Gernot Ramsauer, Bernhard Peter und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1440
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald, außen: Maurer-Epitaph

Diese spätgotische Bildhauerarbeit befindet sich an St. Sebald außen direkt neben dem westlichen Eingang, der in das nördliche Seitenschiff führt. Es handelt sich um eine Kopie, das Original wird seit 1921 im Germanischen Nationalmuseum aufbewahrt. Dieses Epitaphium, das ohne Zusammenhang mit der eigentlichen Begräbnisstätte zur Erinnerung in die Außenwand der Kirche eingelassen wurde, erinnert an den 1358 ("xi-ii und lviii iar an sant Ambrosi-us tag") verstorbenen Hermann Maurer, der 1332 erstmals unter den Genannten des Größeren Rates auftaucht und 1342 und 1346 als jüngerer Bürgermeister Mitglied des Kleinen Rates gewählt wurde, den man 1349 aber im Aufruhrrat als älteren Bürgermeister findet, und der schließlich wieder unbeschadet von den Ereignissen 1351 bis 1358 im wiedereingesetzten regulären Rat saß, und dessen Frau ("wart herman maurer und sein wirtin hie peg-raben"), die Anna Ebner gewesen sein soll.

Das Wappen der ratsfähigen Nürnberger Familie Maurer (alternative Schreibweisen: Meurin, Maurin, Meuren oder Meurlin) wird bei Schöler auf Tafel 39 abgebildet. Es zeigt in Silber drei deichselförmig im Dreipaß zusammengestellte grüne Lindenblätter, deren Stiele im Zentrum schneckenförmig ineinander verlaufen. Es ist ein wunderbar schlichtes und dynamisches Schildbild, schwungvoll und ausgeglichen zugleich, das sich vor dem Hintergrund gotischer, dreieckiger Schildformen als optimale Raumausnutzung entwickelt hat. Auf dem Helm mit rot-silbernen oder grün-silbernen Decken wird als Zimier ein silberner, mit dem Schildbild belegter und oben mit einem Hahnenfederbusch besteckter Hut geführt, der hier ohne, in späteren Darstellungen aber auch mit Stulp dargestellt wird. Im Siebmacher wird das Wappen in Band: BayA1 Seite: 80 Tafel: 80 beschrieben. Es handelt sich um eine bürgerliche Familie, die sich hier in der Art der Präsentation mit stark geneigtem Schild, früher Helmform und kurzer, nach hinten wehender Decke die klassische Präsentation adeliger Wappen zu eigen macht, ein Stilmittel, um gesellschaftlichen Aufstieg zu zeigen und Anspruch auf Gleichstellung des Bürgertums in der Stadt mit dem reichsritterschaftlichen Adel kundzutun, wenigstens hinsichtlich der Repräsentationsformen. Hermann hatte einen Bruder namens Seitz Maurer, der ein Haus in der Nähe der Sebalduskirche besaß und 1357-1364 zusammen mit Hermann Vorchtel als Pfleger von St. Sebald den Chorneubau in Angriff nahm. Dieser angesehene, 1370 verstorbene ältere Bruder protegierte Hermann wohl auch vermutlich, so daß dieser 1350 keine Konsequenzen aus seiner Rolle im Aufruhrrat zu spüren bekam. Die Brüder hatten Güter in der Nähe von Hollfeld, in Treppendorf und in Stechendorf. Nach den Angaben im Neuen Siebmacher ist das Geschlecht mit Seifried und Albrecht, den Söhnen des hier erwähnten Hermann, erloschen. Das scheint fast so, traten die Mitglieder doch kaum noch in der Nürnberger Ratspolitik in Erscheinung, sie werden auch nicht mehr im Tanzstatut von 1521 erwähnt: Nach Fleischmann trifft das Erlöschen aber nicht zu, denn die Familie lebte bürgerlich und bestand bis ins 18. Jh. fort. Eberhard Maurer ließ 1472 von Kaiser Friedrich III den Namen in "Meurl" ändern (Siebmacher Band: Bg4 Seite: 26, mit dem hier beschriebenen Wappen gelistet). Der Schild der Familie taucht auf dem Epitaph übrigens noch ein zweites Mal auf, optisch rechts in der Kreuzes-Szene.

