Bernhard
Peter
Die
Wappen der Grafen von Schauenburg in Westfalen und der Fürsten
von Schaumburg-Lippe
Wer sind die Grafen von Schauenburg?
Die Ursprünge des
Grafengeschlechtes der Schauenburger liegen auf der Burg
Schauenburg, auf einem Berg (Nesselberg) östlich von Rinteln, zu
Norden der Weser gelegen. Um 1030 wurde dieses Geschlecht mit der
Grafschaft belehnt, deren Stammgebiet zwischen Rinteln und Hameln
liegt, und die Burg wurde Anfang des 12. Jh. erbaut. Das
Stammland wurde später vergrößert; die Hauptorte und
Residenzen waren Bückeburg und Stadthagen. Gegen Ende des 14.
Jh. umfaßte es das Gebiet zwischen Steinhuder Meer, Weser,
Weserbergland und Deister. Die Grafschaft gehörte zum
Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis, einer Institution des
Heiligen Römischen Reiches. Aus dem Namen
"Schauenburg" wurde später "Schaumburg".
Die Grafen von Schauenburg in Holstein
Im Jahre 1111 schlug die
große Stunde für die Grafen von Schauenburg: Sie wurden von
Herzog Lothar von Süpplingenburg mit der Grafschaft Holstein und
Stormarn belehnt. Der erste Graf nun auch von Holstein war Adolf
I. Graf von Schauenburg und Holstein, reg. 1110-1130. Da der
bisherige Graf, Gottfried von Hamburg (Gottfried von Stormarn),
1110 im Kampf gegen die Slawen gefallen war, wurde Adolf jetzt
sein Lehensnachfolger. 348 Jahre lang bestimmten nun die
Schaumburger Grafen die Geschicke von Holstein und später auch
von Schleswig. Später mußten die Grafen von Schauenburg auf die
Grafschaft Holstein zugunsten Dänemarks verzichten.
Das Nesselblatt und seine Varianten
Das Nesselblatt bezeichnet
einen dreieckig geformten Schildinhalt mit gezacktem Rand und
rhombenartig ausgezogenen Ecken. Die Anzahl der Zacken ist nicht
festgelegt, gewöhnlich wird es mit 3-4 Zacken an den
Dreiecksseiten dargestellt. Varianten sind möglich, insbesondere
die Ecken können nagelartig zur Herzstelle ausgezogen werden.
Von den Farben her handelt es sich um ein silbernes Nesselblatt
in Rot.
Als Deutung gilt das stilisierte Blatt der Brennessel. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, daß das Nesselblatt eine volkstümliche Benennung dieser Figur ist, was aufgrund der Wehrhaftigkeit durch die Brennhaare nachvollziehbar ist, die Figur aber eigentlich von einer vorheraldischen, auf der hölzernen Schildfläche angebrachten metallenen oder ledernen Schildverstärkung oder umlaufenden gezackten Schildeinfassung abgeleitet ist, die im nachhinein heraldische Bedeutung erlangte.

Bildbeispiel 1: Burg Schaumburg, äußerer Torbau, auf der Rückseite vermauerter älterer Wappenstein
Dazu paßt, daß das Nesselblatt von vielen Heraldikern nicht als gemeine Figur, die es in seiner Eigenschaft als Teil einer Pflanze wäre, sondern aufgrund seiner klaren Form, seines hohen Abstraktionsgrades und seiner bordartigen Restfläche als Heroldsbild angesehen wird.
Die Interpretation der Figur als zackiger Schildrand wird ferner durch die Beobachtung erhärtet, daß sich in 2 geistlichen Siegeln des Geschlechts derer von Schaumburg Siegelfelder mit zackigem Rand nachweisen lassen.

Bildbeispiel 2: Burg Schaumburg, innerer Torbogen
Alternative spekulative Deutungen, die bis zum Ilexblatt reichen, sind in Umlauf, können aber genauso wenig belegt werden wie die Theorie, daß sich der Name vom Nesselberg/Nettelnberg in der Nähe des Stammsitzes der Schauenburger im Wesertal bei Rinteln ableitet. Dagegen spricht, daß das Geschlecht derer von Schaumburg, die berühmtesten Träger eines Nesselblattes, dieses erst annahmen, als sie Herren von Holstein waren, denn vorher führten sie einen Löwen. Im Jahre 1111 schon wurden die Grafen von Schauenburg mit Holstein belehnt, zuerst wurde das Nesselblatt von Adolf IV. geführt, der 1227 die Dänen bei Bornhöved besiegte, neben seinem bisherigen Löwenwappen. Es ist als Wappensymbol erst ab 1239, sicher ab 1247 nachgewiesen. Seine Nachkommen führten es als alleiniges Wappen weiter. Die Ursachen für den Wappenwechsel sind in der Absicht zu suchen, sich heraldisch deutlich von Dänemark abzugrenzen.

