Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 799
"Schönborn-Barock": Schloß Bruchsal - Teil (2)

Schloß Bruchsal, Wappen 1: Mittelrisalit des Kammerflügels

Baugeschichte: Planung und Baubeginn
Im Jahre 1719 bestimmt der Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn den Platz für seine neue Residenz und beginnt mit den Vorbereitungen. Der Bauplatz ist gefunden, genügend Platz für eine ausgedehnte Anlage ist vorhanden, doch welchen Baumeister soll man wählen?

Kein Problem für einen Schönborn, konnte man sich doch praktisch innerhalb der Familie über gigantische Schloßbauten austauschen: Der Bruder baute gerade in Würzburg, und der Onkel auf dem Mainzer Thron war auch nicht gerade unerfahren in größeren Bauvorhaben. Von diesem bekam er zunächst den Mainzer Hofbaumeister Maximilian von Welsch empfohlen, der 1720 einen Entwurf für eine Schloßanlage mit mehr als 50 Einzelgebäuden vorlegte: Gigantisch, pompös, beeindruckend, nie dagewesene Repräsentation - aber auch zu teuer. Der Kontakt über Mainz blieb aber bestehen, auch wenn Maximilian von Welsch aus dem Rennen war. So fertigte später Anselm Freiherr von Ritter zu Grünstein einen Plan für die zentrale Einheit, der aber später vom Fürstbischof modifiziert wird. Die örtliche Bauleitung übernimmt aber erst einmal 1720-1723 Schloßbaumeister Johann Georg Seitz, von des Fürstbischofs Bruder Franz Erwein von Schönborn vermittelt. Schönborn setzte ein Residenz-Bauamt ein („Apartes Bauamt wegen des großen Bauwesens“), dem neben dem Werkmeister Johann Georg Seitz ein Kammerrat, ein Bauzahlmeister und ein Bauschreiber angehörten.

Die ersten Gebäude, die entstanden, waren der Bauhof und die beiden symmetrischen Pavillons (Hofzahlamt und Hofkontrollamt). Damit kam der Stein ins Rollen, denn währenddessen liefen die Vorbereitungen (Material, Beschaffung, Transport, Werkzeug, Handwerker etc.) für den eigentlichen Corpus auf Hochtouren.

Abb.: Kammerflügel, von SSW gesehen

Baugeschichte: Errichtung des Kammerflügels
1722 wurde die Stelle geebnet, an der sich das eigentliche dreiflügelige Schloß erheben sollte, und die Grube für die Fundamente wurde ausgehoben. Am 27.5.1722 war es dann soweit: Der Fürstbischof höchstpersönlich legt den Grundstein zu einem der gigantischsten barocken Projekte, beginnend mit dem Kammerflügel. Mit großer Eile wurde die Bauarbeit vorangetrieben: Nur einen Monat nach der Grundsteinlegung waren Keller und Erdgeschoß des Kammerflügels schon eingewölbt. Und im November, nicht einmal 6 Monate nach der Grundsteinlegung, wurde schon der Dachstuhl aufgeschlagen, und zum Jahresende war der Kammerflügel schon fertig mit Schiefer eingedeckt - eine logistische Großleistung. Im Folgejahr, 1723 wurde der Rohbau mit Fensterflügeln und Zierteilen (Portale, Wappensteine etc.) versehen, darunter auch der hier vorgestellte Wappenstein, gefertigt vom Hofbildhauer Johann Valentin Götz. Mit dem Ausbau des Kammerflügels näherte sich auch die Dienstzeit des Schloßbaumeisters Johann Georg Seitz ihrem Ende zu, denn des Fürstbischofs Bruder beorderte ihn nach Wiesentheid zurück, was den Bau ins Stocken brachte. Nach Ablauf eines an den Bruder gerichteten „Ultimatums“ stellte der Kirchenfürst Michael Ludwig Rohrer als neuen Schloßbaumeister ein.

Am Rande sei angemerkt, daß der Fürstbischof als absoluter Landesherr zum Bau Frondienste in Anspruch nehmen konnte und dies auch in großem Umfange tat. Auch die „Comdemnierung“ von Zigeunern und „herrenlosen Burschen“ zur Zwangsarbeit wurde damals als legitimes Mittel angesehen, um die eigenen Untertanen zu entlasten.

Den Namen hat der Kammerflügel von der fürstbischöflichen Kammer, der Landesverwaltung. Funktional war der Kammerflügel eine Mischung aus Privaträumen, Verwaltung und Repräsentation. Der Innenausbau zog sich bis 1725, und im Dezember dieses Jahres konnte der Fürstbischof Einzug halten.

Abb.: Prunkwappen am Kammerflügel, angebracht am Mittelrisalit zwischen erstem und zweitem Obergeschoß. Bestes Licht für's Photographieren: spätvormittags.

Das Prunkwappen am Kammerflügel:
In einer Umrahmung aus vergoldeten, stilisierten Pflanzen und Blättern im oberen Teil und goldenen Fransen im unteren Teil werden unter einem roten Kardinalshut mit beiderseits 15 (1:2:3:4:5, teilweise verdeckt) Fiocchi auf einem hermelingefütterten Wappenmantel drei einzelne barock verzogene Wappenschilde zusammengestellt, hinter denen ein Vortragekreuz und ein Krummstab auf den geistlichen Rang und ein Schwert auf die Landesherrschaft verweisen, über den Schilden ein roter, hermelinverbrämter Fürstenhut. Hinter den Schilden liegt außerdem noch ein riesiges schwarzes, silbern bordiertes Tatzenkreuz des Deutschen Ordens.