Hintergrund: Der Nürnberger Aufruhrrat 1348/49
Hermann Maurer war, nach eher sporadischer Ratstätigkeit in den vorangegangenen Jahren eine der führenden Personen im Nürnberger „Aufruhrrat“, den manche Chronisten auch als „Handwerkeraufstand“ bezeichnen.

Aufruhr?Aufstand? Vor unserem geistigen Auge sehen wir da brennende Barrikaden, einen revolutionären Mob und Chaos in den Straßen. Merkwürdigerweise finden sich in den Archiven aber kaum zeitgenössische Hinweise. Ulman I. Stromer führte in dieser Zeit eine Art Tagebuch „von mein geslechet und von abenteur“; er erwähnt in diesen Jahren aber nur das anschließende Judenprogrom „die juden wurden verprant“ und verliert kein Wort über irgendwelchen Unruhen. Die überlieferten Urkunden zeichnen ebenfalls ein Bild einer kontinuierlichen Ratstätigkeit. Rats- und Verwaltungsämter wurden unverändert weitergeführt, Kauf- und Gerichtsurkunden mit den gleichen Siegeln wie vorher bestätigt. Erst knapp 150 Jahre später wird der Chronist Sigmund Meisterlin dramatisch und zugleich mystisch: Der Teufel hätte aus Ärger ob der paradiesischen Harmonie in Nürnberg Müßiggänger und Pöbelvolk angestiftet, die Nürnberger Handwerker zu einem Aufruhr zu verführen, worauf die Angehörigen der Ratsgeschlechter als Mönche oder Bettler verkleidet aus der Stadt flüchten mussten.

Es erstaunt auf den ersten Blick, dass unter den Mitgliedern des Aufruhrrates etliche Angehörige der Ratsfamilien der ersten und zweiten Reihe zu finden sind: Neben dem Hermann Maurer sind das zum Beispiel Albrecht und Friedrich Ebner, Ulrich Stromer, Konrad Pfinzing, Ulrich Schürstab oder Hans Ortlieb. Nach dem Zusammenbruch des „Aufruhrs“ folgte auch kein blutiges Strafgericht. Im Gegenteil, die meisten von ihnen, auch Hermann Maurer, gehörten ab 1350 ebenfalls dem wiedereingesetzten neuen Rat an. Das klingt nicht nach Revolte und Umsturz. Was war also passiert?

In der Mitte des 14. Jahrhunderts kämpften die Familien der Wittelsbacher und der Luxemburger um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich. Der Wittelsbacher Ludwig der Bayer war Deutscher Kaiser. Wegen Streitigkeiten mit dem Papst und verschiedenen Fürsten aufgrund von Ludwigs Hausmachtpolitik wurde der Luxemburger Karl IV. zum Gegenkönig ausgerufen. Bevor es zur einer Entscheidungsschlacht kommen konnte, verstarb Ludwig der Bayer an einem Schlaganfall. Damit hatte die wittelsbachische Seite ein Problem: Ludwigs Sohn Ludwig der Brandenburger kam wegen des Kirchenbanns und einer hochproblematischen Ehe mit Margarete Maultasch von Tirol nicht als Nachfolger in Frage. Die Ersatzkandidaten Eduard III. von England und Friedrich von Thüringen-Meißen winkten dankend ab, bis zum 30. Januar 1349 mit Günther von Schwarzburg ein Ersatz für den Ersatz gefunden war.

Das traditionell kaisertreue Nürnberg war in diesem Konflikt zunächst auf der Seite des Wittelsbacher Kaisers, nicht zuletzt weil Ludwig der Bayer dem Rat der Stadt wichtige und wertvolle Privilegien eingeräumt hatte. Nach dessen Tod jedoch schwenkte der Rat um zum Luxemburger Karl IV, der umgehend nach seiner Krönung die Privilegien seines Vorgängers bestätigte. Allerdings gab es eine bedeutende Wittelsbachische Oppositionspartei in Nürnberg, welche die beiden Söhne Ludwigs und den Gegenkönig Günther von Schwarzburg unterstützten. Am 4. Juni 1348 öffnete ein Teil der Bürgerschaft den Wittelsbachern die Tore und übernahm die Macht im Rat, ohne dass Gewalt angewendet wurde. Nur einige wenige Ratsherren, wie Konrad Groß und Heinrich Grundherr verließen die Stadt und gingen in das Lager der Luxemburger. Die Ratsgeschäfte gingen ohne Unterbrechung ihren gewohnten Gang. Die Burggrafen, Albrecht und Johann und die Bischöfe von Würzburg und Bamberg verhielten sich erst einmal abwartend, welche Seite sich denn durchsetzen würde und ließen sich von beiden Parteien hofieren.