Bildbeispiel 3: Stadthagen, Schloß, Westflügel, hofseitig über dem Torweg. Ein ganz ähnliches Wappen ist im Siebmacher / Souveräne skizziert für die Kirche in Jetenburg, ebenfalls mit den aufgelegten natürlichen Blättern, sowohl in den drei Ecken als auch in der Schildmitte. Es kann spekuliert werden, ob durch diese natürlichen Blätter der Begriff des "Nesselblattes" zusätzlich versinnbildlicht werden sollte.
Das Schauenburger Kleinod
In den beiden letzten
Bildbeispielen wird auch deutlich, daß das Stammkleinod schon in
frühen Darstellungen des 13. und 14. Jh. die beiden
charakteristischen Elemente Fähnchen und Pfauenwedel besitzt,
daß die Helmzier selbst aber noch erheblichen Veränderungen
unterworfen wurde. In alten Darstellungen handelt es sich um
einen gemeinsamen, auf dem flachen Teil des Kübelhelmes
aufliegenden und durchgehenden Stab, der an beiden Seiten mit
einem Pfauenstoß besteckt ist (Bildbeispiel 2) oder alternativ
um eine Art um den Helm gelegten Ring (Rondell oder
"Rondeel" in einem Wappenlied des niederländischen
Herolds Gelre), der vorne und hinten in einen Teilstab ausläuft,
der außen mit einem Pfauenstoß besteckt ist (Bildbeispiel 3).
Man sieht gut, daß das "Rondeel" wie eine Rohrschelle
um den Helm herumläuft, denn hinten ist noch ein Teil des
Schuppenmusters des Helmes über diesem "Rondeel" zu
erkennen.
Ein solcher Helmschmuck ist übrigens bei den Holsteiner Linien auch für die Kieler Linie belegt, während bei der Plöner und der Itzehoer Linie ein mit Fähnchen besteckter Spitzhut vorkommt. Später setzt sich auch in der Plöner Linie der Kieler Helmschmuck durch. Und auch die Pinneberg-Schauenburger Linie, aus der die hier gezeigten Bildbeispiele sämtlich stammen, folgen alle dem Kieler Vorbild. Die Rendsburger Linie dagegen hat einen mit Fähnchen besteckten Spitzhut und mit Fähnchen und / oder Pfauenfedern besteckte Hörner im Programm, in zahlreichen Varianten, die hier nicht ausgeführt werden sollen.
Erst in späteren Darstellungen (Bildbeispiel 4) erlangt die Helmzier die Form, in der sie dann konstant beibehalten wurde, und die beiden Pfauenwedel standen beide schräg nach oben: Zwei goldgestielte Pfauenwedel (Schleswig) und dazwischen ein Stoß von sieben goldenen Lanzen mit Fähnchen, die das Nesselblatt zeigen (Holstein-Schauenburg), Helmdecken rot-silbern. Auch die Anzahl der Fähnchen mit dem Nesselblatt ist in Bildbeispiel 3 und 4 nur vier Stück, erst später werden die sieben Fähnchen erreicht.

Bildbeispiel 4: Burg Schaumburg, Palas, 1521 AD. Das Wappen gehört zu Graf Antonius von Holstein-Schauenburg (geb. 1439, reg. 1510-1526, gest. 1526, Bruder von Adolf X, Erich I und Otto III), vermählt 1491 in erster Ehe mit Sophie von Sachsen-Lauenburg und 1497 in zweiter Ehe mit Anna von Schönburg.
