Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 761
Lich (Hessen, Landkreis Gießen)

Lich: Evangelische Marienstiftskirche (4)
Dreiteiliges Grabdenkmal für sechs Personen

Das mit 5,65 m Breite und ohne Aufsätze 2,54 m Höhe größte und spektakulärste Grabmonument in der Marienstiftskirche nimmt fast die gesamte Breite des Chorhauptes ein und besteht aus drei Teilen. An drei Solmsische Grafenpaare wird hier an prominenter Stelle der Kirche gleichzeitig erinnert. In der Mitte der Stifter mit seiner Frau, zur optisch Linken, auf dem aus heraldischer Sicht besseren Platz, seine Eltern, zur optisch Rechten sein Bruder mit Frau. Die Sterbedaten sind 1544, 1524, 1522, 1525, 1562 und 1586. Der Auftrag zur Fertigung erfolgte 1545, also ein Jahr nach dem Tod des Vaters, aber die Ausführung ließ auf sich warten; erst 1562, im Todesjahr des Stifters, wurde es vollendet. Angefertigt wurde es vom Mainzer Künstler Dietrich Schro, der auch bedeutende Grabdenkmäler für den Mainzer Dom schuf (z. B. das Grabmal für Erzbischof und Kardinal Albrecht von Brandenburg, gest. 1545, und für Erzbischof Sebastian von Heusenstamm, gest. 1555). Die Formensprache mit Pilasterkapitellen, mit Eierstab und Zahnschnitt etc. ist die der Renaissance. Markante Rahmen gliedern die Fläche aus bemaltem Stuck, die langen Elemente und die Reihung von sechs freiplastischen, bekrönenden Wappen auf dem oberen Sims sowie die Reihung von 3x 2 Figuren schaffen eine starke Betonung der Horizontalen. Die Bemalung brachte Jörg Ritter auf. Die drei männlichen Figuren tragen jeweils eine zeitgenössische Rüstung; die Helme sind einheitlich zu ihren Füßen abgelegt. Die Körperhaltung der frontal dargestellten Figuren wirkt weniger starr durch Differenzierung von Stand- und Spielbein. Das ist bei den drei Damen aufgrund der weiten Gewänder nicht möglich, weshalb sie erheblich starrer wirken, wozu auch die einheitliche Faltung der Hände vor dem Bauch mit einem Rosenkranz darin beiträgt. Lediglich die mittlere Frauenfigur (Maria von Sayn) ist aus der Achse ein wenig ins Halbprofil gedreht und lockert die Reihe angenehm auf. Marie von Sayn und Anna von Mecklenburg tragen jeweils ein bodenlanges Gewand mit Puffärmel; Adriana von Hanau trägt ein Kleid mit langen, weiten Ärmeln und darüber einen capeartigen Umhang mit weit aufliegendem Kragen. Die Kopfbedeckung ist bei allen drei Frauen unterschiedlich. Es darf davon ausgegangen werden, daß die Darstellungen Portraitqualität haben, weil der Künstler Dietrich Schro für einige dieser Personen auch Medaillen geschaffen hat.

Erstes Grafenpaar
Das im linken Teil abgebildete Paar ist:

Die in Fraktur geschriebene, deutsche Inschrift lautet: "Philips Graue zu Solms her(r) zu Mintzennperg vnnd Sonnenwalt starb im Ja(h)re 1544 (a)vff freitag den 3. tag Octopris" bzw. "Adriana gebor(e)nn(e) Von Hanaw Greuin zu Solms vnnd frau zu Mintzennperg starb im Ja(h)re 1524 den 12 aprilis". Aus dieser ersten Ehe des Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich (15.8.1468-3.10.1544) entsprossen folgende Kinder:

Danach schloß Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich eine zweite Eheverbindung mit Walpurga Lindenlaub und hatte mit ihr folgende Kinder:

Eltern des Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich (15.8.1468-3.10.1544):

Eltern der Adriana v. Hanau-Münzenberg (1.5.1470 - 12.4.1524):

Großeltern des Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich (15.8.1468-3.10.1544):

Großeltern der Eltern der Adriana v. Hanau-Münzenberg (1.5.1470 - 12.4.1524):

Urgroßeltern des Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich (15.8.1468-3.10.1544):

Urgroßeltern der Eltern der Adriana v. Hanau-Münzenberg (1.5.1470 - 12.4.1524):

Das Wappen von Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich (geb. 15.8.1468, gestorben am 3.10.1544) ist geviert:

Das Solmser Wappen trägt hier zwei Helme:

