Bernhard Peter
Kuriositäten in der Heraldik

Geharnischte Arme:
Es gibt einige wenige Sonderfälle, in denen das Wappen Bestandteile enthält, die nicht dem üblichen Repertoire folgen. Ein solches Beispiel ist ein geharnischter Arm, der weder zum Schildbild gehörig ist noch zur Helmzier noch ein Schildhalter ist: Er kommt aus den Helmdecken hervor und reicht entweder rechts oder links herab und ergreift den Schild, oder er hängt einfach lose herunter. Er gehört nicht zur Helmzier und auch nicht zum Helm, sondern ist ein Bestandteil für sich, was man daran sieht, daß bei Verwendung einer Rangkrone der geharnischte Arm aus der Krone seitlich herauskommt.

Nicht Schildhalter, sondern auf dem Schild knieender Helmhalter:
Die tschechische Stadt Slaný (deutsch Schlan) führt in Rot einen silbernen, doppelschwänzigen und golden gekrönten, bewehrten und gezungten Löwen, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken einen schwarzen, mit goldenen gestürzten Lindenblättchen bestreuten Flug. So weit, so gut - aber auf dem oberen Schildrand kniet linksgewendet ein blaugekleideter Jüngling, der den Helm hält. Früher führte die Stadt das böhmische Wappen ohne jede Differenzierung, dann kam dieser ungewöhnliche Junge hinzu, erst nackt, später blau gekleidet.

Heraldische Obszönitäten:
In Italien gibt es eine Familie namens Colleoni. Dies wird fast so ausgesprochen wie "coglioni", was "Hoden, Ei" bedeutet. Eigentlich ist es umgangssprachlich für dieses Körperteil, und die Vokabel taucht beispielsweise in der Redewendung "Rompere i coglioni a qualcuno" - "jemandem auf den Sack gehen" auf. Und diese Familie führt ein äußerst "beredtes" Wappen, in rot-silbern geteiltem Schild drei (2:1) Hodensäcke in verwechselten Farben.

In die selbe Richtung geht ein Wappen der Couilleau aus dem Poitou in Frankreich: Der frz. Blason ist: De gueules à cinq paires de testicules d'or en chevron, accompagnées en pointe d'une étoile d'argent - in Rot fünf Hodenpaare sparrenweise, unten begleitet von einem silbernen Stern. Der heute gebräuchlche Ausdruck für Hoden ist im Französischen zwar "testicule", doch in der Umgangssprache ist auch "les couilles" bekannt (vom Sprachniveau her so etwa wie im Deutschen "die Eier", vgl. Larousse: Dictionaire du français argotique et populaire) - die lautliche Nähe zum Familiennamen liegt auf der Hand. Nicht zu verwechseln mit einem "couillon" - das wäre ein "Armleuchter". Dokumentiert ist das Wappen im Emmanuel de Boos, Dictionnaire du Blason, Editions du léopard d'or, Paris, 2001, ISBN 2-83377-170-1

Die 1759 mit Franz Leopold Graf von Putterer erloschene österreichische Familie Putterer (Puttrer) hatte in Gold einen schwarzen Schrägbalken, belegt mit drei goldenen, nach der Figur gelegten Butterwecken (Butterstriezel). Das ist noch langweilig. Doch als Helmzier führten sie auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken eine herrliche Anspielung auf den Namen Putterer = Butterer: eine vollständig nackte naturfarbene Frau mit schwarzen offenen Haaren, die in einem vor ihr stehenden Butterfaß mit einem Stab buttert (Abb. im Steiermärkischen Wappenbuch z. B.). 1728 stiegen die Putterer in den Freiherrenstand auf, und die nackte Frau wurde mit einem dreifarbigen Lendenschurz verhüllt, denn so ging das jetzt gar nicht mehr. Und nur ein Jahr später stieg ein Putterer sogar in den Grafenstand auf, da verschwand die Figur ganz, und sie wurde durch einen untadeligen, aber langweiligen Flug ersetzt. Je höher man aufstieg, desto prüder wurde man. Die Gemeinde Aigen im Ennstal führt die Butterwecken noch heute im Wappen.

