Bernhard Peter
Historische heraldische Exlibris (58)

Exlibris von Martin Kortmann
Dieses Exlibris für Herta Freifrau v. Brusselle-Schaubeck geb. Freiin Grote stammt von Martin Kortmann (21.9.1874-14.8.1945). Das 1908 entstandene, aber nicht datierte, unten mit MK monogrammierte Blatt (100 x 66 mm, Buchdruck, Witte, Bibliographie 2, 123; Gutenberg 5842) ist im Stile mittelalterlicher Anhängesiegel in spitzovaler Form gestaltet, mit umlaufender Eignernennung und zentraler Schildhalterin in hochmittelalterlicher Gewandung.

Zur Rechten sehen wir das Wappen der von Brusselle-Schaubeck, geviert, Feld 1 und 4: in Schwarz ein mit drei goldenen Ballen (Kugeln) belegter silberner Schrägbalken, Feld 2 und 3: in Silber ein roter Löwe, hier einwärts gewendet. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Wü Seite: 6 Tafel: 7, vgl. auch Band: He Seite: 5 Tafel: 4, desgl. Rietstap / Rolland. Im Siebmacher wird der Name abweichend vom vorliegenden Blatt Brüselle-Schaubeck geschrieben. Das Wappen Grote zeigt in Silber ein rot gezäumtes, schreitendes, schwarzes Pferd mit roten Zügeln. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu schwarz-silbernen Decken ein schwarzer Federbusch (je nach Quelle als Hahnenfedern, als Reiherfedern, als Pfauenfedern oder als Straußenfedern angesprochen, in Grotes Geschlechts- und Wappenbuch des Königreichs Hannover und des Herzogtums Braunschweig und bei Hupp sogar als Birkhahnfedern, eine nicht als solche eindeutig belegbare und eher zeitbedingte neuere Interpretation einer historisch variantenreich dargestellten Zier). Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: BraA Seite: 35 Tafel: 20, Band: PrGfN Seite: 32 Tafel: 24, Band: Han Seite: 8 Tafel: 8 etc. Hier wird jedoch nur die Helmzier des Ehemannes angegeben, ein wie Feld 1 und 4 bez. Flug. Herta von Grote (1881-1938), Lehrpflegerin beim Johanniterorden, heiratete 1908 einen von Brüsselle-Schaubeck. Sie lebte auf Schaubeck, und als Witwe heiratete sie 1920 den Bankier Theodor Brügelmann als dessen zweite Frau. Ihre Mutter war Hedwig von Grote.

 

Mehrere Exlibris von Martin Kortmann
Diese nachfolgend abgebildeten Blätter sind alle von Martin Kortmann (21.9.1874-14.8.1945) aus Berlin-Wilmersdorf für den Berliner Buchhändler Otto Haak (früher Haack), der einer der größten Sammler eigener Exlibris war und einer der größten Auftraggeber für Exlibris-Künstler. Kortmann hat seine Wünsche gerne und reichlich bedient. Die Anzahl reicht zwar nicht an die von Lorenz Rheude für diesen Eigner hergestellten heran, aber mit insgesamt 10 verschiedenen Blättern konnte hier eine umfangreiche Sammlung zusammengestellt werden. Das Haak-Wappen zeigt in Rot ein goldenes Andreaskreuz, nach der Figur mit zwei schwarzen Feuerhaken belegt. Auf dem Helm ein goldener Löwe wachsend zwischen einem roten Flug, einen schwarzen Feuerhaken pfahlweise vor sich haltend. Die Helmdecken werden zuerst rechts rot-golden und links schwarz-golden angegeben, seit 1903 führt der Eigentümer die Decken auf beiden Seiten rot-golden. Die Wappenbeschreibung findet sich in Siebmacher, Band Bg5, S. 23, T. 27 sowie Bg7, S. 22.

