Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 893
Darmstadt

Darmstadt: Schloß (3) - Nordtor

Im Norden der Schloßanlage steht dem Wall vorgeblendet ein Torgebäude, zu dem die Brücke über den schloßgraben führt und das den Torweg durch den Wall bewacht und einrahmt. Dem unteren Geschoß mit dem eigentlichen Tordurchlaß ist ein zweites Geschoß mit drei Fenstern (die Gewände oben mit seitlichen "Ohren") und den außen angebrachten Wappen aufgesetzt. Jedes der beiden durch das mittlere Fenster getrennten Wappen wird von einem außen angebrachten Löwen als Schildhalter bewacht. Das Wallhäuschen wurde 1627 vom Baumeister Jakob Müller errichtet. Das rundbogige Tor wird rechteckig eingerahmt, und in den Falz paßte früher exakt die einst hier befindliche Zugbrücke, deren Rollen noch in den oberen Ecken der Anschlagfläche vorhanden sind. Heute geht die steinerne Brücke aber durch. Die Vertikalen des rechteckigen rahmens werden über dem Gesims im Obergeschoß als Pilaster fortgeführt, und auch auf der Ebene des geschweiften Daches findet diese rahmende Linie ihre Fortsetzung in zwei dort auf einfachen Sockeln befindlichen Obelisken.

Das Allianzwappen steht für Georg II. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (17.3.1605 - 11.6.1661), auch Georg der Gelehrte genannt, der 1626 Landgraf wurde, Sohn von Ludwig V. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (24.9.1577 - 1626), und Markgräfin Magdalena v. Brandenburg (7.1.1582 - 14.5.1616), Enkel von Georg I. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (10.9.1547 - 1596) und Magdalena Gräfin zur Lippe (24.2.1552 - 1587), und seine Ehefrau Sophia Eleonore Herzogin v. Sachsen (23.11.1609 - 2.6.1671), Tochter von Johann Georg I. Kurfürst v. Sachsen (5.3.1585 - 8.10.1656) und Herzogin Magdalena Sibylla v. Preussen (1586/1587 - 1659), Enkelin von Christian I. Kurfürst v. Sachsen (29.10.1560 - 25.9.1591) und Markgräfin Sophia v. Brandenburg (6.6.1568 - 17.12.1622).

Das Wappen von Georg II. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (17.3.1605 - 11.6.1661) ist wie folgt aufgebaut:

Die Trennlinien liegen nicht auf der selben Höhe, so daß die Schildeinteilung als 6 Felder wahrgenommen wird, wobei die beiden mittleren Felder schmäler sind. Tatsächlich gehören aber je zwei zusammen, und die Teilungslinie des Hauptschildes verläuft versetzt.

Dazu gehören folgende 3 Helme:

Text unter dem Wappen: "VON GOTTES GNADEN GEORG LANDGRAF ZV HESSEN GRAF ZV CAZENELLENBOGEN DIETZ ZIEGENHAEIM VND NIEDA"

Zur optisch rechten Seite haben wir das Wappen der Ehefrau Sophia Eleonore Herzogin v. Sachsen (23.11.1609 - 2.6.1671). Das Wappen entspricht dem den Kurfürstentums Sachsen, wie es in der ersten Hälfte des 17. Jh. geführt wurde, aber mit einer kleinen Änderung. Der wappenschild des Kurfürstentums Sachsen ist zweimal gespalten und fünfmal geteilt, wobei zwei Felder noch weiter unterteilt sind. Das zentrale Feld 8 wird im kursächsischen wappen von einem Herzschild mit den Kurschwertern überdeckt, das die Tochter des Kurfürsten natürlich nicht trägt, da sie weder die Kurwürde noch die Erzmarschallwürde innehatte. Da wegen vollständiger Verdeckung kein Inhalt für Feld 8 vorgesehen ist, entfällt es jetzt gänzlich, und die anderen Felder dieser mittleren Spalte werden in ihrer Höhenausdehnung so angepaßt, daß es wieder "paßt", auch wenn dadurch die Teilungslinien der drei Spalten nicht mehr auf einer Höhe liegen. Wir behandeln das Wappen aber so, wie es als kursächsisches Wappen konzipiert ist. Der Schild ist also folgendermaßen aufgebaut:

zweimal geteilt und fünfmal gespalten

Text unter dem Wappen: "VON GOTTES GNADEN SOPHIA ELEONORA GEBOHRNE HERZOGIN AVS CHVRFÜRSTLICHEM STAMM ZV SACHSEN ZV IÜLICH CLEVE VND BERGCK & C VERMAEHLTE LANDGRAEFFIN ZV HESSEN"

Über dem Wappen stehen fünf goldene Gitterhelme mit Zier. Eigentlich sind es sechs Helme, doch die Zier des äußersten Helmes der optisch linken Seite wurde dem nächstinneren Helm mitauferlegt. Deshalb gibt es Verschiebungen in der Nummerierung. Sie stehen für:

Interessant ist, daß allein 3 Helmkleinode reine Anspruchswappen darstellen, denn Sachsen ging damals bei der Aufteilung der Gebiete des Herzogtums Jülich-Kleve-Berg leer aus, denn die Gebiete wurden zwischen Pfalz-Neuburg und Brandenburg aufgeteilt. Sachsen erhielt nur Anspruch und Wappen. Natürlich sind die Anspruchs-Helme denen, deren zugehörige Gebiete tatsächlich beherrscht wurden, im Rang nachgeordnet.

Hier ein Blick in den Kirchenhof. Rechts ist der dreigeschossige und hofseitig siebenachsige Kirchenbau angeschnitten, zuerst 1563-67 unter Philipp d. Großmütigen errichtet, 1579 erweitert, 1595-97 unter Georg I. und Ludwig V. erneuert. Das Portal zum Kirchenhof wurde 1628-31 unter Georg II. erbaut, wobei der figürliche Schmuck von Bildhauer Kaltenmark stammte. 1709 wurde es durch das noch erhaltene Portal ersetzt. Im Innern befindet sich die zweigeschossige Kirche, darüber das Hofmarschallamt. Im südicheren Teil (außerhalb des Bildes) lagen die Bäckerei und darüber Wohnräume. Links im Bild befindet sich der Herrenbau, und das Verbindungsstück mit dem rundbogigen und von Pilastern und Gebälk rechteckig gerahmten Durchgang im Erdgeschoß, durch den man zum hier besprochenen Nordtor gelangt, ist der sog. Paukergang vom Ende des 16. Jh. Das Gebälk ragt seitlich über die Portalrahmung heraus und trägt die von rustizierten Diamantquadern und Pilastern rundbogig gerahmten Arkaden der identisch gegliederten beiden Obergeschosse.

Abb.: Blick von Norden auf das Nordtor. Bestes Photolicht im Sommer frühmorgens oder spätabends.

Abb.: Position des besprochenen Wappens

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Landesfürsten
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Schloß Darmstadt:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/XML/024_Darmstadt_Schloss.xml
Grundriß:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Bilder/Slides/024_SL_07_DAS_PLAN_017N.jpg und http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Bilder/Slides/024_SL_08_DAS_PLAN_018N.jpg
Schloßmuseum Darmstadt:
http://www.schlossmuseum-darmstadt.de/start.htm
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Jürgen Reiner Wolf, Louis Remy de la Fosse, 1980.
Darmstädter Geschichte:
http://www.darmstadt.de/kultur/geschichte/index.html

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