Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1406
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Martha in Nürnberg, Glasfenster (4)
Stromer-Fenster

Das sog. Stromer-Fenster befindet sich im polygonalen Chor rechts des Chorhauptes, es leitet die Südseite von Osten her ein. Seinen Namen trägt das Fenster von dem Patriziergeschlecht der Stromer von Reichenbach, deren Mitglieder es gestiftet haben. Es ist nicht einheitlich und weist auch neuere Elemente auf. Im Feld mit der Darstellung des Gekreuzigten findet sich der Hinweis auf eine Erneuerung: "Friderich Stromer verneudt 1578". Und die Scheibe ganz unten links ist eine spätere Hinzufügung aus dem frühen 17. Jh.

Linke Abb.: Gesamtansicht der drei unteren Reihen des Stromer-Fensters. Es sind Motive der Passionsgeschichte zu sehen. Die obere Reihe im Bild zeigt Jesus, der von einem neben ihm knienden Soldaten verspottet wird, während zwei Männer das tun, was in Matthäus 27, 27-30 beschrieben ist: "Da nahmen die Kriegsknechte des Landpflegers Jesus zu sich in das Richthaus und sammelten über ihn die ganze Schar und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßt seiest du, der Juden König! Und spieen ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt." Die mittlere Reihe zeigt die vollendete Kreuzigung, Jesus am Kreuze in der Mitte, die Lanze in der Seite steckend, Engel umschweben ihn und fangen das Blut in Gefäßen auf. Erst auf den zweiten Blick sieht man die Herkunft des niederträchtigen Lanzenstoßes - versteckt in der Gruppe der klagenden Frauen (Matthäus 27, 55: "Und es waren viele Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesus waren nachgefolgt aus Galiläa und hatten ihm gedient, unter welchen war Maria Magdalena und Maria, die Mutter der Kinder des Zebedäus") auf der linken Seite führt der Mann den Stoß zwischen diesen hindurch. Rechts des Gekreuzigten ist eine gemischte Gruppe (Detailaufnahme siehe unten), zum einen finden wir dort mit Judenhüten bekleidet die Widersacher von Jesus, zum andern finden wir dort auch eine Person mit Heiligenschein (Matthäus 27, 57-58: "Am Abend aber kam ein reicher Mann von Arimathia, der hieß Joseph, welcher auch ein Jünger Jesu war. Der ging zu Pilatus und bat ihn um den Leib Jesus. Da befahl Pilatus man sollte ihm ihn geben"). In der Mitte der unteren Reihe schließlich sieht man die Grablegung (Detailaufnahme siehe unten). Über diesen drei Reihen sind weitere Szenen der Passionsgeschichte. Rechte Abb.: Detailaufnahme der Kreuzigung.

In der Mitte der untersten Reihe ist das Wappen der Stifterfamilie zu sehen, das der Stromer (Abb. Mitte). Es zeigt in Rot ein gestürztes silbernes Dreieck, an den Spitzen mit halben silbernen Lilien besteckt (Lilien-Triangel), auf dem Helm mit eigentlich rot-silbernen, hier gänzlich silbernen Decken auf einem eigentlich roten, hier silbernen Kissen ein silberner Stab, oben mit drei oberhalben Lilien besetzt. Interessant ist die Entwicklung, die die Stromer-Helmzier macht. In der Literatur wird das Wappen meist mit drei Glevenstäben in der Helmzier wiedergegeben (vgl. Siebmacher Band: Bay Seite: 59 Tafel: 63). In St. Sebald finden wir es im dortigen Stromer-Fenster durchgängig mit nur einem Glevenstab, also genauso wie bei den Nützel. In den Glasfenstern von St. Lorenz von 1504 sehen wir ebenso nur einen Glevenstab. Hier in St. Martha begegnet uns eine Zwischenstufe: Auf dem Kissen ist ein einzelner Schaft, von dessen Abschlußplatte drei oberhalbe Lilien mit je drei Blättern entspringen. Mit drei separaten, fächerförmig gestellten Lilienstäben, also auch mit drei unabhängigen Stäben, finden wir es wiederum auf einer separaten runden Glasscheibe in St. Lorenz, die deutlich nach den anderen Beispielen entstanden ist. So können wir den Differenzierungsprozeß nachvollziehen, und hier in St. Martha haben wir mit der Teilaufspaltung nur im oberen Bereich eine hochinteressante Übergangsform.

