Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1431
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Lorenz in Nürnberg (17)
Wappen-Medaillons im Fenster "Süd XI"

Im Fenster des südlichen Seitenschiffs im achten Langhausjoch, von Westen gezählt, befindet sich unten eine geschlossene Reihe von sechs farbig gefaßten Scheiben, darüber sind die Reihen mit farblosen Butzenglasscheiben verglast, mit Ausnahme der vierten Reihe von unten, in der vier farbige Wappenmedaillons nebeneinander liegen, nur vier, weil sie seitlich schon durch Maßwerk im sich verjüngenden Spitzbogen flankiert werden, denn es handelt sich bei der Stelle zugleich um die zweite Reihe von oben. Es ist das vorletzte Fenster vor dem Choransatz, in der Zählung ab dem Chorscheitel ist es das Fenster "Süd XI".

Alle vier Medaillons bestehen aus zwei in Form eines Allianzwappens zusammengestellten Wappenschilden ohne Oberwappen, und in allen vier Fällen zeigt der heraldisch rechte Schild das vermehrte Wappen der Nützel (Nützel von Sündersbühl), das sie ab 1548 führten, es ist geviert und zeigt in Feld 1 und 4 in Silber einen schwarzen Adler, 2 und 3 in Rot ein gestürztes, in Lilienstäbe auslaufendes silbernes Dreieck, das Stammwappen.

3. Wappenmedaillon von links: Der heraldisch linke Schild für die Ehefrauen ist gespalten und zeigt rechts das Wappen Hübner, in Schwarz ein silberner, mit drei nach der Figur gelegten schwarzen Hufeisen belegter silberner Schrägbalken, und links das Wappen der Familie Paumgartner, von Silber und Schwarz geteilt, oben ein eigentlich rot, hier golden bewehrter grüner Sittich mit eigentlich rotem, hier goldenem Halsband, unten eine silberne Lilie. Die Inschrift datiert die Scheibe auf "Anno 1548" und nennt "Caspar Nützel", "Margareta Huebnerin" (gest. 1546), die er 1522 geheiratet hatte, und "Ursula Paumgartnerin" (gest. 1562), bereits zweimal verwitwet, die er 1547 geheiratet hatte. Und es ist passend, daß wir die Reihe der Scheiben mit Kaspar Nützel, geb. 1499, gest. am 2.12.1560, beginnen, denn genau er war es, der 1549 die Erhebung in den erblichen Adelsstand und die Wappenverbesserung erwirkt hatte. Der Hintergrund war die Verbindung mit seiner zweiten Frau, denn deren Verwandte aus der Augsburger Linie der Paumgartner von Paumgarten, Freiherren von Hohenschwangau, hatten seit 1543 das große Palatinat inne. Angehörige des großen Palatinates, durften Wappenbriefe ausstellen und einmal eine Erhebung in den erblichen Adelsstand für einen Nichtritterbürtigen aussprechen. Und die zwar weiten, aber doch vorhandenen verwandtschaftlichen Beziehungen funktionierten ausgezeichnet 1549, und gerade noch rechtzeitig, denn sechs Monate nach der Erhebung starb der Hofpfalzgraf Hans III. Paumgartner. Und damit war auch endlich das Problem mit den Nützel gelöst (vgl. Wappenstreit). Auf Kaspars beide Söhne Joachim I. und Hans V. gehen die sog. ältere bzw. jüngere Linie der Nützel zurück. Kaspar II. Nützel war als Bergbauunternehmer aktiv und trieb Handel mit Metallen, Armbrüsten, Getreide etc., wurde 1530 jüngerer Bürgermeister und wird ab da abwechselnd als ein solcher oder als Alter Genannter geführt, er war mehrfach Landpfleger und wurde 1550 älterer Bürgermeister, 8 Jahre lang war er älterer Herr. Dem engagierten Kaufmann und Unternehmer scheint die Ratskarriere eher zweitrangig gewesen zu sein.

4. Wappenmedaillon von links: Der heraldisch linke Schild für die Ehefrau zeigt das Wappen Rotenburger, gespalten, rechts in Schwarz ein aufspringendes goldenes Einhorn, links in Schwarz ein goldener Schrägbalken. Die zu den Wappen passende und in der Inschrift erwähnte Verbindung wäre die von Joachim I. Nützel (1532-28.1.1603), dem Begründer der älteren Linie, Sohn des oben erwähnten Kaspar II. Nützel von der ersten hier vorgestellten Scheibe, mit der 1567 geehelichten Kaufmannstochter Magdalena Rotenburger. Die beiden Brüder hatten die Montan-Unternehmen des Vaters geerbt und führten sie gemeinsam weiter, betrieben Bergbau in Schlaggenwald und trieben Handel mit Zinn. Daneben machte Joachim Karriere im Rat, wurde 1568 Genannter des Größeren Rats und ebenso Alter Genannter des Kleineren Rats. Er wurde 1572 Rugherr, 1575 Vormundherr, 1579 Landpfleger, 1579 älterer Bürgermeister, 1589 Septemvir, 1598 dritter Oberster Hauptmann, 1601 Zweiter Losunger und 1603 Vorderster Losunger. Diese Position sollte ihm aber nur drei Wochen lang vergönnt sein.