Das genagelte Nesselblatt
An diesen Beispielen wird auch
deutlich, wie sich das Nesselblatt verändert. Ganz am Anfang ist
es eine durchgehende Fläche innerhalb eines gezackten Randes. Es
ist offensichtlich, daß gerade bei gotischen Dreieckschilden die
Ecklösung etwas schwierig ist, daß sich an genau drei Stellen
Einschränkungen der Breite einer Zacke ergeben. Diese
abweichenden drei Zacken wurden gerne ein bißchen abweichend
gestaltet, in Bildbeispiel 1 und 2 leicht rautenförmig, in
Bildbeispiel 3 sogar blattförmig oval ausgerundet und mit
natürlichen Blättern belegt. Durchgesetzt hat sich später aber
eine Darstellung, in der die Ecken zu drei zur Schildmitte
weisenden Nägeln geformt werden, die Köpfe über das
Nesselblatt herausragend, und die Spitzen zur Schildmitte
gezogen. Entwickelt hat sich diese Variante wohl aus der
graphischen Herausforderung, ansprechende
"Ecklösungen" zu finden, so wurden die drei Eckzacken
zu Rauten, Blättern, und eben zu Nägeln - auch wenn sich ganz
andere christlich inspirierte Wappenlegenden darum ranken, halte
ich es in erster Linie für eine Lösung eines graphischen
Problems: Was man nicht verbergen kann, betont man und macht so
graphisch aus der Not eine Tugend.
Später entwickelte sich das Nesselblatt weiter: Es bekam ein Schildchen aufgelegt, das dann silbern-rot geteilt wurde. Die Nägel wurden von dem restlichen Nesselblatt abgetrennt, welches nun in 3 separate Reststücke zerfiel, die als Blattabschnitte zwischen den Nägeln rings um das Schildchen angeordnet waren; das ist die jüngste Form des Nesselblattes.
Teilung in verschiedene Linien der Grafen
von Schauenburg
Die Stammlinie der Grafen von
Schauenburg teilte sich im 13. Jh. in verschiedene Linien:
1241/1273 erste Teilung in die Linie Kiel und die Linie Itzehoe.
Die Kieler Linie stirbt 1315 aus, nachdem sie zuvor in die Linien
Kiel und Segeberg geteilt war. 1295/1297 zweite Teilung der
Itzehoer Linie in zwei Linien, deren wichtigere und mächtigere
die Linie Rendsburg (Herzogslinie 1290-1459) wurde, die im Laufe
der Zeit alle Güter bis auf die Stammgrafschaft und Pinneberg
unter sich vereinte und Schleswig als Lehen Dänemarks innehatte.
Die andere Linie ist die von Holstein-Pinneberg, das ist die, die
für den Weserraum wichtig ist, weil diese Linie die
Stammgrafschaft weiterhin innehatte und sich danach
Holstein-Schauenburg nannte. 1307/1314 hatten sie die
holsteinische Herrschaft Pinneberg erhalten. Diese Linie gab es
bis 1640. Dazu gab es ab 1290 noch
eine dritte aus der Teilung ensprossene Linie Plön, die 1390
ausstarb.
Hier kommt es zu einer heraldischen Entwicklung, die uns hier aber nur peripher interessieren soll: Als Gerhard VI. auch das Herzogtum Schleswig für die Schauenburger gewinnen konnte, wurde der Schild geviert aus dem Nesselblatt in den Feldern 2 und 3 und dem Schleswig'schen Wappen in den Feldern 1 und 4: In Gold zwei blaue, rotbewehrte Löwen oder Leoparden übereinander, zwei der drei Löwen oder Leoparden aus dem dänischen Wappen. Das Wappen von Schleswig ist also ein gemindertes Wappen Dänemarks - des Lehnherrn. Im Donaueschinger Wappenbuch ist ein ebensolches Wappen verzeichnet, aber der Schild geviert aus dem Nesselblatt in den Feldern 1 und 4 und dem Schleswig'schen Wappen in den Feldern 2 und 3.
Die Schauenburger nach dem Ende der Macht in
Holstein
Nach dem Aussterben der
letzten Herzöge der Rendsburger Linie im Jahre 1459 kamen deren
Gebiete an das Haus Oldenburg auf dem dänischen Thron (seit 1448
Könige); Grundlage war der Vertrag von Ripen, und das
holsteinische Abenteuer war für die Schauenburger vorbei. Die
Linie Holstein-Pinneberg war die einzige Linie, die übrigblieb.
