Bernhard
Peter
Erzämter
und Erbämter in der Heraldik
Was
ist ein Erzamt?
Erzämter bzw. Reichserzämter
sind Hofämter des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
(936-1806). In der Regel war ein Erzamt an die Kurwürde
geknüpft. Jeder Kurfürst hatte ein Erzamt inne. Ab dem späten
Mittelalter waren es rein symbolische Amtstitel, mit denen nur
noch zeremonielle Tätigkeiten und Verpflichtungen verbunden
waren. Die Ämter waren mit der Kurwürde verbunden, wurden in
den weltlichen Kurfürstentümern vererbt und in den geistlichen
Kurfürstentümern an den gewählten Nachfolger übertragen.
Es gab nur zwei Ausnahmen: Die Markgrafen von Meißen waren nie Kurfürsten, hatten aber als Erzamt das Reichsjägermeisteramt (Erzjägermeisteramt) inne. Und die Herzöge von Württemberg führten die Reichssturmfahne, die eigentlich zum Erzamt des Reichsbannerträgers gehört, sie wurden aber erst viel später Kurfürsten, und auch nach Verlust der Kurwürde behielten sie die Reichssturmfahne.
Anfangs gab es sieben Kurfürsten, später wurde deren Anzahl erhöht.
Welche
Erzämter gab es?
Ursprünglich gab es sieben
Kurfürsten, wie es unter Kaiser Karl IV in der Goldenen Bulle
von 1356 festgelegt wurde:
1623 wurde die pfälzische Kurwürde (Erztruchsessenamt) an die Herzöge von Bayern übertragen.
1648 bekamen die Pfalzgrafen das neu geschaffene Amt des Erzschatzmeisters (8. Kurwürde)
1692 wurden die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg zu Kurfürsten von Hannover (9. Kurwürde) und bekamen das Amt des Erzbannerträgers - worauf es Streit mit Württemberg gab, denen dieses Privileg schon viel früher verliehen worden war.
1706 Bayern verliert die Kurwürde zur Strafe für das Engagement im Spanischen Erbfolgekrieg, die Pfalzgrafen bekommen wieder das Erztruchsessenamt, Hannover bekommt das Erzschatzmeisteramt.
1714 wurde Bayern von der Geschichte verziehen, sie bekamen die Kurwürde zurück. Sie forderten ihr altes Amt zurück, was sich 1777 nach langem Streit von selbst erledigte, als die Pfälzer Wittelsbacher die bayrische Linie beerbte.
1803 gab es kurzfristig vier neue Kurwürden für das Fürstentum Regensburg, das Herzogtum Württemberg (Erzbannerträgeramt), die Markgrafschaft Baden und die Landgrafschaft Hessen-Kassel. Zur tatsächlichen Wahrnehmung der Ämter kam es nie, da das Heilige Römische Reich 1806 aufgelöst wurde.
Zuordnung
heraldischer Zutaten zu den Erzämtern:
Einige Ämter hatten spezielle
heraldische Amtskennzeichen, die die Träger in ihre Wappen
übernahmen:
Beispiele für Erzämter in Wappen:

Bildbeispiel: Wappen von Kursachsen an der Arkade des Renaissance-Rathauses von Rothenburg ob der Tauber - gespalten, vorne schwarz-silber geteilt, belegt mit zwei gekreuzten roten Schwertern für das Erzmarschallamt, hinten von Schwarz und Gold neun(!)mal geteilt, darüber ein grüner schrägrechter Rautenkranz.

Bildbeispiel: Burghausen, Bayrisches Wappen aus dem 18. Jh. am kurfürstlichen Regierungsgebäude (Gebäude aus dem 16. Jh.), geviert aus den Wittelsbacher Rauten und dem Pfälzer Löwen, im Herzschild der Reichsapfel für das Erztruchsessenamt.

Bildbeispiel, Heidelberger Schloß, Gläserner Saalbau, Wappen von Kurfürst Friedrich II von der Pfalz. Schild 1 (optisch links): In Schwarz ein goldener, rot gekrönter Löwe (Pfalz), jeweils gewendet. Schild 2 (Mitte): in Rot ein goldener Reichsapfel (Erzamt des Erztruchsessen). Schild 3 (optisch rechts): Von Blau und Silber schräg geweckt (Wittelsbach). dazu noch Kette vom Orden vom Goldenen Vlies um den Schild mit dem Reichsapfel.
Sonderfall
Württemberg:
Bildbeispiel: Ausschnitt aus
dem Württemberger Wappen in Bad Mergentheim am
Deutschordensschloß. Reichssturmfahne. In Blau eine goldene
Fahne mit Schwenkeln, belegt mit einem schwarzen Adler. Nur
während ihrer kurzen Zeit als Kurfürsten trugen die
Württemberger die Reichssturmfahne als Ausdruck des
Reichsbannerträgeramtes.