Das Wappen Adriana v. Hanau-Münzenberg (1.5.1470, Hanau - 12.4.1524) ist geviert:

Das Hanauer Wappen trägt hier zwei Helme:

Zweimal Münzenberg? Ein Exkurs über die Geschichte von Münzenberg
Münzenberg ist eine Burg in der Wetterau, die wegen ihrer Anlage mit doppeltem Bergfried unter Burgenkundlern als Besonderheit (neben Thurandt) bekannt ist. Erbaut wurde sie von den Herren von Münzenberg, die eine Zwischenstellung zwischen Ministerialen und Freien einnahmen. Einerseits waren sie Ministerialen, damit eigentlich unfreie Dienstmannen, andererseits werden sie in den Urkunden auch als "liberi imperii" geführt und sind reichsunmittelbar. 1165 war die Burg bezugsfertig. Seit 1155/56 ist die Herrschaft Münzenberg (Minzenberg) bezeugt. Nach 1170 kam dazu ein Teil der Grafschaft Nürings/Nuringen. Die Herren von Münzenberg (Minzenberg) blühten nur in drei Generationen. In ihrem Gebiet hatten sie die Grafschaftsrechte inne, namentlich die höhere Gerichtsbarkeit und das Münzrecht. Der letzte Münzenberger im Mannesstamm war Ulrich II von Münzenberg. Als mit ihm die Herren und Reichsministerialen von Münzenberg im Mannesstamme ausstarben, wurde die Herrschaft 1255 aufgeteilt:

So kam das Wappen der Herren von Münzenberg in die gevierten Wappen der Herren von Falkenstein und der Grafen von Hanau. Da die Grafen von Solms die Herren von Falkenstein 1418 nach deren Erlöschen beerbten, kam das Wappen von Münzenberg auch in das der Grafen von Solms, die zuletzt 20/48 der ehemaligen Herrschaft Münzenberg hatten. Ein weiterer Erbe der Falkensteiner waren die Grafen von Eppstein, die ebenfalls 20/48 hatten. Also ist die neue Aufteilung:

Die Eppsteiner teilten sich 1433 in eine Linie Eppstein-Münzenberg und eine Linie Eppstein-Königstein. Als die Eppsteiner 1535 in den Hauptlinien Münzenberg und Königstein ausstarben, wurden 1581 deren Anteil an Münzenberg zwischen Stolberg und dem Hochstift Mainz zu gleichen Teilen aufgeteilt. Die neue Verteilung der ehemaligen Herrschaft Münzenberg sah wie folgt aus:

Der Anteil von Mainz kam 1684 an die Grafen von Hanau, die jetzt 18/48 innehatten. Dieser Teil kam mit dem Erbe der Grafen von Hanau 1736 an Hessen-Kassel. Der Anteil fiel 1810 über Frankreich an Hessen-Darmstadt. Die Solmser Güter kamen im frühen 18. Jh. direkt an Hessen-Darmstadt.

Was war aber mit dem Wappen? Interessanterweise finden sich redende Siegel, z. B. von 1220, die auf einem Dreiberg drei beblätterte Pflanzenstengel mit jeweils einer Blüte tragen, traditionell als Minze (Münzenberg = Minzenberg!) gedeutet. Alternative Siegelbilder zeigen auf einem Dreiberg zwei durch eine Mauer verbundene Türme, dazwischen ein Pflanzenstengel. Diese redenden heraldischen Symbole, die auch auf den Münzenberger Münzen Anwendung fanden, verschwinden mit dem Aussterben des Mannesstammes. Stattdessen führen die Erben der Herrschaft Münzenberg das beschriebene Heroldsbild, erst ein goldenes Feld mit rotem Schildhaupt, dann mit einer rot-goldenen Teilung.

So kommt es, daß hier beide Ehepartner, der eine aus dem Hause Solms, der andere aus dem Hause Hanau, das Symbol für Münzenberg im gevierten Schild führen.

Zweites Grafenpaar
Das im rechten Teil abgebildete Paar ist:

Die in Fraktur geschriebene, deutsche Inschrift lautet: "Otto Graue zu Solms vnnd her(r) zu Mintzennperg starb im Ja(h)re 1522 (a)vff den 14 tag Maii" bzw. "Anna geborne hertzogin von Megkelnburg Greuin zu Solms vnnd frau zu Mintz(en)perg starb 1525 den 16. tag März". Anna von Mecklenburg ist übrigens Urgroßmutter Gustav Adolfs von Schweden.

