Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1636
Gandersheim (Landkreis Northeim)

Stift Gandersheim: Renaissance-Trakt

Das Stift Gandersheim ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit:

- durch das Alter der Institution; es ist eine liudolfingische Gründung aus dem Jahre 852, ins Leben gerufen vom Sachsen Graf Liudolf und seiner Ehefrau Oda, zunächst in Brunshausen, dann erfolgte die Verlegung an den heutigen Platz. Die sächsische Familie der Liudolfinger, Vorläufer der Ottonen, hatte in fränkischer Zeit eine Vormachtstellung in der Mark Gandersheim aufgebaut. Die "Gandersheimer Gründungsurkunden" sind zwar Fälschungen des 11. und 12. Jh., doch die Gründung ist zeitlich gesichert, und die älteste erhaltene Urkunde ist die Besitzbestätigung vom 23.4.956. Ähnlich alte Gründungen von Kanonissinnenstiften sind im damaligen Sachsen Lamspringe (847) und Essen (auch 852).

- durch das Alter der Stiftskirche (korrekt ist der Ausdruck Stiftskirche, auch wenn das Gebäude manchmal als Dom und manchmal als Münster angesprochen wird) und ihre kunsthistorische Bedeutung, begonnen 856, Weihe 1.11.881, 926 Weihe des Westturmes, nach einem Brand 973 Wiederaufbau als 1007 geweihter ottonischer Bau, nach einem weiteren Brand 1081 Wiederaufbau und Weihe des salischen Neubaus 1087 mit dreischiffiger Prozessionskrypta. Der nach einem weiteren Brand notwendige vierte, spätromanische Bau wurde 1172 geweiht. Es handelt sich um einen Kirchenbau mit massivem, zweitürmigem Westwerk, dem früher noch ein Paradies vorgelagert war, das 1838/39 abgerissen wurde, und mit gotischen Anbauten. 1159 Jahre Bestehen sind auch für sakrale Bauten ein wahrhaft biblisches Alter.

- durch seine Organisationsform als fürstliches Familienstift, als Frauenstift, in dem die Bewohnerinnen als Kanonissinnen lebten, also die üblichen Gelübde einer Nonne nicht ablegten. Die Kanonissinnen (nachreformatorisch: Stiftsdamen) hatten Privatbesitz im Gegensatz zum üblichen Armutsgelübde, und sie konnten jederzeit aus dem Stift austreten, sofern ihnen ein Leben außerhalb offeriert wurde, sie konnten, selbst wenn sie Äbtissin waren, nach ihrem Ausscheiden heiraten. Unverheiratete Töchter des Adels wurden in dieser Versorgungseinrichtung mit kontemplativer und gottgefälliger (was man dafür hielt) Lebensform untergebracht, quasi geparkt, konnten aber jederzeit austreten, wenn sich eine Heiratschance bot.

- durch seine Rolle als qualifizierte Bildungseinrichtung in der Erziehung und Ausbildung von Töchtern aus den umliegenden Adelsfamilien, ohne daß diese Kanonissinnen wurden. Bereits 1196 wird neben der "inneren Stiftsschule" für Mädchen eine "äußere Stiftsschule" für Jungen erwähnt.

- durch seine Stellung im Reich als freie und reichsunmittelbare Institution (freiweltliches Reichsstift), die die Äbtissin quasi in den Rang einer Reichsfürstin stellt, seit 877 unter dem Schutz des Reiches und Erhalt zahlreicher Privilegien, 919 wurde die Reichsunmittelbarkeit bestätigt, 1021 erhielt das Stift die Grafschaftsrechte in acht Gauen in und um Gandersheim von Kaiser Heinrich II., und seit dem 22.6.1206 war das Stift mit dem Segen des Papstes exemt, also kirchenrechtlich nicht den umliegenden Bistümern Hildesheim und Mainz unterstellt (Klärung nach dem sog. Großen Gandersheimer Streit). Das Stift Gandersheim mußte ab jetzt nur noch auf Kaiser und Papst hören. Im Grunde war es ein Unikum, minimales eigenes Territorium, nur wenige Einwohner - aber der Zwergstaat hatte eine reichsunmittelbare Stellung im Heiligen Römischen Reich. Die Reichsunmittelbarkeit ging erst 1802 verloren. Damals unterstellte sich das Stift freiwillig der Landeshoheit von Braunschweig-Wolfenbüttel in Person des Herzog Carl W. Ferdinand und wurde Landesstift, um die Säkularisation zu verhindern. Doch nicht für lange, denn die Auflösung erfolgte 1810 nach dem Tod der letzten Äbtissin.