Ansprüche territorialer Art auf das Erbe der anderen Linien
wurden durch Geldleistungen und Behalt von Pinneberg abgegolten.
Die Schauenburger und Sternberg
Die Linie Holstein-Pinneberg
oder Holstein-Schauenburg hatte 1377 die Grafschaft Sternberg
erhalten. Das ist eine kleine
Grafschaft zwischen Rinteln, Herford, Pyrmont und Detmold, der
nördliche Teil der ehemaligen Grafschaft Schwalenberg, deren
Nebenlinie die Grafen von Sternberg ja auch waren. Zu Sternberg
gehörten die Klostervogteien über Herford und Möllenbeck. Der
letzte Graf Johann I von Sternberg, da kinderlos, verpfändete
1369 die Burg an die Schaumburger und verkaufte sie ihnen
schließlich 1377 ganz. Graf Otto zu
Holstein und Schauenburg hatte ihm die Herrschaft Sternberg für
3000 Mark Lemgoer Pfennige abgekauft, mit Vorbehalt des
Wiederkaufs. 1391 verzichtete
Graf Johann I von Sternberg auf das Rückkaufrecht und überließ die Herrschaft seinem Onkel Otto
Graf von Holstein-Schauenburg zum ewigen erblichen Besitz. Die Schaumburger verpfändeten sie wiederum
erst um 1399 teilweise (Barntrup, Salzuflen), dann um 1405 ganz
an die Grafschaft Lippe. Der letzte Graf von Sternberg verstarb
1399.
Die Schauenburger und Gehmen
Die Linie Holstein-Pinneberg oder Holstein-Schauenburg
bekam 1492 weiteren territorialen Zugewinn: Die Herrschaft Gehmen
(auch Gemen). Gehmen war einst ein alter Königshof bei Borken.
Um 1092 werden Edelherren von Gehmen erstmalig genannt. Um 1250
trugen sie ihre Burg dem Herzog von Kleve zu Lehen auf. 1492
starb das Geschlecht derer von Gehmen aus. Graf Johann IV von
Holstein-Schauenburg (geb.1449, reg. 1526-1527, gest. 1527,
Bruder von Adolf X, Erich I, Otto III und Antonius), vermählt
sich mit Cordula von Gehmen (geb. ca. 1443, gest. 1528). Durch
Vererbung in weiblicher Linie kam Gehmen nun an die Grafen von
Schauenburg. Zu Gehmen gehörte übrigens ein Pfand am Vest
Recklingshausen (bis 1573). Gehmen ging 1635 erst wieder
verloren, aber schon vor der eigentlichen Aufteilung der
Schauenburger Güter; es fiel an die Grafen von Limburg-Styrum.
1801 kam das mittlerweile reichsunmittelbare Gehmen an die
Reichsfreiherren von Boyneburg-Bömelberg, 1806 durch die
Mediatisierung an die Fürsten von Salm-Kyrburg, 1810 an
Frankreich, 1815 an Preußen, 1822 wurde Gehmen von den
Landsberg-Vehlen gekauft, und 1946 fand die Odyssee der kleinen
Herrschaft durch ihren Anschluß an Nordrhein-Westfalen ein Ende.
Sternberg und Gehmen kommen ins Wappen
Das Wappen der Grafen von
Holstein-Schauenburg wird unter Jobst I um die Elemente Gehmen
und Sternberg bereichert und ist im 16. Jh. zuerst wie folgt
aufgebaut:
Dazu gehören folgende 3 Helme, von denen auch nur der Stammhelm abgebildet sein kann (vgl. Bildbeispiel 5):

Bildbeispiel 5: Burg Schaumburg, am Bergfried angebrachte Wappentafel, 1539 AD. Das Wappen gehört zu Graf Otto IV von Holstein-Schauenburg (geb. 1517, reg. 1533-1576 in Bückeburg, 1531-1537 als Otto III Bischof von Hildesheim, gest. 1576).
