Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 891
Darmstadt

Darmstadt: Schloß (1) - Südflügel

Das Schloß in Darmstadt ist eine hochinteressante Baugruppe aus Gebäuden mehrerer Jahrhunderte, die sich um insgesamt drei Innenhöfe gruppieren, den Parforcehof, den Kirchenhof und den Glockenhof. Von der Innenstadt aus nimmt man zuerst nur die beiden einheitlichen Barockfassaden wahr, doch der geschlossene Eindruck täuscht - hinter dem zweiflügeligen Neuschloß - Erbauer dieses neuen Schlosses ist Ernst Ludwig Landgraf v. Hessen-Darmstadt (15.12.1667 - 12.9.1739) - befinden sich viele ältere Gebäude. Von der Altstadt her durchquert man die barocke Südfront durch einen dreiachsigen Portikus und gelangt in den Glockenhof, der im Norden vom sog. Kaisersaalbau begrenzt wird und auf seiner Westseite vom sog. Prinz-Christian-Bau, während auf der Ostseite der Glockenbau mit seinem markanten Glockenturm steht, alles aus dem 17. Jh. Der Prinz-Christian Bau läßt sich nach Westen durchschreiten, so daß man in den Parforcehof zwischen dem Prinz-Christian-Bau und dem westlichen Barockflügel gelangt. Zurück im Glockenhof, kann man den Kaisersaalbau wiederum nach Norden durchschreiten, um in den Kirchenhof zu gelangen. Das ist der Kernbereich der ehemaligen Burg, der innerste Hof der Burg und des Renaissanceschlosses. Dieser dritte Hof wird im Süden vom Kaisersaalbau begrenzt, im Osten vom Kirchenbau mit der darin befindlichen Kirche, während im Westen der Weißer Saal-Bau liegt. Die nördliche Begrenzung ist ein wenig komplex, schräg schließt der Herrenbau die Bebauung und wird durch den Paukergang wieder mit dem Kirchenbau verbunden. Zwischen dem Herrenbau und dem Kirchenbau befindet sich auch der nördliche Eingang.

Das Darmstädter Residenzschloß hat Wurzeln, die bis in die Mitte des 13. Jh. reichen. Einst war Darmstadt Besitz der Grafen von Katzenelnbogen, und diese bauten hier eine Wasserburg. 1376 wird sie erstmals erwähnt. Die Grafen bauten die Burg immer weiter aus und nutzten sie als Nebenresidenz.1479 starben die Grafen aus, und Besitz und Titel fielen an die Landgrafen von Hessen. Von dieser alten Burg sieht man nur noch Fundamente des Bergfriedes in einem Hofwinkel, ferner sind Teile der Ringmauer an der Nordwest- und der Nordostseite des Herrenbaues erhalten, denn die Burg der Grafen wurde mehrfach zerstört, erst durch Franz von Sickingen im Bauernkrieg, dann 1546 im Schmalkaldischen Krieg von kaiserlichen Truppen, wobei die Burg ausbrannte. Einer der ältesten Bauten der heutigen Anlage ist der Herrenbau, dreigeschossig und fünfachsig zum Hof. Hier steckt der an die Ringmauer angebaute ehemalige Palas der mittelalterlichen Burg im Kern drin. Hier waren Küche und Speisesaal sowie die Wohnräume der landgräflichen Familie eingerichtet. Jedesmal erfolgte Wiederaufbau, so auch jetzt ab 1556. 1557-60 ist der Steinmetz Moritz Lechler als Bauleiter nachzuweisen. Beratend tätig war der Baumeister Hans Knauß aus Kassel, der ansonsten in Frankfurt arbeitete. Ab 1567 erfolgte unter Georg I. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (10.9.1547 - 1596) eine Erweiterung und Ausbau zur Residenz sowie Anpassung an die neueste Verteidigungstechnik mit umlaufendem Wall, Graben und Bastionen an den Ecken, nachdem durch die Erbteilung des Hauses Hessen Darmstadt Hauptresidenz der Teilgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde (die andere Linie war Hessen-Kassel). Die Risse fertigte 1567 Christoph Müller aus Kassel. Das wiederaufgebaute Schloß war ein Renaissancebau inmitten eines Walles mit kleinen viereckigen Eckbastionen. Der dreigeschossige und zum Glockenhof mit sieben Fensterachsen versehene Kaisersaalbau und der Kirchenbau entstanden in einem Guß in den Jahren 1595-97. Die Durchfahrt zum Kirchenhof hat zwei Portale von ca. 1580 und 1595 (Datierung vorhanden). Aus einer relativ frühen Phase der Erweiterung stammt der Weißer Saal-Bau, dreigeschossig, zum Kapellenhof vierachsig, zum Parforcehof aber fünfachsig. Im Norden ist ein Treppenbau mit je zwei Achsen zu beiden Höfen zwischen diesem Flügel und dem älteren Herrenbau eingefügt. Aus einer späteren Bauphase stammt die südliche Verlängerung, der Prinz-Christian-Bau, 1668 - 1678 errichtet. Die zwei Portale der Durchfahrt zum Parforcehof sind mit den Jahreszahlen 1671 und 1672 versehen. Im Äußeren entspricht der Flügel dem Weißer Saal-Flügel. Etwas früher ist der Glockenbau entstanden (1663).

Abb.: Südlicher Flügel von Süden. Bestes Photolicht mittags bis nachmittags.

