Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1405
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Martha in Nürnberg, Glasfenster (3)
Rieter-Fenster

Das Rieter-Fenster ist in die Nordseite des Chores links vom Groß-Fenster eingebaut. Das Thema des Fensters sind die 15 Zeichen vor dem Jüngsten Gericht. Beim Evangelisten Lukas 21, 25 ff. finden sich bereits fünf Vorzeichen: "Es werden Zeichen an der Sonne, am Mond und an den Sternen sein. Auf der Erde werden die Völker in Angst und Panik geraten wegen des Toben und Donnerns des Meeres. Die Menschen werden ihren Mut verlieren angesichts dessen, was über die ganze Erde kommen wird. Die Kräfte des Himmels werden schwanken. Dann werden sie den Menschensohn sehen, wie er auf einer Wolke mit sehr viel Macht und Herrlichkeit kommt. Wenn aber dieses alles zu werden beginnt, dann schaut auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe." Weitere Hinweise finden sich in den apokalyptischen Schriften, die nicht in der Bibel enthalten sind. Um 400 n. Chr. formuliert der Kirchenvater St. Hieronymus die „15 Vorzeichen“ ausführlich als tageweise Abfolge, und so haben die Zeichen ihren Eingang in die kirchliche Kunst gefunden. Im Rieter-Fenster sind 14 Zeichen davon dargestellt: Aufbrausen des Meeres in einer Springflut und danach dessen Rückgang, was auf der Erde eine öde und unfruchtbare Dürre verursacht, Steine zerbröseln zu Staub und die Erde wird eingeebnet, Menschen und Tiere fallen nieder und schreien zum Himmel, auf dem Meer passieren Unglücke, Bäume und Sträucher vertrocknen und fangen Feuer, Erdbeben zerstören Gebäude, verzweifelte Menschen fliehen, die Lebenden sterben, Gräber tun sich auf und Tote steigen hinaus, die Sterne fallen vom Himmel herab, Himmel und Erde und selbst das Meer werden von Feuer heimgesucht etc. Die 15 Vorzeichen spielen eine wichtige Rolle in der mittelalterlichen Predigt-Literatur und ihre Darstellung (oder die einer Teilmenge davon) ist nicht ungewöhnlich in mittelalterlichen Spitalkirchen, Hospizen oder Krankenhäusern. Das Rieter-Fenster ist nicht das einzige derartige monumentale Programm, in der Spitalkirche von Vilsbiburg ist z. B. ein ähnliches, wenn auch nicht in Glas, sondern als Malerei. Um das gesamte Rieter-Fenster zieht sich ein Schriftband mit den Worten "DAS SIND DIE ZEICHEN DIE BEDEUTEN VOR DEM JÜNGSTEN GERICHT; DARNACH KOMMT GOTT UND WILL RICHTEN ÜBER ALLE MENSCHEN".

Die Heraldik im Fenster befindet sich in der untersten Reihe, der Stifterzone. Das Wappen der Rieter im mittleren Fenster zeigt in von Schwarz und Gold geteiltem Schild eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene). Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken die zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene), mit jeder Hand einen der aufwärts gebogenen Fischschwänze ergreifend.

Das ist das Stammwappen der Rieter. Es gibt einen Wappenbrief vom 28.6.1471, ausgestellt von Kaiser Friedrich III für Thomas Rieter, der eine Beschreibung enthält, die in dieser Form nie von der Familie geführt wurde. Später vermehrten sie ihr Wappen folgendermaßen:

Wappenverbesserung am 17.03.1474 von Kaiser Friedrich III: Geviert, Feld 1 und 4: in von Schwarz und Gold geteiltem Feld eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene), Feld 2 und 3: von Gold und Rot gespalten, mit einer Lilie in verwechselten Farben (v. Kornburg). Zwei gekrönte Helme: Helm 1 (rechts): Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken die zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene), mit jeder Hand einen der aufwärts gebogenen Fischschwänze ergreifend. Helm 2 (links): Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein Flug, beiderseits von Gold und Rot gespalten, mit einer Lilie in verwechselten Farben (v. Kornburg).

