Gernot Ramsauer, Bernhard Peter und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1508
Nürnberg (Mittelfranken)

Tore und Türme der Stadtbefestigung

Die ca. 5 km lange Nürnberger Stadtmauer, die sog. Hohe Mauer, war im wesentlichen im Jahr 1400 vollendet, auch wenn einzelne Partien später noch überarbeitet wurden. Insgesamt gab es fünf große Tore, vier davon an den Ecken des schiefen Parallelogramms, das Laufer Tor im Nordosten, das Frauentor im Südosten, das Spittlertor im Südwesten und das Neutor im Nordwesten, dazu das ältere Tiergärtnertor, ebenfalls im Nordwesten etwas unterhalb der Kaiserburg gelegen. Jedes dieser Tore hatte seinen Torturm, wovon die der vier erstgenannten später rund ummantelt wurden und ihre charakteristische Form bekamen. Ein weiteres großes Tor, das Vestnertor, führt von außen nicht direkt in die Stadt, sondern zur Burg. Dazu kamen noch zwei kleinere Fußgängerdurchschlupfe, das Hallertürlein im Westen und das Wöhrder Türlein im Osten. Die Mauer, die außen noch durch einen Zwinger und einen 1430-1452 ausgehobenen Trockengraben verstärkt worden war, wurde durch insgesamt 130 Graben- und Mauertürme gesichert.

Das Neutor bildet die Nordwestecke des schiefen Parallelogramms der Nürnberger Stadtmauer. Man sieht die Brücke, die den tiefen Trockengraben überspannt. Die Anlage besteht aus einem unregelmäßig fünfeckigen Mauerzug mit zwei Toren, dazwischen der Zwinger. An der Südspitze des Zwingers steht einer der vier Nürnberger Rundtürme, der Neutorturm. Links im Bild setzt die Mauer des der Hohen Mauer vorgelagerten Zingers an, rechts im Bild eine spätere Eckbastion (Neutorbastei). Hier nahmen die Straßen nach Fürth und Würzburg ihren Ausgang. Die beiden kleineren Durchgänge für Fußgänger wurden im 19. Jh. ergänzt, und dann erhielt auch die mittlere Durchfahrt ihr heutiges Aussehen. Im Neutorzwinger befindet sich der Zugang zum nördlichen Zwinger und den Basteien (Bürgermeistergarten). Außen ist über der mittleren Durchfahrt das Große Nürnberger Stadtwappen eingemauert, in Blau ein goldener, gekrönter Jungfrauenadler, hier in einer weiblichen Form dargestellt. Über dem Schild eine siebentürmige Mauerkrone.

Das Tiergärtnertor, im Nordwesten der Stadt und südlich der Kaiserburg gelegen, ist das einzige der fünf großen Tore, dessen Torturm nicht im 16. Jh. rund ummantelt wurde. Und dennoch ist der Turm nicht gänzlich mittelalterlich, denn die beiden oberen Geschosse mit ihren polygonalen Ecklösungen wurden erst 1516 erbaut. Zudem ist es ein älteres Tor, das schon seinen Platz in der sog. vorletzten Nürnberger Stadtmauer vor deren weiterem Ausbau hatte. Neben diesem Turm, innen in reizvoller Fachwerkhaus-Umgebung gegenüber dem Dürerhaus und neben dem Pilatushaus, führt ein neues Tor in eine vorgebaute Fünfeckbastion, und der zum Schutz vor Kanonenbeschuß fast rechtwinklig gebogene Torweg erreicht das Glacis nach Durchtritt aus der rechten Seitenfläche der Bastion, rechterhand flankiert von den Burgbastionen. Diese Bastionen ersetzten ältere Vorwerke und Barbekanen. Der Name erinnert daran, daß der Burggraf einst hier ein Wildgehege im Stadtgraben hatte. Von diesem Tor aus nahmen die Straßen nach Erlangen und Bamberg ihren Ausgang. Auf der Innenseite des Turmes ist in luftiger Höhe das Große Nürnberger Stadtwappen eingemauert, in Blau ein goldener, gekrönter Königsadler, hier in einer nichtweiblichen Form dargestellt.