Platzwechsel im Wappen
Dann kam es jedoch zu einem
Platzwechsel zwischen Sternberg und Schauenburg: Das Stammwappen
gehört eigentlich in den Herzschild, und so wurde es jetzt auch
gemacht. Sternberg kam in die Felder 1 und 4, so daß der
Hauptschild von Sternberg und Gehmen geviert ist, und
Holstein-Schauenburg ist im Herzschild:
Dazu gehören folgende 3 Helme:

Bildbeispiel 6: Stadthagen, Schloß, Westflügel, außen über dem Torweg, 1544 AD. Das Wappen gehört zu Graf Otto IV von Holstein-Schauenburg (geb. 1517, reg. 1533-1576 in Bückeburg, 1531-1537 als Otto III Bischof von Hildesheim, gest. 1576, Sohn von Jobst I, Bruder von Jobst II), vermählt zum ersten Mal 1544 mit Maria von Pommern-Stettin, Tochter von Barnim IX, Herzog von Pommern und Stettin. Das Wappen stammt aus dem Jahr der Vermählung.

Bildbeispiel 7: Stadthagen, Schloß, Nordflügel, hofseitig, 1593 AD. Das Wappen gehört zu Graf Adolf XI von Holstein-Schauenburg (geb. 1547, reg. 1576-1601, gest. 1601, Sohn von Otto IV), vermählt 1583 mit Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel (geb. 1567, gest. 1618). Interessant ist bei dieser Darstellung der "Bedeutungsmaßstab" bei der Behandlung der drei Helme: Der mittlere, wichtigste, ist doppelt so hoch und nimmt viermal so viel Fläche ein wie die flankierenden Helme. Im Schild ist die Verteilung vergleichsweise umgekehrt.
Die Schaumburger und Bergen
1573 bekamen die Grafen von
Schaumburg die Herrlichkeit Bergen in den Niederlanden durch
Erbfall. Das drückte sich aber nicht heraldisch aus.
Fürsten und Titel
Die Grafen von Schaumburg - ab
1619 Reichsfürsten - durften schlußendlich nach dänischer
Intervention den Titel "Fürst und Graf von Holstein"
nicht mehr führen. Er nannte sich daraufhin "Reichsfürst
Graf zu Schauenburg und Sternberg".
Liste der
Grafen und Fürsten von Schauenburg
Folgende Grafen und Fürsten
herrschten über Schauenburg (Schaumburg) und Holstein-Pinneberg:
Schaumburg-Lippe entsteht
Der letzte Schaumburger Graf
war Otto VII, mit seinem Tod (Vergiftung aller evangelischen
Teilnehmer bei einer Versammlung während des 30jährigen Krieges
in Hildesheim) wurde die Grafschaft 1640 aufgeteilt zwischen den
Häusern Lippe und Hessen. Eine Schwester von Graf Ernst von
Schaumburg namens Elisabeth war mit Graf Simon VI zur Lippe
verheiratet, dies begründete den Anspruch durch das Haus Lippe.
Lippe-Alverdissen bekam Bückeburg, Stadthagen, Hagenburg, Arensburg und zur Hälfte das Amt Sachsenhagen. Hessen-Kassel bekam Schauenburg, Rodenberg, Rinteln und ebenfalls zur Hälfte das Amt Sachsenhagen.
Den an Lippe gefallenen Teil der Grafschaft bekam Elisabeths Sohn Philipp (1601-1681), so wurde er der erste Graf von Schaumburg-Lippe. Die ihm zugefallenen Gebiete vereinigte er mit seinen eigenen Gebieten Alverdissen und Lipperode zu der neuen Grafschaft (ab 1807 Fürstenrang und Fürstentum) Schaumburg-Lippe. Die Hauptlinie residierte in Bückeburg, die Nebenlinie weiter in Alverdissen. Ehebündnisse zwischen Schaumburg-Lippe und Hessen festigten die Zusammenarbeit bei der Verwaltung der Schaumburger Erbes.
Ein kleines Bißchen erhielt auch das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg: Lauenau und Bokeloh. Die Herrschaft Pinneberg, bis zuletzt noch als einziger ehemals holsteinischer Besitz in den Händen der Schauenburger, kam 1643 an König Christian IV von Dänemark und Herzog Friedrich III von Holstein-Gottorf, die aktuellen Landesherren. 1647-48 wurden schließlich die letzten Unklarheiten der komplexen Teilung vertraglich geregelt.
Die Herrschaft Gehmen war schon 1635 verlorengegangen, an die Grafen von Limburg-Styrum, und war nicht mehr Bestandteil der Erbmasse.