 

Diese beiden Blätter (Farblithographien, links 12.4 x 9.3 cm, Sujet 11 x 7.7 cm, rechts 12.5 x 8.7 cm, Sujet 10.8 x 7.3 cm) sind sehr ähnlich, weil sie jeweils nur den Wappenschild zeigen ohne Oberwappen, weil sie beide nur diesen Schild in kräftigen heraldischen Farben wiedergeben, während der Rest unauffällig schwarz mit bräunlicher Flächenfarbe gehalten ist und weil sie beide als Hintergrund ein Bücherregal gewählt haben. Dazu stammen sie beide aus dem Jahr 1905. Nur das linke trägt die Devise "Niemals verzagen" auf einem Schriftband. Das links abgebildete Blatt benutzt ein aufgeschlagenes Buch als Träger der Eignerzuweisung, das rechts abgebildete Blatt ein Pergament mit fünf abhängenden Siegeln, wobei die Zeile "Aus meinen Büchern" hochgesetzt ist auf einem oben abgerundetem Panneau. In beiden Blättern tauchen die typischen Kontor- und Bibliotheks-Accessoires auf wie Feder und Tintenfaß. Im rechten Blatt sind seitlich des Schildes Eichenzweige zu erkennen. Dazu sieht man zwei Kerzenständer. Die Komposition mit den Interieur- und Ameublement-Elementen aus verschiedenen Holzformen ist deutlich vom Historismus inspiriert.

 

Das oben abgebildete, zweifarbig gedruckte Blatt stammt aus dem Jahr 1908. Das linksgewendete Wappen nimmt hier nur eine Randposition in der linken unteren Ecke der Szenerie ein. Oben auf der Säule erkennt man das Wappen des Berliner Exlibris-Vereins. Durch das stiltypische Jugendstilfenster erkennt man unterhalb der angedeuteten Glasmalereien die Silhouette von Berlin mit dem Brandenburger Tor, der Siegessäule, dem Reichstag und dem Dom, rechts angeschnitten noch der Turm des Roten Rathauses. Ganz oben in der Mitte ist das Stadtwappen von Berlin zu sehen, die Jahresangabe in zwei Ziffernpaare unterteilend. Rechts unten ist ein schräg in den Raum gestellter Schemel zu erkennen, dessen eine Seite die drei Schildchen des Künstlerwappens trägt, die andere Seite aber den Haak-Schild wiederholt. Den restlichen Teil der Komposition füllen Bücherregale aus, deren Abteilungen "Heraldik" und "Genealogie" bezeichnet sind. Den Entleiher erinnert die Zeile "Gut behandeln und bald zurückgeben" an seine Pflichten.

 

Dieses Blatt, einmal als Schwarzweißdruck und einmal als Farbdruck wiedergegeben, stammt aus dem Jahr 1905. Das Wappen Haak wird als Vollwappen wiedergegeben. Es ist in einen Architekturrahmen eingespannt. Die weit zu den Seiten nach außen gezogene Helmdecke ist zu beiden Seiten um die Säulen gewickelt, was der Komposition Kohärenz gibt. Die beiden Kapitelle der phantasievoll historisierenden Komposition tragen Jugendstilmotive. Auf den darüber liegenden Blöcken der Scheinarchitektur sind zwei weitere, nach innen geneigte Wappenschilde abgebildet, optisch links das des Exlibris-Clubs "Basilea" zu Basel, der bis zu seiner Auflösung im Jahre 1907 bestand. Der Wappenschild trägt auf rotem Feld ein geschlossenes silbernes Buch, belegt mit einem schwarzen Baselstab, dem Stadtwappen von Basel. Von Rheude wurde das Wappen in anderer Form gestaltet. Optisch rechts ist der Wappenschild des Exlibris-Vereins zu Berlin, unter einem roten, mit drei silbernen Schildchen balkenweise belegten Schildhaupt gespalten mit zwei Büchern. Auch von diesem Wappen kennen wir aus der Feder von Hildebrandt et al. andere Tinkturen.

Dieses weitere Blatt für Otto Haak ist auf 1910 datiert. Die Komposition mit dem zuvor beschriebenen Haak-Wappen ist kreisförmig mit umlaufenden Schriftband, das neben der Datierung und der Eignernennung noch die Devise "niemals verzagen" enthält. Das Blatt ist ein schwarz-weißer Druck mit ganz feiner Rasterung (Gesamtgröße 11 x 11 cm, das Sujet hat einen Durchmesser von 9.4 cm). Die Komposition greift darstellerisch die Art einer runden Wappenfensterscheibe auf. Zwei zwischen Helmdecken und Kleinod eingepaßte Einzelschilde zeigen die Stadtwappen von Hamburg und Berlin, wichtigen Lebensstationen des Eigners.