Später kam für die Kalbensteiner Linie zusätzlich ein silberner Herzschild mit blauem (nach Siebmacher) Kalbskopf (Kalbensteinberg) hinzu.

Entsprechend nannte sich die Familie auch Rieter von Kornburg bzw. Rieter von Kornburg und Kalbensteinberg. Paul Albrecht Rieter wurde gemeinsam mit seinen Cousins im Jahre 1696 von Kaiser Leopold in den Freiherrenstand erhoben. Die Rieter sind am 13.2.1753 mit Johann Albrecht Andreas Adam Frhr. R. v. K. u. K. ausgestorben. Ihr Wappen ist beschrieben im Siebmacher, Band: BayA3 Seite: 42 Tafel: 27 und Band: BayA1 Seite: 106 Tafel: 105.

Daneben gab es noch eine schwäbische Seitenlinie, die Rieter von und zu Bocksberg. Begründer war Endres Rieter, geb. 1428, gest. 1488, vermählt in erster Ehe mit Veronika, Erbin zu Bocksberg, Tochter des Egidius Rehm zu Bocksberg. Die Mitglieder dieser Linie führten seit 1516 einen gevierten Schild, Feld 1 und 4: in Gold an grünem Schrägberg (nach dem Stadionschen Wappenbuch) oder auf grünem Dreiberg (andere Darstellungen) emporklimmend ein schwarzer Bock, Feld 2 und 3: in von Schwarz und Gold geteiltem Feld eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene, Stammwappen Rieter). Auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender schwarzer Bock mit goldenen Hörnern. Die Beschreibung findet sich im Siebmacher, Band: BayA3 Seite: 43 Tafel: 27.

Weitere vermehrte Wappenvarianten existieren, so z. B. (Siebmacher Band: BayA3 Seite: 42 Tafel: 27) eine Variante mit Herzschild Kalbensteinberg, geviertem Hauptschild, Feld 1: Rieter. Feld 2: Berg (gespalten, vorne blau-golden gerautet, hinten rot). Feld 3: Kornburg. Feld 4: Bocksberg. Vier Helme (v. re. n. li.): Rieter, der Mannesrumpf von Berg zwischen den Kalbensteinberger Büffelhörnern, Kornburg, Bocksberg. Oder eine andere Variante: Herzschild Kalbensteinberg, gevierter Hauptschild, Feld 1: Rieter. Feld 2: Kornburg. Feld 3: Berg. Feld 4: Bocksberg. Zwei Helme: Rieter und Kornburg.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs über die zweischwänzigen Sirenen oder Melusinen in der Heraldik: Der Ausdruck "Sirene" oder "Melusine" ist oft nicht hinreichend charakterisierend, wird er doch allgemein für ein weibliches Wesen verwendet, das oben Mensch, unten Fisch ist, und der Einsatz ist synonym zu Ausdrücken wie Fischweibchen, Meerweib, Meerfrau, Meerjungfrau. Auch wenn die Sirenen eigentlich mythologische Figuren der klassischen Antike sind, und die Meer- und Seejungfrauen dagegen in den mittelalterlichen Volksglauben gehören, werden sie in der Heraldik den Meerjungfrauen gleichgesetzt. Gerne wird der Ausdruck "Sirene" für zweischwänzige Meerjungfrauen verwendet, aber nicht ausschließlich. Will man präzise sein, sollte die Anzahl der Schwänze daher angegeben werden. Eine "Meerjungfrau" hat normalerweise nur einen Fischschwanz, Wesen mit zweien sollten als "Meerjungfrau mit zwei Fischschwänzen" angesprochen werden (so auch in der Wappenbilderordnung gehandhabt). Analog gibt es auch einen normalen Triton und einen "Meermann mit zwei Fischschwänzen". In der ältesten Interpretation war die "Melusine" eine Frau, die oben Frau, unten Schlange ist und geflügelt ist, also ein geflügeltes Schlangenweib. Später wurde aus dem Schlangenweib ein Fischweib, so daß sich der Begriff in die genannten Ausdrücke synonym einreiht und zur verbalen Vielfalt und Verwirrung beiträgt. Wie handhabt es der Siebmacher? Unter dem Begriff "Melusine" haben 16 Wappen einen Schwanz und 8 Wappen einen doppelten, unter dem Begriff "Sirene" haben 17 Wappen einen Schwanz und 29 Wappen einen doppelten. Eine gewisse Präferenz für den Ausdruck "Sirene" ist bei zwei Schwänzen zu erkennen, Eindeutigkeit liegt nicht vor. Die Darstellung ist ohne weitere Angaben oben nackt und natürlich, unten silbern oder grün je nach Untergrund. Bekleidete Sirenen wie hier im Rieter-Wappen sind die Ausnahme.