Die Scheibe links unten in der untersten Reihe ist deutlich später hinzugekommen, sie ist auf 1613 datiert. Sie weicht in der Gestaltung von den anderen Fensterscheiben insofern ab, als sie keinen Schmuckrand aus abwechselnd roten und goldenen Feldern besitzt. Das dargestellte Wappen ist das der Familie Stark von und zu Röckenhof, in Silber auf schwarzem Dreiberg eine wachsende männliche Figur in roter Gewandung, mit einer schwarzen Kappe mit silbernem Stulp, in jeder Hand einen Karst (eine Hacke oder Haue mit langem Zinken zur Bodenlockerung und zur Ernte) an langen goldenen, auf dem Dreiberg aufgestützten Stielen haltend. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken der Mann wie beschrieben auf dem Dreiberg. Dieses ratsfähige Geschlecht (1320 Hans Stark als erster der Familie Bürger von Nürnberg, 1453 erstmals mit Ulrich Stark im Rat) besaß den Herrensitz Röckenhof im Landkreis erlangen von 1514-1715. Die Familie ist im Mannesstamm 1715 mit Johann Septimus Stark erloschen, er war brandenburg-bayreuthischer Kammerjunker und Oberamtmann. Das Wappen wird bei Schöler auf S. 101 und Tafel 119 beschrieben, im Siebmacher im Band: BayA1 Seite: 109 Tafel: 108. Es gibt einen Wappenbrief vom 17.11.1417 für Hans Stark und dessen beide Söhne Ulrich und Hans, und in diesem Wappenbrief fehlt interessanterweise die Blasonierung. Das Wappen ist auch im Alten Siebmacher von 1605 abgebildet unter "Die Starcken", mit marginalen Unterschieden, so sind die Karste leicht schräg nach außen geneigt, und die Kappe ist silbern mit schwarzem Aufschlag.

"Jakob Starckh von und zum Reckhenhoff" (lebte 1550 bis 1617) ließ diese Scheibe stiften. Er wurde in seinem Todesjahr zum Vordersten Losunger, also zum Stadtoberhaupt, gewählt. Die zugehörige Inschrift nennt ihn als Pfleger der Stiftung St. Martha, ferner nennt sie seine drei Ehefrauen, die 1574 geehelichte und um 1589 kinderlos verstorbene Elisabeth Uslar ("Vövslerin von Goslar") und die 1603 geehelichte und ebenfalls kinderlose Magdalena Rieter ("Rieterin von Kornburg") sowie die in dritter Ehe 1613 geehelichte Anna Maria Holzschuher. Letztere lebte von 1582 bis 1626, und sie war die Witwe Gottlieb II. Volkamers (ein Sohn, Johann Jakob II.). Das große Vollwappen der Stark hat zwei Beischilde, die diesen Familien entsprechen. Optisch links sehen wir den Schild der Familie Uslar, geteilt, oben schwarz, unten von Silber und Rot dreimal gespalten (hier gewendet). Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Brau Seite: 10 Tafel: 8, Band: Han Seite: 26 Tafel: 27, Band: Me Seite: 20 Tafel: 19, Band: PrE Seite: 175 Tafel: 152. Diese Goslarer Patrizier führten als Helmzier (hier nicht dargestellt) auf dem Helm mit rot-silbernen Decken zwei Büffelhörner, geteilt, oben schwarz, unten silbern-rot gespalten. Optisch rechts, oben in der Ausschnittsvergrößerung zu sehen, ist der Schild geviert von den Wappenbildern der Rieter von Kornburg (in von Schwarz und Gold geteiltem Schild eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau/Sirene/Melusine) und der Holzschuher (in Gold ein schwarzer Holzschuh mit silberner Einfassung). Beide Wappen werden an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Alle drei Ehefrauen sind also in diesen beiden Beiwappen vertreten. Es ist ein Sonderfall, daß hier zwei Ehefrauen in einem gemeinsamen, gevierten Schild zusammengefaßt werden, ohne daß dieser ein Symbol für den Ehemann enthält.

Die Detailvergrößerung zeigt die herausragende künstlerische und handwerkliche Qualität des Wappenfensters, welches deutlich nach den anderen Scheiben des Stromer-Fensters entstanden ist. Dem Stile der Zeit entsprechend fallen im Vergleich zu den früheren Darstellungen aber auch schon Merkmale dafür auf, daß sich die Heraldik mehr und mehr von tatsächlich benutzbaren Helmen entfernt, wie der viel zu enge Helmhals, wo niemals ein Kopf durchpassen würde, und die zunehmende Verzierung sowie die das Gesicht nicht schützende Bügelstellung zeigen.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Martha mit freundlicher Erlaubnis vom Presbyterium der ev.-ref. Gemeinde St. Martha und von Herrn Pfarrer Georg Rieger vom 9.7.2010, wofür beiden an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Martha, Nürnberg: http://www.stmartha.de
Geschichte von St. Martha:
http://www.stmartha.de/11661-0-281-81.html - http://www.stmartha.de/11289-0-281-81.html
Kirche St. Martha:
http://www.stmartha.de/11273-283-281-81.html
Ursula Meyer-Eisfeld: Die Glasmalerei in der St. Martha-Kirche zu Nürnberg: Ein Führer durch die Inhalte, Edelmann, 2000, ISBN 978-3-87191-291-7.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Barbara Schenck: Die evangelisch-reformierte Gemeinde St. Martha in Nürnberg, 2000
Nürnberger Patriziat im Historischen Lexikon Bayerns:
http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45240
Bibelstellen nach
http://www.bibel-online.net/buch/40.matthaeus/27.html

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