Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1404
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Martha in Nürnberg, Glasfenster (2)
Groß-Fenster

Das Fenster links des Chorhauptes, auf der nördlichen Seite des polygonalen Abschlusses, ist das um 1390 entstandene Groß-Fenster, so benannt nach der Nürnberger Patrizierfamilie Groß. Hier sei nur die unterste Reihe, die mit den heraldisch interessanten Darstellungen, herausgegriffen. Darüber folgen Szenen aus dem Leben Jesu von der Verkündigung Mariä bis zur Beschneidung. Die Geschichte der Groß ist zugleich eine Geschichte von märchenhaftem Aufstieg und tiefem Fall, von immensen Reichtümern und einer Familie, die sich übernimmt. Der erste uns überlieferte Groß ist „Heinricus Divus“, schon damals Heinrich "der Reiche" genannt. Er ehelichte mit Sophia eine Frau aus der Familie der Reichsministerialen von Vestenberg, seine sechs Söhne und zwei Töchter gingen sämtlich Heiratsverbindungen mit der Crème de la Crème der Nürnberger Geschlechter ein, was auf höchstes Ansehen hindeutet und zugleich weiterem Aufstieg den Boden ebnete. Seine zweite Frau war übrigens Gisela Eseler. Die Groß gehörten nach dem Tanzstatut zu den zwanzig alten ratsfähigen Geschlechtern Nürnbergs und waren bis auf ein paar Lücken 1319 bis 1558 im Inneren Rat vertreten. Konrad I. Groß (1280-1356), Heinrichs Sohn, aufgestiegen bis zum älteren Bürgermeister Nürnbergs, galt bald als der reichste Mann Nürnbergs. Er wurde Hofbankier für Kaiser Ludwig den Bayern, dieser logierte im Großschen Haus und verpfändete ihm das Reichsschultheißenamt. Den Groß gehörten das Gelände zwischen Fleischbrücke und Plobenhof, der Plobenhof selbst war ihr Stammsitz, die Gleißhammermühle, der Staubershammer bei Auerbach, die Schlösser Unterbürg und Oberbürg in Laufamholz und das Gericht in Heroldsberg, dazu besaßen sie äußerst einträgliche Pfandschaften.

Wie bei vielen der reichen Patriziergeschlechter wurden die Mittel auch zu Stiftungen eingesetzt. Das tat man sowohl aus Frömmigkeit, um aus christlicher Nächstenliebe seinen Wohlstand zu teilen, als auch aus Repräsentationsbedürfnis, war doch anhand der Stiftungen jederzeit die gute Tat des Stifters wahrzunehmen, man tat es auch um vor sich und vor Gott seinen Reichtum zu legitimieren und ihn unbeschwerter genießen zu können, und auch, um Ansehen damit zu erwerben. Und tatsächlich ist Konrad I. Groß (1280-1356, vermählt mit Agnes Zollner aus Bamberg, gest. 1342) wegen seiner Stiftungen in die Geschichte eingegangen: Er stiftete das Heilig-Geist-Spital in Nürnberg, zwei Jahrhunderte bevor die Fugger ähnliches mit der Fuggerei in Augsburg taten, er stiftete für das Frauenkloster Pillenreuth, er beteiligte sich an der Spitalstiftung der Kitzinger Benediktinerinnen und an der Stiftung des Zisterzienserinnenklosters Himmelthron (heute: Hallerschloß Großgründlach). Konrad I hatte als Brüder Philipp I Groß sowie die weniger bedeutenden Heinrich II, Bartholomäus I, Ulrich und Eberhard und dazu noch zwei Schwestern.

Konrad I hatte als Kinder Friedrich I (verstorben in Palästina um 1340), Heinrich III (gest. 1362), Leupold I (gest. 1386, mit einer Maria unbekannten Nachnamens verheiratet) und Konrad II (gest. 1398, verheiratet mit Anna Haller). Konrads I. Söhnen wurden die wohltätigen Ausgaben des Vaters bald zuviel. Sie rebellierten. Das Vermögen der Groß war immens, aber nicht unerschöpflich. Die Söhne ließen fünf Jahre vor dem Tod des Vaters eine Vermögensaufteilung durch ein Schiedsgericht vornehmen, um von ihrem Erbe zu retten, was noch zu retten war. Es war zwar immer noch viel, sehr viel, doch für die Familie Groß war der Abstieg eingeläutet. Das Stammhaus, der einstige Plobenhof am Hauptmarkt, wurde 1377 von Leupolt Groß verkauft. Merkliche Anzeichen sind seltenere Bekleidung von Ratsämtern, seltenere Verbindungen mit den führenden Familien der Stadt und schlechtere Heiratspartien, Veräußerung von Häusern und Grundbesitz. Die Groß kamen mehr und mehr auf den Hund. Die Groß hatten einst lange Jahre den Zoll und die Reichsmünzstätte in Nürnberg verwaltet. Lamprecht Groß, jüngerer Bürgermeister, wurde 1416 wegen Münzbetrugs befristet aus Nürnberg verbannt, Sebastian I. Groß war 1553 zahlungsunfähig und mußte sich einen Kredit erbetteln, und dessen Sohn Sebastian II. Groß starb schließlich als armer Pfründner in einer Kammer des Heilig-Geist-Spitals, der Letzte seines Geschlechts in der von seinem Vorfahren sechs Generationen zuvor gestifteten Einrichtung. 1589 ist das vollends verarmte Geschlecht ausgestorben.

