Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1447
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald in Nürnberg (20), Glasfenster
Schürstab-Fenster

Das Schürstab-Fenster von St. Sebald ist ein Chorfenster. Es befindet sich auf der südlichen Seite zwischen dem Haller-Fenster und dem Behaim-Fenster und ist das letzte Fenster des geraden Wandverlaufs, ehe sich der Chor zum Polygon rundet. Das Fenster besteht insgesamt aus 28 Scheiben, 7 Reihen zu je vier Scheiben. In der obersten Reihe bilden je zwei Scheiben einen rundbogenförmig gestalteten Abschluß. In den Reihen 2 bis 6 sind heilsgeschichtliche Szenen aus der Zeit nach dem Tod des Erlösers zu finden, z. B. die Beweinung Christi, seine Grablegung, Höllenfahrt mit Erlösung der Vorväter, Auferstehung Himmelfahrt und Ausgießung des Heiligen Geistes.

In der Stifterzone, der untersten Scheibenreihe, sehen wir nebeneinander drei Vollwappen der Familie Schürstab, das linke gewendet. Das vierte Feld, ganz auf der linken Seite (ohne Abb.) wird von einem Osterlamm (wobei allerding nur die Kreuzesfahne originaler Glasbestand ist) eingenommen. Das ist keine zufällige Motivwahl, denn auch abseits des religiösen Kontextes kann das Osterlamm für die Familie Schürstab stehen, weil es als Hinweis auf den Großen Schürstabhof "Zum Osterlamm" gesehen werden kann, der in der Lammsgasse 14 zu finden war. Entsprechend begleitet das Osterlamm etliche Wappendarstellungen der Familie.

Das Schürstab-Wappen zeigt in Silber zwei schräggekreuzte, schwarze, gestümmelte, am oberen Ende rot lodernde Äste (Brände, Schürstäbe, redendes Wappen). Auf dem Helm mit hier ganz silbernen, normalerweise rot und silbern dargestellten Decken ein wachsender silbern gekleideter Mohrenrumpf, auf dem Kopf eine rote, silbern verbrämte Inful mit nach hinten abfliegenden silbernen Vittae, hier mit roten Abschlußborten. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: BayA3 Seite: 75 Tafel: 47, Band: BayA1 Seite: 92 Tafel: 89.

Alle drei Schürstab-Wappen sind mit Beiwappen versehen, die eine exakte Zuordnung erlauben. Im linken Feld ist es das Wappenbild der Muffel von Eschenau, gespalten, rechts in Gold ein gekrönter, schwarzer Löwe, links in Rot ein pfahlweise gestellter, gekrümmter, silberner Fisch. Seifried Schürstab, gest. 1357, Kirchenmeister von St. Sebald 1350-1355, hatte Anna Muffel geheiratet. Er war es, der 1328 das Schürstab-Haus am Milchmarkt kaufte und der den Schürstabhof in der Lammsgasse besaß. Das Paar hatte zehn Töchter und drei Söhne. Die Söhne waren Leupold III., Konrad I. und Seyfried. Die beiden ersten führten das Geschäft fort und wurden Ratsmitglieder. Der dritte Sohn trat dem Deutschen Orden bei.

