Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1396
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald in Nürnberg, Glasfenster (10)
Behaim-Fenster

Das Behaim-Fenster ist ein Chorfenster, und es befindet sich auf der Südseite, fünf Fensterflächen rechts vom Kaiserfenster, also schon im geraden Südwandstück des Chorbereiches. Insgesamt ist dieses Fenster eines der schönsten und qualitätvollsten, weil sich hervorragend erhaltene, plakativ wirkende Farbkompositionen mit einem die einzelnen Fensterfelder großzügig übergreifenden architektonischen Rahmenkonzept zu einem virtuosen Kunstwerk verbinden. Szenische Reihen mit die vertikalen Unterteilungen übergreifenden Gesamtbildern wechseln mit architektonisch geprägten Reihen, und die szenische Verbindung der Felder in der Horizontalen zu ganzen Bildräumen und die Trennung in der Vertikalen durch figurenfreie Zwischenzonen schafft einen ganz eigenen Rhythmus. Thematisch ist das Fenster der Mariengeschichte gewidmet: Die Verkündigung befindet sich in der 2. und 3. Reihe, die Geburt Christi in der 4. und 5. Reihe, und oben schließt die Marienkrönung in der 6. und 7. Zeile das Meisterwerk ab.

Zeitlich stammt das Fenster noch komplett aus der Zeit der ersten Chorverglasung. Im Zuge späterer Veränderungen wurden Teile herausgenommen, so daß nicht mehr die Gesamtsubstanz des späten 14. Jh. zu sehen ist. Ursprünglich waren alle Chorfenster bis oben verglast. Als man später die neuen Kaiser- und Markgrafenfenster einbaute, folgte man einem neuen Konzept: Die Farbflächen sollten zum Höhepunkt im Chorhaupt hin höher, nach Westen hin niedriger werden, jedenfalls sollte kein Stifterfenster das Kaiserfenster überragen. Außerdem wollte man mehr Licht im Kircheninneren haben. Um das zu verwirklichen, nahm man aus alten Fenstern aus der Zeit des 14. Jh. entsprechend Teile heraus, hauptsächlich architektonische Zwischenzonen. Einige Fenster wurden dadurch ins konzeptionelle Chaos gestürzt, nicht aber das Behaim-Fenster, das nach wie vor kohärent wirkt und inhaltlich lesbar ist, auch wenn die Szenen der Anbetung der Könige und der Darbringung im Tempel fehlen.

Heraldik findet sich reichlich in der untersten Reihe, der eigentlichen Stifterzone, und ein bißchen in der zweiten Reihe. In der untersten Reihe befinden sich in den beiden mittleren Fensterfeldern zwei aufeinander ausgerichtete, einander aus Courtoisie zugewandte und damit spiegelbildliche Behaim-Stammwappen, von Rot und Silber gespalten, belegt mit einem schräglinken schwarzen Wellenbalken. Auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit rot-silbernen Decken ein auffliegender silberner Adler mit einer - hier nicht mehr zu erkennenden - schwarzen Krone um den Hals. Das Behaim-Wappen findet sich in beiden spiegelbildlichen Variationen, einmal Rot auf der rechten Seite, einmal Silber, einmal mit schräglinkem und einmal mit schrägrechtem Wellenbalken, die unterschiedlichen Versionen begleiten den Besucher durch ganz Nürnberg. Der Siebmacher Band: Bay Seite: 27 Tafel: 22 bildet einen silbern-rot gespaltenen Schild mit schräglinkem Wellenbalken beim Stammwappen ab, beim vermehrten Wappen aber ein silbern-rot gespaltenes Feld mit schrägrechtem Wellenbalken.

