Bernhard Peter
Dreiecksformen: Spitzen, Keile, Ständer etc. - Teil 1

Eine Spitze ist ein Dreieck, welches die vorhandene Schildfläche maximal nutzt. Mit seiner Spitze stößt das Dreieck an der einen Seite an, der imaginäre Schenkel nimmt die ganze gegenüberliegende Breite ein. Wenn nichts anderes angegeben ist, weist eine Spitze immer mit der Spitze nach oben (WBO 0501). Liegt eine Spitze gedreht im Schild, wird sie mit "rechter" oder "linker" Seitenspitze angesprochen, je nachdem, wohin die Dreieckspitze zeigt (WBO 0502 und 0503).

Eine Dreieck, das mit seiner Spitze nach unten weist, ist eine gestürzte Spitze (BWO 0506). Spitzen können auch zu mehreren vorkommen, dann liegen sie in sukzessiv geringerer Breite nebeneinander und berühren sich auf der Grundlinie. Ihre Form wird mit zunehmender Anzahl spitzwinkliger, aber auch bei hoher Anzahl gehen die Dreiecke immer durch bis zur gegenüberliegenden Schildkante. Wenn es sich um gestürzte Spitzen handelt, die zunehmend spitzwinkliger werden, würde man stattdessen ab drei Elementen von Keilen sprechen (s. u.)

Spitzen können auch schräg im Schild liegen, dann spricht man von schrägrechten bzw. schräglinken Spitzen (WBO 0504 und 0505) bzw. gestürzten Spitzen, je nachdem, in welche der vier Ecken die Dreieckspitze zeigt (WBO 0507 und 0508).

Eine realtiv schmale, spitzwinklige gestürzte Spitze bezeichnet man als Keil (WBO 0511). Cave, Verwechslungsgefahr: Ein Spitze zeigt im nicht weiter definierten Zustand nach oben, ein Keil nach unten. Ein Keil, wenn alleinstehend oder zu zweien, läßt auf der Grundlinie rechts und links neben sich noch Platz, weil er relativ schmal und spitzwinklig ist.

Liegt ein Keil gedreht im Schild, wird er mit "rechter" oder "linker" Seitenkeil angesprochen, je nachdem, wohin die Dreieckspitze zeigt (WBO 0514 und 0515). Das ist eine gewisse Unlogik, denn hierin folgt der Keil exakt der Spitze, nur wenn er senkrecht steht, weist seine Spitze in die entgegengesetzte Richtung wie bei einer "Spitze". Auch hier läßt der Keil am Schildseitenrand oberhalb und unterhalb von sich noch Platz, weil er relativ schmal und spitzwinklig ist.

Ein gestürzter Keil weist wie die Spitze mit der Dreieckspitze nach oben, er wird als steigender Keil bezeichnet. Keile können auch schräg im Schild liegen, dann spricht man von schrägrechten (WBO 0512) bzw. schräglinken Keilen (WBO 0513) bzw. aufsteigenden Keilen (WBO 0517 und 0518), je nachdem, in welche der vier Ecken des Schildes die Dreieckspitze zeigt. Zur Vermeidung von Mißverständnissen wäre es über die Vorgaben der WBO hinaus besser, die Lage der Figur im Schild und ihre Ausrichtung getrennt und eindeutig anzugeben: Der schrägrechte Keil (WBO 0512) ist ein schrägrechts und mit der Spitze nach unten gelegter Keil, der schräglinke Keil (WBO 0513) ist ein schräglinks und mit der Spitze nach unten gelegter Keil, der schrägrechte steigende Keil (WBO 0517) ist ein ein schrägrechts und mit der Spitze nach oben gelegter Keil, und der schräglinke steigende Keil (WBO 0518) ist ein ein schräglinks und mit der Spitze nach oben gelegter Keil.

Schräggelegte Keile folgen immer der Diagonalen der Schildfläche. Liegt die Dreieckspitze aber nicht in einer der vier Schildecken, so spricht man je nach Ausrichtung von einem rechten bzw. linken Unter- bzw. Oberschoß (WBO 0521, 0522, 0523 und 0524).

Keile und Spitzen, die nicht von einer Schildseite zur gegenüberliegenden reichen, sondern deren Spitze in der Mitte des Feldes zuliegen kommen, bezeichnet man als halbe Spitzen oder Keile. Ein halber Keil ist also definitionsgemäß ein Keil, der nur bis zur Hälfte des Feldes reicht. In der Literatur wird der Ausdruck häufig mißverständlich verwendet: Der Ausdruck "halbe Spitze" oder "halber Keil" wird manchmal für eine Hälfte einer entlang der Langsachse durchgeschnittenen Spitze oder eines Keiles gebraucht. Das kann zu Mißverständnissen führen. Deshalb schlage ich vor, den Begriff "halb" wirklich nur für Spitzen und Keile zu verwenden, die nur bis zur Hälfte des Feldes reichen. Die anderen Figuren sind abgeleitet von einer "ganzen" Spitze oder einem "ganzen" Keil, deshalb sollten sie sinnvollerweise als "halbierte" Spitze oder "halbierter" Keil bezeichnet werden, sofern nicht die Ausdrücke "geteilt" oder "gespalten" benutzt werden können.

