Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1352
Wiltz (Großherzogtum Luxembourg)

Dekanatskirche Niederwiltz - Epitaph für Hartard de Wiltz (Hartard von Wiltz)

Im Chor der Dekanatskirche mit der Grablege der Herren von Wiltz befindet sich ein weiterer Epitaph für den Großvater der im vorherigen Kapitel besprochenen kleinen Katharina. Es handelt sich um Hartard von Wiltz, einziger Sohn des Johann von Wiltz, gestorben 1557. Zur Orientierung hier die Stammliste der Herren von Wiltz:

Die oben halbrund abgeschlossene Platte ist am oberen Rand und im gesamten unteren Bereich stark beschädigt. Die erhaltenen Teile sind jedoch von erlesener Kunstfertigkeit. Der Verstorbene kniet nach optisch rechts gewendet mit zum Betrachter herausgedrehtem Oberkörper und zum Gebet gefalteten Händen. Er ist in eine kostbar verzierte Rüstung gekleidet mit besonders reich verzierten Schulterpartien. Um den Hals hängt eine grobgliedrige Kette. Schwert und Dolch sind um die Hüfte gegürtet, nur die Griffe sieht man. Ab der abgeschlagenen Schamkapsel abwärts ist die Darstellung stark beschädigt, den neben den Knien abgesetzten Helm kann man erahnen. Der Kopf wird gerahmt von einer muschelförmigen Nische, in die fein gearbeitete Girlanden hineinhängen. Unterhalb der Unterschenkel sind Reste einer Inschrift zu lesen: "(ge)stor(ben) (Ha)rttart Frei(herr z)u Wiltz etc."

Eine Ahnenprobe von insgesamt 4 Vollwappen der vier Großeltern umgibt die Figur des Verstorbenen, zwei auf jeder Seite, die der Vaterseite heraldisch rechts = optisch links, die der Mutterseite optisch rechts = heraldisch links, die Männer jeweils oben, die Frauen jeweils unten, so daß der wichtigste Vorfahr, der Großvater väterlicherseits heraldisch rechts oben auf dem Ehrenplatz zu finden ist. Es sind dies die vier Wappen Wiltz, Bourscheid, Mérode-Houffalize und von dem Bosch-Moppertingen. Der heraldische Stammbaum des Dargestellten, hier zusätzlich mit den acht Urgroßeltern dargestellt, obwohl sich die Ahnenprobe auf dem Epitaph auf die vier Großeltern beschränkt, sieht wie folgt aus:


Gérard de Wiltz

Marguerite de Bassompierre
(v. Bettstein)

Sohier / Soyer de Bourscheid

Louise / Lucie de Bellenhausen

Rikalt / Richard III. de Mérode

Margareta d'Argenteau

Lambert van den Bosch-
Moppertingen

Isabelle de Berlo

Gerhard von Wiltz (Gérard de Wiltz)

Elisabeth de Bourscheid

Renier (Reinhold, Regnard, Renaud?) de Mérode-
Houffalize

Adriane /Adrienne van den Bosch-
Moppertingen

Johann v. Wiltz (Jean de Wiltz)

Marguerite de Mérode-
Houffalize

Hartard v. Wiltz

In diesem Stammbaum ist vor allem interessant, wie Houffalize in die Familie kommt. Margareta d'Argenteau (von Erkenteil) ist die Erbin von Houffalize. Ihr Vater war Renaud alias Regnaud alias Reinhold d'Argenteau, Baron de Houffalize, ihre Mutter war Jeanne d'Enghien. Margareta brachte Houffalize als Erbin durch die Ehe mit dem Sproß aus dem Hause Mérode an die Familie. Rikalt / Richard III. de Mérode-Frenz war der Sohn von Richard II, Baron de Mérode, Comte d'Oelen und von Béatrix de Pétersheim. Die hier am Epitaph nicht dargestellten, in der Ahnenprobe aber aufgeführten Wappen werden bei der Besprechung der Gewölbeschlußsteine einzeln ausgeführt, wo sie exakt in dieser Form und Konstellation wieder auftauchen.

Abb. links: Heraldisch oben rechts das Wappen der de Wiltz, hervorragend erhalten, das beste Wappen des ganzen Steines, golden mit rotem Schildhaupt. Helmzier (entspricht der Darstellung im Loutsch) auf einem roten, golden gestulpten Turnierhut der Schild zwischen einem wie der Schild bez. Flug. Französischer Blason: D'or au chef de gueules. Cimier: un chapeau de tournoi de gueules retroussé d'or soutenant un écusson aux armes, entre un vol aussi aux armes. Weitere mögliche Varianten des Oberwappens werden im Loutsch beschrieben.
Abb. rechts: Heraldisch unten rechts, stark angegriffen, insbesondere im Oberwappen, das Wappen der de Bourscheid (Burscheid, Burtscheid, eine luxemburgische Ritterfamilie, die auf der gleichnamigen Burg angesessen war), in Silber drei (2:1) gestellte rote Seeblätter. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wie der Schild bez. Flug (nach Loutsch, Gruber, Zobel), bzw. ein rotes Seeblatt zwischen einem beiderseits mit je einem roten Seeblatt belegten silbernen Flug (nach Gruber, Zobel). Das ist hier wegen der fortgeschrittenen Verwitterung des Steines nicht mehr zu ermitteln. Die Schildfigur ist eigentlich ein Seeblatt, wird aber aufgrund der Tatsache, daß die Einkerbung häufig nur mäßig ausgeprägt ist, so auch hier im Beispiel, oft als Herz angesprochen und dargestellt. Französischer Blason: D'argent à trois feuilles de nénuphar de gueules. Cimier un vol aux armes ou une feuille de nénuphar de gueules entre un vol d'argent, chaque aile chargée d'une feuille de nénuphar de gueules. Von dieser Familie gibt es übrigens auch einen Zweig mit Brisur, das ist Ferry de Bourscheid mit einem blauen Turnierkragen im Schildhaupt. Dieses Wappen paßt zu Hartards Großmutter Elisabeth de Bourscheid und seinem Urgroßvater Sohier / Soyer de Bourscheid.

