Bernhard
Peter
Kuriositäten
in die Heraldik
Geharnischte
Arme:
Es gibt einige wenige
Sonderfälle, in denen das Wappen Bestandteile enthält, die
nicht dem üblichen Repertoire folgen. Ein solches Beispiel ist
ein geharnischter Arm, der weder zum Schildbild gehörig ist noch
zur Helmzier noch ein Schildhalter ist: Er kommt aus den
Helmdecken hervor und reicht entweder rechts oder links herab und
ergreift den Schild, oder er hängt einfach lose herunter. Er
gehört nicht zur Helmzier und auch nicht zum Helm, sondern ist
ein Bestandteil für sich, was man daran sieht, daß bei
Verwendung einer Rangkrone der geharnischte Arm aus der Krone
seitlich herauskommt.
Beispiel 1: Familie Wendt, eine der ältesten lippeschen Familien mit Stammheimat Lemgo: In Gold drei (2:1) silbern-blau gespaltene Eisenhüte mit rotem Band. Auf dem blau-golden bewulsteten Helm mit blau-goldenen Decken ein silbern-blau gespaltener Eisenhut mit rotem Band vor einer goldenen, oben mit einem grünen Pfauenbusch besteckten Säule. Rechts kommt ein geharnischter Arm aus den Decken hervor und greift an den Schild. Nachweise: Westfälisches Wappenbuch: Mit dem Arm. Siebmacher Band BraA, Seite: 103, Tafel: 63, PrGfE, Seite: 49, Tafel: 33, PrGfN, Seite: 27, Tafel: 21 und OstN, Seite: 247, Tafel: 171 ohne den Arm, aber Band Lip, Seite: 8, Tafel: 7 und OÖ, Seite: 632, Tafel: 128/129 mit dem Arm auf der rechten Seite. Besonders skurril sieht das bei einem gräflichen Wappen aus, wo der Arm seitlich aus der auf dem Schild ruhenden Rangkrone herauswächst. Wenn das Wappen der Linie Papenhausen geviert wird aus einem einwärtsgekehrten goldenen Greif in Blau in den Feldern 1 und 4 ("Wenden") sowie dem Stammwappen in den Feldern 2 und 3, steht der Stammhelm an Position 2 links, und der geharnischte Arm hängt an der linken Seite herab und ergreift dort den Schild.
Beispiel 2: Familie Stockhausen, westfälisches Geschlecht und Lehensträger des Bistums Minden, auch in Hessen: Das Westfälische Wappenbuch bildet auch bei dieser Familie eine Variante zum gewohnten Wappen (in Silber ein schwarzer Eichenstamm mit zwei Eichenblättern. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein schwarzer Flug) mit einem geharnischten Arm zusätzlich ab: In Silber ein schwarzer, ausgerissener Baumstamm (Eichenstamm) mit zwei Eichenblättern. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein rechts schwarzer, links silberner Flug. Links hinter dem Schild hervorkommend ein geharnischter Arm, der in den Schild greift. Im Siebmacher ist der Arm nicht erwähnt.
Nicht
Schildhalter, sondern auf dem Schild knieender Helmhalter:
Die tschechische Stadt Slaný
(deutsch Schlan) führt in Rot einen silbernen,
doppelschwänzigen und golden gekrönten, bewehrten und gezungten
Löwen, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken einen schwarzen,
mit goldenen gestürzten Lindenblättchen bestreuten Flug. So
weit, so gut - aber auf dem oberen Schildrand kniet linksgewendet
ein blaugekleideter Jüngling, der den Helm hält. Früher
führte die Stadt das böhmische Wappen ohne jede
Differenzierung, dann kam dieser ungewöhnliche Junge hinzu, erst
nackt, später blau gekleidet.
Heraldische
Obszönitäten:
In Italien gibt es eine
Familie namens Colleoni. Dies wird fast so
ausgesprochen wie "coglioni", was "Hoden, Ei"
bedeutet. Eigentlich ist es umgangssprachlich für dieses
Körperteil, und die Vokabel taucht beispielsweise in der
Redewendung "Rompere i coglioni a qualcuno" -
"jemandem auf den Sack gehen" auf. Und diese Familie
führt ein äußerst "beredtes" Wappen, in rot-silbern
geteiltem Schild drei (2:1) Hodensäcke in verwechselten Farben.