- durch seine enge Beziehung zu den Liudolfinger-Gründern (drei der Töchter von Liudolf waren Äbtissinnen, Grablege der Ottonen in der Stiftskirche), und zu den Herrschern im Reich, wobei die Könige und Kaiser der Ottonen und die der Salier häufig in Gandersheim Station machten, das für sie eine Art pfalzähnliches Hausstift war. Gandersheims Rolle als Reichsstift wurde nur 936 durch die Gründung des ebenfalls freiweltlichen Damenstifts Quedlinburg geschmälert. Nach den Salierkaisern entstand eine enge Bindung an die Welfen-Herzöge als benachbarte Landesherren (viele Töchter der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel etc. waren Äbtissinnen), die aber nicht immer ungetrübt war, sondern vielmehr davon geprägt war, daß die Welfen stets ein begehrliches Auge auf die Gandersheimer Territorien hatten und Einfluß zu gewinnen suchten durch Vogteirechte, Burgenbau (um 1300, später Verwaltungssitz des herzoglichen Amtes) und Platzierung von eigenen Töchtern als "familieneigene" Äbtissinnen.

- durch seine drei untergeordneten Eigenklöster Brunshausen (gegründet um 825) und Clus (Benediktinerinnenkloster, Weihe 1127), beide nördlich der Stadt, ferner das Marienkloster (Benediktinerinnenkloster, Gründung 939) im Osten der Stadt vor dem Marientor von 1334. Die jeweilige Äbtissin von Gandersheim hatte die weltliche Aufsicht über die Klöster, entschied über die Bestätigung von Äbten und Äbtissinnen und hatte das Visitationsrecht, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen. Ein viertes Kloster war das Franziskanerkloster (Barfüßerkloster, Gründung 1501 durch Herzog Heinrich den Jüngeren) im Süden, das war aber kein Eigenkloster und unterstand nicht der Aufsicht durch die Äbtissin des Reichsstifts. Im ehemaligen Barfüßerkloster wurde übrigens von Herzog Julius eine Schule (Paedagogium illustre) gegründet, die später nach Helmstedt verlegt und in eine Universität umgewandelt wurde.

- durch seine ca. 250 Jahre währende Hochblüte in politischer und kultureller Hinsicht, während der Grundbesitz, Wirtschaftsmacht, Rechte, Privilegien und politische sowie kulturelle Bedeutung ständig wuchsen, und durch eine daran anschließende lange Zeit politischer, religiöser, geistiger und kultureller Umbrüche, die das Stift in voller Härte beutelten. Zum einen sank die Stellung der bisherigen Schutzherren (Könige und Kaiser) und wuchs die Bedeutung der umliegenden weltlichen und geistlichen Landesherren (Braunschweig, Hildesheim). Zum anderen machte die Emanzipation der Stadt in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht dem Stift das Leben schwer, und vollends wurde es von den Wirren der Reformation getroffen; 1568 führte der evangelische Herzog Julius in Gandersheim endgültig die Reformation durch. Es war eine Zeit, in der mehrfach der Glaube gewechselt wurde, so wie auch der Glaube aufeinanderfolgender Herzöge wechselte, und Äbtissinnen sich mit Gegenäbtissinnen im Clinch lagen und Stellvertreter-Auseinandersetzungen im Interesse der Mächtigen ausführten. Es waren sehr turbulente Zeiten unter Magdalena von Chlum (1547-1577) und ihrer Schwester Margareta von Chlum (1577-1589) einerseits und den Gegenäbtissinnen Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel (1577-1582) und Margarete von Warberg (1582-1587) andererseits. Zu allem Anderen gesellten sich wirtschaftliche Schwierigkeiten, Pest und Dreißigjähriger Krieg und die Aufklärung und ihre Folgen.

