Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2114
Bilkheim (Westerwaldkreis)

Schloß Neuroth bei Bilkheim im Westerwald

Schloß Neuroth bei Bilkheim ist ein entzückendes Wasserschloß in einer Talsenke zwischen Bilkheim und Salz. Das Schlößchen ist von bescheidenen Ausmaßen, dafür aber bestens gepflegt und erhalten mit umgebendem Wassergraben und Brücke. Der Reiz der Anlage, übrigens das einzige Wasserschloß im Oberen Westerwald, entspringt vor allem dem Kontrast zwischen barocker Wohnlichkeit der Gebäude und dem mittelalterlich-wehrhaften Wassergraben, zwischen der Formensprache des 17. Jh. an den Fenstern und den Mansarddächern einerseits und dem aufgrund des begrenzten Bauplatzes in die Höhe strebenden Baukörper andererseits. Besonders markant ist der an der nördlichen Ecke stehende Turm von insgesamt vier Geschossen mit je zwei Fensterachsen auf jeder Seite, der ca. ein Viertel der bebauten Fläche einnimmt und die anderen Gebäude um zwei Geschosse überragt. Im Nordwesten grenzt jenseits des Wassergrabens eine weitläufige Hofanlage an.

Das Anwesen gehörte zuerst den Herren von Neuroth, die hier eine ältere Niederungsburg und ein jüngeres Hofgut hatten. Die 1222 erstmals erwähnten Herren von Neuroth waren Ministerialen und Burgmannen der Grafen von Sayn, später standen sie auch in trierischen und in landgräflich-hessischen Diensten. Dann kam das Hofgut 1584 auf dem Erbweg an Eberhard von Brambach. Im Jahr 1610 wird ein "Hof ufm Weier" genannt. Das heutige Schloß wurde 1664 von Georg Ludwig von Brambach anstelle des vorher bestehenden mittelalterlichen Burghauses erbaut. Danach fiel es nach langjähriger Erbauseinandersetzung an die drei Kinder von Philipp Christoph von Brambach, das waren Johann Philipp, Anna Maria Charlotta und Maria Eleonora von Brambach. Der Sohn verkaufte das Gut samt Schloß im Jahr 1687 an Wilhelm Reinhard Reichsfreiherr von Walderdorff, Domherr in Trier und Würzburg. 1690 übertrug dieser die Nutznießung des Gutes an seinen Bruder Carl Lothar von Walderdorff (-1722), als ersterer 1708 verstarb, bekam letzterer Gut und Schloß endgültig. Des Letztgenannten Sohn - die Mutter war Anna Katharina Elisabeth von Kesselstatt (1671-1.8.1733) - war der Fürstbischof von Trier und Worms, Johann Philipp von Walderdorff (24.5.1701-12.1.1768). Dieser war mit seiner Familie gut in der Reichskirche vernetzt, denn ein Bruder seines Großvaters war Fürsterzbischof von Wien, sein Bruder Fürstbischof von Fulda und sein Neffe Fürstbischof von Speyer. Für die Freiherren von Walderdorff, die erst 1657 Molsberg als kurtrierisches Mannlehen bekommen hatten, war Neuroth eine willkommene territoriale Ergänzung zum systematischen Ausbau ihrer Herrschaft im Westerwald durch abrundende Zukäufe.

 

Im 19. Jh. erhielt das Schloß, das auch heute samt angrenzender Landwirtschaft in Familienbesitz ist (Familie Munsch bzw. Riegger-Munsch) und privat genutzt wird, seine heutige Erscheinungsform. Bis dahin bestand es aus zwei rechtwinklig zueinander stehenden, zweistöckigen Flügeln mit Mansarddach, und an der Stelle des Turmes war ein kleiner, quadratischer Hof. Der heute das Erscheinungsbild prägende, weithin sichtbare Turm von vier Stockwerken Höhe wurde erst durch Carl Wilderich Graf von Walderdorff (1799-1862) ergänzt, wodurch der Hof komplett bebaut wurde. Der Genannte war herzoglich-nassauischer Staatsminister. Er war es auch, der die bislang in Fachwerk ausgeführten Wirtschaftsgebäude jenseits des Wassergrabens durch symmetrische Ökonomiebauten aus Stein ersetzte.