In der Mitte sehen wir zwei Beischilde. Der linke zeigt das Wappen Nützel, in Rot ein gestürztes silbernes Dreieck, die Ecken mit halben silbernen Lilien besteckt (Lilientriangel), der rechte das Wappen Streitberg, in Silber eine aufrechte Sichel mit blauer Klinge, der Griff rot mit goldenen Beschlägen. Für das Wappen dieser zum fränkischen Uradel gehörenden Familie sind unterschiedliche Tingierungen überliefert. Schöler gibt das Feld rot, die Klinge silbern an. In Siebmacher Band: BayA3 Seite: 101 Tafel: 66 findet sich die Variante mit silbernem Feld und blauer Klinge, so auch im Donaueschinger Wappenbuch, mit Abweichungen der Griff-Tingierung. Im Ingeramschen Wappenbuch wird das Wappen genau wie hier abgebildet beschrieben, mit golden-rot-golden geteiltem Griff, ebenso im Lehensbuch des Kurfürsten Friedrich I. von der Pfalz. In Siebmacher Band: BayA1 Seite: 184 Tafel: 188 und Band: ThüA Seite: 86 Tafel: 68 findet sich hingegen die rotfeldrige Variante, desgleichen an Epitaphien in Scheßlitz. In St. Lorenz finden wir eine großformatige Darstellung, die als Feldfarbe Silber hat und detailgetreu dieser Abbildung hier entspricht. Der Fensterstifter Leupold III. Schürstab, gest. 1379, Sohn des oben erwähnten Seifried, hatte in erster Ehe Kunigunde Nützel und in zweiter Ehe Gerhaus von Streitberg (gest. 1428) geheiratet. Leupold III. Schürstab handelte erfolgreich mit Luxusgütern (Brabanter Tuche, Wein, Gewürze, Silber, Wachs) und hatte Geschäftsbeziehungen zum Niederrhein, nach Oberitalien, nach Polen und nach Ungarn. Er war es übrigens, der 1375 Oberndorf kaufte, nach dem sich die Familie nun Schürstab von Oberndorf nannte. Leupold III. Schürstab stiftete ein weiteres Fenster für die ehem. Siechkobelkapelle St. Johannis. Aus der ersten Ehe entsprossen die vier Söhne Leupold V., Erhart I., Anton und Meygolt. Die zweite Ehe blieb ohne Nachkommen.

Nicht nur durch diese Wappenkombination kann der Stifter konkret identifiziert werden, sondern er ist auch noch im Fenster selbst dargestellt, ebenso seine beiden Ehefrauen. Die Figuren knien über der Wappenzone vor dem Titelheiligen Sebald. Die Szene erstreckt sich über die rechten drei von vier Scheiben der zweiten Reihe, und zu Füßen der Figuren wiederholen sich die Wappenschilde Schürstab, Nützel und Streitberg (Abb. oben). Leupold III. Schürstab hat auch in der Siechkobelkapelle St. Johannis ein Fenster gestiftet.

Die dritte Scheibe ganz rechts (Neuanfertigung des 19. Jh.) hat ebenfalls zwei Beiwappen. Das linke ist schwarz-golden geteilt, oben schwach erkennbar ein aus der Teilung wachsender Adler (Pfinzing). Der rechte zeigt das Wappen Koler, in Rot ein silberner Ring. Damit ist die Zuordnung zu den beiden Söhnen des Leupold III. möglich, denn Leupold V. Schürstab (gest. 1406) hatte in erster Ehe Kunigunde Koler geheiratet, und Erhard I. Schürstab (gest. 1439) hatte 1392 Klara Pfinzing geheiratet. Auch wäre es sinnvoll und würde zum Vorgehen bei vergleichbaren Fenstern passen, von links nach rechts Großvater, Vater, Söhne als Stammreihe abzubilden. Leupold V. Schürstab hatte als zweite Frau Kunigunde Ebner geheiratet, die ist nicht vertreten. Ebenfalls nicht vertreten ist der dritte zur Zeit der Fensterstiftung noch lebende Bruder Anton (gest. 1399), denn dieser hätte das Beiwappen Mendel gehabt. Es liegt wohl an der kompletten Neuanfertigung dieser Scheibe im 19. Jh., daß hier die Genauigkeit auf der Strecke blieb.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Hartmut Scholz, St. Sebald in Nürnberg, Meisterwerke der Glasmalerei, Band 3, Verlag Schnell Steiner GmbH Regensburg 2007, ISBN 978-3-7954-1846-5
St. Sebald: http://www.sebalduskirche.de/
3D-Panorama St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/fileadmin/Bildmaterial/Atuelles/Sebalduskirche_02c.mov
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 134 ff,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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