Soweit zur Stiftsgeschichte. Für die Heraldik ist besonders ein Bau von Interesse, nämlich der Renaissanceflügel der Abtei. Warum erfolgte der Neubau? Am 17.5.1597 brannte ein Haus am Hagen, und in der Fachwerkstadt breitete sich der Brand schnell aus und vernichtete die alten Abteigebäude völlig. Die Abtei war ruiniert. Für den Neubau kam der amtierenden Äbtissin Anna Erika von Waldeck, der ersten protestantischen echten nachreformatorischen Äbtissin, mit deren Amtsantritt die turbulenten Vorgänge mit Gegenäbtissinnen etc. beendet wurden, ihr gutes Einvernehmen mit dem herzoglichen Hause zugute: Erst einmal kamen die ehemaligen Bewohner woanders unter, die Äbtissin in der herzoglichen Wilhelmsburg. Weiterhin schenkte der Herzog der Abtei Baumaterial und stellte auch einen Architekten zur Verfügung. Es handelte sich um Paul Franke, der mit der Kirche Beatae Maria Virginis in Wolfenbüttel ein Meisterwerk der Renaissance geschaffen hatte. Doch die Äbtissin wollte Anderes: Am Südgiebel hat der Baumeister, der von der Äbtissin beauftragt worden war, zwischen und an den Fensterlaibungen des Obergeschosses seinen Namen mit Meisterzeichen hinterlassen: M Heinrich Ovekate 1600, auch als Heinrich Overkotte bekannt, der aus Lemgo kam, einem Zentrum der Weserrenaissance. Es wurde in den Jahren 1598-1600 ein neues Abteigebäude aus zwei rechtwinklig zueinander stehenden Flügeln errichtet, wobei das Schaustück die Giebelseite am südlichen Ende des Westflügels zur Straße hin wurde. Diese Giebelseite ist ein wunderbares Werk der Renaissance-Baukunst mit zwei Ausluchten (bodenständigen Erkern), die linke in die Fassade eingerückt, die rechte nach Osten ausgestellt und vor den östlich angrenzenden, niedrigeren Satteldachflügel verschoben. Der Bau hat zwei Geschoßebenen und weitere drei im Giebel mit alternierender Fensterstellung 1:2:3, wobei jeweils die vertikalen Begrenzungen, neben denen die Voluten der jeweiligen Zone ansetzen, das darunter befindliche Kreuzstockfenster mittig treffen.

Die linke Auslucht hat im unteren Geschoß nur ein kleines Doppelfenster, darüber jedoch im ersten Obergeschoß zur Straße hin drei und zu jeder Seite hin noch einmal ein hochrechteckiges Fenster. In der Brüstungszone sind insgesamt fünf farbig gefaßte Wappen angebracht, drei auf der Vorderseite und je eines auf der Seite. In der Mitte der Südseite, also im mittleren Feld der dreifeldrigen Brüstung, befindet sich der von zwei golden geflügelten nackten Engelsknaben (Putten) an grünen Riemen mit Schlaufen gehaltene Wappenschild des Stiftes Gandersheim selbst, von Schwarz und Gold gespalten. Die darunter in einer hell abgesetzten Rollwerkkartusche befindliche Inschrift lautet: "Des Stiftes Gandersheim Wapen 1599".

Die anderen vier durch ein Schriftband unter dem Schild jeweils namentlich zugeordneten Wappen an der linken Auslucht stellen nicht etwa eine repräsentative Auswahl wichtiger Stiftsdamen o. ä. dar, sondern sind einzig und allein die Ahnenprobe der Äbtissin Anna Erika von Waldeck (17.9.1551 - 15.10.1611). Diese für ein Stift recht selbstbewußte Repräsentation verwundert weniger, wenn man ihre reichsfürstengleiche Stellung bedenkt. Um die Anordnung nachzuvollziehen, seien hier die Vorfahren der Äbtissin zusammengestellt:

Eltern:

Großeltern:

Urgroßeltern:

Das erste Wappen auf der optisch linken Schmalseite des Erkers, beschrieben mit "HOIAE", gehört zu ihrer Großmutter Adelheid v. Hoya (- 11.4.1513) und zu ihrem Urgroßvater Otto VII. Graf v. Hoya (- 21.12.1494). Das Wappen ist halbgespalten und geteilt, Feld 1: in Gold zwei aufgerichtete, abgerissene, schwarze Bärentatzen mit roter Bewehrung (Stammwappen Hoya), Feld 2: rot-silbern dreimal geteilt (altes oldenburgisches Wappen, für Bruchhausen), Feld 3: in Rot drei (2:1) silberne Rosen (altes oldenburgisches Wappen der Wildeshauser Linie, für Bruchhausen), auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken die zwei schwarzen, ausgerissenen (man beachte hier die heraushängenden anatomischen Details!), rotbewehrten Bärentatzen wie in Feld 1 (Grafschaft Hoya, Stammkleinod).

Hier lohnt es, die Entstehung dieses Wappens ein wenig zu vertiefen. Wie kommt es zu dieser Kombination, die auch (lt. Siebmacher, Band Landesfürsten, Teil 2, S. 115-117, Tafel 117-119) auf Siegeln von Graf Otto III. v. Hoya im Zeitraum 1415-1419 vorkommt, desgleichen bei Graf Otto VII 1452-1494 und bei Graf Friedrich II. 1494-1502? Alten-Bruchhausen kam 1338 an die Grafen von Hoya, als die Brüder Gerhard und Johann von Hoya Burg und Grafschaft von Graf Nikolaus von Tecklenburg kauften. Einst war es Besitz der Grafen von Oldenburg, eine Erbtochter dieser oldenburgischen Linie hatte Alten-Bruchhausen 1326 an die Grafen von Tecklenburg gebracht. Und Neuen-Bruchhausen kam 1384 an die Grafen von Hoya, als Graf Gerhard zu Bruchhausen die Grafschaft an seinen Onkel für 2000 Mark verkaufte. Und um es noch komplizierter zu machen, spaltete sich das gräfliche Haus Hoya 1345 in zwei Linien, wobei die auf Gerhard III. v. Hoya, gest. 1383, zurückgehende Linie die Niedergrafschaft bekam (Hoyaer Linie), die auf dessen Bruder Johann zurückgehende Linie hingegen die Obergrafschaft (Nienburger Linie). Die Besitzer der Obergrafschaft nannten sich fortan "Grafen von Hoya" und die Besitzer der Niedergrafschaft "Grafen von Hoya und Bruchhausen", weil ihnen das Bruchhausener Gebiet zugeschlagen worden war.

Zurück zum Erwerb von Bruchhausen: Nach dem Erwerb von Alten-Bruchhausen 1338 begannen die Grafen von Hoya in beiden Linien, das Wappen der Grafen von Bruchhausen, einer Linie der Grafen von Oldenburg, aufzunehmen, den rot-silbern dreimal geteilten Schild, mal in Form zweier zusammengestellter Schilde, wie auf Siegeln von Graf Gerhard III. zu sehen ist, mal als kleinen Schild zwischen den Bärentatzen, wie auf Siegeln von Graf Johann II. zu sehen ist. Graf Otto III., der Sohn von Gerhard III., führte drei zusammengestellte Schilde, Hoya (Schild 1), und für Bruchhausen einmal die Teilungen (Schild 2) und einmal die Ständerung (Schild 3) für die Familie, die vor den Grafen von Oldenburg Bruchhausen besaß.