Das optisch linke Vollwappen gehört zu Herdegen Behaim, gest. 1379, also im Jahr der Chorweihe. Das Beiwappen in der optisch rechten unteren Ecke läßt eine sichere Zuordnung zu, denn es ist das Wappen der Groß, in Silber auf einen goldenen Dreiberg ein aus einem roten (verblichen) Kreuz hervorwachsender grüner (verblichen) Lindenbaum. Auf das Groß-Wappen wird im Kapitel über St. Martha näher eingegangen. Der Ratsherr Herdegen Behaim (1312-1379) war mit Katharina Groß verheiratet. Das optisch rechte Vollwappen gehört zum Ratsherrn Friedrich III. Behaim (1311-1379), im selben Jahr wie sein Bruder gestorben. Er war zweimal verheiratet, einmal mit Christina Pfinzing (gest. 1363), hier ist nur ein golden-schwarz geteilter Schild zu sehen, das andere Wappen der Familie war von Gold und Rot geteilt, oben ein halber schwarzer Adler, unten ein silberner Ring. Der Grund dafür ist, daß die Pfinzing ab ca. 1330 das Wappen der eingeheirateten Geuschmid übernahmen und es nach Belieben verwendeten. Erst später erfolgte die Genehmigung der Verwendung des Geuschmid-Wappens und die geordnete Zusammenführung beider Komponenten in einem gevierten Schild. Wir sehen also hier den Geuschmid-Schild, verwendet von der Familie Pfinzing. Die hier nicht abgebildete Helmzier wären zwei Büffelhörner, golden-schwarz geteilt, Decken schwarz-golden. Auf der optisch linken Seite ist das zweite Beiwappen für die zweite Ehefrau von Friedrich III. Behaim, Kunigunde Weigel (gest. 1380), Witwe von Jakob Ortlieb. Der Schild ist geteilt, oben eigentlich in Gold ein aus der Teilung wachsender schwarzer Adler, hier eine einfache schwarze strukturlose Glasfläche, vermutlich einen Schaden später ausgleichend, unten in Rot ein silberner Löwe, welcher noch zu erkennen ist. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre ein wachsender roter Brackenrumpf mit silbern-schwarz geteilten Ohren zu rot-silbernen Decken. Das Wappen Weigel wird im Siebmacher, Band: BayA1 Seite: 60 Tafel: 58, sowie bei Schöler auf Tafel 63 beschrieben. Die Nürnberger Familie verschwand um 1400. Friedrich und seine beiden Gemahlinnen wurden in St. Sebald beigesetzt.

Zu beiden Seiten dieser zentralen, fast spiegelbildlichen Doppeleinheit befinden sich weitere Stifterfelder, eines zu jeder Seite, je zwei Personen unter einer doppelten Bogenstellung enthaltend, in der Fußzone mit jeweils zwei gevierten Wappenschilden. Davon ist oben der rechte Bereich abgebildet. Die jeweils gevierten Schilde sind mitnichten Familienwappen, sondern Kombinationen, Ehewappen. Für beide Wappen gibt es zwei Möglichkeiten, so daß die Identifizierung nicht eindeutig möglich ist.

In dem einen Fall wurden das Behaim-Wappen und das Stromer- oder Nützel-Wappen in einem gevierten Schild zusammengefügt (vgl. obere Ausschnittsvergrößerung). Naheliegend ist Michael I. Behaim, gest. 1389, ein Bruder von Friedrich III. und Herdegen. Er war in erster Ehe mit Kunigunde Stromer verheiratet, Später heiratete er noch in zweiter Ehe Margarete Kumpf und in dritter Ehe Margarete Wagner, die wären dann hier aber noch nicht heraldisch vertreten. Die zweite Möglichkeit wäre, daß es sich bei dem Stifter um den Nürnberger Ratsherrn Anton Behaim (gest. 1432, Sohn Herdegens) handelt, der Elisabeth Nützel geheiratet hatte. Auch das wäre durch die heraldische Kombination gedeckt, weil beide Familien den gleichen Schild führten.

Eine ähnliche Ambivalenz der Zuordnung gilt auch für das zweite Wappen. Der Schild daneben ist mit dem Geuder-Wappen (in Blau ein gestürztes silbernes Dreieck, an jeder Spitze mit einem silbernen Stern besteckt) geviert (vgl. untere Ausschnittsvergrößerung), er steht möglicherweise für Krafft Behaim, gest. 1406, in erster Ehe mit Elisabeth Geuder vermählt, in zweiter Ehe mit Margaretha Volckamer. Ebenso möglich wäre aber auch Hans Behaim (gest. 1404, Neffe von Herdegen und Friedrich III.), der Klara Geuder geheiratet hatte.

