Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2158
Bad Ems (Rhein-Lahn-Kreis)

Die Karlsburg (Vier-Türme-Haus) in Bad Ems

Die Karlsburg, das sog. Vier-Türme-Haus, ist ein bemerkenswertes Schlößchen in Bad Ems, das auf der nördlichen Lahnseite im Kurpark zwischen Römerstraße und Fluß steht und eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Kurstadt ist (Römerstr. 41). Der dreigeschossige, rechteckige, in der Grundfläche 31 m x 15 m messende und im Aufriß sehr regelmäßige Baukörper mit schlicht-vornehmen Formen des frühen Barocks erhält seinen besonderen Reiz durch die vier turmartigen Eckaufbauten, die mit ihren geschweiften Hauben mit Laterne eine sehr lebhafte Dachlandschaft ergeben. Die Fassaden sind sehr schlicht und haben neben dem Hauptportal an der Ostseite als Bauschmuck nur gequaderte Lisenen an den Ecken und gekuppelte Fenster.

Dieses Stadtschloß wurde 1696 von Johann Karl von Thüngen begonnen, um sich hier von seinen militärischen Einsätzen zu erholen und auszukurieren, sozusagen als privates Kurhaus eines mehrfach Verwundeten und Gichtkranken. Das Gelände hatte er vom Trierer Fürstbischof zu Lehen erhalten. Der Architekt war der kurtrierische Hofbaumeister Johann Christoph Sebastiani (1640-1704), der nach den Zerstörungen im Pfälzer Erbfolgekrieg maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt Koblenz beteiligt war und dem wir die Vier Türme und die Pagerie in Koblenz verdanken. Außerdem erbaute er zusammen mit Johann Georg Judas den Schulbau des Jesuitenkollegs, das mit seinen Turmanordnungen eine große Verwandtschaft zur Karlsburg hat. Hier in Bad Ems legte er dem Schloß den Typus des ganz traditionellen Kastells zugrunde, integrierte die vier Türme aber so geschickt in den Baukörper, daß sie erst oberhalb der Dachtraufe als gestalterische Elemente in Erscheinung treten, jeweils mit einem zusätzlichen Stockwerk im Vergleich zum Hauptkorpus. Das Erdgeschoß ist massiv gebaut, die leicht unterschiedlich hohen Obergeschosse bestehen jedoch aus verputztem Fachwerk. Das hohe Walmdach besitzt an den Längsseiten drei Gaubenreihen, und die Dachfenster besitzen abwechselnd eine Dreiecks- und Segmentbekrönung.

 