1384 ff. kommen unter Graf Otto III. die Rosen ins Spiel: Siegel aus der Zeit zeigen drei Schilde, Hoya, die Teilungen und die drei Rosen, oder alles in einem einzigen Schild zusammengezogen, so wie uns die Motivkombination auch hier an der Auslucht begegnet. Solche Siegel begegnen uns auch bei Graf Otto VII. zwischen 1452 und 1494 sowie bei Graf Friedrich II. von 1494 bis 1502. Die drei Rosen gehören wieder zu den Oldenburgern, sie stellen das Stammwappen der Wildeshauser Linie dar, und sie stehen hier von den Indizien her als Symbol für die Grafschaft Neuen-Bruchhausen, denn sie tauchen nach deren Erwerb auf. Man muß bedenken, daß diese unterschiedlichen Oldenburger Wappen aus der formativen Periode der Heraldik stammen, als die Führung und Weitergabe noch nicht den späteren Richtlinien unterlag (Siebmacher, Band Landesfürsten Teil 2, S. 36-38, Tafel 40-42). So wird eine Herkunft der Rosen der Wildeshauser Linie von den Grafen von Hallermund angenommen, denn Graf Heinrich II. von Oldenburg hatte Beatrix von Hallermund geheiratet. Graf Heinrich III. von Oldenburg siegelte 1219 z. B. mit dem Rosenschild, aber 1233-1234 mit den drei Teilungen. Eben jener Graf Heinrich ist über seine Söhne Stammvater der beiden Linien zu Neuen- und zu Alten-Bruchhausen. Die alten Grafen von Bruchhausen waren um 1220 ausgestorben. Die Aufteilung erfolgte 1259. Beide Oldenburgisch-Bruchhausener Linien führten die drei Teilungen im Schild. Erst im 13. Jh. bildeten sich die beiden roten Oldenburger Balken in goldenem Feld heraus, die fortan das Wappen der Oldenburger blieben.

Dies gilt nur für die Gerhardische Linie, deren letzte Männer Graf Otto VII. und Graf Friedrich II. waren. Und die Äbtissin stammt über ihren Urgroßvater Otto VII. Graf v. Hoya, dessen Vater Otto V. Graf v. Hoya und wiederum dessen Vater Otto III. Graf v. Hoya von dem Begründer der Hoyaer Linie, Gerhard III. Graf v. Hoya u. Bruchhausen, ab, insofern ist das Wappen stimmig.

Die Nienburger Linie der Grafen von Hoya hingegen führte lange Zeit lediglich den Bärentatzenschild, und auch bei der Wiedervereinigung beider Teilterritorien blieb man dabei. Erst 1568 erscheint unter Graf Otto VIII., der noch 1563 und 1567 konventionell siegelte, ein erstes vermehrtes Wappen, in dem die oldenburgische dreimalige Teilung für Neuen-Bruchhausen steht, und das geständerte Feld für die voroldenburgischen Besitzer von Bruchhausen. Die Rosen wurden nicht übernommen. Im Detail ist das nun vermehrte Wappen halbgespalten und geteilt, Feld 1: Hoya, Feld 2: Teilungen, Feld 3: Ständerung. Die Helmzier ist eine Kombination aller drei Elemente, Bärentatzen, Büffelhörner und Fähnchen. Nur wenige Jahre später folgt Graf Otto VIII. (1530 - 25.2.1582), Sohn von Jobst II. Graf v. Hoya (1493-25.4.1545) und Anna Magdalena v. Gleichen-Blankenhain (-12.10.1545) und der Letzte seines Geschlechts, 1575 der Mode der Quadrierung: Geviert, Feld 1 und 4: Hoya, Feld 2 und 3: jeweils geteilt, oben die Teilungen, unten die Ständerung. Dazu werden drei Helme geführt, zentral Hoya, rechts die Fähnchen für Oldenburg, links die übereck geteilten Büffelhörner. Eine dritte Variante findet sich im sog. Hofmannschen Ehrenkleinod: Geviert, Feld 1 und 4: Ständerung, Feld 2 und 3: Teilungen, Herzschild: Hoya. Dazu werden drei Helme geführt, zentral Hoya, rechts die übereck geteilten Büffelhörner, links die Fähnchen für Oldenburg, also wie oben, nur mit vertauschten äußeren Positionen, was auch bei dem vorigen Wappen vorkommen kann. Ein wegen Rietberg, Esens und Wittmund noch weiter differenzierteres Wappen führte Ottos Bruder, Graf Erich V. (1535 - 12.3.1575). Bei seinem Wappen werden alle drei Kleinode, die Bärentatzen für Hoya, die Fähnchen für Oldenburg - Neu-Bruchhausen und die Büffelhörner für Alt-Bruchhausen, zu einem einzigen kombiniert, weil man die beiden anderen Helme für Rietberg (rechts) bzw. Esens-Wittmund (links) benötigte.