Zweischwänzige Meerfrauen findet man außerdem noch bei der Familie Hoefflinger (geviert: 1 und 4: in Gold aus silbernem Dreiberg wachsend ein schwarzer Bock, 2 und 3: in Rot eine silberne, gekrönte Meerjungfrau, die ihre beiden Fischschwänze aufhebt, Westfälisches Wappenbuch), bei der Familie Wuppermann (in Rot eine goldenbehaarte silberne Melusine (Wasserjungfrau), ihre beiden nach oben gebogenen Fischschwänze mit den Händen fassend, Eike Pies, Neues Bergisches Wappenbuch bürgerlicher Familien), bei der Familie Wybert aus Basel (in Blau mit silbernem Wellenschildfuß eine Melusine mit zwei grünen Fischschwänzen. Auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit blau-silbernen Decken eine Melusine mit zwei grünen Fischschwänzen. Wappenbuch der Stadt Basel), bei der Regensburger Familie Lackhner (Siebmacher Band: Bg4 Seite: 21 Tafel: 25), bei der Familie Matthey (in Blau eine silberne Melusine, in der rechten Hand eine goldene Lilie haltend. Aufgelegt ein silberner Wappenschild mit schwarzem Balkenkreuz, Siebmacher Band: Bg14 Seite: 106 Tafel: 43) und bei der Familie Vischer (in Schwarz eine über dem Wasser schwebende natürliche Melusine mit goldener Krone. Auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein Flug, rechts golden und links schwarz, rechts mit einem silbernen Schräglinksbalken, links mit einem ebensolchen Schrägrechtsbalken, dieser jeweils mit einem goldenen Fisch nach der Figur belegt. Wappenbuch der Stadt Basel), um nur einige Beispiele zu nennen. Beispiele für Kommunalwappen mit zweischwänzigen Sirenen sind die Gemeinde Zusamaltheim im Landkreis Dillingen an der Donau (unter schwarzem Schildhaupt, darin nebeneinander drei goldene Widerkreuze, gespalten von Rot und Silber, auf der Teilungslinie eine goldgekrönte schwarze Melusine (Fischweibchen) mit goldenen Schwänzen), ferner der Markt Isen im Landkreis Erding (in Blau eine rot gekleidete, golden gekrönte Meerjungfrau, die mit den Händen die beiden goldenen Fischschwänze emporhält).

Es ist wahrscheinlich, daß die Rieter aus der Ministerialität der unterfränkischen Stadt Ebern stammen, einst ein wichtiger Stapelplatz für Nürnberger Kaufleute auf ihren Reisen. Als sich Hans I. Rieter in Nürnberg ansiedelte, mußte er sich gegen die alteingesessenen Patriziergeschlechter behaupten, und da legte man sich etwas Besseres als Abstammung zu. So erhielt Johann Rieter am 12.2.1384 einen Wappenbrief des zypriotischen Königs Jakobs (Jacques) I. nebst der Bestätigung, daß die Melusine der Rieter einen Bezug zu der des französischen Adelsgeschlechtes Lusignan hätte und von einer adeligen Herkunft aus dem Königreich Zypern herrühre, völliger Unsinn natürlich bar jeder Grundlage, genau wie so viele andere Wappenlegenden.