Johann Karl von Thüngen (5.2.1648-8.10.1709), Herr zu Waizenbach, Neuhaus (Bad Neuhaus bei Bad Neustadt an der Saale) und Zeitlofs (Schloß Weißenbach), machte eine steile militärische Karriere als Kommandeur eines Infanterieregiments und wurde einer der besten und erfolgreichsten Generäle seiner Zeit. Zunächst trat er in herzoglich-lothringische Dienste, dann in spanische. 1673 bekam er das Kommando einer Truppenabteilung, mit der er den aufständischen Marquis von Listenois schlug. Danach wurde er Oberstleutnant und Kommandeur in Besançon, nach kurzer Pause auf seinen Besitzungen wurde er Oberleutnant der fränkischen Kreistruppen, dann 1676 Kommandeur in Würzburg. Ebenfalls 1676 führte er als Kommandeur ein Regiment gegen Frankreich. Danach wurde er Generalwachtmeister und befehligte die Truppen des fränkischen Reichskreises. 1684 wurde er zum kaiserlichen Generalfeldwachtmeister ernannt, vier Jahre später zum Generalfeldmarschallleutnant. 1686 war er bei der Belagerung von Ofen in den Türkenkriegen dabei. Er verlor 1689 das rechte Auge bei der Belagerung von Bonn und trug seitdem eine schwarze Augenklappe. Sein neuer Dienstherr wurde das Kurfürstentum Mainz. Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheim ernannte ihn 1690 zum Generalfeldzeugmeister und erteilte ihm das Oberkommando für alle kurmainzischen Truppen und Festungen. 1692 stand er wieder in kaiserlichen Diensten und befehligte als kaiserlicher Feldzeugmeister die Infanterie der Reichsarmee. 1696 wurde er kaiserlicher Generalfeldmarschall, zwei Jahre später war er Kommandant der Festung Philippsburg. Er kämpfte im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) in Landau, Philippsburg und Stollhofen erfolgreich gegen die Franzosen. 1704 verteidigte er als Reichsfeldzeugmeister und Befehlshaber der Truppen am Oberrhein und in Schwaben (Ulm, Donauwörth, Schellenberg) den gesamten Südwesten Deutschlands gegen die Truppen Ludwigs XIV. Bei der Attacke auf den Schellenberg wurde er erneut verwundet. 1705 wurde ihm von König Friedrich I. der preußische Schwarze Adlerorden verliehen, weil er am Rhein und im Elsaß sich erfolgreich gegen das Vordringen der französischen Truppen wehrte. Auf einem Gemälde im Besitz des Mainfränkischen Museums Würzburg wird er mit demselben dargestellt. 1707 war er erneut Kommandant von Philippsburg. Johann Karl von Thüngen war es, der, nachdem die Familie bereits ein Freiherrendiplom vom 21.5.1700 für Adam Hermann Friedrich von Thüngen aus der Andreasschen Linie erhalten hatte, am 23.11.1708 von Kaiser Joseph I. eine Erhebung in den Reichsgrafenstand bekam, nachdem er selbst bereits am 23.8.1694 ein besonderes Reichsfreiherrendiplom erhalten hatte.

Das Allianzwappen im verkröpften Segmentbogengiebel über der Tür zeigt die beiden Wappenkartuschen der Familien von Thüngen (in hier schwarz gewordenem Silber ein goldener, mit drei nach links ausgebogenen, roten Pfählen belegter Balken; die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu rot-silbernen Decken ein wachsender, rot mit silbernem Kragen gekleideter Mannesrumpf, auf dem Kopf eine rote, silbern gestulpte Mütze, oben mit mehreren schwarzen Hahnenfederbüschen besteckt) und Faust von Stromberg (golden-rot geschacht, im ersten Feld ein schwarzer, sechszackiger Stern; die hier nicht dargestellte Helmzier wäre auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein roter Turnierhut, in dessen Hermelinstulp zwei golden-rot geteilte Fähnchen stecken und der oben mit einem schwarzen Stern besetzt ist). Der 1709 verstorbene Johann Karl von Thüngen, Sohn von Wolff Albrecht von Thüngen und dessen zweiter Frau Helena von Ebersberg gen. Weyers, war mit Maria Johanna Faust von Stromberg (14.7.1663-3.11.1739) verheiratet, der Tochter von Franz Ernst Faust von Stromberg, hochfürstlich-würzburgischer Geheimer Rat und Oberamtmann zu Haßfurt, und dessen Frau Maria Susanna Kottwitz von Aulenbach. Die 1678 geschlossene Ehe zwischen Johann Karl und Maria Johanna blieb kinderlos. Johann Karls Bruder, Johann Friedrich Freiherr von Thüngen, hatte neben zwei Töchtern einen Sohn, Hans Carl Freiherr von Thüngen, der 1723 unvermählt als letzter dieser Linie verstarb.

