Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1723
Brügge (Belgien, Provinz Westflandern)

Brügge, Stadhuis (Rathaus), Teil 4

Wappenpaar an den Konsolen 3-6:
Das hier vorgestellte Konsolenpaar befindet sich in der dritten Reihe auf der 6. Position von links. Mit diesem Konsolstein springen wir über zur modernen belgischen Monarchie, beginnend im Jahr 1830, der Geburtsstunde des modernen Belgiens als Staat. Wie wir in den vorangehenden Kapiteln gesehen haben, wurde das heute belgische Territorium vom Schicksal gebeutelt und nahm seinen Weg zwischen Spanien, Frankreich, Österreich und den Niederlanden. Doch 1830 war Schluß damit, es war das Jahr der Revolution und der Selbständigkeit. Die überwiegend katholischen flämischen und wallonischen Landesteile spalteten sich von den protestantischen Niederlanden ab; die künstliche Einheit der in wirtschaftlichen, sprachlichen und religiösen Fragen unterschiedlichen Landesteile war sowieso eine Idee des Wiener Kongresses ohne Berücksichtigung des Willens der Bevölkerung. Die Julirevolution in Frankreich mit dem endgültigen Sturz der Bourbonen und der Übernahme der Macht durch das Bürgertum war nicht ohne Einfluß, und die Belgier dachten sich, das könne man ja auch mal probieren. Und der niederländische König Wilhelm I. war alles andere als ein liberaler, vermittelnder Diplomat. Im August kam es dann zu Unruhen gegen die Unterdrückung durch den Norden, und der endgültige Bruch mit König Wilhelm kam im September, als der seine Armee in Brüssel einmarschieren ließ, brach der Volksaufstand los. Ende Oktober 1830 war fast das gesamte belgische Territorium unter der Kontrolle der Freikorps. Ein Verwaltungsausschuß übernahm die Regierungsgeschäfte. Im November gab es Wahlen zu einem Nationalkongreß, der eine neue Verfassung ausarbeitete, mit Gewaltenteilung, mit einer parlamentarisch kontrollierten Staatsform; es wurde die progressivste und liberalste Verfassung ihrer Zeit. Bei der Frage Republik oder Monarchie entschied man sich durch Abstimmung für die konstitutionelle Monarchie, unter Ausschluß des Hauses Oranien freilich. Nachdem die Erstwahl, Prinz Ludwig, Sohn des französischen Bürgerkönigs Louis Philippe, scheiterte, trug man die Krone Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha auf. Dieser war schon einmal im Rennen bei den vielen Revolutionen dieser Zeit, man hatte ihn davor gefragt, ob er die griechische Krone übernehmen wolle, was er dankend abgelehnt hatte. Er war immerhin mit der britischen Thronerbin verheiratet, und Griechenland mußte man sich in dieser Position nicht antun. Die belgische Krone akzeptierte er jedoch. Seit dem 21.7.1831 war er der erste König der neuen belgischen Monarchie, seit dem Tag seiner Vereidigung auf die Verfassung, nicht seit seiner Wahl am 4.6. - eine Eigentümlichkeit der belgischen Monarchie: Jeder König ist erst dann König, wenn er den Eid auf die Verfassung abgelegt hat, nicht automatisch mit der Wahl oder später mit dem Tod seines Vorgängers. Eine zweite Eigenheit ist, daß sich die Könige stets König der Belgier nannten (Koning der Belgen, Roi des Belges) und nennen, nicht König von Belgien. Das ist nicht nur ein sprachlicher, sondern ein vom Ansatz her entscheidender Unterschied: Die Krone ist mit dem Volk, nicht mit dem Territorium verbunden, und die Krone trägt der König, weil es das Volk so will, nicht weil die Bevölkerung auf dem Erbterritorium des Königshauses lebt. Erst 1839 wurde vom belgischen Königreich die volle Souveränität erlangt.

Hier ein Überblick über die Genealogie: Das Königshaus der Belgier entspringt dem deutschen Fürstenhaus Sachsen-Coburg-Saalfeld.