Exkurs: Wie kam Hoya später an die Welfen? Eigentlich fiel ja der Besitz der Hoyaer Linie mit deren Aussterben an die Nienburger Linie. Die Gerhardische Linie war mit Friedrich Graf von Hoya (gest. 1503) akut vom Aussterben bedroht, und Herzog Heinrich d. J. von Braunschweig-Lüneburg ließ sich 1501 von Maximilian mit Hoya für den Fall des Heimfalls mit der Grafschaft insgesamt belehnen, eine politische Ungeheuerlichkeit, die nur dem Recht des Stärkeren entsprang, denn die politisch schwachen Herzöge von Sachsen-Lauenburg, die ja die Landesherren für Hoya waren, wurden einfach übergangen. Und die Herzöge machten es gleich wasserdicht, denn Graf Jobst I. von Hoya, mußte 1504 seine Herrschaft vom Herzog zu Lehen nehmen, desgleichen 1512 Graf Jobst II. von Hoya, gest. 1545. Der letzte Graf von Hoya war Otto VIII (1530-25.2.1582), vermählt mit Agnes von Bentheim. Nun konnten die Welfen zuschlagen und die nun an sie selbst heimgefallene Grafschaft Hoya als Reichslehen unter ihren verschiedenen Linien Calenberg, Wolfenbüttel und Celle aufteilen.

Fassen wir zusammen: Hier werden zwei frühe Formen oldenburgischer Wappen als Felder verwendet, beide stehen für die einst von den Oldenburgern besessenen Herrschaften Alten- bzw. Neuen-Bruchhausen. Beide sind nicht identisch mit dem späteren Oldenburger Wappen, welches sich verbindlich durchsetzte. Nur die Teilungen wurden nach dem Aussterben der diese beiden Felder führenden Hoyaer Linie von der Nienburger Linie übernommen, und das auch sehr spät. Die Rosen fielen weg, und die Ständerung kam als neues Symbol hinzu, um an die Bruchhausener Herren in voroldenburgischer Zeit zu erinnern.

Das zweite Wappen, optisch links auf der Vorderseite, gehört zu ihrem Vater Wolrad II. Graf v. Waldeck (27.3.1509 - 15.4.1578), ihrem Großvater Philipp III. Graf v. Waldeck-Eisenberg (9.12.1486 - 20.6.1539) und zu ihrem Urgroßvater Philipp II. Graf v. Waldeck-Eisenberg (3.3.1453 - 26.10.1524). Das Wappen zeigt in Gold einen achtstrahligen schwarzen Stern, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein goldener Flug, beiderseits belegt mit einem achtstrahligen schwarzen Stern.

Eigentlich würde man bei einer reihenweisen Anordnung von vier Wappen immer heraldisch rechts den Ehemann annehmen, also die Reihenfolge von optisch links nach rechts erwarten: Großvater väterlicherseits, Großmutter väterlicherseits, Großvater mütterlicherseits, Großmutter mütterlicherseits. Hier ist jedoch einer Anordnung der Vorzug gegeben worden, die plakativ die beiden Eltern auf der Schauseite ausstellt und die beiden angeheirateten Großmütter auf die Seitenflächen verbannt, also ist hier die Reihenfolge für die vier Großelternteile: Großmutter väterlicherseits, Großvater väterlicherseits, Großvater mütterlicherseits, Großmutter mütterlicherseits.

Das dritte Wappen, optisch rechts auf der Vorderseite, gehört zu ihrer Mutter Anastasia Günthera v. Schwarzburg (1528 - 1570), ihrem Großvater Heinrich XXXII. Graf v. Schwarzburg-Blankenburg-Rudolstadt (23.3.1499 - 2.7.1538) und ihrem Urgroßvater Otto VII. Graf v. Hoya (- 21.12.1494). Das Wappen zeigt in Blau einen goldenen, gekrönten, hersehenden Löwen. Die zugehörige Helmzier zeigt auf gekröntem Helm einen wachsenden goldenen Löwen, aus dessen Krone ein Pfauenstoß wächst. Helmdecken blau-golden. Ganz typisch für den Schwarzburger Löwen ist das dem Betrachter zugewandte Antlitz, sowohl im Schild als auch in der Helmzier. Diesen Löwen führen die Grafen von Schwarzburg und die Grafen von Kevernburg/Käfernburg (1385 erloschen), die beiden Hauptlinien des Geschlechtes. Die Helmzier hat im Laufe ihrer Geschichte viele Varianten durchlaufen, ehe sie sich in der heute bekannten Form durchsetzte, erstmals Mitte des 14. Jh. Hier wird das Wappen von zwei Schildhaltern begleitet, rechts von einem wilden Mann, links von einer wilden Frau, beide nackt und mit Laubwerk um die Hüften, mit der jeweils äußeren Hand ein rot-silbern geteiltes, einwärts flatterndes, dreieckiges Banner haltend.