Eltern des Otto I. Graf v. Solms-Laubach (11.5.1496 - 14.5.1522)

Eltern der Anna v. Mecklenburg (14.9.1485 - 16.3.1525):

Großeltern des Otto I. Graf v. Solms-Laubach (11.5.1496 - 14.5.1522):

Großeltern der Anna v. Mecklenburg (14.9.1485 - 16.3.1525):

Urgroßeltern des Otto I. Graf v. Solms-Laubach (11.5.1496 - 14.5.1522):

Urgroßeltern der Anna v. Mecklenburg (14.9.1485 - 16.3.1525):

Über der Darstellung der beiden Personen freistehend auf dem Gebälk die zugehörigen Wappen. Das Solmser Wappen zur optisch Linken ist von Aufbau her identisch mit dem oben beschriebenen. Das Mecklenburger Wappen zur optisch Rechten ist wie folgt aufgebaut:

Zwei Helme führt das herzoglich-mecklenburgische Wappen:

Zur Geschichte der mecklenburgischen Helmzier(en): Diese durchläuft eine ziemliche Entwicklung:

Drittes Grafenpaar
Im mittleren Teil ist das Denkmal für den Stifter selbst, Reinhard I. Graf zu Solms-Hohensolms-Lich, geb. 12.10.1491, gest. 23.9.1562, und seine am 13.1.1524 in Hachenburg geehelichte Frau, Maria von Sayn (4.4.1506 - 13.5.1586). Reinhard I. Graf zu Solms-Hohensolms-Lich ist der Bruder von dem im rechten Teil abgebildeten Otto I. Graf zu Solms-Laubach (11.5.1496 - 14.5.1522) und der Sohn des im linken Teil abgebildeten Philipp Graf zu Solms-Hohensolms-Lich (geb. 15.8.1468, gestorben am 3.10.1544). Die in Fraktur geschriebene, deutsche Inschrift lautet: "Reinhardt Graue zu Solms vnnd her(r) zu Mintzenperg Rö(mische)r kay(serliche)r vnd hispanischer k(öniglich)er M(ajes)t(ä)t Rath etc. Ritter Starb (a)vf mit(t)wochen den 23. tag septembers Im Ja(h)re 1562 Seines Altters 71 Ja(h)re" bzw. "Marie gebor(e)nn(e) von Seyn greuin zu Solms vnnd frau zu Mintzennperg etc. Starb (a)vf freitag den 13 Maii Im ia(h)re 1586 I(h)res alters 81." An einigen Stellen, so z. B. hier beim Wort "Ritter", scheint die Inschrift erneuert worden zu sein.

 

Das Solmser Wappen ist von Aufbau her identisch mit dem oben beschriebenen. Das Wappen der Grafen zu Sayn zeigt in Rot einen goldenen Löwen; die Helmzier ist aber nicht wie erwartet ein nach rechts gebogenes, goldenes Widder-Horn (Sayn), sondern ein blauer sitzender Löwe, offensichtlich ein Fehler, vielleicht später falsch aus den einzelnen Teilen zusammengesetzt. Helmdecken nicht mehr vorhanden.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
Evangelische Marienstiftsgemeinde Lich www.marienstiftsgemeinde-lich.de
Ausführliche Beschreibung der Kirche:
http://www.marienstiftsgemeinde-lich.de/images/dokumente/MARIENSTIFTSKIRCHE%20ZU%20LICH%20Oberhessen.pdf - Text identisch mit dem Kirchenführer im Schnell & Steiner Verlag, aber ohne die dortigen Abbildungen
Herbert Kammer, Evangelische Marienstiftskirche Lich/Oberhessen, Schnell Kunstführer Nr. 666, 1957, 2. Auflage 1982, Verlag Schnell & Steiner, München/Zürich.
H. Roth, Die plastischen Bildwerke in der Marienstiftskirche, in: Licher Heimatbuch, Lich 1950
W. Küther: Das Marienstift Lich im Mittelalter, Lich 1977
Marienstiftskirche:
https://de.wikipedia.org/wiki/Marienstiftskirche_(Lich)
Drei Ehepaare aus der Grafenfamilie zu Solms-Lich, verstorben zwischen 1522 und 1586, Lich, in: Grabdenkmäler
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/871

Marienstiftskirche: J. v. Solms - Solms/Cronberg - F. v. Cronberg - Solms/Hanau/Sayn/Mecklenburg

Wappen der Grafen und Fürsten von Solms
Das Feld für Münzenberg und seine Verbreitung in deutschen Adelswappen

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Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Erlaubnis der Evangelischen Marienstiftsgemeinde Lich (www.marienstiftsgemeinde-lich.de) und Herrn Pfarrer Lutz Neumeier vom 10.12.2007, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

© Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2007
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