 

Abb. links: Diese Farblithographie aus dem Jahr 1907 (11.5 x 6.7 cm, Sujet 10 x 5 cm) mit einem linksgewendeten Vollwappen ist neben dem Schildfuß im Druck signiert. Die Datierung in roter Farbe ist oben rechts vertikal zu finden. Die Komposition ist so geschickt und lückenlos, daß ohne jede weitere rahmende Elemente dennoch der Eindruck eines geschlossenen, rechteckigen Blocks entsteht. Abb. rechts: Auf den ersten Blick wirkt dieses auf das Jahr 1906 datierte Blatt, ebenfalls eine Farblithographie (12.6 x 7.8 cm, Sujet 10.9 x 6.2 cm), links im Winkel zwischen Schildrand und Helmdecke im Druck signiert, kompositorisch ähnlich, vor allem wegen der auch hier vorhandenen Linkswendung des Wappens, doch tatsächlich wurde hier ein konträrer Ansatz gewählt: Die strengen Rahmenlinien erlauben eine viel weniger geschlossene Zeichnung im Zentralfeld mit deutlichen Zwickeln zwischen den einzelnen Wappenbestandteilen, deren verbindendes Element der zentral gestellte Helm ist. Wie viel dynamischer als die linke diese rechte Darstellung ist, sieht man auch an kleinen Details wie der exakt vertikalen und horizontalen Ausrichtung der Haken im Schild links bzw. der schwungvollen, sogar gebogenen Darstellung rechts, oder an der "braven", parallelen Stellung der Flügel im Kleinod links und der aufgespreizten Stellung rechts.

In diesem auf das Jahr 1905 datierten, monochromen Blatt sind Schild und Helm voneinander getrennt. Der Schild ist sogar höher als der Helm gesetzt, um die Vorgabe der runden Zentralfläche der Komposition optimal auszufüllen. Das Blatt ist im Druck unterhalb des Helmhalses signiert. Im unteren Bereich des Blattes ist ein ziemlich unaufgeräumtes Bücherregal zu sehen. Zwei Bände sind mit "Exlibris" und "Heraldik" bezeichnet, auf letzterem liegt ein Krebs. Daneben liegt ein aufgeschlagenes Buch mit dem Seitentitel "Familienchronik". Das lose Blatt daneben mit vier Abbildungen erinnert an die Beilagen zu Wellers Archiv.

 

Das oben abgebildete Blatt ist technisch die feinste von Martin Kortmann für Otto Haak angefertigte Arbeit. Es ist zugleich die eigenwilligste Arbeit, denn Schild und Oberwappen sind nicht nur räumlich, sondern auch maßstabsmäßig weit voneinander getrennt. Primär nimmt der Betrachter die linksgewendete Helmzier wahr. Der eigentliche Wappenschild jedoch befindet sich auf einem Anhängsel eines aus dem mittleren Buch heraushängenden Lesezeichens, zentral zwischen den Ziffernpaaren der Jahreszahl 1906. Das zu drei Fünftel sichtbare Band mit der Aufschrift "Aus meinem Bücherschrank - Otto Haak" umgibt kreisförmig den Stapel von drei ledergebundenen Büchern, auf denen der Helm mit seinem Kleinod abgelegt ist. Die Helmdecke verdeckt den oberen Teil des Schriftbandes und ist mit ihren Ausläufern um dasselbe geschlungen. Die eingedruckte Künstlersignatur befindet sich ganz unten außerhalb der kreisförmigen Begrenzungslinie.

Exlibris von Martin Kortmann
Dieses Exlibris für sich selbst stammt von Martin Kortmann (21.9.1874-14.8.1945). Das 1906 entstandene, monochrome Blatt trägt lediglich den Schild des allgemeinen Künstlerwappens mit den drei (2:1) silbernen Schildchen in rotem Feld. Die vier Helme in den vier Ecken wirken wie ein Musterbuch des Künstlers: Topfhelm, Kübelhelm, Stechhelm und Bügelhelm sind das Standardrepertoire heraldisch verwendeter Helme. Die den beiden letzteren aufgesetzten Kronen wirken äußerst phantasievoll, mehr künstlerisch als heraldisch einwandfrei. Die verschlungenen Bänder dazwischen wirken auch fast wie Werbung des Künstlers für seine Fähigkeiten, komplex verschlungene dreidimensionale Strukturen zu Papier zu bringen.