1748 muß Schaumburg-Lippe das Amt Blomberg an Lippe-Detmold abtreten. Nach der Übernahme durch die Alverdissener Nebenlinie geht das Amt Schieder ebenfalls an Lippe-Detmold verloren. 1812 kauft Lippe-Detmold auch Alverdissen, den Ursprung der Fürsten von Schaumburg-Lippe.
Schaumburg-Lippe konnte sich seine Eigenständigkeit gegenüber Preußen bewahren. 1871 tritt das Fürstentum dem Deutschen Reich bei - als zweitkleinster Bundesstaat. 1918 trat der regierende Fürst zurück, und das Land wird Freistaat mit neuer Verfassung von 1922. Bis auf die Zeit von 1933-45, wo es einem Reichsstatthalter unterstand, blieb das Land bis 1946 Freistaat, bis zum Anschluß an Niedersachsen.

Bildbeispiel 8: Stadthagen, Schloß, Ostflügel, hofseitig, 1875 AD, das Wappen gehört zu Adolf Georg Fürst zu Schaumburg-Lippe, 1817-1893, reg. 1860-1893, vermählt mit Hermine Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont (1827-1910)
Das Wappen der Grafen und späteren Fürsten
von Schaumburg-Lippe
Der ererbte Titel der Grafen
von Schauenburg wurde in den Herzschild gesetzt, die zugehörige
Helmzier in die Mitte. Eigentlich ist ja der Herzschild die
Stelle des Stammwappens in vermehrten Wappen, aber hier sei es
dadurch erklärt, daß erst durch die Schauenburgische Erbschaft
die Nebenlinie Lippe-Alverdissen so aufgewertet wurde, daß sie
schließlich souverän wurde, das Nesselblatt quasi das Zeichen
der Emanzipation vom Mutterhaus Lippe-Detmold ist. Und so wurde
es aus Wichtigkeitsgründen in den Herzschild gesetzt. Das Wappen
der Grafen von Schaumburg-Lippe ist wie folgt aufgebaut:
Drei Helme gehören dazu:

Bildbeispiel 9: Burg Schaumburg, äußeres Tor, Wappen auf der Innenseite, 1909 AD (aus Courtoisie gänzlich gewendet). Das Wappen gehört zu Georg Fürst zu Schaumburg-Lippe, 1846-1911, reg. 1893-1911, vermählt mit Maria Anna Prinzessin von Sachsen-Altenburg, Herzogin zu Sachsen (1864-1918)
Achtung:
Verschiedene Kleinode!
Die Helmzieren der
Fürstentümer Schaumburg-Lippe, Schaumburg-Sternberg und Lippe
unterscheiden sich, es gibt da viele Ungereimtheiten:
Die Lippesche Helmzier war ganz früher ohne die Flügel, in alten Siegeln der edlen Herren zur Lippe sitzt die Rose direkt dem Helm auf oder ist kurz gestielt. Dieses Kleinod wurde ca. 1240-1450 unverändert geführt. Erst im 15. Jh. trat der Flug hinzu, silbern, später rot, auch silbern-rot, eine Bandbreite, die auch in der Neuzeit fortbestand.
Das Nesselblatt heute
Heute findet sich das silberne
Nesselblatt auf rotem Grund in modifizierter Form, belegt mit
gemeinen Figuren oder auf einem kleinen Schildchen in vielen
kommunalen Wappen der Städte, Gemeinden und Landkreise der
ehemaligen Schaumburger Herrschaftsgebiete, z. B. Kiel (mit
schwarzem Boot), Wedel, Bückeburg, Rinteln, Itzehoe, Flensburg,
Barmstedt (Teilung und verwechselte Farben), Stadthagen, Kreis
Pinneberg, Uetersen, Landkreis Schaumburg (mit blauem Schildbord,
Verletzung der Farbregel), Wedel (mit Roland), Bundesland
Schleswig-Holstein (im gespaltenen Schild).
Die
Stammfolge des Hauses Schaumburg-Lippe
Graf Simon VI, geb. 1554, reg.
1563-1613, vermählt mit 1.) Ermgard von Rietberg und 2.)