Die beiden seitlichen Fensterspalten enthalten je zwei Stifterfiguren (Ehepaare), mit je einem Spruchband, das von den betenden Händen des innen stehenden Mannes ausgehend nach oben schwingt. Jedes Paar hat ein Allianzwappen aus zwei Wappenschilden, davon ist der innere der oben besprochene Rieter-Schild, der Schild der Ehefrau zeigt in der linken Fenstereinheit das Behaim-Wappen, silbern-rot gespalten, belegt mit einem schrägrechten schwarzen Wellenbalken, und in der rechten Fenstereinheit das Stromer-Wappen, in Rot ein gestürztes silbernes Dreieck, an den Spitzen mit halben silbernen Lilien besteckt (Lilien-Triangel).

Diese Stifter lassen sich identifizieren: In der optisch linken Scheibe ist das Hans I. Rieter (gest. 1414) mit seiner zweiten Ehefrau Kunigunde Behaim (gest. 1414), und in der optisch rechten Scheibe ist das deren Sohn Hans III Rieter (gest. 1410) und seine Ehefrau Elisabeth Stromer (geb. 1373, gest. 1424). Vater und Sohn stifteten dieses Fenster um 1390. Die Stiftskirche St. Martha war damals noch ganz neu und nur fünf Jahre zuvor geweiht worden. Warum St. Martha und nicht eine der beiden größeren Kirchen? Nun, kurz vor dem Jahr 1400 waren die Rieter noch das, was wir heute als "neureich" bezeichnen würden. Hans I. Rieter versteuerte zwar das größte Vermögen in Nürnberg, und so willigte Ulman I. Stromer aus wesentlich vornehmerem Hause für seine Tochter Elisabeth in die lukrative Partie mit dem jungen Hans III Rieter ein, doch andererseits erwähnt er in seiner Chronik die Familie seines Schwiegersohns überhaupt nicht, ebensowenig im Geschlechterbuch von 1569, was zeigt, wie wenig die Rieter als ebenbürtig angesehen wurden, wenn auch reich. Ähnlich darf man davon ausgehen, daß die begehrten Fensterplätze (gut, sie kosteten, aber sie brachten vor allem Selbstbestätigung, Ansehen, Repräsentation, "Werbung") in den beiden Stadtpfarrkirchen den alteingesessenen Geschlechtern vorbehalten waren. Jemand, der neu dazu kam und ein aufstrebendes, junges Geschlecht voller Repräsentationsbedürfnis war, griff dann gerne auf die junge Spitalkirche zurück.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Martha mit freundlicher Erlaubnis vom Presbyterium der ev.-ref. Gemeinde St. Martha und von Herrn Pfarrer Georg Rieger vom 9.7.2010, wofür beiden an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Martha, Nürnberg: http://www.stmartha.de
Geschichte von St. Martha:
http://www.stmartha.de/11661-0-281-81.html - http://www.stmartha.de/11289-0-281-81.html
Kirche St. Martha:
http://www.stmartha.de/11273-283-281-81.html
Epochen der Baukunst:
http://baukunst-nuernberg.de/epoche.php?epoche=Gotik&objekt=Marthakirche
Ursula Meyer-Eisfeld: Die Glasmalerei in der St. Martha-Kirche zu Nürnberg: Ein Führer durch die Inhalte, Edelmann, 2000, ISBN 978-3-87191-291-7.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Barbara Schenck: Die evangelisch-reformierte Gemeinde St. Martha in Nürnberg, 2000
Nürnberger Patriziat im Historischen Lexikon Bayerns:
http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45240

St. Martha: Waldstromer-Fenster - St. Martha: Groß-Fenster - St. Martha: Rieter-Fenster - St. Martha: Stromer-Fenster - St. Martha: Wappen-Medaillons - St. Martha: Ottnandt-Fenster - St. Martha: Schürstab-Fenster - St. Martha: Kirchenpforte

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