1. Wappenmedaillon von links: Der heraldisch linke Schild für die Ehefrau zeigt das Wappen der Fürer (Fürer von Haimendorf), es ist gespalten, vorne in Rot eine halbe silberne Lilie, hinten in Silber ein halbes rotes Rad, jeweils am Spalt. Die zu den Wappen passende und in der Inschrift erwähnte Verbindung wäre die von Hans Nützel V. ("der Elder", der Ältere), geb. 1540, gest. am 30.1.1620, dem Begründer der jüngeren Linie (er war acht Jahre jünger als der ältere Bruder), Sohn des oben erwähnten Kaspar II. Nützel von der ersten hier vorgestellten Scheibe, Bruder des Joachim I. Nützel von der zweiten hier vorgestellten Scheibe, mit der 1584 geehelichten Felicitas Fürer (1551-1619), die das wirtschaftlich interessante Kugelhammer (Röthenbach bei St. Wolfgang) mit in die Ehe brachte. Den Montanhandelsbetrieb seines Vaters führte er erst gemeinsam mit dem Bruder, später alleine fort. Seine Frau war die Tochter eines Geschäftspartners. Hans wurde 1585 jüngerer Bürgermeister, 1598 älterer Bürgermeister, 1604 Septemvir, 1613 dritter Oberster Hauptmann, 1617 Vorderster Losunger.

2. Wappenmedaillon von links: Der heraldisch linke, gevierte Schild für die Ehefrauen zeigt in den Feldern 1 und 4 das Imhoff-Motiv, in Rot ein goldener See-Löwe mit einem über dem Kopf schwingenden Fischschwanz, auf dem linken Vorderbein stehend, das rechte vorwärts streckend, und in den Feldern 2 und 3 das Wappenbild der Tucher (Tucher von Simmelsdorf), geteilt, oben von Silber und Schwarz fünfmal schräglinks geteilt, unten in Gold ein eigentlich schwarzer, hier eher als naturfarben anzusehender Mohrenkopf. Die Inschrift nennt das Datum 1638 und die Personen "Herr Gabriel Nützel", "Magdalena ImHoff" und "Catharina Tucherin". Das ist Gabriel V. Nützel, geb. 1589, gest. 1638, Sohn von Hans Nützel V. aus der dritten Scheibe, Enkel des Kaspar II. Nützel aus der ersten Scheibe, Neffe des Joachim I. Nützel aus der zweiten hier vorgestellten Scheibe. Er hatte Magdalena 1615 und Katharina 1622 geheiratet.

In der untersten Reihe des Fensters befinden sich sechs gänzlich farbig gefaßte Scheiben, wesentlich älter als die zuvor besprochenen Medaillons, aus der Zeit ca. 1390-1400 stammend. Viermal sieht man das gewendete Wappen der Staudigel, in Silber ein schwarzer Igel. Auf dem Helm mit eigentlich schwarz-silbernen, hier nur silbernen Decken führen sie einen schwarzen Igel. Es waren die Staudigel, die einst Sündersbühl besessen hatten. Als Konrad II. Nützel, gest. 1340, Hildegard Staudigel geheiratet hatte, kam Sündersbühl an die Nützel. Die Staudigel waren ein ratsfähiges bürgerliches Geschlecht der Reichsstadt, das auch in Österreich verbreitet war. Ihr Wappen wird beschrieben im Schöler, Tafel 105, ferner im Siebmacher Band: Bg2 Seite: 58 Tafel: 97. Abweichende Darstellungen (Feldfarbe golden, oder Igel vor einem Baum) werden in Band: BayA3 Seite: 92 Tafel: 59 beschrieben. Ein Schild zeigt ein weiteres Wappen, geteilt, oben in Gold ein schreitendes schwarzes Tier, unten rot-golden geteilt, Hinweise willkommen.

Die drei rechten Scheiben der untersten Reihe zeigen die Angehörigen der Familie Nützel. In der vierten Scheibe von links befindet sich ein Vollwappen der Nützel, in Rot ein gestürztes silbernes Dreieck, an den Spitzen mit halben silbernen Lilien besteckt, auf dem Helm mit eigentlich rot-silbernen Decken auf einem roten Kissen ein silberner Glevenstab (Stab mit einer oberhalben Lilie). Zwei weitere Nützel-Schilde sieht man in den beiden rechten Scheiben, dazu einen Grundherr-Schild, in Rot ein oberhalber silberner Löwe, und einen Schopper-Schild, in Rot ein silberner Balken, mit einer dreigliedrigen schwarzen Kette belegt (Siebmacher Band: Bg1 Seite: 31 Tafel: 38, dort Kette golden, Schöler S. 98, Tafel 137, dort Kette schwarz). Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre ein wachsendes rotgekleidetes männliches Brustbild mit einem golden-befransten Harnisch und langen Ohren. Die Schopper sind 1481 erloschen. Die Scheibe ganz rechts steht für Berthold I. Nützel, gest. 1398, in erster Ehe vermählt mit Margarete Grundherr (später dann noch einmal mit Ursula Haller), die zweite Scheibe von rechts steht für Bertholds Vater, Peter II. Nützel, gest. 1386, vermählt mit Katharina Schopper, und die beiden Vollwappen in der Mitte des Fensters (3. und 4. Scheibe) stehen für Bertholds Großeltern, Konrad II. Nützel, gest. 1340, und Hildegard Staudigel, gest. 1342.

Literatur, Links und Quellen:
St. Lorenz, Nürnberg: http://www.lorenzkirche.citykirche-magazin.de/
Kunst in St. Lorenz:
http://www.lorenzkirche.citykirche-magazin.de/index.php.....=147
St. Lorenz, Nürnberg:
http://www.nuernberginfos.de/kirchen-nuernberg/lorenzkirche-nuernberg.html
Veröffentlichung der Bilder aus dem Innenraum von St. Lorenz in Nürnberg mit freundlicher Genehmigung von Herrn Marco Popp, Lorenzer Archiv,
wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.

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