Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1821
Neckarbischofsheim (Rhein-Neckar-Kreis)

Evangelische Stadtkirche, Südportal

Die evangelische Stadtkirche in Neckarbischofsheim liegt direkt an der Hauptstraße östlich des Schlosses. Sie ist die jüngere der beiden alten Kirchen des Ortes und übernahm nach einer Stadterweiterung die Funktion der ungünstig außerhalb gelegenen Totenkirche. Der ehemalige Wassergraben an dieser Stelle war verfüllt und planiert worden, und auf der Fläche wurden der Marktplatz und die neue Kirche errichtet. Von diesem ersten Bau existiert heute nur noch der gerade abgeschlossene Chor, auf dem sich der viereckige Turm erhebt.

Im 16. Jh. wurde diese erste Kirche umgebaut, bis eigentlich alles bis auf den Ostabschluß neu war. Eine erste Jahreszahl findet sich auf der Südseite: 1543. Dieses ist das Jahr der Helmstattschen Erbteilung. In dieser zweiten Bauperiode wurden das neue Langhaus im Westen des Turmes als einfache Halle von rechteckigem Grundriß erbaut, ferner der runde Treppenturm auf der Südseite, der am Turm anliegt, und der bis zur halben Höhe ausgeführte Treppenturm auf der Nordseite des Langhauses an dessen östlichem Ende, der zu den Emporen hoch führt.

 

Die dritte Bauperiode lag zu Beginn des 17. Jh., stilistisch im Manierismus. In dieser Zeit ist der wesentliche Teil des Bauschmucks entstanden, vor allem die drei exquisiten Spätrenaissance-Portale, eines in der Mitte der Westseite, die beiden anderen einander gegenüber im ersten Drittel des Kirchenschiffes. Weil Bauten aus dieser Zeit des Manierismus relativ selten sind, stellt der Bauschmuck der Stadtkirche eine wirkliche kunstgeschichtliche Kostbarkeit dar. Bauherren dieser Verschönerungen während der Zeit von 1610 (Baubeginn) bis 1612 (Weihe des neuen Kirchenraumes) sind die fünf Söhne des Johann Philipp v. Helmstatt. Während dieser Zeit wurde ferner auf der Westseite der steil aufragende, durch Horizontalgesimse in drei Zonen geteilte Ziergiebel mit kräftigen Voluten an den seitlichen Schrägen errichtet, der alte Chor neu eingewölbt und eine neue Kanzel gefertigt (1611 von Jakob Müller geschaffen, eines der besten Kunstwerke in der Kirche, mit Wappendarstellungen).

In diesem Kapitel wird das südliche, auf den Marktplatz ausgerichtete Prunkportal mit seinem figürlichen und heraldischen Schmuck beschrieben. Die in lateinischen Distichen abgefaßte Inschrift im Gebälk des Portales ist schwer zu entziffern, weil sie kaum erkennbare Lücken zwischen den einzelnen Wörtern aufweist. Diese Photos geben einen inzwischen überholten Zustand wieder; eine zwischenzeitlich erfolgte, unangemessene Restaurierung hat sie verdorben.

Der linke Teil der Inschrift lautet: "HELMSTADTI GENERIS MAGNVM DEC(VS) O LVDOVICE / CAROLE QVI CHRISTO CONSTRVIS AERE DOMVM / CVI NEQ(VE) PYRAMIDES NEQ(VE) DAEDALA PRAEFERO TECTA / NECQV(E) EIS CARBVNCLOS REGIA CHINA NITET / HINC MERITO AETERNA MIHI CREDE MEREBere laude(m)". Die letzten Buchstaben sind klein ausgeführt, vermutlich wegen Platzmangels.

Der rechte Teil der Inschrift lautet: "ET TIBI REX CHRISTVS DIGNA .....DABIT / DIGNA ......DABIT CHARO CVM FRATRE PHILIPPO / WEIPERT PLEICARDO CVMQ(VE) VALENTE PIO / VESTRA DOM(VS) MANEAT VIGEAT STET CRESCAT abu(n)det / SECLIS DIVITIIS PACE NEPOTE FIDE. APF". Eine Stelle ist klein geschrieben, zwei Stellen offensichtlich identischen Inhalts enthalten griechische Buchstaben, welche ein Wort für die dem Erbauer der Kirche zugedachte Belohnung bilden. Philipp, Weipert, Pleickard und Valentin von Helmstatt sind die vier Brüder des Ludwig Carl von Helmstatt.