Der Bauherr erlebte die Fertigstellung des Hauses nicht mehr. Nach seinem Tod 1709 verkaufte seine Witwe das halbfertige Schloß und zog nach Würzburg. Nach privaten Besitzern und erheblichen Verwüstungen während der französischen Revolutionskriege kam das mittlerweile unbewohnbare Schloß 1804 an den in Diensten von Nassau-Oranien stehenden Rentmeister und Badeverwalter Goedecke und 1817 an den Badearzt Thilenius. In dieser Zeit wurde aus dem Gebäude ein Nobelhotel gemacht, zuletzt unter Thilenius' Witwe. Erst 1810 war das Schloß wirklich vollendet. Danach kam es 1842 in den Besitz der herzoglich-nassauischen Domänenverwaltung, die es an einen Hotelbetreiber verpachtete. Schon 1845 wurde auf der Westseite ein niedriges, aber langgestrecktes Badehaus angebaut, das die Harmonie des bis dahin freistehenden Schlosses stört. Das Haus erlebte in der Folgezeit etliche illustre Gäste und beherbergte u. a. Zar Alexander II. von Rußland, der in der Karlsburg am 30.5.1876 die sog. Emser Verfügung (Emser Erlaß, Emskii Ukas) unterschrieb, in der es um die Unterdrückung der ukrainischen Sprache in Druckwerken ging. Ein weiterer illustrer Gast war Carl Maria von Weber. Nur wenige Jahre stand der Baukörper frei im Park, so daß man seine Symmetrie und Regelmäßigkeit von allen Seiten bewundern konnte. 1956 war das Schloß akut gefährdet, denn es sollte abgebrochen werden, was durch die Denkmalpflege verhindert werden konnte. Statt dessen wurde das Gebäude außen restauriert, innen aber komplett umgebaut. Heute ist im Schloß eine Außenstelle des Landesbetriebs Daten und Information Rheinland-Pfalz untergebracht, im ehemaligen Badehaus eine Gaststätte und ein Theater.

Literatur, Links und Quellen:
Karlsburg: http://www.ms-visucom.de/cgi-bin/r20msvcshop_detail_anzeige.pl?&var_hauptpfad=../r20msvc_shop/&var_fa1_select=var_fa1_select||285|&var_te1=39
Werner Eberth, Bad Ems und Bad Brückenau: Nicht nur der Kursaal ist ähnlich, Artikel in der Mainpost vom 21.10.2014 -
http://www.mainpost.de/regional/bad-kissingen/Bad-Ems-Bad-Brueckenau-Gemeinsamkeiten-von-Thuengen-Zar-Alexander-II;art433647,8389619
Karlsburg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Karlsburg_(Bad_Ems)
Weithoener, Dieter: Bad Ems, Stadt mit Gesicht, Bad Ems 1987, S. 89 ff.
Johann Christoph Sebastiani
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Christoph_Sebastiani
Johann Karl von Thüngen
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Karl_von_Thüngen
Carl von Duncker, Johann Karl Reichsfreiherr von Thüngen, in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 218-220, online
http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thüngen,_Johann_Karl_Graf_von
J. G. Biedermann: Geschlechtsregister der reichsfrey-unmittelbaren Ritterschaft Landes zu Franken löblichen Orts Baunach, Tafel 279. Bayreuth, 1747 -
http://books.google.de/books?id=_NBDAAAAcAAJ
J. G. Biedermann: Geschlechtsregister Der Reichsfrey unmittelbaren Ritterschaft Landes zu Franken Löblichen Orts Rhön und Werra, Tafel 207
http://books.google.de/books?id=j9JDAAAAcAAJ
J. M. Humbracht: Die höchste Zierde Teutsch-Landes, und Vortrefflichkeit des teutschen Adels, S.21. Frankfurt am Main, 1707
Neues allgemeines deutsches Adels-Lexicon, Band 2, S. 204, online:
http://books.google.de/books?id=wWPZDGNlQNgC
Die Hoheit Des Teutschen Reichs-Adels Wordurch Derselbe zu Chur- und Fürstlichen Dignitäten erhoben wird: Das ist: vollständige Probe Der Ahnen unverfälschter Adelicher Famillen, ohne welche keiner auff Ertz-, Dom-, hoher Orden- und Ritter-Stiffter gelangen kan, oder genommen wird, Band 1 -
http://books.google.de/books?id=mddDAAAAcAAJ S. 183
Siebmachers Wappenwerk
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der 'landeskundlichen Vierteljahresblätter'
Rolf Zobel: Wappen an Mittelrhein und Mosel, Books on Demands GmbH, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5292-3, 527 S.
Emser Verfügung:
http://ru.wikisource.org/wiki/%D0%AD%D0%BC%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D1%83%D0%BA%D0%B0%D0%B7

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