Wenn nichts anderes angegeben ist, weist ein Halbkeil (WBO 0531) immer mit der Spitze nach unten. Die Kurzform Halbkeil (WBO 0531) bezeichnet einen oben plazierten, mit der Spitze nach unten gerichteten Halbkeil. Liegt ein Halbkeil gedreht im Schild, wird er mit "rechter" oder "linker" Seitenhalbkeil angesprochen (WBO 0534 und 0535). Hier folgt die WBO nicht der Praxis, rechts und links gemäß der Lage der Spitze zu verwenden, sondern nimmt als Bezugspunkt die Seite des Schildes, aus der der Halbkeil herauswächst. Sie bezeichnet als rechten Seitenhalbkeil eine Figur, die aus dem rechten Schildrand wächst und mit der Spitze nach links weist (WBO 0534) und als linken Seitenhalbkeil eine Figur, die aus dem linken Schildrand wächst und mit der Spitze nach rechts weist (WBO 0535). Dies ist unlogisch und unvollständig. Die Praxis der DWR zeigt, daß die beiden einzigen dort verzeichneten Wappen, nämlich Blissenbach (Deutsche Wappenrolle DWR Band: XXXIX Seite: 66 Nummer: 7873/82) und Böckelmann (Deutsche Wappenrolle DWR Band: XXVI Seite: 6 Nummer: 6799/73) nicht den Vorgaben der WBO folgen, sondern die Begriffe umgekehrt verwenden, nämlich sich nach dem richten, wohin die Spitze zeigt. Hier müßte mehr Klarheit geschaffen werden, und zur Vermeidung von Mißverständnissen wäre es über die Vorgaben der WBO hinaus besser, die Lage der Figur im Schild und ihre Ausrichtung getrennt und eindeutig anzugeben: Übergeordnet ist die Frage, WO etwas im Schild liegt, in der rechten oder in der linken Hälfte z. B., und bei gleicher Lage folgt die Frage, WIE etwas im Schild liegt, nach rechts oder nach links z. B. Während bei einem ganzen Keil die erste Frage übergangen werden kann, weil es keine Ortspräferenz gibt, so ist dieselbe bei einem halben Keil relevant. Was die WBO als rechten Seitenhalbkeil bezeichnet (WBO 0534), ist demnach ein rechts liegender, mit der Spitze nach links gelegter Halbkeil, und was die WBO als linken Seitenhalbkeil bezeichnet (WBO 0535), ist demnach ein links liegender, mit der Spitze nach rechts gelegter Halbkeil. So wäre es eindeutiger als die Angaben der WBO, die, wie an den DWR-Beispielen gezeigt, auch in eigenem Haus mißverständlich sind. Entsprechend ist ein aufsteigender Halbkeil (WBO 0538) ein unten plazierter, mit der Spitze nach oben gerichteter Halbkeil.

Halbkeile können auch schräg im Schild liegen, dann spricht man von schrägrechten bzw. schräglinken Halbkeilen bzw. aufsteigenden Halbkeilen, je nachdem, in welche der vier Ecken des Schildes die Dreieckspitze zeigt. Auch hier ist die Kürze der Bezeichnung in der WBO ein Quell für Mißverständnisse. Kürze ist eine immer anzustrebende Eigenschaft von Blasonierungen, doch darf das nicht auf Kosten der Eindeutigkeit gehen. Über die Vorgaben der WBO hinaus wäre es besser, zur Vermeidung von Mißverständnissen die Lage der Figur im Schild und ihre Ausrichtung getrennt und eindeutig anzugeben: Übergeordnet ist die Frage, WO etwas im Schild liegt, in der rechten oder in der linken Hälfte z. B., und bei gleicher Lage folgt die Frage, WIE etwas im Schild liegt, wie die Hauptachse des Motivs liegt, wo die Spitze hinzeigt etc. Während bei einem schräggestellten ganzen Keil die erste Frage übergangen werden kann, weil es keine Ortspräferenz gibt, so ist dieselbe bei einem schräggestellten halben Keil relevant. Was die WBO als schrägen Halbkeil bezeichnet (WBO 0532), ist ausführlich und unmißverständlich rechts oben ein schrägrechts gestellter und mit der Spitze zur Mitte gerichteter Halbkeil, der schräglinke Halbkeil (WBO 0533) ist links oben ein liegender, schräglinks gestellter und mit der Spitze zur Mitte gerichteter Halbkeil, analog ist der schräglinke steigende Halbkeil (WBO 0536) rechts unten ein liegender, schräglinks gestellter und mit der Spitze zur Mitte gerichteter Halbkeil, und der schrägrechte steigende Halbkeil (WBO 0537) ist links unten ein schrägrechts gestellter und mit der Spitze zur Mitte gerichteter Halbkeil.

Keile und Halbkeile können auch zu mehreren vorkommen. Da Keile relativ schmal sind, bleibt bei zwei Keilen noch etwas von der Grundlinie zu sehen. Erst bei drei Keilen liegen sie direkt nebeneinander. Zwei Keile und zwei gestürzte Spitzen kann man also noch graphisch unterscheiden, ab der Anzahl drei schwerlich.

Literatur und Quellen:
Walter Leonhard: Das große Buch der Wappenkunst, Bechtermünz Verlag 2000, Callwey Verlag 1978
Georg Scheibelreiter: Heraldik, Oldenbourg Verlag Wien/München 2006, ISBN 3-7029-0479-4 (Österreich) und 3-486-57751-4 (Deutschland)

Deutsche Wappenrolle, Band 1-63, Degener Verlag
Wappenbilderordnung, Symbolorum armoralium ordo, hrsg. vom HEROLD, bearbeitet von Jürgen Arndt und Werner Seeger, Skizzen von Lothar Müller-Westphal, Verlag Degener, 2. Auflage 1996, Band 1 und 2
Herrn Andreas Janka ein herzliches Dankeschön für wertvolle Gedankenanstöße.

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