Mit Humor zu nehmen: Unterhosen im Wappen:
Und auch für Unterhosen im Wappen war man sich nicht zu fein:

Pfui Teufel - Blutegel im Wappen:
Das Wappen der russischen Grafen von Igelstroem hat als Stammwappen in Blau einen schrägrechten silbernen Wellenbalken, belegt mit fünf (2:1:2) schwarzen Blutegeln (Siebmacher Ost Seite: 55 Tafel: 13, Ost Seite: 156 Tafel: 39). Im vermehrten Wappen findet sich das Motiv sowohl im Herzschild als auch in den Feldern 1 und 4 des gevierten Hauptschildes. Und auch in Bayern gibt es eine Familie namens Egloff, Egloff von Päl, Egloff von Schönau und Egloff von Zell, die ein ganz ähnliches Wappen führt: in Blau einen schrägrechten goldenen Wellenbalken, belegt mit drei schwarzen Blutegeln (Siebmacher BayA1 Seite: 134 Tafel: 139, BayA2 Seite: 26 Tafel: 17).

Haare statt Helmdecken:
Es gibt Beispiele, wo eine Helmdecke wegfällt (Verstoß gegen die Regel, daß jedes Vollwappen eine Helmdecke hat) und stattdessen durch wucherndes Haar ersetzt wird (Verstoß gegen die Regel, daß der Sonnenschutz des Helmes textiler Natur ist).

Nichts für Weicheier: Heraldische Brutalitäten
Abgehauene Gliedmaßen, abgetrennte Köpfe, von Pfeilen oder Schwertern durchbohrte Tiere - Heraldik ist manchmal für Schöngeister von schwer erträglicher Direktheit und Brutalität. Von Pfeilen durchbohrte Tiere sind noch als Jagdglück anzusehen, z. B. im Wappen Paczolay (Siebmacher Band: Un Seite: 471 Tafel: 345), in Blau auf grünem Boden ein aufspringendes Reh, dessen Hals von einem Pfeile durchbohrt ist. Statt eines Pfeiles etwas unüblicher eine Geweihstange: Wappen Schmidt v. Schwind (Siebmacher Band: PrE Seite: 161 Tafel: 138), Blau mit einem auf grünem Dreihügel stehenden natürlichen Reh, durchbohrt von einer sechsendigen goldenen Hirschstange. Das Wappen Tolna (Siebmacher Band: UnE Seite: 118 Tafel: 85) zeigt einen doppelschwänzigen Löwen auf einer Blätterkrone, den Hals von links waagerecht durchbohrt von einem Schwerte mit Parierstange. Frisch hingeschlachtet in den siebenbürgischen Wäldern wurde der Bär im Wappen Kosa (Siebmacher Band: Sibü Seite: 270 Tafel: 201 und Band: Un Seite: 328 Tafel: 248): In Blau auf grünem Boden ein schwarzer Bär, die Schulterblätter von rückwärts nach vorne durchbohrt von einem Schwerte mit goldener Parierstange, von dessen Spitze Blut träufelt. Doch der Vogel wird wohl abgeschossen von Tieren, die sich selbst verstümmeln. Das Wappen der Münchner Familie Taufkirchen (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 186 Tafel: 189, altbayerischer Adel, im 17. Jh. erloschen) zeigt in Schwarz einen oberhalben goldenen Löwen, der sich selbst ein silbernes Schwert durch Rachen und Hinterkopf bohrt. Auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken das Schildbild. Und die ursprünglich oberpfälzischen Senfft von Pilsach haben in Gold einen oberhalben schwarzen, rot gekrönten und bewehrten Löwen, dessen Kopf von einem roten Schwerte von rechts oben nach links unten durchstoßen wird, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken wachsend der vom Schwert durchstoßene Löwe (Münchener Kalender 1917, Siebmacher Band: SaA Seite: 155 Tafel: 101, Band: PrGfE Seite: 46 Tafel: 31). Gleichermaßen brutal und noch etwas "unappetitlicher" das Wappen der ungarischen Chapi v. Eszen u. Polyanka (Siebmacher Band: Un Seite: 96 Tafel: 76), bei deren Wappen der Löwe mit der erhobenen Rechten den silbernen Flitsch eines bluttriefenden Pfeiles faßt, welcher durch das rechte und linke Auge desselben gedrungen erscheint. Aua!