Auf der Außenseite des Tiergärtnerturmes befindet sich der doppelköpfige Adler des Reiches, eine in die Mauer eingelassene und dem Bastionsgarten zugewandte Metallarbeit.

Exkurs: Die Spitze der Nürnberger Ratsherrschaft - die Obersten Hauptleute
Bekanntlich schätzte Kaiser Karl IV. seine Reichstadt Nürnberg so sehr, daß er sie zum Schauplatz wichtiger Ereignisse wählte. Nachdem sein Sohn Wenzel schon in Nürnberg geboren und in der Sebalduskirche getauft worden war, sollte dieser hier auch am 28. September 1370 zum ersten Mal mit seiner zukünftigen Ehefrau Johanna von Bayern-Straubing zusammentreffen. (Die angehenden Eheleute waren übrigens 8 und 9 Jahre alt.)

Nun, Furcht vor Randale bei Großereignissen gibt es nicht nur in der heutigen Zeit. Der Kaiser hatte die Vorgänge von 1348/49, als im Nürnberger Handwerkeraufstand anti-luxemburgische Anhänger die Macht im Rat übernommen hatten, nicht vergessen, und die gegenwärtigen Zunftunruhen in verschiedenen süddeutschen Städten trugen auch nicht zu seiner Beruhigung bei. Also verlangte der Kaiser von der Stadt geeignete Maßnahmen, damit während des Aufenthalts des kaiserlichen Gefolges in der Stadt alles ruhig bliebe. Der Rat berief daraufhin mit Ulrich II Stromer, Berthold I. Haller und Leopold III. Schürstab drei angesehene Bürger als Oberste Hauptleute, welche die Verantwortung dafür übernehmen sollten, daß die Stadt gegen innere und äußere Bedrohungen gewappnet wäre. Mit der Zeit entwickelte sich eine dreistufige Kommandostruktur, die alle wehrpflichtigen Bürger der Stadt erfaßte.

Jeder der drei Obersten Hauptleute war für bestimmte Stadtviertel zuständig. Der Oberste Hauptmann kümmerte sich um die beiden vornehmsten Viertel in der Sebalder Stadthälfte: das Weinmarktviertel und das Salzmarktviertel. Der Zweite Oberste Hauptmann trug die Verantwortung für das Milchmarktviertel und St. Egidien. Die Lorenzer Stadthälfte war weniger dicht bevölkert, dort wohnten die ärmeren Leute und darum war diese augenscheinlich weniger wichtig. So übernahm der Dritte Oberste Hauptmann dort alle vier Viertel, nämlich das  Kornmarkt-, das Barfüßer-, das St. Elisabeth- und das Karthäuser-Viertel. Jedes Viertel hatte zwei Ratsherren als Viertelmeister. Sie standen den Gassenhauptleuten vor, die aus dem Kreis der Genannten des Größeren Rats erwählt wurden. Deren Zahl hing von den tatsächlichen Siedlungsverhältnissen ab. So gab es in der Sebalder Hälfte 61 Gassenhauptleute und in der Lorenzer Hälfte 69.

Die Gassenhauptleute waren für den direkten Kontakt zu den Bewohnern ihres Häuserblocks zuständig, welche im Notfall zur Bürgerwehr herangezogen wurden. Sie hatten eine Liste der wehrfähigen Einwohner zu führen, auf der auch vermerkt war, wer im Besitz einer privaten Waffe war, wie groß die Salz- und Kornvorräte waren und ob der Hausherr im Kriegsfall verfügbare Pferde und Wagen besaß. Für den Alarmfall verwahrten die Hauptleute die Schlösser für die Sperrketten. Diese wurden an strategischen Punkten quer über die Straßen gehängt. Aus heutiger Sicht ist das ein sehr unbeholfenes Mittel, aber in der damaligen Zeit konnten recht wirksam Menschenmassen verlangsamt und Reiter aufgehalten werden. Es war auch der Gassenhauptmann, der die Bewaffneten seiner Nachbarschaft zum dem ihm zugewiesenen Mauerabschnitt oder zum Alarmplatz des Viertels führte, wo dann der Viertelmeister das Kommando übernahm.

