Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2075
Neubrunn (Landkreis Würzburg, Unterfranken)

Das Torhaus der Neubrunner Stadtbefestigung

In der unterfränkischen Marktgemeinde Neubrunn hat sich ein historischer Torturm der Stadtmauer erhalten (Hauptstraße 53), der auf der Feldseite über der 3.50 m hohen, tonnengewölbten Durchfahrt ein kurmainzisches Wappen trägt. Darüber befinden sich drei Geschosse mit nachträglich eingebauten Fenstern, das mittlere Geschoß mit einer Schießscharte, das oberste mit einem Gußerker. Der Zugang erfolgt über eine hinter der Stadtmauer gelegene Außentreppe direkt in den ersten Stock. Die Stockwerke über der Durchfahrt weisen Eckquaderung aus rotem Sandstein auf, ansonsten ist der Turm zweischalig aus Bruchsteinen gemauert. Auch die Fensterrahmungen, die spitzbogige Toreinfassung mit rechteckigem Zugbrückenfalz und der feldseitige Bogenfries unter dem obersten Stockwerk sind aus rotem Sandstein. Der Turm wird oben mit einem Satteldach mit zwei Halbwalmen abgeschlossen.

 

Einst besaß der Ort drei Stadttore, dies ist das einzige verbliebene. Neubrunn hat in seiner Geschichte zuerst den Grafen von Wertheim gehört, kam dann um 1319 an den Deutschen Orden. Elisabeth von Wertheim, Tochter von Graf Poppo von Wertheim, hatte Gottfried von Hohenlohe geheiratet, aber Mann und Kind starben 1290. Sie schenkte Neubrunn und Prozelten dem Deutschen Orden, der hier schon 1305/11 eine Spitalstiftung hatte und den Ort Neubrunn, der 1323 das Stadtrecht von Kaiser Ludwig dem Bayern verliehen bekam, bis 1484 behielt, dann kam die Stadt im Zuge eines Gebietstausches an Kurmainz. Der Deutsche Orden befestigte zuerst sein Haus, nachdem der Deutschmeister Konrad Rüd von Collenberg im Jahr 1380 vom Würzburger Bischof Gerhard von Schwarzburg die Erlaubnis dazu bekommen hatte, und dann auch gegen Ende des 14. Jh. die Stadt mit einem Mauerring. Deutschmeister Reinhard von Neipperg (reg. 1479-1489) gab Neubrunn und Prozelten an das Erzstift Mainz, das 1482-1484 von Diözesanadministrator Herzog Albrecht III. von Sachsen geleitet wurde, und bekam dafür die Ämter Scheuerberg und Neckarsulm. Bei Kurmainz blieb Neubrunn bis 1655, danach kam es an das Hochstift Würzburg, bei dem es bis zur Säkularisierung 1803 blieb. Danach kam Neubrunn an Bayern, dann an das Großherzogtum Toscana, schließlich 1814 endgültig an Bayern. Der hier vorgestellte Tortum mit 6.50 m Seitenlänge wurde mehrfach umgebaut und verstärkt. Seine heutige Form erhielt er in der Mitte des 15. Jh. Das Torhaus, das in späteren Zeiten auch als Flüchtlingsunterbringung und als Wohnraum gedient hatte, wurde 2008 unter Federführung des Vereins für Kultur und Heimatpflege aufwendig restauriert und enthält sogar ein Trauzimmer.

Für welchen Fürstbischof steht nun das Wappen am Torturm? Wir finden in der Mainzer Geschichte gleich drei Fürstbischöfe, die zwei Balken im Schild geführt haben: Diether von Isenburg (1459-1461 für die erste Amtszeit und 1475-1482 für die zweite Amtszeit), er hätte in Silber zwei schwarze Balken, Uriel von Gemmingen (1508-1514), dieser hätte in Blau zwei goldene Balken, und schließlich Johann Adam von Bicken (1601-1604), mit der Variante eines schwarzen Feldes mit zwei silbernen Balken. Als Helmzier sehen wir zwei Büffelhörner, dadurch kann der erstgenannte ausgeschlossen werden, denn er hätte einen Flug geführt. Außerdem wurde Neubrunn erst 1484 von Mainz übernommen. Die beiden anderen führten jedoch beide ein Paar Büffelhörner. Stilistisch sehen wir ein Vollwappen, das in eine ringförmige Zierform einbeschrieben ist, die mit schmalen Fortsätzen seitlich durch die ohrenförmigen Ausbuchtungen gesteckt ist, eine Beschlagwerk-Form, die in die Renaissance gehört und damit eher Johann Adam von Bicken (1601-1604) zuzuordnen ist, dessen Wappen auch in Stadtprozelten zu finden ist. Damit wäre sein Wappen geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, achtspeichiges Rad, Erzstift Mainz, Feld 2 und 3: in Schwarz zwei silberne Balken, Stammwappen der von Bicken, 3 Helme: Helm 1 (Mitte): auf einem roten Kissen mit goldenen Quasten eine Inful, Bischofswürde, Helm 2 (rechts): auf einem roten, hermelingestulpten Hut (Kurhut) ein aufrecht stehendes, silbernes, sechs- oder achtspeichiges Rad, Helmdecken rot-silbern, Erzstift Mainz, Helm 3 (links): zwei wie Feld 2 und 3 bez. Büffelhörner, Helmdecken schwarz-silbern, Stammkleinod der von Bicken.

Literatur, Links und Quellen:
Günter Führich: Ein Torhaus, das verbindet, Artikel in der Mainpost http://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Main-Post-Serie-Denkmal-des-Monats-startet;art6029,5574628
http://www.burgenwelt.de/neubrunn_sm/index.htm - Geschichte: http://www.burgenwelt.de/neubrunn_sm/ge.htm
Verein für Kultur und Heimatpflege
http://www.kult-neubrunn.de/
Wappengeschichte:
http://www.hdbg.eu/gemeinden/web/index.php/detail?rschl=9679164
Deutscher Orden:
http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45249 bzw. http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45249?pdf=true
Spitalstiftung:
http://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/texte/aufsaetze/militzer-rolle.html
Neubrunn:
http://wuerzburgwiki.de/wiki/Neubrunn

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