 

Zwei Exlibris von Albrecht Dürer bzw. aus seiner Schule
Diese beiden Blätter sind alte Lichtdrucke nach zwei historischen Exlibris von Albrecht Dürer für Johann(es) Stabius (-1.1.1522). Johann(es) Stabius stammte aus der Nähe der österreichischen Stadt Steyr. In Ingolstadt, wo er 1482 immatrikuliert war und wo er 1484 das Bakkalaureat ablegte, wurde er nach Aufenthalten in Nürnberg und Wien im Jahr 1498 Professor für Mathematik. Nachdem Kaiser Maximilian I. 1501 an der Wiener Universität ein Collegium poetarum et mathematicorum einrichtete, zog Stabius 1502 dorthin und wurde dort Professor. Stabius war Geistlicher und hatte eine Pfründe am Wiener Stephansdom. Der Poet, Humanist und Naturwissenschaftler Stabius wurde 1501/02 zum ersten Dichter, der an diesem Collegium den Status eines Poeta laureatus erhielt. Wenige Jahre danach wurde er Astronom, Astrologe und Historiograph Kaiser Maximilians I., und sein Dienst an der Seite des Kaisers ließ die Universitätstätigkeiten zweitrangig werden.

Dürer und Stabius kannten sich gut und freundeten sich über gemeinsame Projekte an. Mehrfach begegneten sie sich. Das erste Mal arbeiteten sie zusammen, als Stabius seinen Kaiser 1512 nach Nürnberg begleitete. Stabius und Dürer arbeiteten 1512-1517 gemeinsam an der Ehrenpforte für Kaiser Maximilian I. Ein nächstes Mal trafen sich die beiden 1520 in Köln, und im Vorfeld dieses Treffens sind vermutlich die beiden Blätter entstanden. Diese Entstehungszeit ist wahrscheinlicher als die früher vertretene von 1512-1517, weil sie thematisch besser zum jeweiligen Arbeitsschwerpunkt Dürers paßt. Die Originalgröße der beiden Blätter ist 27,5 cm x 19 cm bzw. 29,5 cm x 19,1 cm, was einerseits relativ groß ist für Exlibris, andererseits durchaus zu den zeittypischen großen Wappenholzschnitten im Bereich der Bücherzeichen paßt. Das erste Exlibris, welches sicher Albrecht Dürer zugeschrieben werden kann, besitzt im Gegensatz zu dem anderen Blatt, dessen Autorschaft mit Unsicherheit behaftet ist, keine Umschrift, dafür aber einen Lorbeerkranz, welcher dem zweiten Blatt fehlt. Beide Werke sind der Technik nach Holzschnitte. Gute Originaldrucke von beiden Blättern befinden sich Berlin und in Dresden. Beide hölzernen Druckstöcke befinden sich in der Albertina zu Wien. Von diesen Druckstöcken wurden im Jahr 1781 Neudrucke angefertigt.

Das Wappen zeigt jeweils einen Adler im Schild und als Kleinod. Der Adler ist beidemal rot, das Feld golden, die Helmdecken entsprechend rot-golden. Aussagekräftiger für seine Position sind die kleinen Details: Nicht nur führt er einen Bügelhelm, sondern dieser ist als besonderes Gnadenzeichen mit einer Erzherzogskrone mit den typisch dreieckigen Zacken auf dem Stirnreif bedeckt. Dieses Detail zeigt, daß die Führung einer solchen Komposition nur einem besonderen Gunstbeweis des Kaisers zu verdanken ist, der nicht vor 1508 erfolgt ist, denn in der Inschrift des zweiten hier vorgestellten Blattes (s. u.) geht hervor, daß es a) eine Verleihung war und b) Maximilian bereits Kaiser war. Mit dieser Gunst wurde also eine mindestens 7jährige Tätigkeit in den beschriebenen Positionen bei Hofe honoriert. Das hier als Wappentier der Adler zum Einsatz kam, wenn auch in anderer Farbe als beim Adler der Könige, ist ebenfalls ein Zeichen für die besondere Bindung des Begünstigten an seinen Landesherrn und das Ausmaß der Ehre, die dieser ihm zuteil werden läßt. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Bg9 Seite: 29 Tafel: 36; dort wird der Erzherzogshut jedoch fälschlicherweise als Kaiserkrone bezeichnet, was nicht zutrifft; außerdem ist die Verleihung deutlich vor das dort angegebene Jahr 1521 zu datieren.

 

Zwei interessante Zeichen sind oben rechts und links der Helmzier angebracht. Heraldisch rechts oben symbolisiert ein mit einer bequasteten Schnur zusammengebundener Lorbeerkranz die Stellung als Poeta laureatus. Diese Auszeichnung wurde, wie sich aus der Position rechts oben ergibt, als das wertvollere Symbol angesehen. Heraldisch oben links ist ein komplexes Symbol dargestellt, das an eine Bilddevise erinnert: Ein kreisförmig gelegter Gürtel mit unten positionierter Schnalle ist mit einem Stechzirkel (für die Mathematik) und einer gestürzten Zange verschränkt, und in diese Komposition sind zwei ausgerissene Bäume parallel zu den vorgegebenen Diagonallinien hineingeflochten, der schrägrechte eine Palme, der schräglinke einen Lorbeerbaum darstellend.