An der optisch linken Konsole ist das Wappen für Léopold Georges Chrétien Fréderic von Sachsen-Coburg Saalfeld, als Léopold I König der Belgier (16.12.1790-10.12.1865), zu sehen. Es ist nicht ganz korrekt wiedergegeben, denn die kleinen Felder sind nicht aufgelöst. Korrekt ist es wie folgt aufgebaut:

Die Komponenten von Großbritannien hatte er wegen seiner Frau in das Wappen aufgenommen, denn mit Charlotte Auguste Caroline Prinzessin von Großbritannien (7.1.1796 - 6.11.1817) hatte er am 2.5.1816 in London die englische Thronerbin aus dem Haus Hannover geheiratet. Da diese jedoch im darauffolgenden Jahr starb, ohne das Erbe angetreten haben zu können, wurde 1830 ihr Onkel William IV. nächster König von Großbritannien und nach diesem 1837 seine Nichte Queen Victoria. Doch diesen Beinahe-Anspruch auf die englische Krone bewahrte König Léopold heraldisch auf. Genealogie seiner Ehefrau:

Das ist aber erst eine sehr späte Form seines Wappens. In anderen, früheren Formen (gelistet bei Arnaud Bunel) war der britische Anspruch im Hauptschild zu sehen. In diesen Varianten spiegelt sich die jeweilige Veränderung des englischen Wappens durch das Ableben von Monarchen und die Neubesetzung des Thrones wider.

Variante 1:

Variante 2:

Variante 3:

Und die vierte, letzte Variante sehen wir oben am Brügger Rathaus in vereinfachter Form.

Unter seinem Sohn aus zweiter Ehe, Léopold Louis Philippe Marie Victor von Sachsen-Coburg und Gotha, als Léopold II König der Belgier, war dann endlich Schluß mit den englischen Bestandteilen im Wappen. An der optisch rechten Konsole sehen wir, daß er sich heraldisch ganz klar auf seine Herkunft aus dem Haus Sachsen-Coburg-Saalfeld (seit 1826 Sachsen-Coburg und Gotha) besann und sich ansonsten auf das beschränkte, was er war, nämlich König der Belgier:

Beide Wappenschilde, der von Vater Léopold I. und der von Sohn Léopold II., werden von zwei hersehenden (Léopold I.) bzw. widersehenden (Léopold II.) Löwen als Schildhalter begleitet, und auf dem Schild ruht die belgische Königskrone.

Wappentrio an den Konsolen 3-7:
Das hier vorgestellte Konsolentrio befindet sich in der dritten Reihe auf der 7. Position von links und damit am rechten Gebäudeabschluß. Da wir uns an der Fassade chronologisch von links nach rechts bewegen, sind hier die Wappen der neueren belgischen Könige zu finden, für die Nachfolger von Léopold II., nämlich für Albert I., Léopold III. und Baudouin I.

Alle drei Wappenschilde sind identisch aufgebaut, alle drei zeigen in Schwarz einen goldenen, rotbewehrten und ebenso gezungten Löwen (belgisches Staatswappen), nun ohne Hinweis auf die Herkunft aus dem Fürstenhaus Sachsen-Coburg-Saalfeld (seit 1826 Sachsen-Coburg und Gotha). Man darf daraus schließen, daß sich diese Könige nun nicht nur heraldisch völlig mit dem belgischen Staat identifiziert haben und sich als rein belgische Dynastie betrachten.

Interessanterweise hat jedoch das Familienwappen (nicht das ehem. Staatswappen) des derzeitigen Hauses Sachsen-Coburg und Gotha nicht immer noch, sondern schon wieder den mit einem Turnierkragen (label of cadency, drei Lätze, die beiden äußeren Lätze jeweils mit einem roten Herzen, der innere mit einem roten Kreuz) belegten britischen, aus England, Schottland, Irland und England gevierten Herzschild auf dem sächsischen Hauptschild mit dem Rautenkranz. Das liegt aber daran, daß Queen Victoria ihrem vierten und jüngsten Sohn, Prinz Leopold Duke of Albany (1853-1884), diese Kombination als persönliches Wappen verlieh, und dieser gab es unverändert in seiner Familie weiter, und so kam es an den heutigen Chef des Gesamthauses Sachsen-Coburg und Gotha, Prinz Andreas, ein Ururenkel von Queen Victoria.

Alle drei Wappenschilde am Brügger Rathaus werden von zwei einwärts blickenden (Albert I.) hersehenden (Léopold III.) bzw. widersehenden (Baudouin I.) Löwen als Schildhalter begleitet, und auf dem Schild ruht einheitlich die belgische Königskrone.

Zur Genealogie der neueren belgischen Könige: Da Léopold I König von Belgien (16.12.1790-10.12.1865), keine überlebenden Kinder hatte, fiel die Krone an seinen Cousin Albert, den Sohn von Philipp Graf v. Flandern.

Linke Konsole, der Chronologie nach Albert Léopold Clément Marie Meinrad von Sachsen-Coburg und Gotha, als Albert I König der Belgier (8.4.1875-17.2.1934), entsprechend. Eigentlich war das fünfte Kind des Grafen von Flandern nicht sofort Kronprinz. Aber da sich bei seinem Cousin auf dem Thron, der 1909 verstarb, die bleibende Kinderlosigkeit abzeichnete, dazu noch sein eigener älterer Bruder verstarb, und die nachfolgenden Geschwister alle Mädchen waren, wurde er 1891 zum Thronerben bestimmt. Im Jahre 1909 bestieg er als Albert I. den Thron. Das ist auch eine Eigenart der belgischen Monarchie: Auch wenn noch kein zweiter Albert in Sicht ist, wird er dennoch der Erste genannt, Ordnung muß sein, um eine spätere Verwechslungsgefahr auszuschließen, auch wenn derzeit noch keine besteht. Dieser König war begeisterter Kletterer und fand den Tod bei einem Kletterunfall bei Marche-les-Dames.