Für die jeweils zweite Möglichkeit spricht, daß beide Personen auch in St. Sebald bestattet sind, wie auch Herdegen und Friedrich III. Behaim. Interessanterweise liegen bei beiden Kombinationen die Behaim-Komponenten jeweils in den nachgeordneten Feldern 2 und 3.

Auf der anderen, optisch linken Seite sehen wir das Behaim-Wappen wiederum in zwei gevierten Schilden. Der eine (untere Ausschnittsvergrößerung) gehört zu Berthold Behaim, gest. 1405, ein Vetter der vier Brüder Friedrich III., Herdegen, Michael I. und Krafft. Bertholds Vater Albrecht VI., gest. 1359, war ein Bruder von Friedrich II., gest. 1365, der wiederum der Vater der vier genannten Brüder war. Zurück zu Berthold: Sein Wappen ist geviert, und auch das ist kein festes Familienwappen, das in dieser Form weitergegeben würde, sondern eine aktuelle Konstellation seiner besonderen familiären Umstände, denn er war in erster Ehe mit Anna Koler (gest. 1370) verheiratet, in zweiter Ehe mit Gertraud Wagner und in dritter Ehe mit Klara Hegner. Feld 1 und 4 sind das Behaim-Wappen, Feld 2 zeigt in Rot einen silbernen Ring, das Wappen der Koler, und in Feld 3 das Wagner-Wappen, in Blau ein silberner Ochsenkopf (Schöler Tafel 99, Siebmacher Band: BayA3 Seite: 125 Tafel: 84, Band: BayA1 Seite: 58 Tafel: 59). Die hier nicht dargestellte Helmzier wären zwei silberne Büffelhörner zu blau-silbernen Decken. Die Wagner waren ein ratsfähiges Nürnberger Geschlecht, das schon um 1400 mit Konrad Wagner erloschen ist. Die dritte Frau, Klara Hegner, ist hier heraldisch noch nicht vertreten.

Links daneben (obere Ausschnittsvergrößerung) ist eine weitere Stifterfigur, deren Wappen ebenfalls geviert ist mit dem Behaim-Wappen in den Feldern 1 und 4, in Feld 2 in Rot zwei mit dem Rücken gegeneinander gekehrte, silberne, goldengegriffte Sicheln (von Grauberg), in Feld 3 in Gold ein roter Sparren (Vorchtel). Hierbei werden zwei Brüder zusammengefaßt: Heinrich Behaim, gest. 1423, hatte eine Vorchtel geheiratet, und Peter Behaim (1356-1414) hatte eine von Grauberg geheiratet. Berthold, Heinrich und Peter waren die Söhne von Albrecht IV. Behaim (1288-1359, im Fleischmann Albrecht VI.), dem jüngeren Bruder Friedrichs II. Behaim. Damit sind die drei Stifter optisch unten links Vettern ersten Grades in Bezug auf die Fensterstifter Herdegen und Friedrich III.

Über dieser Zone befinden sich noch zwei Stifter mit ihren Wappen, Friedrich II. Behaim, gest. 1365, und seine 1349 geehelichte Frau Margarete Pfinzing, gest. 1368, wobei die beiden Personen mit ihren Wappenschilden die Verkündigungsszene flankieren (Erzengel mit aufgeschlagenem Buch vor Maria). Bei Margarete Pfinzing ist es übrigens wieder der Geuschmid-Schild, und dazu noch in falschen Farben, korrekt wäre ein golden-schwarz geteilter Schild. Dieser Friedrich ist der Vater von Friedrich III, Herdegen und Michael I. Behaim (s.o.).

Scheiben einer "Zwischenzone" über der Verkündigungsszene, also in der dritten Reihe von unten. Gerade durch diese Zwischenzonen, die in diesem Fenster erhalten sind, wird die Gesamtkomposition weniger gedrängt und insgesamt sehr ausgewogen.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Hartmut Scholz, St. Sebald in Nürnberg, Meisterwerke der Glasmalerei, Band 3, Verlag Schnell Steiner GmbH Regensburg 2007, ISBN 978-3-7954-1846-5
Nürnberger Patriziat im Historischen Lexikon Bayerns: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45240
St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/
3D-Panorama St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/fileadmin/Bildmaterial/Atuelles/Sebalduskirche_02c.mov
Virtueller Rundgang St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=16
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 156 ff,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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