Das vierte Wappen auf der optisch rechten Schmalseite des Erkers gehört zu ihrer Großmutter Katharina v. Henneberg-Schleusingen (- 7.11.1567) und ihrem Urgroßvater Wilhelm VI. Graf und Herr v. Henneberg-Schleusingen (29.1.1478 - 24.1.1559). Das Wappen ist geviert, Feld 1 und 4: in Gold auf grünem Berg (oft ein Dreiberg, hier eher unklar definiert) einwärts eine schwarze, rotbewehrte Henne mit rotem Kamm, Feld 2 und 3: geteilt, oben in Gold ein aus der Teilung wachsender schwarzer Doppeladler, zwischen den Köpfen eine Krone, unten rot-silbern geschacht. Dabei ist zuerst ein einfacher Adler (1. Wappen, Siegel von Graf Poppo VI. 1185, Berthold II. und von Poppo VII. 1202) bzw. später das Motiv in Feld 2 und 3 das ältere Wappen der Grafen (2. Wappen). Vom Grafen Poppo VII. wird es so 1212 geführt, ebenso 1231 von seinem Bruder, dem Minnesänger Otto von Botenlauben, gest. 1254, mit vier Reihen Schach, 1257 von Liutgard, einer Tochter des Grafen Poppo VII. Das unter Graf Poppo VII. um 1237 erstmals auftretende Namenswappen (Henne, 3. Wappen) hat das alte Motiv an die zweite Stelle gedrängt, so daß dieses eine ganze Zeitlang von der Bildfläche verschwand, ehe es in geviertem Schild (4. Wappen) eine Wiederauferstehung feierte und dann noch um die Krone ergänzt wurde. Erst später wurde der wachsende Doppeladler über dem Schach als das Wappen der Burggrafschaft Würzburg gedeutet, ohne Beweis. Angemessener wären die Bezeichnungen "Alt-Henneberg" für den über dem Schach wachsenden Doppeladler und "Neu-Henneberg" für die Henne auf dem Berg. Die erste Farbdarstellung des Alt-Henneberger Motivs findet sich übrigens in der Weingartener Liederhandschrift. Farblich übereinstimmend ist die Darstellung in der Manessischen Liederhandschrift, allerdings ist die Anzahl der Reihen des Schachs auf drei reduziert. Hier sehen wir übrigens nur zwei Reihen, so auch in vielen anderen bauplastischen Darstellungen. Die Farbe des Berges ist erheblichen Variationen unterworfen, hier ist sie grün, desgleichen in der Züricher Wappenrolle und im Scheiblerschen Wappenbuch; Hupp bildet ihn rot ab, desgleichen im Codex Ingeram und im Wappenbuch von den Ersten, und schließlich gibt es ihn noch in Schwarz bei Grünenberg und im Redinghovenschen Wappenbuch. Zwei Helme: Helm 1 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken ein rot gekleideter Jungfrauenrumpf mit Krone, hohem rotem Hut, dessen Schaft hier abweichend mit einer schwarzen Henne belegt ist und dessen gekrönte Spitze mit einem natürlichen (grünen) Pfauenfederbusch besteckt ist (Neu-Henneberg), Helm 2 (links): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein eigentlich roter, hermelingestulpter, hier abweichend tingierter Hut, mit zwei golden gestielten, schwarzen Rohrkolben besteckt (Alt-Henneberg, ursprünglich waren das zwei Federbüsche auf einem Hut).