In dem Inschriftsfeld der Attika des Mittelrisalits befindet sich folgender Text: "AB ERNESTO LVDOVICO LANDGRAVIO HASSIAE PRAESENS ARX LOCO ALTERIVS VVLCANI FVRORE ABREPTA EXTRVCTA EST" - worin die Jahreszahl des Baubeginns verschlüsselt wird: L V D V I C L D V I I X L C L I V V V L C I V X V C = 50 + 5 + 500 + 5 + 1 + 100 + 50 + 500 + 5 + 1 + 1 + 10 + 50 + 100 + 50 + 1 + 5 + 5 + 5 + 50 + 100 + 1 + 5 + 10 + 5 + 100 = 1715 AD.

Bis 1693 hatte das Darmstädter Residenzschloß noch seinen mittelalterlichen Bergfried, der erst 1595 aufgestockt worden war, erst dann wurde er bei einem Angriff französischer Truppen zerstört und 1699 abgebrochen. 1715 brannte die Kanzlei ab. Ernst Ludwig Landgraf v. Hessen-Darmstadt (15.12.1667 - 12.9.1739) entschloß sich zu einem totalen Neubau ab 1715. Es sollte ein riesiger Barockbau werden, eine Vierflügelanlage um einen rechteckigen Innenhof, zusätzliche rückwärtige Gebäude in der Flucht der Vorgaben des Hauptbaus sollten entstehen. Das ganze alte Renaissanceschloß sollte dafür abgerissen werden. Architekt war Louis Remy de la Fosse, ein Emigrant aus Frankreich, geb. ca. 1659, gest. 17.9.1726, dessen sonstige Werke hauptsächlich in Hannover entstanden, so 1706 die Rundpavillons in Herrenhausen, 1706-19 das ehemalige Ständehaus in der Osterstraße, 1711/12 das Pagenhaus in Herrenhausen, 1712 der Neue Marstall. Weitere Arbeiten sind 1720 die Planung für das Schloß in Mannheim, 1723-32 Arbeiten am Schloss in Kleinheubach, 1706-09 Jagdschloss Göhrde bei Lüneburg. In Darmstadt entstanden neben dem Schloß 1716-21 Herrengarten und Orangerie in Darmstadt-Bessungen, und auch von dieser wird nur ein Flügel vollendet. Doch zur Ausführung des großartigen Entwurfes für das darmstädter Schloß kam es nur zum Teil. Der lange Süd- und der kürzere Westflügel wurden vollendet, zur Ausführung von Nord- und Ostflügel kam es nicht, dort blieben die alten Renaissance-Flügel bestehen, so daß wir heute hinter einer Barockfront ein Renaissance-Schloß vorfinden. Ursache für den Baustop 1726 war Geldmangel.

1918 dankte der Großherzog von Hessen ab, und das Schloß kam in Staatsbesitz. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Schloß am 11./12.9 1944 komplett aus. Nur die Außenmauern blieben stehen. In mehr als 20 Jahren wurde der alte Zustand wiederhergestellt, natürlich nur außen, und auch dazu mußten manche der geborstenen Mauern bis auf die Grundmauern niedergelegt und neu errichtet werden. Im Innern sind heute Institute der Technischen Universität untergebracht, ferner die Hessische Universitäts- und Landesbibliothek. Im Glockenbau befindet sich das Schloßmuseum. Das Schloß ist staatlich, alle Höfe und Wappen sind öffentlich zugänglich.

Das Wappen im Giebelfeld des Südflügels ist das von Hessen-Darmstadt, wie es 1642/1659-1736 geführt wurde. Im Vergleich zur Vorgängerversion neu sind die Elemente Hersfeld und Schaumburg, dazu Isenburg-Büdingen - ein Unterscheidungsmerkmal zum Wappen von Hessen-Kassel, welches dieses Feld nicht besaß. Georg II von Hessen-Darmstadt hatte 1642 die Anwartschaft auf die Grafschaft Isenburg erworben, das Recht, Wappen und Titel zu tragen, eingeschlossen. Dieses ist ein Anspruchswappen. Die Isenburger Balken kommen nur bei Hessen-Darmstadt und Hessen-Homburg als dessen Abspaltung, nicht aber bei Hessen-Kassel vor. Das Wappen hat einen Herzschild und einen gespaltenen und zweimal geteilten Hauptschild, wobei Feld 5 noch einmal geteilt ist:

Genealogie zum Wappen:

Abb.: Position des besprochenen Wappens

Abb.: Blick auf den Westflügel von Westen.

Abb.: Monogramm von Ernst Ludwig Landgraf v. Hessen-Darmstadt (15.12.1667 - 12.9.1739) über dem Eingang in den Westflügel, durch den man in den Parforcehof gelangt. Das gleiche Monogramm begleitet uns vielfach in den Zwischenräumen zwischen den Konsolsteinen des Hauptgesimes an der Front unter dem Dachansatz.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Landesfürsten
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Schloß Darmstadt:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/XML/024_Darmstadt_Schloss.xml
Grundriß:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Bilder/Slides/024_SL_07_DAS_PLAN_017N.jpg und http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Bilder/Slides/024_SL_08_DAS_PLAN_018N.jpg
Schloßmuseum Darmstadt:
http://www.schlossmuseum-darmstadt.de/start.htm
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Jürgen Reiner Wolf, Louis Remy de la Fosse, 1980.
Darmstädter Geschichte:
http://www.darmstadt.de/kultur/geschichte/index.html

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