Im Laufe des Jahres 1349 erwies sich aber, dass die Wittelsbachische Seite dem König Karl IV unterlegen war. Günther von Schwarzburg verzichtete auf seinen Anspruch und im Juni kam es zur Aussöhnung Karls mit Ludwigs Sohn Ludwig von Brandenburg. Damit war die Lage des Aufruhrrates unhaltbar geworden. Er kapitulierte, als sich Karl IV. im September mit einer bewaffneten Streitmacht näherte. Karl ernannte aus dem alten, entmachteten Rat fünf Personen und diese erwählten einen neuen patrizischen Rat. Es ist bemerkenswert, daß in diesem Rat auch Personen saßen, die auch im Aufruhrrat maßgeblichen Einfluß hatten. Hermann Maurer war vor den Unruhen jüngerer Bürgermeister, im Aufruhrrat amtierte er als älterer Bürgermeister und saß ab 1351 wiederum im Rat und fungierte zeitweilig als älterer und jüngerer Bürgermeister. Oder auch der Kaufmann Kraft Kestel, der im Aufruhrrat als einer der führenden Figuren auftauchte und ebenfalls Mitglied des neuen patrizischen Rates blieb, dort bis 1355 als jüngerer Bürgermeister. Danach versanken allerdings er und seine Familie in der Versenkung.

Wohl aus gemeinsamen wirtschaftlichen Erwägungen wurden die Angehörigen der führenden Familien sehr nachsichtig behandelt und erfuhren aus der Beteiligung am Aufstand keine spürbaren Nachteile.

Soweit die politische, patrizische Komponente. Es gibt aber auch noch eine weitere, innerstädtische, den Konflikt zwischen der patrizischen Oberschicht und den aufsteigenden Zünften der Handwerker. Im 14. Jahrhundert schlossen sich in vielen Reichstädten Handwerker genossenschaftlich zu Zünften zusammen. Vereint konnten sie der reichen Kaufmannschaft im Patriziat ein wirksames Gegengewicht gegenüberstellen. Später drängten viele Zünfte sogar erfolgreich in die Stadtregierung etlicher Reichstädte.

So war die Stimmung auch um 1348 in Nürnberg. Als der Rat sich in der Frage der Loyalität zu Wittelsbach oder Luxemburg gespalten zeigte, sahen die Nürnberger Handwerker die Chance, einen Anteil an der Macht im Stadtregiment zu erringen, und griffen unter der Führung der Schmiede und Schuster zu Gunsten der Wittelsbacher Partei in den Konflikt ein. Der Umsturz gelang und die Handwerke konnten durchsetzen, dass sie Zünfte bilden durften, geführt von einem gewählten Zunftmeister. Es wurden auch einige Handwerker in den Rat berufen, wie diese zu bestimmen waren, blieb aber ungeklärt. Das war es dann aber auch schon, was die Handwerker an Konzessionen der reichen Kaufmannschaft abringen konnten, bereits im Aufruhrrat steuerten die weiterhin mächtigen alten Geschlechter dagegen: Den Zünften wurden heimliche Versammlungen verboten, eine eigene Gerichtsbarkeit bekamen sie nicht und offiziell waren sie auch nicht im Rat vertreten. Die Handwerker hatten die ihnen zugedachte Rolle gespielt, nun sollten sie gefälligst wieder an ihre Ambosse, Öfen und Schusterbänke gehen und Ruhe geben.