Die Helmdecken bleiben tief, sind nicht über den Helm nach oben gezogen, um Platz für die beiden Abzeichen zu lassen; und sie weisen große Ähnlichkeiten mit den Helmdecken der Wappengestaltungen für Tscherte und Behaim auf, was Dürers Urheberschaft erhärtet. Gesichert ist Dürers Urheberschaft auch durch die sog. Londoner Skizzen mit Teilentwürfen, die in seiner eigenen Handschrift beschriftet sind.

Der zweite Wappenholzschnitt besitzt fast die gleiche Größe wie der zuvor beschriebene. Inhaltlich ist es das gleiche Wappen, aber es gibt künstlerisch und stilistisch einige Unterschiede. In einigen Punkten, insbesondere in der Detailausführung, überzeugt dieser Holzschnitt mehr, einige Details sind sogar korrekter, in anderen Punkten überzeugt das Blatt aber weniger; insbesondere fällt die völlig aus der Mitte des Blattes verschobene Mittelachse unangenehm auf. Von einigen Autoren wird daher dieses Blatt als Vorgängerversion für das zuvor beschriebene erste Blatt angesehen. Andere Autoren bezeichnen die Komposition als so mißlungen, daß sie nicht von Dürer selbst stammen könne. Vermutlich war es so: Viviane Glanz vertritt in ihrer Magisterarbeit die These, daß Albrecht Dürer 1520 in seiner Werkstatt anläßlich des Wiedertreffens mit seinem Freund Stabius dieses Blatt anfertigen ließ. Das wurde von seinen Mitarbeitern mit einigen Defiziten im Layout umgesetzt, was dem Meister aber insbesondere wegen der Exzentrik der optischen Schwerpunkte nicht gefiel, so daß daraufhin der Meister selbst sich ans Werk machte, worauf das zuerst beschriebene Blatt mit dem Lorbeerkranz entstand.

 

Das Blatt wird von einem rechteckigen Rahmen aus insgesamt acht Linien eingefaßt, zwischen denen folgende Umschrift zu lesen ist: "FLAMMEVS ECCE VOLAT CLYPEO IOVIS ARMIGER AVREO EST AQVILA IN GALEA SVNT CRVX DIADEMA CORONA CAESARIS AVGVSTI PIETAS HAEC MAXIMILIANI MVNERE PERPETVO STABIIS SACRA CONTVLIT ARMA" - Sieh her, flammend fliegt der Waffenträger Jupiters in goldenem Schild, der Adler ist am Helm, ebenso sind dort Kreuz, Diadem und Krone. Des erhabenen Kaisers Maximilian Frömmigkeit hat den Stabiern zum fortdauernden Geschenk dieses Wappen verliehen. Dabei werden wichtige Elemente des Wappens erwähnt: Es handelt sich um "sacra arma", also ein heiliges Wappensymbol, woraus geschlossen werden kann, daß der Adler nach dem Modell des königlichen Adlers gewählt wurde, aber in anderen Farben. Die Feldfarbe wird durch "clypeo = clipeo aureo" als golden angegeben; die Farbe des Adlers als "flammeus", flammenfarben, also rot. Weiterhin erwähnt die Umschrift die Helmzier und das besondere Merkmal der Krone, die hier übrigens im Detail korrekter dargestellt ist als auf dem erstbeschriebenen Blatt: Hinter den dreieckigen Zacken ist ein schmales Hermelinband zu erkennen, das in der anderen Darstellung fehlt.