Zwischen den beiden Ausluchten befindet sich ein stilistischer Fremdkörper, der Elisabethbrunnen. Er stammt aus dem Jahre 1748. Der Oberhofmeister von Kroll hat der Äbtissin Elisabeth von Sachsen-Meiningen, der Bauherrin des Barockflügels der Abtei, diesen barocken Brunnen geschenkt, gefertigt von Hofbildhauer Johann Caspar Käse. Die Äbtissin wird als Wohltäterin dargestellt. Einst stand der Brunnen im Abteihof; erst 1878 wurde er an den Südgiebel versetzt. Die Inschrift lautet "Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle".

Die rechte Auslucht ist architektonisch zwar nicht gleich, aber ähnlich gebaut. Das Fenster im unteren Geschoß ist dreiteilig, die Auslucht ist insgesamt ein bißchen größer, doch die Einteilung der Fenster im oberen Geschoß hat die gleiche Einteilung wie bei dem westlichen Pendant. Hier finden wir nur ein einziges, zentral im mittleren Feld der Brüstung angebrachtes Familienwappen, das der Äbtissin, zwischen zwei unscheinbareren Wappenschilden, der optisch linke schwarz-golden gespalten (Stift Gandersheim), der gegenüber blau-golden gespalten.

Das hier noch einmal separat herausgehobene Wappen der Äbtissin als Bauherrin zeigt in Gold einen achtstrahligen schwarzen Stern, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein goldener Flug, beiderseits belegt mit einem achtstrahligen schwarzen Stern. Unter dieser Äbtissin Anna Erika von Waldeck (17.9.1551 - 15.10.1611) erlebte Gandersheim eine Phase der Konsolidierung. Die religiösen Streitigkeiten waren beendet, es blieb politisch ruhig, die Ansprüche der Welfen köchelten auf kleiner Flamme, und durch den Handel prosperierten Stift und Abtei, so daß auch der immense Brandschaden und die Ausgaben für den Neubau bald verschmerzt waren. Neben ihrem Amt in Gandersheim hatte Anna Erika von Waldeck noch eine zweite Aufgabe übernommen, denn sie war auch noch Kanonissin in Hersfeld. 1607 entschied man sich dort nach dem Tod der Dechantin aufgrund interner Uneinigkeit für eine relative Außenseiterin und wählte Anna Erika von Waldeck, die freilich weiterhin in Gandersheim residierte. Die Bauherrin der Renaissanceflügel verstarb nicht in Gandersheim, sondern beim Verwandtenbesuch in Bad Arolsen, und ihr Grab fand sie in Mengeringhausen.

Literatur, Links und Quellen:
Informationstafeln am Stift Gandersheim
1150 Jahre Stift Gandersheim 852-2002, Festschrift, hrsg. v. Kirchenvorstand der Stiftskirchengemeinde St. Anastasius und St. Innocentius, 2002
Siebmachers Wappenbücher, insbes. Band Landesfürsten
Genealogien:
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Axel Christoph Kronenberg, 1611 - vor 400 Jahren stirbt Äbtissin Anna Erika, Kurzeitung Bad Gandersheim 03/11
http://www.bad-gandersheim.de/Kurzeitung/2011/Kurzeitung03_2011.pdf S. 6-7
Axel Christoph Kronenberg, Gräfin Anna Erika von Waldeck: Die erste protestantische Äbtissin, Kurzeitung Bad Gandersheim 02/04
http://www.bad-gandersheim.de/Kurzeitung/2004/Kurzeitung_2_04.pdf S. 10-11
Axel Christoph Kronenberg, Die Zeit der Renaissance in Gandersheim, Kurzeitung Bad Gandersheim 04/05
http://www.bad-gandersheim.de/Kurzeitung/2005/Kurzeitung_4_05.pdf
Anna Erika von Waldeck:
http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Erika_von_Waldeck
Kurt Kronenberg, die Äbtissinnen des Reichsstifts Gandersheim, 1981
Grafen von Oldenburg, Genealogie:
http://www.neundorfer-ulf.de/stedingen/oldenburger-grafen.html
Henneberg: Otto Hupp, Münchener Kalender 1910
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
G. Sello, das oldenburgische Wappen, Jahrbuch für Geschichte des Herzogthums Oldenburg I., 1892, S. 56 ff.

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