Da sich hier zwei Mitglieder derselben Familie aus zwei unterschiedlichen Linien geheiratet hatten, ist das Wappen auf der Seite des Ehemannes mit dem auf der Seite der Ehefrau identisch. Beidesmal sehen wir das Wappen der von Helmstatt, in Silber ein schwarzer, auffliegender Rabe, jeweils einwärts gerichtet, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein schwarzes und ein silbernes Büffelhorn.

Die Wappenschilde sind jeweils durch Angabe der Initialen konkreten Personen zugeordnet, heraldisch rechts "L(VDWIG) C(ARL) V(ON) H(ELMSTATT)" und heraldisch links "A(GATHE) M(ARIA) V(ON) H(ELMSTATT) G(EBORENE) V(ON) H(ELMSTATT)". Die Initialen "AM" gehören zur ersten Gemahlin von Ludwig Carl von Helmstatt (1578-1632); diese hieß Agathe Maria (-1619), eine geborene von Helmstatt, und seine zweite Gattin hieß Anna Wilhelmina geborene v. Eltz. Unterhalb dieses Allianzwappens befindet sich ein Chronostichon unter Verwendung eines Textes aus Psalm 67, welches die Datierung 1612 ergibt: "BeneDICat nobIs DeVs DeVs noster psal(m) 67" = 500 + 1 + 100 + 1 + 500 + 5 + 500 + 5 = 1612. Ludwig Carl ist der Bruder von Valentin von Helmstatt (1578-1637), der am Westportal verewigt ist.

 

Zu beiden Seiten des Portals befinden sich Stützen in Menschengestalt unter ionischen Kapitellen, links eine weibliche Karyatide, rechte eine männliche Hermendarstellung. Gemessen an der feinen künstlerischen Gestaltung dieser Köpfe wirken die oben gezeigten Wappendarstellungen vergleichsweise grob.

 

Diese beiden in den Bogenzwickeln aus flachem, ornamentalem Beschlagwerk vollplastisch hervorkommenden Köpfe mit breiter Halskrause sind so realistisch mit individuellen Zügen dargestellt, daß man an Portraits des Bauherrenpaares glaubt.

Literatur, Links und Quellen:
von Helmstatt: http://de.wikipedia.org/wiki/Helmstatt
Edmund von der Becke-Klüchtzner, Stamm-Tafeln des Adels des Großherzogthums Baden: ein neu bearbeitetes Adelsbuch Baden-Baden, 1886, darin: Stammtafeln v. Helmstatt
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/beckekluechtzner1886/0186 ff.
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden, hrsg. von Franz Xaver Kraus, Band 8,1: Adolf von Oechelhäuser: Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Sinsheim, Eppingen und Wiesloch (Kreis Heidelberg), Tübingen, 1909 - http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kdm8bd1, S. 49 ff.
Zwischen Fürsten und Bauern - Reichsritterschaft im Kraichgau, hrsg. von Clemens Rehm und Konrad Krimm, Heimatverein Kraichgau, Sinsheim 1992, 2. Auflage 1993, ISBN 3-921214-04-1
Siebmachers Wappenbücher
Stadtkirche Neckarbischofsheim:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stadtkirche_St._Salvator_%28Neckarbischofsheim%29 und http://www.ev-kirche-neckarbischofsheim.de/html/stadtkirche344.html
Jürgen Blänsdorf: Die Portalinschriften der Kirche St. Salvator in Neckarbischofsheim, oder: Textverderbnis durch Restaurierung, in: Neulateinisches Jahrbuch, hrsg. von Marc Laureys und Karl August Neuhausen, Band 17, Olms-Weidmann Verlag, Hildesheim, 2015
Die Inschriften des Rhein-Neckar-Kreises (II), gesammelt und bearb. von Renate Neumüller-Klauser untzer Mitarbeit von Anneliese Seeliger-Zeiss, Die Deutschen Inschriften 16, München 1977, Nr. 329, Nr. 330.

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