heraldischer Zirkus: kostümierte Tiere
Wer meint, mit menschlicher Kleidung kostümierte Tiere, Raubtiere im Mäntelchen etc. gehören der Welt des Zirkusses an, reibt sich verwundert die Augen: Das gibt es auch in der Heraldik. So finden wir einen Wolf, im Mittelalter gefürchteter Schafs-Räuber, in läppischer Pose mit einem weißen Jacke bekleidet, die Vorderpfoten durch die Ärmel gesteckt, das in Falten fallende Röckchen um den Bauch, so daß der aufgerissene Rachen, der da aus dem Halsausschnitt schaut, so gar nicht mehr zum Fürchten ist, im Wappen der bayerischen Trainer zu Moß aus der Regensburger Gegend, auch in Nürnberg vorkommend: In Rot ein natürlicher aufspringender Wolf mit einer silbernen Schecke (Jacke) bekleidet. Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein natürlicher aufspringender Wolf, der mit einer silbernen Schecke (Jacke) bekleidet ist. Zu sehen ist dieser Wolf im Wappenbuch des churbayrischen Adels, Band 1 – Bayerische Staatsbibliothek, BSB Cgm 1508, sowie im Siebmacher Band: BayA3 Seite: 113 Tafel: 74, Band: BayA3 Seite: 197. Später wurde ihr Wappen geviert, Feld 1 und 4: Stammwappen, Feld 2 und 3: in Silber eine rote Lindenblattspitze. Oder es gibt einen Löwen, der sich eine Mönchskutte angezogen hat: Die schlesische und brandenburgische Familie Schkopp hat im Schild in Gold einen roten, in jeder Vorderpranke eine rote Kugel haltenden, mit einer schwarzen Mönchskutte bekleideten Löwen. Auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken der Löwe in der Mönchskutte wachsend (Siebmacher Band: BraA Seite: 82 Tafel: 49, Band: Pr Seite: 354 Tafel: 406). Die bürgerliche Familie Lutz (Siebmacher Band: Bg1 Seite: 52 Tafel: 71) aus Ingolstadt führt einen mit einem Mannsrock bekleideten Bären in Schild und Helmzier, Farben unbekannt.

Ein Gefangener in Ketten querliegend unter dem Schild:
Dieses ist das von einem mir nicht bekannten Künster angefertigte und nicht datierte Exlibris der Familie Robertson, ein schottischer Clan aus der Gegend von Perth. Und es enthält als Besonderheit eine echte Skurriliät, eine so außergewöhnliche Wappen"verbesserung", wie sie kein zweites Mal auftritt. Dieses Wappen (in Rot drei (2:1) abgerissene silberne Wolfsköpfe, gules, three wolves' heads erased argent) ist nur korrekt und vollständig wiedergegeben mit dem unten querliegenden Gefangenen in Ketten. Dieser gehört zum Wappen selbst dazu!

Warum nur? Wir begeben uns in das Jahr 1437, König Jakob (James) I. von Schottland (10.12.1394-21.2.1437) war gerade bei einer Adelsrevolte ermordet worden. Das war sowieso ein besonders unglücklicher König, denn er war zwar ab 1406 nominell König, nachdem sein Bruder in einem Kerker verhungert war, de facto aber 18 lange Jahre Gefangener des englischen Kollegen in Windsor. 1420 wurde er gegen Lösegeld, mit dessen Zahlung man sich von schottischer Seite aus reichlich Zeit gelassen hatte, freigelassen und 1424 in Schottland gekrönt. Sein Ende war wenig beschaulich, er versuchte zwar dem Anschlag auf sein Leben durch die Kloaken zu entkommen, steckte wegen eines vermauerten Ausgangs zwei Tage in der Brühe fest, bis man ihn fand und endlich umbrachte. Der Clanchef der MacDonn(a)chaidh (= Sohn des Duncan = Duncanson), Robert "Riabhach" Duncanson, war ein Parteigänger des ermordeten Königs, und er wußte eine heiße Spur, wohin die Mörder desselben entwischt waren, und er ließ sie jagen und fangen. Zwei davon, Sir Robert Graham und Walter Stewart, der Earl of Atholl und immerhin sogar der Onkel des Ermordeten, wurden auf ziemlich üble Weise auf dem Grasmarkt in Edinburgh von der Witwe, Joan Beaufort, vom Diesseits ins Jenseits befördert.

Künstler unbekannt, ca. Mitte des 19. Jh.