Mittlere Konsole, der Chronologie nach Léopold Philippe Charles Albert Meinrad Hubertus Marie Miguel von Sachsen-Coburg und Gotha, als Léopold III König der Belgier (3.11.1901-25.9.1983), entsprechend. Er bestieg nach dem tragischen Unfall seines Vaters 1934 den belgischen Thron. Im Gegensatz zu seinem Vater, der sich durch sein Verhalten im 1. Weltkrieg große Sympathien bei der Bevölkerung erworben hatte, verlor sein Sohn diese durch sein Verhalten im 2. Weltkrieg, das ihn insbesondere durch die eigenmächtige Kapitulation in Opposition zur belgischen Regierung brachte. Sein politisch untätig ertragener Hausarrest in Schloß Laeken wurde sehr kritisch gesehen. Nach Deportation und Befreiung kehrte er nach Belgien zurück, dort aber hatte die Übergangsregierung seinen Bruder Karl zum Regenten gewählt. Léopold ging ins Exil in die Schweiz, bis er von den Vorwürfen entlastet wurde. Dennoch konnte er das Herz der Bevölkerung zeitlebens nicht wiedergewinnen, und so dankte er 1951 zugunsten seines Sohnes ab. Danach war er "nur noch" Prinz Léopold von Belgien, Herzog von Brabant.

Optisch rechte Konsole, der Chronologie nach Baudouin Albert Charles Léopold Axel Marie Gustave von Sachsen-Coburg und Gotha, als Baudouin I. König der Belgier (7.9.1930-31.7.1993), entsprechend. Er kam relativ jung mit 20 Jahren durch die Abdankung seines Vaters 1951 (Vereidigung am 17.7.1951) als fünfter König der Belgier auf den Thron, den er 42 Jahre innehatte. Da er kinderlos war, übernahm 1993 sein Bruder Albert Felix Humbert Theodor Christian Eugen Maria von Sachsen-Coburg und Gotha als Albert II. den belgischen Thron.

Literatur, Quellen und Links:
Detlev Arens, DuMont Kunst Reiseführer Flandern, DuMont Reiseverlag, Ostfildern, 2009, ISBN-10: 3770130057, ISBN-13: 978-3770130054
Georges-Henri Dumont, Vincent Merckx, Discovering Bruges, Brugge, Bruges, Brügge, Vincent Merckx Editions, Brüssel 2003; ISBN 90-74847-27-7
Architekturdenkmäler in Brügge: Livia Snauwaert, Gids voor architectuur in Brugge -
http://books.google.de/books?id=MiluvpH6yf0C Nr. 45
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Broschüre "Gesichter am Rathaus", herausgegeben von den Freunden der städtischen Museen Brügge
Vita der belgischen Könige:
http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_I._%28Belgien%29 - http://www.monarchie.be/de/geschichte/leopold-i - http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_II._%28Belgien%29 - http://www.monarchie.be/de/geschichte/leopold-ii - http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_I._%28Belgien%29 - http://www.monarchie.be/de/geschichte/albert-i - http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_III._%28Belgien%29 - http://www.monarchie.be/de/geschichte/leopold-iii - http://www.monarchie.be/de/geschichte/herzog-von-brabant - http://de.wikipedia.org/wiki/Baudouin_I.- http://www.monarchie.be/de/geschichte/baudouin - http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_II._%28Belgien%29 - http://www.monarchie.be/de/geschichte/albert-ii
belgische Monarchie:
http://www.monarchie.be/de - http://www.monarchie.be/de/die-monarchie-heute - http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_belgischen_Regenten - http://de.wikipedia.org/wiki/Belgische_Monarchie
Belgische Revolution:
http://de.wikipedia.org/wiki/Belgische_Revolution
Heraldik der belgischen Knige:
http://www.heraldique-europeenne.org/Regions/Benelux/Belgique.htm#Grandes
haus Sachsen-Coburg und Gotha:
http://www.sachsen-coburg-gotha.de/
Heraldik von Sachsen-Coburg und Gotha:
http://www.sachsen-coburg-gotha.de/?Das_Herzogshaus:Wappen - http://www.sachsen-coburg-gotha.de/?Das_Herzogshaus:Wappen:Familienwappen

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