 1664 DIE PRIMO MAII RESQVIESCAT IN PACE" befindet sich zur Linken noch einmal das Wappen Sintzig als Teil der Ahnenprobe (neben Metternich und Kolf und einem vierten Wappenschild). In dieser Kapelle wurde nicht nur der Dompropst Johann Wilhem von Sintzig, sondern auch sein Neffe, der 1673 verstorbene Domherr Johann Heinrich von Sintzig begraben, der auf der Portalinschrift am Liborianum genannt wird.

Ein nächster Beleg des Familienwappens findet sich im Paderborner Rittersaal, dort wird der Name als "Kertzen von Sinzig" geführt, die Farben sind wiederum etwas anders: In Feld 1 und 4 in Gold 3 (2:1) rote, schreitende Vögel, Feld 2 und 3 in Rot ein silbernes Kreuz. Die Helmzier zeigt auf einem roten, silbern gestulpten Turnierhut zwischen zwei silbernen Büffelhörnern einen roten Vogel vor einer goldenen Pflanze mit 5 lanzettlichen Blättern. Helmdecke rot-golden. In anderem Zusammenhang wird die Familie auch "Gertzen, gen. Sinzich" benannt.

Johann Heinrich von Gertzen gen. von Sintzig entstammte dem sog. Haus Sommersberg der Familie. Der eigentliche Name ist von Gertzen, der Beiname Sintzig bezieht sich auf Sintzenich bei Zülpich. Mit dem Sinzig am Rhein bei Remagen hat das nichts zu tun. Hier zur Übersicht eine Genealogie der Familie, modifiziert nach Strange, mit Wappenfundorten, soweit bekannt:

Über dieser Zone befindet sich im geschwungenen Giebelaufsatz ein weiteres Wappen jüngeren Datums, das von Bischof Wilhelm Schneider, in dessen Amtszeit 1904 das Portal wiederum neu angelegt wurde, unter Integration der beiden alten Wappensteine. Es ist geviert:

Über dem kartuschenartig von einer Helmdecke (ohne Helm) eingefaßten Schild eine Inful, ein im Zentrum mit den Buchstaben IHS versehenes Kreuz und ein Bischofsstab.

Wilhelm Schneider wurde am 4.9.1847 geboren, studierte in Bonn und Innsbruck, empfing 1872 die Priesterweihe, trägt einen Doktorhut der Gregoriana in Rom (1879) und der Universität Tübingen (1886), wurde 1887 Professor für Moraltheologie in Paderboirn und Direktor des Theologenkonvikts, 1892 Domkapitular, 1893 Päpstlicher Hausprälat, 1894 Dompropst und schließlich am 10.5.1900 Bischof von Paderborn, nachdem sein Vorgänger Hubertus nach Köln gewechselt ist. In seiner Amtszeit von 9 Jahren (er verstarb am 31.8.1909) legte er einen besonderen Schwerpunkt auf den Ausbau des Pfarrsystems, wofür in seiner Amtszeit 6 Dekanate, 172 Pfarreien und Filialen und 91 klösterliche Niederlassungen neu errichtet wurden.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Dina van Faassen, Manfred Köllner, Roland Linde: Paderborn von A bis Z, Bonifatius GmbH Druck Paderborn 2006, ISBN 978-3-89710-332-0
www.liborianum.de und http://www.liborianum.de/pages/geschichtliches.html
Ein herzliches Dankeschön an den Direktor des Liborianums, Herrn Franz-Josef Volmert, sowie an Herrn Hamschmidt vom Förderverein für wertvolle Hinweise bezüglich der Heraldik des Portals und ihre freundliche Auskunft vom 12.11.2007
Hans Jürgen Brandt, Karl Hengst: Geschichte des Bistums Paderborn, Band 1 2002, Band 3 1997, Band 2 in Vorbereitung
DER DOM; Wochenblatt der Erzdiözese, Nr. 43, Okt. 2007, von Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Diözesanmuseum Paderborn
Paul Michels, Ahnentafeln Paderborner Domherren, Paderborn 1966, S. 40, Ahnentafel I, 24; S. 153, XI; Wappenheft S. XI, S. 263, XV
Paul Michels, Paderborner Inschriften, Wappen und Hausmarken, Paderborn 1957, S. 159, Nr. 48, Bildbeilage Seite XX, Nr. 5
Genealogie der Herren von Gertzen genannt Sintzig in: Joseph Strange, Beiträge zur Genealogie der adligen Geschlechter, 1. Heft, Köln 1864,
http://wiki-de.genealogy.net/Beitr%C3%A4ge_zur_Genealogie_der_adligen_Geschlechter_1_%28Strange%29/E-Book - http://wiki-de.genealogy.net/Beitr%C3%A4ge_zur_Genealogie_der_adligen_Geschlechter_1_%28Strange%29/E-Book#Genealogie_der_Herren_von_Gertzen_genannt_Sintzig - http://wiki-de.genealogy.net/Nachrichten_über_Adelige_Familien_und_Güter_-_2/039 - http://wiki-de.genealogy.net/w/index.php?title=Datei:Strange_adlige_familien2.djvu&page=36

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