Abb.: Blick am Kammerflügel vorbei auf den nördlichen Verbindungsbau

Die Stammfolge der Grafen von Schönborn - Teil 1: Der Aufstieg
Der Aufstieg der Familie Schönborn ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Einst ein reichsritterschaftliches Geschlecht aus dem Taunus und dem Westerwald, Burgleute und Amtmänner, schafften sie es in bedeutende Regierungspositionen und an die Spitzen bedeutender geistlicher Fürstentümer und prägten ihre Zeit nachhaltig. Man ist direkt geneigt, von einer Schönbornzeit zu sprechen, denn rund ein halbes Jahrhundert prägen die Schönborns die Geschichte des Reiches, der katholischen Kirche und der Kunst maßgeblich.

Abb.: Das Prunkwappen des Damian Hugo von Schönborn im Kontext. Über der auf den Altan führenden Tür die Jahreszahl der Fertigstellung, 1726. Das Wappen ist darstellungsgleich mit dem Pendant am Kirchenflügel.

Die Stammfolge der Grafen von Schönborn - Teil 2: Das Schönborn-Zeitalter
Beginnen wir neu mit dem letzten der obigen Reihe, dem Stammvater der "mega-erfolgreichen" Schönborns. Faszinierend an diesen verwandtschaftlichen Verflechtungen ist nicht nur, daß hier sechs Kirchenfürsten aus der gleichen Familie engstens zusammenkommen, daß zeitweise Reichskanzler und Reichsvizekanzler aus der selben Familie kamen, sondern daß auch vier Brüder Kirchenfürsten wurden und drei deren Schwestern Mütter von drei weiteren Fürstbischöfen (Seinsheim, Ostein, Limburg-Styrum) wurden, abgesehen von weiteren hohen und höchsten Ämtern in der Familie:

Abb.: Grundriß der Gesamtanlage mit Position des besprochenen Wappens.

Die Stammfolge der Grafen von Schönborn - Teil 3: Drei Linien
Beginnen wir neu mit Rudolf Franz Erwein Graf von Schönborn-Wiesentheid, dem Stammvater der drei Linien, die sich bildeten:

Abb.: Detail vom Prunkportal des Kammerflügels, die Konsole liegt unter der Altanbrüstung.

Übersicht: Fürstbischöfe von Speyer:
Marquard Freiherr von Hattstein (1560 - 1581)
Eberhard von Dienheim (1581 - 1610)
Philipp Christoph von Sötern (1610 - 1652), Personalunion mit Trier
Lothar Friedrich von Metternich-Burscheid (1652 - 1675), Personalunion mit Mainz und Worms
Johann Hugo von Orsbeck (1675 - 1711), Personalunion mit Trier
Heinrich Hartard von Rollingen (1711 - 1719)
Hugo Damian von Schönborn (1719 - 1743)
Franz Christoph von Hutten zu Stolzenberg (1743 - 1770)
Damian August Philipp Karl Graf von Limburg-Styrum (1770 - 1797)
Graf Philipp Franz Nepomuk Wilderich von Walderdorff (reg. 1797 - 1802, gest. 1810)
Sedisvakanz 1802-1818

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher (insbesondere Band Bistümer)
Kurt Lupp: Schloß Bruchsal, Bau, Zerstörung und Wiederaufbau, Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Stadt Bruchsal, Band 21, Verlag Regionalkultur, 2003, ISBN 3-89735-263-X
Stephan Mauelshagen, Ordensritter - Landesherr - Kirchenfürst: Damian Hugo von Schönborn, Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Stadt Bruchsal, Band 18, Verlag Regionalkultur, 2001, ISBN 3-89735-173-0
Informationstafeln an den Gebäuden
Hans Leopold Zollner, Damian Hugo von Schönborn und seines "Lebens Arbeit", Beiträge zur Landeskunde, regelmäßige Beilage zum Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Nr. 6, Dez. 1975
Kurt Andermann, Otto B. Roegele, Residenzen der Bischöfe von Speyer: Speyer - Udenheim - Bruchsal, Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Stadt Bruchsal, Band 5, Verlag Regionalkultur, 1989
http://www.schloss-bruchsal.de/de/schloss-bruchsal
http://www.schloesser-magazin.de/de/saekularisation/Schloss-Bruchsal/236276.html
http://www.belle-alliance.com/bruchsal/bruchsal.html
Hans Huth: Schloss Bruchsal. Die ehemalige Residenz der Fürstbischöfe von Speyer (Langewiesche-Bücherei). 3. Auflage. Langewiesche, Königstein 1990, ISBN 3-7845-0311-X
Hajo Rheinstädter: Schloß Bruchsal. Führer. Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg/Staatsanzeiger für Baden-Württemberg/Brausdruck, Heidelberg 1996, ISBN 3-932489-02-0
Artur Hassler: Der Wiederaufbau des Bruchsaler Schlosses - Sonderbeilage der BNN 28.2.1975 zur Schloßeinweihung
Thomas Moos: Bruchsal, ein Rundgang durch Geschichte und Gegenwart, Verlag Regionalkultur, ISBN 3-89735-202-8
Hans Huth: Der Wiederaufbau des Schlosses in Bruchsal - Denkmalpflege in Baden-Württemberg 4/1975, S. 143-148
Hartmut Platte: Das Haus Schönborn, Grafen, Fürstbischöfe und Mäzene, Börde-Verlag Werl, 2006, Reihe Deutsche Fürstenhäuser Heft 13, ISBN 3-980 9107-3-3
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Ausstellungskatalog "Die Grafen von Schönborn. Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene", Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1989
Das Haus Schönborn:
http://www.schoenborn.de/

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