Je einer der beiden Viertelmeister der acht Stadtviertel kam aus den höheren Rängen (Älterer Herr oder älterer Bürgermeister) des Rates. Der zweite kam aus den unteren Ratsrängen (jüngerer Bürgermeister oder Alter Genannter) und unterstützte den ersten Viertelmeister als Stellvertreter und Gehilfe. Die Aufgaben der Viertelmeister waren im Viertelmeisterbuch festgeschrieben. Um Missverständnisse auszuschließen erhielt jeder Viertelmeister eine Kopie mit nach Hause, damit er die Dienstanweisungen ständig parat hatte. Er war dafür verantwortlich, daß das von ihm befehligte Aufgebot ordentliche Waffen zur Verfügung hatte. Die Nürnberger Bürger waren verpflichtet, sich ihrem Vermögen entsprechend mit Harnisch, Armbrust oder Büchsen auszurüsten. Den Ärmeren, die sich solches nicht leisten konnten, wurden aus dem Zeughaus Waffen leihweise zur Verfügung gestellt, zumeist Spieße, die sie zu Hause aufbewahren und pflegen mußten. Der Viertelmeister kontrollierte in regelmäßigen Abstand, ob die Ausrüstung der Bürger in ordentlichem Zustand war.

Trotz allem war mit dem Nürnberger Aufgebot scheinbar nicht allzu viel Staat zu machen, denn eine weitere ausdrückliche Aufgabe des Viertelmeisters war aufzupassen, daß keiner seines bewaffneten Häufchens sich während des Ausrückens heimlich davonmachte und sich vor dem Waffengang drückte. Und außerhalb der Mauern ließ man ohnehin lieber einen bezahlten Profi das Kommando übernehmen, der zwar weniger vornehm, aber militärisch fähiger war.

Die oberste Befehlsgewalt lag bei den drei Obersten Hauptleuten. Diese konnten, wenn Gefahr im Verzug lag, über alle militärischen Maßnahmen entscheiden, notfalls auch ohne den Rat, die Septemvirn oder ein anderes Gremium zu konsultieren. Sie besaßen die ausschließliche Befugnis, Alarm zu geben und die Sturmglocken in St. Sebald und St. Lorenz läuten zu lassen. Sie hatten dafür zu sorgen, daß die Nürnberger Truppen, die Bürgerwehr und angeworbene Söldner, in ausreichender Menge und in hinreichender Bewaffnung zur Verfügung standen. Sie waren bestimmend, was den Ausbau und die Erhaltung des Stadtmauerrings und der Befestigungen im Umland betraf. Also waren sie für alle im weitesten Sinne militärischen Fragen zuständig. Im Laufe der Zeit kam auch noch der Aufgabenbereich der auswärtigen Beziehungen der Stadt hinzu, den sie maßgeblich zu lenken hatten.