Das Wappen der Groß zeigt in Silber auf einem goldenen Dreiberg einen aus einem roten Kreuz hervorwachsenden grünen Lindenzweig (Lindenbaum). Auf dem Helm mit hier rot-goldenen, aber eigentlich als rot-silbern beschriebenen Decken zwei silberne, außen mit grünen Lindenblättern besteckte Büffelhörner (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 40 Tafel: 38, Schöler Tafel 41). Das linke Wappen hat für die Ehefrau einen Beischild Groland, in Schwarz eine fünfblättrige rote Rose, aus der schächerkreuzförmig (im Dreipaß) drei silberne Sensenklingen hervorgehen. Auch das rechte Groß-Wappen besitzt zwei Beischilde, wovon der optisch rechte zerstört ist. Hierzu kehren wir zurück zu Konrads Bruder Philipp I Groß: Philips I Söhne mit seinen beiden Ehefrauen Elisabeth Pfinzing und Katharina Ortlieb sind Heinrich V. (gest. 1377, vermählt mit Anna Ortlieb und Magdalena Derrer), Konrad III (gest. um 1370, verheiratet mit Anna Pfinzing und Margareta Derrer), Prant (gest. 1393, verheiratet mit Elisabeth Grundherr und Agnes Pilgram) und der hier relevante Peter Groß (gest. 1403, verheiratet erst mit Agnes Pütrich aus München, dann Margarete von Ehenheim und zuletzt Anna Fischlein aus Würzburg). Alle Ehen blieben aber kinderlos, so daß die Stammlinie nur mit Heinrichs V. Sohn Philipp III. weiterging. Jener Agnes Pütrich kann der rote Schild mit einem silbernen Faß (Lägel) mit hoher Füllöffnung zugeordnet werden (Münchener Ratsgeschlecht, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 86 Tafel: 85).

In der Mitte zwischen beiden Wappenfenstern sieht man Jesus auf einem perspektivisch dargestellten Fliesenfußboden, neben ihm das Lamm Gottes, ein Hinweis auf die Passionsgeschichte, die uns im gegenüberliegenden Fenster begegnet.

Über Konrad Groß gibt es die folgende Legende, die am Rande auch auf das Wappenbild eingeht: Der reiche Kaufmann döste eines müßigen Tages in seinem Garten vor den Toren der Stadt, als er im Traum eine vergrabene Truhe mit einem Goldschatz fand. Damit er die Stelle auch nach dem Erwachen wiederfände, pflückte der träumende Groß dreizehn Lindenblätter und streute sie über die Stelle. Und tatsächlich fand Groß später im Garten auch die dreizehn Blätter und darunter eine Schatzkiste und hatte, wie die Legende berichtet, "zum alten Reichtum einen neuen gefunden". Da er glaubte, der Heilige Geist hätte im den Traum eingegeben, stiftete er von dem neugewonnenen Geld das Heilig-Geist-Spital auf einer Pegnitzinsel. Eine der ersten Bewohnerinnen war ein kräuterkundiges Weiblein, das Groß dankte, indem sie ihn von einem grindigen Hautausschlag heilte, an dem Groß seit langer Zeit litt. Die Geschichte, so überlieferte man, soll die Begründung sein, warum die Groß einen Lindenbaum mit dreizehn Blättern im Wappenschild führen.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Martha mit freundlicher Erlaubnis vom Presbyterium der ev.-ref. Gemeinde St. Martha und von Herrn Pfarrer Georg Rieger vom 9.7.2010, wofür beiden an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Martha, Nürnberg: http://www.stmartha.de
Geschichte von St. Martha:
http://www.stmartha.de/11661-0-281-81.html - http://www.stmartha.de/11289-0-281-81.html
Kirche St. Martha:
http://www.stmartha.de/11273-283-281-81.html
Epochen der Baukunst:
http://baukunst-nuernberg.de/epoche.php?epoche=Gotik&objekt=Marthakirche
Ursula Meyer-Eisfeld: Die Glasmalerei in der St. Martha-Kirche zu Nürnberg: Ein Führer durch die Inhalte, Edelmann, 2000, ISBN 978-3-87191-291-7.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Barbara Schenck: Die evangelisch-reformierte Gemeinde St. Martha in Nürnberg, 2000
Nürnberger Patriziat im Historischen Lexikon Bayerns:
http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45240

St. Martha: Waldstromer-Fenster - St. Martha: Groß-Fenster - St. Martha: Rieter-Fenster - St. Martha: Stromer-Fenster - St. Martha: Wappen-Medaillons - St. Martha: Ottnandt-Fenster - St. Martha: Schürstab-Fenster - St. Martha: Kirchenpforte

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