Der Donnachaidh-Clan wurde in Person des 4. Clanchiefs vom neuen König Jakob (James) II. (16.10.1430-3.8.1460) am 15.8.1451 für diese Unterstützung durch eine Wappenverbesserung belohnt: Die Helmzier war nun auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken eine wachsende natürliche Rechtshand, die die königlich schottische Krone emporhält (a dexter hand erect, supporting a regal crown), und der Gefangene unter dem Schild kam hinzu, "a savage man prostrate and in chains". Diese gänzlich ungewöhnliche Ergänzung unter dem Schild ist zwar nicht ästhetisch, aber in ihrer Art singulär. Von der Rolle her dürfte diese ungewöhnliche Ergänzung am ehesten mit einem Schildhalter vergleichbar sein. In Erinnerung an die königstreue Tat des Clanchefs Robert wurde auch der Clan-Name von Donnchaidh (auch Donnachaidh) in Robertson geändert. Der Grundbesitz wurde zur Baronie erhoben (Robertson of Struan, neben diversen anderen Linien). Die Devise lautet "Virtutis gloria merces".

Adler, gedreht und auf dem Kopf stehend:
Die Normalstellung eines Adlers ist aufrecht, ohne weitere Angaben steht der Körper mittig senkrecht zwischen zwei ausgebreiteten Flügeln, der Kopf nach rechts gewandt. Abweichend von dieser normalen Darstellung, die immer gilt, sofern nichts anderes präzisiert wird, kann der Adler auch um 90 Grad nach gedreht bzw. gekippt sein, wobei der Kopf zum rechten Schildrand zeigt und je ein Flügel nach oben und nach unten weist:

Der Adler kann auch gänzlich gestürzt sein, so daß der Kopf zum Schildfuß weist, ein sehr ungewöhnliches Schildbild:

Ein menschliches Gerippe als Helmzier:
Eine klapprige Angelegenheit: Ein menschliches Gerippe ist ein Kuriosum unter den Kleinoden:

Morgen wechselhaft bewölkt....:
Man möchte meinen, dieses Wappenbild ist direkt einer Wettervorhersagekarte entnommen und steht für "wechselhaft bewölkt", teils Regenwolken, teils heiter: Die aus Hamburg kommende Familie Duncker führt in "natürlichem Felde" (also "heraldischer Himmel") über grünem Hügel eine schwarze Wolke, hinter der ringsum goldene Strahlen ausgehen, also eine hinter Wolken verborgene Sonne. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken eine mit den Spitzen nach vorn gerichtete goldene Mondsichel zwischen einem silbern-rot übereck geteilten Flug (Siebmacher Band: Bg5 Seite: 53 Tafel: 63, Roland/Wappensammler 5).

Iiiiigitt - eine Ratte im Nest:
Man mag sich die Verhältnisse auf Burgen und in Bürgerhäusern in vergangenen Zeiten kaum vorstellen, als es noch keine wirkungsvolle Schädlingsbekämpfung gab. Ratten gehörten zum Alltag, nagten an den Vorräten und verbreiteten Krankheiten, nicht zuletzt durch ihre Flöhe die gefürchtete Pest. Sie gehörten damals wie heute nicht zu den geliebten Hausgenossen, sondern waren oft eine Plage, derer man sich mühsam mit Fallen entledigte (schließlich war man ja nicht im Rattentempel von Deshnoke, und die Liebe einiger heutiger Zeitgenossen zu Farbratten war noch nicht entflammt.....). Kaum vorstellbar, daß man stolz auf seine Ratten war. Und dennoch gibt es eine Familie, die eine Ratte im Nest zum Hauptmotiv ihres Schildes erkoren hat, die ursprünglich aus Spanien stammende Familie de la Raparlier. Sie führt in Silber eine schwarze Ratte im Nest, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken drei schwarze Straußenfedern. Die Familie wanderte im 16. Jh. in die damals spanisch besetzten Niederlande. Der in Leuven geborene Joseph Georg de la Raparlier erlangte 1829 in Frankreich das Bürgerrecht (Siebmacher Band: Bg2 Seite: 20 Tafel: 34, Roland/Wappensammler 5).