Elisabeth von Holstein-Schaumburg. Graf Simon war eine bedeutende
Herrscherpersönlichkeit der Renaissance. Er residierte auf
Schloß Brake. Unter seiner Herrschaft erlebte Lippe eine Blüte,
wirtschaftlich und kulturell. Graf Simon war kaiserlicher
Kammerherr, Reichshofrat, Obrist des
Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises. Und er ist
Stammvater aller Linien des Gesamthauses. Unter seinen Söhnen
beginnt die Verzweigung in das Haupthaus der Grafen und späteren
Fürsten zur Lippe unter Graf Simon VII einerseits und die
Nebenlinie Alverdissen, den späteren Grafen und Fürsten von
Schaumburg-Lippe. War bis hierhin die Stammfolge identisch mit
dem Hause der Fürsten zur Lippe, so beginnt hier die neue Linie.
Philipp Graf und Edelherr zur Lippe, Herr von Alverdissen, Lipperode und Uhlenburg, geb. 1601, gest. 1681, vermählt mit Sophia Landgräfin von Hessen-Kassel (1615-1670). Seit 1647 ist er Graf zu Schaumburg, Lippe und Sternberg.
Friedrich Christian Graf zu Schaumburg, 1655-1728, reg. 1681-1728, vermählt mit Johanna Sophia Gräfin zu Hohenlohe-Langenburg (1673-1743)
Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg, 1699-1748, reg. 1728-1748, vermählt mit Margarete Gertrud von Oeynhausen (1701-1726)
Wilhelm Friedrich Ernst, 1724-1777, reg. 1748-1777, vermählt mit Maria Gräfin zur Lippe-Biesterfeld, ohne männliche Nachkommen, nur eine einzige früh verstorbene Tochter. Diskontinuität! Georg Wilhelm, ein Sproß aus der Linie von Philipp Ernst, des Bruders von Friedrich Christian (s. o.), übernimmt die Regierung und nimmt den Fürstentitel an.
Georg Wilhelm Graf zu Schaumburg, Lippe und Sternberg, 1784-1860, reg. 1807-1860, begründet die Linie neu, Fürst ab dem Jahre 1807, vermählt mit Ida Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont (1796-1869) (zunächst unter Vormundschaft seiner Mutter Juliane Wilhelmine Louise Landgräfin von Hessen-Philippsthal und danach von Johann Ludwig Reichsgraf von Wallmoden-Gimborn)
Adolf Georg Fürst zu Schaumburg-Lippe, 1817-1893, reg. 1860-1893, vermählt mit Hermine Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont (1827-1910)
Georg Fürst zu Schaumburg-Lippe, 1846-1911, reg. 1893-1911, vermählt mit Maria Anna Prinzessin von Sachsen-Altenburg, Herzogin zu Sachsen (1864-1918)
Adolf Fürst zu Schaumburg-Lippe, 1883-1936, reg. 1911-1918, letzter regierender Fürst, mußte abdanken, vermählt mit Elisabeth Bischoff (1884-1936)
Wolrad Fürst zu Schaumburg-Lippe, Bruder von Fürst Adolf, 1887-1962, vermählt mit Bathildis Prinzessin zu Schaumburg-Lippe (1903-1983, böhmische Linie)
Philipp Ernst Fürst zu Schaumburg-Lippe, 1928-2003, vermählt mit Dr. Eva-Benita Freiin von Tiele-Winckler, geb. 1927
Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, geb. 1958, vermählt mit und geschieden von Marie-Louise Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, 2007 neu vermählt mit Nadja Anna Zsoeks
Heinrich Donatus Prinz zu Schaumburg-Lippe, geb. 1994, aus erster Ehe
Literatur:
Siebmachers Wappenbücher
(Fürsten, Souveräne)
Hartmut Platte: Schaumburg-Lippe, Geschichte eines
Fürstenhauses, Reihe Deutsche Fürstenhäuser, Heft 4,
Börde-Verlag Werl 2007, ISBN 978-3-980-6221-9-6
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897,
Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Gerhard Köbler, Historisches Lexikon der deutschen Länder, die
deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, CH Beck
Verlag München, 6. Auflage 1999, ISBN 978-3-406-54986-1
http://www.geschichte-s-h.de/vonabisz/schauenburger.htm
http://genealogy.euweb.cz/pan/holstein.html, http://genealogy.euweb.cz/holstein/holstein2.html, http://genealogy.euweb.cz/holstein/holstein1.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Holstein-Pinneberg
Monographien - Heraldik-Grundlagen
©
Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2007
Autor: Bernhard Peter, Im Schenkelsberg 8, 56076 Koblenz
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