Und selbst diese kleinen Errungenschaften gingen mit Einsetzen des neuen Rates wieder verloren. Alle Zünfte und Bünde wurden in Nürnberg umgehend verboten. Die Aufsicht über das Handwerk übernahm eine neugeschaffene Behörde, das Rugamt. Die Nachsicht, welche die patrizischen Familien untereinander zeigten, wurden den Handwerkern gegenüber nicht geübt: 190 von ihnen wurden wegen des Aufruhrs der Stadt verwiesen. Allerdings schien der Rat doch Respekt vor der potentiellen Macht der einfachen Bürger bekommen zu haben, denn kaum zwei Monate später wurden die Nürnberger Juden als Ersatzopfer präsentiert und es kam zu einem Pogrom, dem mindestens 562 Personen zum Opfer fielen. Das bisherige Judenviertel wurde abgerissen und an seiner Stelle der Hauptmarkt errichtet, die Trümmer der Synagoge verschwanden unter dem Bau der Frauenkirche. Die Beute von etwa 13 000 Pfund Heller teilten sich die Stadt, der Burggraf, der Bischof von Bamberg und der König. Letzterer hatte wohlweislich schon im Vorfeld die Absolution erteilt, falls es bei der Niederschlagung des Aufstands zu einer etwaigen Beschädigung der ihm schutzbefohlenen Juden kommen würde. Die Nürnberger hatten den Wink wohl verstanden.

Durch die Ereignisse war die Oligarchie der alten Ratsgeschlechter in Nürnberg zementiert worden. Allerdings war diesen vor Augen geführt worden, auf welch tönernen Füßen ihre Herrschaft stand, sobald sich ein oppositionelles Bündnis aus Kaufmannschaft und Handwerk zusammenfand. Darum begann sich der Rat behutsam in beide Richtungen zu öffnen. In den folgenden Jahren wurden aus der reichen Kaufmannschaft einige ehrbare Familien in den Kleineren Rat aufgenommen und in auch wichtige Ratsämter gewählt. Und 1370 wurden aus 8 Handwerken (Bäcker, Bierbrauer, Blechschmiede, Kürschner, Metzger, Rotgerber, Schneider und Tuchmacher) je ein Repräsentant ausgewählt, der einen Sitz im Rat erhielt. Diese „Ratsfreunde“ genannten Handwerkervertreter wurden aber nie von ihren Berufskollegen gewählt, sondern stets vom Rat auf Lebenszeit (oder bis zur Abberufung) ernannt. Schließlich sollte die Mitbestimmung nicht über ein symbolisches Maß hinausgehen.

Und noch eine dritte, handelspolitische Komponente des „Aufruhrs“ soll erwähnt sein. Venezianische Kaufleute hatten sich in den oberdeutschen Handel gedrängt und traten in unangenehme Konkurrenz zur Nürnberger Kaufmannschaft. Die Deutschen wurden im Gegenzug durch große Abgaben aus Venedig ferngehalten. Der Schwenk von den venedigfreundlichen Luxemburgern hin zu Ludwig dem Brandenburger, der durch seine politische Ehe mit Margarete Maultasch von Tirol die Möglichkeit besaß, über die Sperrung der Alpenpässe erheblichen Druck auf die Venezianer auszuüben, brachte bald ein sehr vorteilhaftes Handelsabkommen der „Aufrührer“ mit der Serenissima ein. Danach konnte man sich getrost wieder den Luxemburgern zuwenden…

Welches Gewicht nun auch die einzelnen Komponenten des Aufstandes hatten, nach Ende des 14-monatigen Intermezzos gingen sowohl die Ratsherrschaft des Nürnberger Patriziats als auch die ehrbaren Familien der Nürnberger Kaufmannschaft gestärkt hervor. Ein Grundstock war gelegt, dass Nürnberg zu „des Reiches Schatzkästlein“ aufsteigen konnte. Nicht zuletzt auch dank Hermann Maurer und der anderen Anführer eines Aufruhrs, der seltsam gesittet verlief.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.

Alexander Schubert, Zwischen Zunftkampf und Thronstreit - Nürnberg im Aufstand 1348/49, Bamberger Historische Studien Band 3, herausgegeben vom Institut für Geschichte der Otto-Friedrich-Universität Bamberg 2008

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