Wegen der exzessiven Geheimniskrämerei im Nürnberger Rat wurden alle Angelegenheiten der Obersten Hauptleute nur mündlich behandelt. Im 16. Jahrhundert war das aber nicht mehr praktikabel. In ihrer Amtzeit legten Christoph I. Tetzel, Leonhard I. Tucher und Sebald IV. Pfinzing jeweils für die Notfälle Feuer und Aufruhr einen Alarmplan fest, welcher, fest versiegelt, seinen Platz in einer Truhe erhielt, die dem neugewählten Obersten Hauptmann am Tag seiner Wahl übergeben wurde. Neben diesen Instruktionen enthielt diese Truhe vor allem das Panier, eine fünffach rot-weiß-schräggeteilte Kriegsflagge Nürnbergs, die als Insignie des Obersten Hauptmanns galt. Außerdem einige wohl eher symbolische Rüstungsutensilien, Degen, Küraß (Brustpanzer), Pistolen, etc. und, ausdrücklich erwähnt, ein Windlicht mit mehreren Ersatzkerzen, damit der Oberste Hauptmann auch bei nächtlichem Alarm nicht in Verlegenheit kam. Zusätzlich erhielt er auch eine ständig wachsende Zahl wichtiger Schlüssel zur Verwahrung, beginnend von den Schlüsseln für die Heiltümer des Reiches in der Kirche des Heilig-Geist-Spitals, über Hauptschlüssel für Zwinger und Befestigungsanlagen bis hin zu den Schlüsseln zu den Geheimgängen, von denen es in Nürnberg ja reichlich gab. Im Laufe der Zeit ging wohl etwas die Übersicht verloren: Wolf Jakob Nützel berichtete, daß er sechs Schlüssel in Obhut genommen habe, deren Zuordnung völlig unbekannt wäre. Nichtsdestotrotz übergab er sie ordnungsgemäß auch seinem Nachfolger.

Selbstverständlich kamen für solche herausgehobenen Positionen nur Personen aus den vornehmsten Familien der Stadt in Frage, sprich aus dem Kreis der Älteren Herren. Nun waren aber zwei der Septemvirn bereits als Losunger in Amt und Würden und die restlichen fünf (oder vier oder drei, wenn ein paar der zumeist ja auch real älteren Herren das Zeitliche gesegnet hatten) waren nicht alle gesundheitlich oder geistig in der Lage, ein solches Amt bekleiden zu können. Besonders prekär war die Situation 1414, als mit Martin I. Haller und Albrecht Ebner gleich zwei der drei Hauptleute innerhalb weniger Wochen verstarben. Erhard Schürstab und Herdegen Valzner waren gerade erstmalig in den Kreis der Älteren Herren gewähl worden und letzterer stammte noch dazu aus einer jungen, neu im Rat vertretenen Familie. Beide wurden von ihren Kollegen als noch nicht reif für ein solches Spitzenamt erachtet. Also übernahmen die beiden Losunger Karl I. Holzschuher und Hans I. Tucher auch die Ämter des Ersten und Zweiten Obersten Hauptmanns. Dritter Oberster Hauptmann blieb Ulrich IV. Stromer.

Diese Personalunion schien sich zu bewähren. Zwar kam es in den nächsten 50 Jahren immer wieder einmal vor, daß das Amt des Zweiten Losungers und des Zweiten Obersten Hauptmanns auf zwei unterschiedliche Personen aufgeteilt wurde. Ab 1469 bis zum Ende der reichstädtischen Herrschaft in Nürnberg war es dann aber durchgänig so, daß die beiden Losunger gleichzeitig auch die beiden Obersten Hauptleute waren.

Literatur, Links und Quellen:
Nürnbergs Stadtmauer: http://www.baukunst-nuernberg.de/epoche.php?epoche=Gotik&objekt=Letzte_Stadtbefestigung
Michael Diefenbacher, Rudolf Endres (Hrsg.): Stadtlexikon Nürnberg, W. Tümmels Verlag, Nürnberg 2000, ISBN 3921590698.
Quellen: Paul Sander, Die reichsstädtische Haushaltung Nürnbergs, dargestellt auf Grund ihres Zustandes von 1431 bis 1440, Leipzig, Druck und Verlag von B.G. Teubner, 1902
Peter Fleischmann: Rat und Patriziat in Nürnberg. Die Herrschaft der Ratsgeschlechter vom 13. bis zum 18. Jahrhundert (Nürnberger Forschungen 31)

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