Vor 1803 und nach 1806 (das abgebildete Wappen stammt aus der Zeit des Königreiches Württemberg) führten sie die Reichssturmfahne, weil 1336 Graf Ulrich III. die Stadt Markgröningen (heute Landkreis Ludwigsburg) kaufte. Damit erwarb er auch das Recht auf die Reichssturmfahne, denn das Grüninger Reichslehen war dem Träger der Reichssturmfahne vorbehalten. 1336 wurde die Reichssturmfahne von Kaiser Ludwig (1314/1328-1347) dem Grafen Ulrich III (1325-1344) übertragen. Im württembergischen Wappen erscheint die Reichssturmfahne ab 1495, weil Herzog Eberhard im Bart bei seiner Erhebung zum Herzog ebenfalls mit ihr belehnt worden war. Als Helmzier gehörte dazu ein schwarzer Adler. Residenz und Oberamt gingen im 19. Jahrhundert auf Ludwigsburg über, was darin zum Ausdruck kommt, daß Stadt und Kreis Ludwigsburg heutzutage Träger der Reichssturmfahne im Wappen sind.
Erbämter:
Erzämter und Erbämter
dürfen nicht verwechselt werden. Erzämter sind zwar in den
weltlichen Kurfürstentümern auch erblich, doch sind Erzämter
stets an die Kurwürde gebunden (Ausnahme Meißen, s. o.).
Erbämter entstanden dadurch, daß sich die Kurfürsten bei der
Ausübung ihrer Amtspflichten gerne von bestimmten, ihnen
besonders nahestehenden Adelsfamilien vertreten ließen, sei es
weil sie sich aufgrund ihres protestantischen Glaubens von
Krönungsmessen nach katholischem Ritus fernhalten wollten, sei
es weil sie einfach keine Lust hatten. Das sind die
Reichserbämter. Wie auch immer, bestimmte Adelsfamilien übten
die Pflichten im Auftrag der Kurfürsten stellvertretend aus und
durften auch in ihrem eigenen Wappen auf diese hohe Gunst
hinweisen. Innerhalb dieser Adelsfamilien waren die Ämter
erblich, so kam es zu den Erbämtern.

Bildbeispiel: Grabdenkmal im Dom zu Eichstätt, Wappen der Grafen von Pappenheim: Feld 1 und 4: In schwarz-silbern geteiltem Feld zwei gekreuzte rote Schwerter. Das ist das Zeichen der Erbmarschälle des Heiligen Römischen Reiches, welches die von Pappenheim sehr lange in Vertretung der Erzmarschälle bekleideten. Dazu gehören auf gekröntem Helm 1 als Helmzier an goldenen Stangen zwei schwarz-silbern geteilte Banner mit zwei gekreuzten roten Schwertern. Der Erbmarschall trug das Reichsschwert und ritt als symbolische Handlung beim Krönungsmahl mit seinem Pferd in einen aufgeschütteten Haferhaufen.

Bildbeispiel: Meersburg, in der Steigstraße, Wappen des Konstanzer Fürstbischofs Johann von Waldburg, genauer Johann Constanz Graf von Waldburg-Wolfegg (Bischof von Konstanz 1628-1644). Hier interessiert nur ein kleines Detail in den Feldern 2 und 3 des mittleren Schildes: Hier ist der Reichsapfel abgebildet, denn die Grafen Truchsess von Waldburg hatten das Erbtruchsessenamt inne. Bei einer Kaiserkrönung trug der Erbtruchsess den Reichsapfel und schnitt als symbolische Handlung beim Krönungsmahl eine Scheibe von einem gebratenen Ochsen ab und überreichte sie dem Kaiser.
Das Reichserbkämmereramt hatten die Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen inne. Sie führten einen roten Herzschild mit zwei schräggekreuzten goldenen Szeptern. Bei einer Krönung trug der Erbkämmerer das Reichsszepter und reichte dem Kaiser beim Krönungsmahl als symbolische Handlung einen Krug mit Wasser und ein Handtuch.

Abb. links: Stadtkirche Waldenburg, Wappenschild für Erasmus I. Schenk v. Limpurg-Obersontheim (14.1.1502 - 25.2.1553). Das Wappen der Schenken von Limpurg ist geviert mit in der Mitte platziertem goldenen Schenkenbecher (Doppelbecher).
Ein weiteres Reichserbamt ist das Erbschenkenamt, welches die Schenk von Limpurg innehatten. Seit dem 12. Jh. hatten sie als Reichserbschenken eines dieser stellvertretenden Reichserzämter des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation inne, formal als Lehen der eigentlichen Erzmundschenken (Archipincerna), der Könige von Böhmen, deren Aufgabe sie im Krönungszeremoniell der deutschen Könige und Kaiser zu übernehmen hatten. Als heraldisches Zeichen dieses Amtes hatten die Schenk von Limpurg ihren goldenen Schenkenbecher an der Herzstelle und in der Helmzier.
Das Erbschatzmeisteramt hatten die Grafen zu Sinzendorf inne.
Neben diesen Reichserbämtern gab es aber auch noch die Erbämter am Hofe von weltlichen und geistlichen Fürsten, die nach dem Vorbild des Reiches ähnliche Ämter für ihr eigenes Protokoll schufen. Beispiele sind die Thumb von Neuburg als Erbmarschälle in Württemberg, die Schenk von Erbach, die 1226 das Erbschenkenamt der Pfalzgrafen bekamen, oder die von Preysing als Erbschenken im Herzogtum Bayern. Diese Ämter können heraldisch in Erscheinung treten, sie müssen es aber nicht. So führten die Thumb von Neuburg als Erbmarschälle einen blauen Herzschild mit zwei schräggekreuzten, golden gegrifften, silbernen Schwertern.
Veröffentlichung der Innenaufnahme aus dem Eichstätter Dom mit freundlicher Erlaubnis des Herrn Domkapitular Manfred Winter, Summus Custos, als Vertreter des Bischöflichen Ordinariats Eichstätt, vom 07.05.2007, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus der Stadtkirche Waldenburg mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Samuel Piringer, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.
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Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2007-2010
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