Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1441
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald, außen: Ketzel-Epitaph

Diese spätgotische Bildhauerarbeit befindet sich an St. Sebald außen direkt neben dem westlichen Eingang, der in das nördliche Seitenschiff führt, links neben dem Maurer-Epitaph. Das Epitaph ist in zwei Zonen gegliedert, oben ist eine bildliche Zone, in der drei aus Wolken hervorkommende, geflügelte Engel Verstorbene zu sich ziehen und in den Himmel bringen. Darunter befindet sich die heraldische Zone zwischen einer zweiteiligen Inschrift. Der obere Teil lautet: "Anno dom(ini) mccccxxxviii iar (Jahr 1438) am suntag (Sonntag) nach maria geburt starb der erber (ehrbare) elter (ältere) heinrich ketzell (Ketzel) de(m) got(t) genad". Die Familie Ketzel kam erst um 1430 nach Nürnberg und galt erst als nicht ratsfähig. Die Kaufmannsfamilie stammt eigentlich aus Augsburg. Sie waren im internationalen Fernhandel tätig und besaßen eigene Faktoreien in Venedig, Leipzig und Augsburg. Gewürzhandel und Metallhandel (Montanbereich) bildeten den Schwerpunkt ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten. Der zweite, schwer zu lesende Teil der Inschrift unter dem Wappen bezieht sich auf Heinrich Ketzel d. J., Sohn des Erstgenannten: "Dar nach starb sein sun heinrich ketzell am montag nach der heiligen drei kunig dag mccccliii jar (Jahr 1453) dem got genad". 1453 ist offensichtlich falsch, denn nach dem Totengeläutbuch starb er zwischen dem 13.12.1454 und dem 2.3.1455. Heinrich Ketzel d. Jüngere war erstmals 1438 Mitglied des Größeren Rates. Anläßlich seines Todes wurde das Epitaph für Vater und Sohn geschaffen.

Es ist das Wappenbild der Ketzel dargestellt, in Blau auf einem goldenen Dreiberg sitzend eine silberne Meerkatze (Affe) mit goldenem, beringtem Leibgurt, eine goldene Kugel in der rechten Hand haltend (Schöler S. 64, Tafel 104, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 78 Tafel: 78, Band: BayA2 Seite: 99 unter Kötzel), auf dem Helm mit blau-silbernen Decken die genannte Meerkatze. Im Siebmacher wird das Motiv als "Katze" angesprochen, gegen diese Interpretation spricht die für Katzen untypische, für Affen aber typische Sitzhaltung, ferner der Leibgurt mit Ring, der auch eher zu einem Affen als zu einer Katze paßt. Vermutlich ist aus der Meerkatze einfach verstümmelt eine Katze geworden, und eine Meerkatze ist einfach ein Affe, ein damals als seltsam empfundenes Tier, das übers Meer kam und in seiner Geschmeidigkeit einer Katze ähnelte, also nannte man es Meerkatze.