Abb. links: Heraldisch oben links, stark zerstört, aber noch gut hinsichtlich des Schildbildes erkennbar, das Wappen der von Mérode-Houffalize ist geviert, Feld 1 und 4: innerhalb eines blauen Dornenbordes in Gold vier rote Pfähle, Feld 2 und 3: in einem silbern-blau gestreiften Feld mit goldenem rechten Obereck ein roter, golden gekrönter, bewehrter und gezungter Löwe (Houffalize). Die Anzahl der Streifen scheint variabel zu sein, manchmal liegt das Freiviertel über der Tatze, manchmal wird es sogar weggelassen, was aber fälschlicherweise Luxemburg ergäbe. Die hier zerstörte Helmzier wäre ein goldener, rot aufgeschlagener Turnierhut, besetzt mit einem roten Flug. Französischer Blason: Écartelé, aux 1 et 4 d'or à quatre pals de gueules, à la bordure engreslée d'azur, aux 2 et 3 burelé d'argent et d'azur, au franc-canton d'or, au lion de gueules, armé, couronné et lampassé d'or brochant. Cimier un chapeau de tournoi d'or retroussé de gueules, sommé d'un vol de gueules. Die Entwicklung dieses Wappens im einzelnen wurde bereits bei seiner Enkelin Katherina von Wiltz erläutert. Der Name Houffalize kommt übrigens von Alta Falisia (Haute Falaise oder Hoher Felsen). Dieses Wappen paßt zu Hartards Mutter Marguerite de Mérode-Houffalize und ihrem Großvater Renier (Reinhold, Regnard, Renaud?) de Mérode-Houffalize.
Abb. rechts: Heraldisch unten links das Wappen der von dem Bosch genannt Moppertingen (Mopertingen, Moupertingen) zeigt in silbern-blauem Feh einen goldenen, erhöhten, mit drei schwarzen Lilien belegten Balken. Die Helmzier ist ein Paar silbern-blau gefehter Büffelhörner. Französischer Blason: De vair à la fasce d'or, haussée dans l'écu et chargée de trois fleurs de lys de sable. Cimier deux proboscides de vair. Hier begegnet uns der Feh in einer altertümlichen Form, noch nicht eisenhutförmig geschnitten, sondern gerundet und glockenförmig, und die komplexe Darstellung führt zu einer Hochstellung des Balkens mit einer Reihe Feh darüber und zwei Reihen Feh darunter.

In ähnlicher Form wird dieses Wappen an einem Schlußstein des Gewölbes wiederholt. Im Rietstap/Rolland wird das Wappen als Eisenhutfeh gezeichnet, ebenfalls mit 1 und 2 Reihen, aber gegeneinander versetzt und nicht als Pfahlfeh wie hier. In der oben skizzierten Reihenfolge wird die Verwandtschaft der Formen und der fließende Übergang zwischen den verschiedenen darstellerischen Interpretationsmöglichkeiten deutlich. Dieses Wappen paßt zu Hartards Großmutter Adrienne (Adriane) von dem Bosch genannt Mopertingen, auch genannt van den Boch de Moupertinghen alias van den Bosch gen. Moupertinghen oder auch du Bois de Melin. Ihr Vater war Lambert du Bosch de Mopertingen alias van den Bosch de Millen alias du Bois de Melin.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dechant Martin Molitor vom 11.5.2010, wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher
Rietstap/Rolland
Dr. Jean-Claude Loutsch, Armorial du pays de Luxembourg, 1974
Rolf Zobel: Wappen an Mittelrhein und Mosel, Books on Demands GmbH, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5292-3, 527 S.
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der "landeskundlichen Vierteljahresblätter".
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Emmanuel de Boos, Dictionnaire du Blason, Editions du léopard d'or, Paris, 2001, ISBN 2-83377-170-1
La Famille seigneurale de Wiltz, 1.) notice historique et généalogique, S. 1-18, 2.) Archives du Château de Louppy, Inventaire fait en 1921, S. 19-46, 3.) Généalogie des seigneurs de Wiltz par l'abbé Jean Clees, S. 47-69, Publications de la Section Historique de L'Institut G.-D. de Luxembourg, Volume LXV, 1933.
Michel Schmitt, Wegführer zu Luxemburgischen Kirchen und Kapellen, Editions Saint-Paul Luxembourg, 1996, ISBN 2-87963-258-7.
Mérode und Scheiffart de Mérode:
http://www.heraldique-europeenne.org/Regions/Benelux/Merode.htm
Genealogie:
http://www.celtic-coin-agora.com/lbdl.htm

Dekanatskirche Niederwiltz, Epitaph für Katharina von Wiltz - Epitaph für Hartard von Wiltz - Epitaph für Anna von Manderscheid - Schlußsteine im Gewölbe - Gitter im Chor - Françoise Antoinette de Custine Gräfin v. Wiltz - Marianne de Custine Gräfin v. Wiltz

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