Wohl beim Gestech den Kürzeren gezogen, was?
Was für eine Trümmersammlung! Selbstverständlich gehören Lanzen, insbesondere Turnierlanzen, zum festen Formenrepertoire der Heraldik. Tjosten mit stumpfen, d. h. oben mit einem Krönchen versehenen, speziellen Turnierlanzen war eine typisch ritterliche Beschäftigung und gehört als solche fest zu jedem noch so simplem Mittelalter-Klischeebild. Natürlich konnte man auch mal verlieren, und die Lanze konnte in Trümmer zerbrechen, während der Gegner immer noch stabil auf seinem Pferd saß, statt von der Wucht zu Boden geworfen zu werden. Doch ist das ein Wappenbild? Ja! Die uradelige Familie Brandlinsky von Stekre (ehem. Volbran oder Volbram von Stekre), aus der Gegend von Budweis stammend und sich nach dem Sitz Brandlin nennend, hatte in Silber die Bruchstücke von drei zerbrochenen roten Turnierlanzen, die drei hinteren Teile mit dem Handschutz einmal balkenweise unten und zu beiden Seiten schräg nach außen geneigt gelegt, ersteren jeweils unten kreuzend oder tangierend, und die drei vorderen Teile mit dem Krönchen fächerförmig in dem aus den ersteren gebildeten U-förmigen Freiraum gelegt. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken die Lanzenbruchstücke in der beschriebenen Anordnung vor einem silbernen Flug. 1699 wurde die Familie in den Freiherrenstand erhoben, später noch in den Grafenstand (Siebmacher Band: Bö Seite: 278 Tafel: 130, Roland/Wappensammler 7).

Frisch aus Frankensteins Gentechnik-Labor?
Chimäre Fabelwesen, die aus zwei oder mehreren verschiedenen Tieren zusammengesetzt sind, zählen zum zwar verwunderlichen, aber doch normalen Formenkanon der Heraldik. Greifen, Pantiere, Jungfrauenadler, Seelöwen, Meerweiber, alles noch im Grünen Bereich und aus heraldischer Sicht nicht wirklich absonderlich. Eine wirklich obskure Kombination, die weder von den jeweiligen Lebensräumen, noch von ihren Größenverhältnissen, noch von ihrer systematischen Stellung im Bereich des Üblichen liegt, begegnet uns im Wappen der Grasmann, einem bürgerlichen Geschlecht, deren Wappen in das Wernigeroder (Schaffhausener) Wappenbuch Aufnahme gefunden hat: Sie haben in Silber ein Mischwesen aus dem Oberteil eines roten Krebses (Hummers) und dem Unterteil eines goldenen Löwen, auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit rot-silbernen Decken zwei rote Krebsscheren (Hummerscheren) (Siebmacher Band: Bg3 Seite: 79 Tafel: 86, Roland/Wappensammler 7, Volborth Fabelwesen).

Hier tropft schon das Blut:
So blutig geht es selten bei Jagdtrophäen zu: Das Wappen der von Oheimb (Photo: Stadthagen, Landsberger Hof) zeigt ein nicht alltägliches Motiv, von dem die Blutstropfen heruntertriefen: In Silber ein schwarzes Gemsgehörn mit Grind und Ohren, an dem Grind sieben rote Blutstropfen hängend. Auf dem Helm dasselbe Bild. Helmdecken schwarz-silbern. Die von Oheimb sind eine westfälisch-schaumburgische Familie, die früher auch Ohm oder Om hieß und 1250 urkundlich auftritt. Früher war die Form des Schildbildes eine andere, nämlich zwei Hörner mit Ohren nebeneinander und mit einem abgerissenen Stück Stirnhaut, ohne die Blutstropfen, diese etwas drastischere und blutrünstigere Darstellung entwickelte sich später (Roland/Wappensammler 7).

Literatur, Links und Quellen
Siebmachers Wappenbücher
Westfälisches Wappenbuch
Herrn Alois Lenz ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise und Beispiele im Forum Heraldik und Kunst.
Clan Robertson: The general armory of England, Scotland, Ireland, and Wales, von Sir Bernard Burke
Clan Robertson: Herrn
Stephen Slater ein herzliches Dankeschön für wertvolle Informationen und Erläuterungen und für das Exlibris selbst.
Wappenbuch der Stadt Basel. Unter den Auspizien der historischen u. antiquarischen Gesellschaft in Basel herausgegeben von W. R. Staehelin, Zeichnungen Carl Roschet, F. Gschwind, Lothar Albert et al., 3 Teile in mehreren Folgen, Band 1 und 2, Basel
Eike Pies, Neues Bergisches Wappenbuch bürgerlicher Familien, Bauer & Raspe Verlag, 1998
Einige Kuriositäten sind hier zu finden: Wappensammler, Band 5, Roland, Verein zur Förderung der Stammkunde, Dresden
http://books.google.de/books?id=V9wSAAAAYAAJ (nur mit US-Adresse), Wappensammler, Band 7, Roland, Verein zur Förderung der Stammkunde, Dresden http://books.google.de/books?id=yd0SAAAAYAAJ (nur mit US-Adresse)
Grasmann: Carl-Alexander von Volborth: Fabelwesen der Heraldik in Familien- und Städtewappen, Belser Verlag 1996

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