Rechts und links der Helmzier sehen wir vier Embleme ritterlicher Orden. Die Familie war sehr pilgerfreudig. Heinrich Ketzel d. Ältere, dem dieses Epitaph gewidmet ist, machte sich erstmals 1389 auf den weiten Weg ins Heilige Land. Insgesamt sollen es acht Familienmitglieder gewesen sein, die zusammen neun Pilgerreisen nach Jerusalem unternommen hatten. Derjenige, der die gefährliche wie verdienstvolle Reise zweimal unternahm, war Martin Ketzel aus der nachfolgenden Generation, der auf der Rückreise von seiner ersten Pilgerreise nach einem Schiffbruch gerade die nackte Haut retten konnte, sie durch den Verlust seiner Aufzeichnungen nicht als vollständig empfand und sie deshalb wiederholte. Ein weiterer Pilger war Ulrich Ketzel (vgl. Stein im Germanischen Nationalmuseum). Und bei diesen Pilgerreisen gehörte es "zum guten Ton" und brachte Ehre, daß man Mitglied in typischen Kreuzritterorden wurde, und diese Abzeichen sehen wir auf dem Epitaph. Optisch ganz links das Symbol der Ritter von der Lilie, die Kanne mit Blumenstengeln (aragonesischer Kannenorden, den man bekam, wenn man als Pilger auf der Rückreise über Neapel oder Sizilien kam, also über aragonesisches Herrschaftsgebiet), als zweites von links das Ordenszeichen der Ritter vom Hl. Grab, ein rotes Krückenkreuz, welches von vier kleinen roten griechischen Kreuzen bewinkelt ist, das am höchsten angesehene Abzeichen, das man nach dem Besuch des Heiligen Grabes erwerben konnte, als drittes das goldene, außen mit silbernen Messerklingen besetzte Rad mit durchgesteckter Kurbelachse für den St. Katharinen-Orden der Pilger zum Katharinenkloster auf dem Sinai, und schließlich ganz rechts das von einem Schwertgurt umwickelte Schwert des zypriotischen Ordens vom Schwert (Ordo equitum ensiferorum Cypri, erwarb man, wenn man bei der Rückreise über Zypern zog). Genau die gleiche Sammlung von Abzeichen findet man übrigens in St. Lorenz im Rieter-Fenster. Interessant ist nicht nur, welche Abzeichen hier gesammelt werden, sondern daß es in beiden Fällen von Aufsteiger-Familien als Mittel gesellschaftlicher Anerkennung erworben und als Zeichen des Standes und der gesellschaftlicher Arriviertheit stolz in der Fensterstiftung bzw. im Epitaph gezeigt wird, um zu demonstrieren, daß man den alteingesessenen Patrizierfamilien ebenbürtig ist.

Detail mit der Rettung der Seelen aus dem Fegefeuer durch die Engel. Diese Errettung aus dem Fegefeuer steht in direktem Zusammenhang zu dem von der Familie betriebenen Pilgerreisenkult und spiegelt die damalige Glaubensvorstellung wieder, durch solche durch Pilgerreisen erworbene Verdienste einen Erlaß von Sündenstrafen und eine Verkürzung des Fegefeuers zu erhalten, wie die sehr bildhafte, tiefmittelalterlichen Vorstellungen verhaftete, fast naiv zu nennende Darstellung zeigt. Die Furcht vor Höllenqualen ließ die Menschen zu diesen gefährlichen Reisen aufbrechen, im festen Glauben, dadurch am Gnadenschatz Christi teilhaben zu können und die Ereignisse nach dem eigenen Tod positiv beeinflussen zu können. Oft werden in solchen Darstellungen die Taten gezeigt, durch die sich die Verstorbenen Verdienste und damit Verkürzungen des Fegefeuers oder Befreiung von demselben erworben haben. Dies ist hier nicht so, dafür haben wir ersatzweise die vier Pilgerabzeichen, die symbolisch für die Reisen und die dadurch erworbenen Verdienste stehen. Das Ketzel-Epitaph illustriert auf besondere Weise den Dualismus dieser Pilgerreisen: Sie dienten einerseits dem Mehren persönlichen Ansehens (Ritterorden), andererseits dem Erwerb von Verdiensten und der Teilhabe an der an diesen Orten als besonders präsent empfundenen Gnade, eine Mischung aus diesseitigen und jenseitigen Interessen, und beide werden auf diesem Epitaph dargestellt. So wird dieser Stein zu einem hochinteressanten Spiegelbild spätmittelalterlicher Glaubensvorstellungen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Ketzel-Epitaph:
http://staff.fim.uni-passau.de/schmidtb/philosophie/Kunst/Kunst_in_St_Sebald/ketzelep.pdf
Friedrich Wilhelm Hoffmann, Die Sebalduskirche in Nürnberg. Ihre Baugeschichte und ihre Kunstdenkmäler
Michael Diefenbacher (Herausgeber), Rudolf Endres (Herausgeber), Stadtlexikon Nürnberg, W. Tümmels Verlag 2000
Susanne Wegmann, Auf dem Weg zum Himmel: das Fegefeuer in der deutschen Kunst des Mittelalters, Köln, Böhlau, 2003, S. 110 ff.
Dagmar Jestrzemski, Katharina von Alexandrien: Die Kreuzritter und ihre Heilige, Abschnitt: Die Adelsreise zum Sinai im späten Mittelalter, S. 173 ff.
Kannenorden:
http://www.ucm.es/BUCM/revistas/ghi/02143038/articulos/ELEM9393110169A.PDF

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