Das Wappen über der Tür ist eine spätere Zutat und befindet sich nicht an der Originalstelle, denn erstens wurde dieser Teil des Schlosses erst im 19. Jh. errichtet, zweitens war damals der in der Inschrift genannte "IOANNES PHILIPP LIB(ER) BARO A WALDERDORFF ARCHIDIACONVS 1664" schon lange verstorben, und drittens war das barocke Schlößchen sowieso nicht von den Herren von Walderdorff, sondern von den Herren von Brambach erbaut worden, und die Übereinstimmung der Jahreszahl 1664 täuscht über den wahren Bauherrn hinweg. Nichtsdestotrotz paßt das Walderdorff-Wappen an dieses Schlößchen, das der Familie seit 1687 gehörte, und es befindet sich am einzigen Baukörper auf der Schloßinsel, der unter dieser Familie ergänzt wurde. Das Wappen zeigt in Schwarz einen golden gekrönten und ebenso bewehrten, rot-silbern geteilten, doppelschwänzigen Löwen. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu schwarz-silbernen Decken ein schwarzer Flug, beiderseits belegt mit dem zuvor beschriebenen Löwen. Zu beiden Seiten des von einer Perlenkrone überhöhten Ovalschildes kauern zwei Löwen wie beschrieben, den Kopf dem Betrachter zugewandt, den verschlungenen Doppelschweif in die Luft gereckt.

Der genannte Johann Philipp Freiherr von Walderdorff ist nicht identisch mit dem Trierer Fürstbischof gleichen Namens, was sich auch aus den Lebensdaten ergibt. Der hier gemeinte Johann Philipp Freiherr von Walderdorff (-4.3.1689), Sohn von Johann Peter von Walderdorff und Maria Magdalena von Greiffenclau-Vollraths, war vom 10.12.1663 bis 1679 Archidiakon von Sankt Lubentius in Dietkirchen, vom 17.1.1675 bis 1689 Dekan des Ritterstifts St. Burkard in Würzburg, daneben auch noch Domherr und Dompropst in Speyer, sowie 1634 Domizellar, 1645 Domkapitular, 1651 Domscholaster und 1679 Domdekan in Trier.

Die Gemeinde Bilkheim hat übrigens den markanten Schloßturm in ihr Kommunalwappen aufgenommen, denn dieses ist im Göpelschnitt geteilt, Feld 1: auf einem goldenen, mit einem schräglinks steigenden blauen Wellenkeil belegten Wellenschildfuß in Rot ein silberner Schloßturm, Feld 2: in Silber ein roter Turm mit drei Zinnen und drei silbernen Fenstern, Feld 3: in Grün eine goldene Urne, umlegt von sechs silbernen gleichschenkligen Trapezen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenwerk wie angegeben
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Bilkheimer Wappen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bilkheim#Wappen
Artikel "Neuroth ist Schmuckstück" in der Rhein-Zeitung, 4.8.2010,
http://www.rhein-zeitung.de/region/lokales/westerwald_artikel,-Neuroth-ist-Schmuckstueck-_arid,120259.html
Hof Neuroth:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hof_Neuroth
EBIDAT-Burgendatenbank:
http://www.ms-visucom.de/cgi-bin/ebidat.pl?id=554
Jens Friedhoff, Schloß Neuroth (Gem. Bilkheim), Bau-, Besitz- und Nutzungsgeschichte eines Adelssitzes im Westerwald, in: Nassauische Annalen 115 (2004), S. 37-65.
Alfred Wendehorst, Germania sacra, NF 40 - Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz, das Bistum Würzburg 6, die Benediktinerabtei und das Adelige Säkularkanonikerstift St. Burkard in Würzburg, Berlin/New York 2001, S. 227. Online:
http://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0005-745C-F, http://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0005-745C-F/NF%2040%20Wendehorst%20St.%20Burkhard.pdf, S. 227, http://personendatenbank.germania-sacra.de/books/view/54, http://personendatenbank.germania-sacra.de/index/browse/index:vorname/search:basic/term:walderdorff
Wolf-Heino Struck, Germania sacra, NF 22 - Erzbistum Trier 4, Das Stift St. Lubentius in Dietkirchen, Berlin/New York 1986, S. 313. Online:
http://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0005-BCDE-1, http://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0005-BCDE-1/NF%2022%20Struck%20St.%20Lubentius.pdf?sequence=1

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