Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 816
Burgen und Schlösser in Franken: Wiesenthau

Schloß Wiesenthau

In Wiesenthau bei Forchheim liegt das Schloß der einstigen Herren von Wiesenthau, ein das Ortsbild beherrschender Renaissancebau, eine nach Norden offene Dreiflügelanlage, direkt benachbart die Kirche, ehemals Schloßkapelle. Die Herren von Wiesenthau hatten 1128 - 1814 die Ortsherrschaft inne. Seit 1128 sind die Herren von Wiesenthau urkundlich bekannt, damals ein Bamberger Ministerialengeschlecht. Wiesenthau war ursprünglich freier Besitz der Herren von Wiesenthau, wurde aber 1379 teilweise an das Bistum Bamberg verkauft, sodaß sie Lehensleute des Hochstiftes wurden. Die reichsritterschaftliche Familie gehörte zu den Ritterkantonen Gebürg, Baunach und Steigerwald. Sie gehörten ferner zu den ersten Ganerben auf dem Rothenberge (Philipp von Wiesenthau und sein Sohn Wilhelm). Das Geschlecht wird Mitglied in der Rittergesellschaft von der Fürspang. Zu den Besitzungen zählen neben dem Stammsitz Forchheim, Zaunsbach, Siegritzau, Kirchehrenbach, Buckenhofen, Pretzfeld, Peulendorf, Rattelsdorf, Wingersdorf, Gaustadt, Adelsdorf, Reckendorf, Kemmern, Gundelsheim und Hetzelsdorf, dazu der Anteil an der Ganerbschaft Rothenberge. Darüberhinaus hatte man noch mit der Burg Leupoltstein ein böhmisches Lehen inne, das aber wegen Raubrittertum des Dietrich von Wiesenthau verlorenging. 1802 fiel Wiesenthau an Bayern.

Wenn man sich der Anlage auf dem Zufahrtsweg nähert, fällt der Blick zuerst auf den gewaltigen Südflügel mit Rundtürmen an den beiden Ecken, wovon der rechte (Südostturm) früher als Gefängnis diente. Im Kern stammt dieser Bau aus dem 14. Jh. 1379 wird die Burg erstmalig erwähnt. Dieser Bau sah Zerstörung in den Hussitenkriegen 1430 und 1525 im Bauernkrieg. 1529 begann der Wiederaufbau, aus dieser Zeit stammt das, was wir heute sehen, der Südflügel und der Westflügel. Etwas später, in der zweiten Hälfte des 16. Jh., wurde der Ostflügel mit dem Treppenturm errichtet. Aus dieser Zeit stammen auch die unvergleichlichen Löwenmäuler, je zwei innen und außen an der Fassade des Ostflügels. Die Herren von Wiesenthau gibt es nicht mehr, denn sie starben in der Hauptlinie 1613 aus, worauf eine Nebenlinie die Nachfolge antrat, die starb dann 1814 aus. Heute ist das Schloß in privater Hand (Familie Weber) und wird nach einer umfassenden Restaurierung 1985-1992 als Hotel und Restaurant geführt. Die Restaurierung ist vorzüglich gelungen, und wer dieses Kleinod fränkischer Wohnburgen heute sieht, ahnt kaum, daß die Besitzer es einst in den 70er Jahren fast als Ruine übernommen hatten.

Der Wappenstein außen am Westflügel ist auf 1566 datiert und erinnert an einen grundlegenden Umbau zu dieser Zeit. Unter einem dreieckigen Giebelfeld, muschelrippenförmig gefüllt, befindet sich unter einem in den Zwickeln von zwei Gesichtern begleiteten Bogen das Vollwappen der von Wiesenthau: In Silber oder Gold ein aus waagerecht liegenden roten Wecken gebildeter Pfahl. Die Farbe des Feldes kann silbern oder golden sein, das wechselt. Und für beide Varianten finden sich Belege. Im Scheiblerschen Wappenbuch wird die Familie als "Weissenau" geführt und zeigt einen silbernen Hintergrund, die Rauten stoßen so an, daß sie an ihrer breitesten Stelle horizontal halbiert sind, ferner stoßen die Spitzen der Rauten am rechten und linken Schildrand an. Im Alten Siebmacher ist der Hintergrund golden. Es bleibt auch hier eine Ambivalenz der Quellenlage. Helmzier zwei schwarze Büffelhörner mit roten oder silbernen Kugeln bzw. Knöpfen in den Öffnungen. Im Codex Ingeram sind die spitzen Hörner schwarz, tragen zum spitzen Ende hin vier silberne Punkte auf den Spitzen der Hörner rote zylindrische Gebilde mit silbernem Rand, oben silbern abgedeckt. Im Wernigeroder Wappenbuch sind es schwarze Hörner, oben mit goldenen Kugeln besteckt. Die Bauplastik hier und an anderen Stellen belegt einfarbig glatte Hörner mit Kugeln. Helmdecken schwarz-silbern oder schwarz-golden. Die Familie belegt eben beide Blasonierungen, so sehr man sich auch Wappeneindeutigkeit wünschen mag.