Im Detail ergeben sich viele weitere kleine Unterschiede zwischen beiden Blättern. Der Lorbeerkranz fehlt, obwohl Stabius zur Entstehungszeit ein damit ausgezeichneter Poet war (s. o.). Das Zeichen heraldisch oben links ist etwas anders gestaltet: Ein kreisförmig gelegter Gürtel ist mit einem Stechzirkel und einer gestürzten Zange verschränkt, und in diese Komposition sind zwei ausgerissene Bäume, vermutlich der eine einen Lorbeerbaum darstellend, parallel zu den vorgegebenen Diagonallinien hineingeflochten. Es ist keine Palme wie im erstbeschriebenen Blatt zu erkennen. Weil hier nur ein Abzeichen Verwendung fand, wird die Wappenkomposition zur heraldisch rechten Seite verschoben, wodurch die in diesem Blatt höher hinaufgezogene Helmdecke seitlich am Rand gestaucht wirkt. Die Decken sind etwas schlichter, dafür aber nachvollziehbarer gestaltet als im ersten Blatt. Es wurde sogar unmerklich kompositorisch gemogelt: Der optische Schwerpunkt der Helmzier liegt heraldisch weiter rechts als der des Helmes, und dieser wiederum weiter rechts als der des Schildes, was man erst merkt, wenn man jeweils eine senkrechte Linie durch jeden Adlerkörper zieht. Insgesamt scheint die Komposition dadurch zu kippen und nur durch den Rand, an den sich die gestauchte Helmdecke stützt, am Umfallen gehindert zu werden. Es kann vermutet werden, daß der Künstler nicht, wie es sinnvoll wäre, mit dem Kern aus Schild, Helm und Helmzier begonnen hat, sondern mit dem Abzeichen, und dann in die Bredouille kam. Ganz sicher wurde dadurch das Wappen schief, und mutmaßlich mußte man deshalb auf den durchaus angemessenen Lorbeerkranz aus Mangel an verfügbarem Restplatz verzichten. Grund genug für den zuerst beschriebenen Neuaufriß vom Meister selbst, diesmal in anderer Reihenfolge. Aber auch er, das wird bei näherem Hinsehen deutlich, hatte seine liebe Not mit dem Platz: Adlerflügel und Baumwurzel kommen sich ziemlich nahe. Doch hier konnte das Wichtigste, das Wappen, nicht mehr schief werden.

Literatur, Quellen und Links:
Elke Schutt-Kehm, Exlibris-Katalog des Gutenberg-Museums, 2. Teil, Band 1: A-K, 720 Seiten, 1685 Abb., Verlag Claus Wittal, Wiesbaden, 1998, ISBN 978-3-922 835-31-8.
Elke Schutt-Kehm, Exlibris-Katalog des Gutenberg-Museums, 2. Teil, Band 2: L-Z, 736 Seiten, 1795 Abb., Verlag Claus Wittal, Wiesbaden, 1998, ISBN 978-3-922 835-32-5
Claus Wittal, Eignerverzeichnis zum Exlibris-Katalog des Gutenberg-Museums, Verlag Claus Wittal, 2003, 336 Seiten, 595 Abb., ISBN 978-3-922 835-33-2
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Friedrich Warnecke: Bücherzeichen (Ex-Libris) des XV. und XVI. Jahrhunderts, 1894, Nachdruck bei Nieuwkoop B. de Graaf, 1970, ISBN 90 6004 263 8, Tafel 23-24, S. 9
Warneckes Heraldische Kunstblätter Nr. 35 und Nr. 36.
Viviane Glanz: Albrecht Dürers gedruckte Wappen und heraldische Bilder, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät I der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2000, S. 33-37 und S. 86-87, online:
http://www.meixner-glanz-webdesign.de/mag_glanz_duerers-wappen.pdf
Viviane Glanz: Albrecht Dürers gedruckte Wappen und heraldische Bilder, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 88 (2001) S. 93-138
Hans Ankwicz-Kleehoven: Das Wappen des Johannes Stabius, in: Jahrbuch für Exlibris und Gebrauchsgraphik, Jahrgang 1924/25, Wien 1926, S. 5
Emil Doepler: Die Exlibris des Johannes Stabius, in: Ex-Libris - Zeitschrift für Bücherzeichen, Görlitz 1895 (2), S. 33 ff.
Johannes Stabius:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Stabius
Franz von Krones: Johannes Stabius, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 35, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 337, online:
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Stabius,_Johannes
Karl Röttel: Johannes Stabius, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 777 f., online:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd121675777.html - http://daten.digitale-sammlungen.de/0008/bsb00085893/images/index.html?seite=801
Helmuth Größing: Johannes Stabius, ein Oberösterreicher im Kreis der Humanisten um Kaiser Maximilian, in: Mitteilungen des oberösterreichischen Landesarchivs, Bd. 9, 1968, S. 239-264, online:
http://www.ooegeschichte.at/uploads/tx_iafbibliografiedb/mooela_09_0239-0251.pdf - http://www.ooegeschichte.at/uploads/tx_iafbibliografiedb/mooela_09_0252-0264.pdf

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