Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1417
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Lorenz in Nürnberg (3)
Haller-Fenster

Das Haller-Fenster ist ein Chorfenster auf der nördlichen Seite des polygonalen Ostabschlusses, das zweite Fenster links vom Chorhaupt, zwischen dem Knorr-Fenster und dem Rieter-Fenster. Es ist auf 1480 zu datieren. Das spätgotische Fenster ist wie die anderen Fenster auch sechs Einheiten breit und ebenfalls sechs Reihen hoch zuzüglich des oberen Maßwerkabschlusses. Das Fenster ist vollständig bunt verglast, im Gegensatz zu den späteren Fenstern, die im oberen Teil farblose Butzenscheiben haben, um mehr Licht in den Raum fluten zu lassen. Die untere Reihe ("Predellen-Zeile") ist als Stifterzone mit heraldischen Inhalten gefüllt, die vier Zeilen darüber sind vollständig figürlich-szenisch, die zweitoberste enthält nur in den mittleren vier Einheiten Szenen und in den beiden äußersten Scheiben Filialabschlüsse, und die Maßwerkzone ist eine abschließende Reihe. Die rechteckigen Scheibeneinheiten sind ca. 0,6 x 1 m groß. Thematisch ist das Fenster der Passion Christi gewidmet, wobei die einzelnen Stationen zu zwei Scheiben übergreifenden Doppelszenen zusammengefaßt werden. Die Geschichte der Passion beginnt in der zweiten Reihe und gipfelt in der Kreuzigung ganz oben. Der Künstler des Fensters ist nicht bekannt.

Der Aufbau der Stifterzone ist dreiteilig: In der Mitte befinden sich zwei vermehrte Haller-Wappen, zu beiden Seiten je zweimal das Stammwappen, jeweils der Mitte zugewandt, so daß diese beiden Abbildungen, die beiden linken Scheiben der untersten Reihe darstellend, gewendete Wappen zeigen. Keines der Wappen hat einen Beischild, so daß die Möglichkeit der namentlichen Zuordnung auf diesem Wege entfällt. Das Stammwappen der Haller zeigt in Rot einen schwarz gefüllten, schrägen, linken, silbernen Sturzsparren, hier aus Courtoisie gewendet. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender, gänzlich roter, nackter Frauenrumpf mit schwarzem, zu einem hinten herabfallenden Zopf geflochtenem Haar, mit silbernem Haarband mit nach hinten abfliegenden Enden und mit silbernen Ohrringen.

Diese Abbildungen zeigen die beiden mittleren Scheiben mit dem vermehrten Wappen der Haller von Hallerstein. Diese Scheiben wurden später in das spätgotische Fenster eingefügt und zeigen die Fortentwicklung des Haller-Wappens. Am 27.3.1528 bekamen die Haller anläßlich einer Adelserneuerung von Kaiser Karl V. die Erlaubnis zur Erweiterung des Namens zu "Haller von Hallerstein", gleichzeitig wurde der Schild mit dem Wappen der ausgestorbenen von Hallerstein (Siebmacher Band: BayA2 Seite: 64 Tafel: 41) geviert. Nun ist das erweiterte Wappen wie folgt aufgebaut: 1 und 4: in Rot ein schwarz gefüllter, schräger, linker, silberner Sturzsparren (Stammwappen), 2 und 3: geteilt, oben in Rot eine gestürzte, goldene Spitze, unten in Silber ein schreitender, schwarzer Löwe. Der Löwe ist im optisch linken Wappen aus Courtoisie jeweils linksgewendet. Zwei Helme führt das vermehrte Wappen: Helm 1 (rechts): der wachsende rote, nun bekleidete (wie man an den Falten des Rockes erkennt) Frauenrumpf zwischen zwei roten Büffelhörnern, an den Mündungen mit Pfauenfedern besteckt. Die Hörner sind das Ergebnis einer früheren Wappenverbesserung, auf den älteren Glasfenstern rechts und links außen ist noch nichts davon zu sehen. Helm 2 (links): auf dem schwarz-silbern bewulsteten Helm rechts eine aufrechte natürliche Hirschstange, links ein rot-silbern geteilter Flug, oben eine gestürzte goldene Spitze (Kombinationshelmzier). Die Hirschstange wird auch als golden beschrieben. Auch bei den Helmen ist die stilistische und heraldische Entwicklung während weniger Jahrzehnte abzulesen, während die äußeren Scheiben von 1480 strenge Bügelhelme ohne jeden Schmuck haben, finden wir hier in der Mitte goldene (links) und silberne (rechts) Bügelhelme. Einzig die Inschriften erlauben eine konkretere zeitliche Einordnung: In der linken Scheibe steht "VERNEUT 1655", in der rechten Scheibe "RESTAURIRT 1839" unter Angabe des Restaurators.

Die beiden rechten Scheiben folgen stilistisch und heraldisch dem bei den beiden linken Scheiben Gesagten. Der Stifter des Fensters ist nicht namentlich bekannt und auch mangels Beischilden nicht aus den Fenstern abzuleiten, vermutlich war es Lorenz Haller, Kirchenpfleger.

Literatur, Links und Quellen:
St. Lorenz, Nürnberg: http://www.lorenzkirche.citykirche-magazin.de/
Kunst in St. Lorenz:
http://www.lorenzkirche.citykirche-magazin.de/index.php.....=147
St. Lorenz, Nürnberg:
http://www.nuernberginfos.de/kirchen-nuernberg/lorenzkirche-nuernberg.html
Veröffentlichung der Bilder aus dem Innenraum von St. Lorenz in Nürnberg mit freundlicher Genehmigung von Herrn Marco Popp, Lorenzer Archiv,
wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Veit Funk, Glasfensterkunst in St. Lorenz, Verlag A. Hofmann, Nürnberg 1995, ISBN 3-87191-200-X

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