Zu beiden Seiten eine Ahnenprobe, jeweils 8 Schilde, also insgesamt 16 Ahnen entsprechend. Im Bild zur optisch Linken gut erkennbar die acht Schilde der männlichen Seite (Schwertseite), von oben nach unten: ganz oben zerstört, von der Logik her müßte es von Wiesenthau sein (in Silber oder Gold ein aus waagerecht liegenden roten Wecken gebildeter Pfahl), der zweitoberste Schild ist ebenfalls zerstört, von der Logik her müßte es von Redwitz sein (in Blau drei silberne Balken, belegt mit einem roten schrägrechten Wellenbalken), von Wolfskeel (in Gold ein schwarz gewandeter oder je nach Darstellung unbekleideter Mohr, der in seiner ausgestreckten rechten Hand drei rote Blumen hält. Die linke Hand ist in die Hüfte gestützt), Förtsch von Thurnau (im Kerbschnitt von Rot und Silber schrägrechts geteilt), von Streitberg (geviert: Feld 1 und 4: In Rot eine silberne Sichel mit goldenem Griff, ggf. auf einem als grün beschriebenen Dreiberg, hier nicht mehr zu erkennen. Feld 2 und 3: In Gold ein blauer Löwe, gekrönt), Marschalk von Ebnet (in Blau drei silberne Balken, belegt mit einem roten schrägrechten Wellenbalken), von Aufseß (in Blau ein weißer Balken, belegt mit einer roten Rose), von Nothafft (in Gold ein blauer Balken).

Auf der heraldisch linken, optisch rechten Seite, hier durch den blühenden Baum verdeckt, befinden sich die Wappenschilde der Frauenseite (Spindelseite), hier von oben nach unten genannt: ganz oben zerstört, von der Logik her müßte es von Redwitz sein (in Blau drei silberne Balken, belegt mit einem roten schrägrechten Wellenbalken), es folgen zwei gleiche Schilde, beidesmal von Bibra (in Gold ein steigender schwarzer Biber mit geschupptem Schwanz, rot bewehrt, von Schaumberg (geviert, Feld 1 und 4: gespalten, rechts in Gold eine schwarze Schafschere, links in Rot ein silberner Sparren, Feld 2 und 3: von Silber, Rot und Blau halbgespalten und geteilt), von Künsberg (in Blau eine silberne eingebogene Spitze), von Wolffstein (zwei rote, schreitende Löwen in Gold), Stiebar von Buttenheim (in einem silbern-schwarz geteilten Schild oben eine aus der Teilung hervorkommende rote Saufeder mit Querstange), von Fuchs (in Gold ein springender roter oder natürlicher Fuchs).

Die genaue Zuordnung der teilweise verwitterten und auch mehrdeutig interpretierbaren Wappenschilde ist möglich, weil sich in der Pfarrkirche St. Kilian in Scheßlitz ein hervorragendes Epitaph für Wolf Dietrich von Wiesenthau und Beatrix von Redwitz befindet, dessen 16 namentlich bezeichnete Schilde der Ahnenproben identisch mit diesen 16 Ahnen sind. Inhaltliche Abweichungen ergeben sich nur bei den Wappen Schaumberg und Streitberg, wo hier am Schloß jeweils die vermehrte Variante zu finden ist, in Scheßlitz dagegen das Stammwappen.

Man beachte an den beiden Seiten ganz unten außen jeweils einen kleinen Delphin, der den Anschluß zum breiteren Sims darunter schafft.

Die verwaschene Inschrift unter diesem Wappenstein am Südflügel (hofseitig) besagt, daß 1525 ("Als man zelt fünfzehnhundert Jar und fünfundzweinezig... Jar nachdem geborn war Jhesus Crist zw Sumerszeit gescheen ist") die alte Burg im Bauernkrieg zerstört wurde ("haus wardt ausgebrent") und daraufhin vom "Streng und Edel Ritter" von Wiesenthau ("Wisentaw") neu erbaut wurde.

Das Vollwappen von Wiesenthau in der Mitte wird in den vier Ecken des Feldes von vier Wappenschilden begleitet, eine 4er-Ahnenprobe. Es sind dies die Wappen Wiesenthau (heraldisch rechts oben, in Silber oder Gold ein aus waagerecht liegenden roten Wecken gebildeter Pfahl), Redwitz (heraldisch links oben, in Blau drei silberne Balken, belegt mit einem roten schrägrechten Wellenbalken), Förtsch (heraldisch links unten, im Kerbschnitt von Rot und Silber schrägrechts geteilt) und Wolfskeel (heraldisch rechts unten, in Gold ein schwarz gewandeter oder je nach Darstellung unbekleideter Mohr, der in seiner ausgestreckten rechten Hand drei rote Blumen hält. Die linke Hand ist in die Hüfte gestützt).

Das Wappen der Gemeinde Wiesenthau erinnert übrigens an die Herren von Wiesenthau: Es ist wie folgt blasoniert: Über von Rot und Silber gespaltenem Zinnenschildfuß, belegt mit einer Lilie in verwechselten Farben, gespalten von Silber und Rot; vorne übereinander vier liegende rote Rauten, hinten ein silberner Flug. Die vier Rauten erinnern an die Herren von Wiesenthau. Der Zinnenschildfuß nimmt Bezug auf die Burg. Der Flug als Symbol für den Evangelisten Matthäus steht für die Pfarrkirche des Ortes, die diesem Heiligen geweiht ist. Zuletzt verweist die Lilie als Mariensymbol auf St. Maria in Schleifhausen.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Wiesenthau: http://www.wiesenthau.de/index.htm
Schloßhotel:
http://www.schlosshotel-wiesenthau.de/

Scheßlitz (Franken): Epitaph Wiesenthau/Redwitz

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