In die selbe Richtung geht ein Wappen der Couilleau aus dem Poitou in Frankreich: Der frz. Blason ist: De gueules à cinq paires de testicules d'or en chevron, accompagnées en pointe d'une étoile d'argent - in Rot fünf Hodenpaare sparrenweise, unten begleitet von einem silbernen Stern. Der heute gebräuchlche Ausdruck für Hoden ist im Französischen zwar "testicule", doch in der Umgangssprache ist auch "les couilles" bekannt (vom Sprachniveau her so etwa wie im Deutschen "die Eier", vgl. Larousse: Dictionaire du français argotique et populaire) - die lautliche Nähe zum Familiennamen liegt auf der Hand. Nicht zu verwechseln mit einem "couillon" - das wäre ein "Armleuchter". Dokumentiert ist das Wappen im Emmanuel de Boos, Dictionnaire du Blason, Editions du léopard d'or, Paris, 2001, ISBN 2-83377-170-1
Die 1759 mit Franz Leopold Graf von Putterer erloschene österreichische Familie Putterer (Puttrer) hatte in Gold einen schwarzen Schrägbalken, belegt mit drei goldenen, nach der Figur gelegten Butterwecken (Butterstriezel). Das ist noch langweilig. Doch als Helmzier führten sie auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken eine herrliche Anspielung auf den Namen Putterer = Butterer: eine vollständig nackte naturfarbene Frau mit schwarzen offenen Haaren, die in einem vor ihr stehenden Butterfaß mit einem Stab buttert (Abb. im Steiermärkischen Wappenbuch z. B.). 1728 stiegen die Putterer in den Freiherrenstand auf, und die nackte Frau wurde mit einem dreifarbigen Lendenschurz verhüllt, denn so ging das jetzt gar nicht mehr. Und nur ein Jahr später stieg ein Putterer sogar in den Grafenstand auf, da verschwand die Figur ganz, und sie wurde durch einen untadeligen, aber langweiligen Flug ersetzt. Je höher man aufstieg, desto prüder wurde man. Die Gemeinde Aigen im Ennstal führt die Butterwecken noch heute im Wappen.
Mit
Humor zu nehmen: Unterhosen im Wappen:
Und auch für Unterhosen im
Wappen war man sich nicht zu fein: Die niederländische Gemeinde
Hensbroek (gehört heute zur Gemeinde Koggenland) führt
in Rot eine silberne Henne über einer kurzen goldenen Unterhose,
ein redendes Wappen. Die Henne ist klar, aber die andere
Assoziation ist broek - bruch, bruche, broche = mittelalterliche
Unterhosen. Auch als die Gemeinde mit Obdam zusammengelegt wurde,
blieb die Unterhose mit der Henne, die drei Monde von Obdam kamen
hinzu. Das Gleiche begegnet uns bei der ebenfalls
niederländischen Stadt Abbenbroek (Zuid
Holland): In Rot eine silberne, kurze Hose. Der Namensteil
"Abben" kommt übrigens daher, daß das Gebiet einmal
an die Abtei (!) Echternach (Luxemburg) verkauft worden war. Und
"broek" bedeutet sowohl Moor-Bruch als auch Unterhose
eben. Das eine läßt sich heraldisch gut darstellen, das andere
nicht.
Pfui
Teufel - Blutegel im Wappen:
Das Wappen der russischen Grafen
von Igelstroem hat als Stammwappen in
Blau einen schrägrechten silbernen Wellenbalken, belegt mit
fünf (2:1:2) schwarzen Blutegeln (Siebmacher Ost Seite: 55
Tafel: 13, Ost Seite: 156 Tafel: 39). Im vermehrten Wappen findet
sich das Motiv sowohl im Herzschild als auch in den Feldern 1 und
4 des gevierten Hauptschildes. Und auch in Bayern gibt es eine
Familie namens Egloff, Egloff von Päl, Egloff
von Schönau und Egloff von Zell, die ein ganz ähnliches Wappen
führt: in Blau einen schrägrechten goldenen Wellenbalken,
belegt mit drei schwarzen Blutegeln (Siebmacher BayA1 Seite: 134
Tafel: 139, BayA2 Seite: 26 Tafel: 17).
Haare
statt Helmdecken:
Es gibt Beispiele, wo eine
Helmdecke wegfällt (Verstoß gegen die Regel, daß jedes
Vollwappen eine Helmdecke hat) und stattdessen durch wucherndes
Haar ersetzt wird (Verstoß gegen die Regel, daß der
Sonnenschutz des Helmes textiler Natur ist). Eine solche Helmzier
führen die Landschad von Steinach, nämlich ein
Davidshaupt, dessen wucherndes Bart- und Haupthaar auf
Darstellungen des 16.-17. Jh. die Helmdecke komplett
überflüssig macht. Ungewöhnlich, aber historisch in genügend
Beispielen auf Epitaphien belegt.
Ein zweites Beispiel für wallendes Haar statt Helmdecke ist das Wappen der von Utenheim oder Uttenheim bzw. Matzenheim, oder Kloett zu Uttenheim und Matzenheim, einer elsässischen Familie, die im schwarzen Schild einen goldenen Schrägrechtsbalken führen und dazu als Helmzier das Haupt eines wilden Mannes oder Riesen mit langen, wallenden Haaren, die praktisch als Helmdecken benutzt werden. Im Siebmacher ist das Wappen im Band Els., Seite: 13, Tafel: 15 zu finden. Die Familie gehört zu den Patriziergeschlechtern der Stadt Straßburg. Das Wappen ist auch im Rietstap verzeichnet.
Nichts für Weicheier: Heraldische
Brutalitäten
Abgehauene Gliedmaßen,
abgetrennte Köpfe, von Pfeilen oder Schwertern durchbohrte Tiere
- Heraldik ist manchmal für Schöngeister von schwer
erträglicher Direktheit und Brutalität. Von Pfeilen durchbohrte
Tiere sind noch als Jagdglück anzusehen, z. B. im Wappen Paczolay
(Siebmacher Band: Un Seite: 471 Tafel: 345), in Blau auf grünem
Boden ein aufspringendes Reh, dessen Hals von einem Pfeile
durchbohrt ist. Statt eines Pfeiles etwas unüblicher eine
Geweihstange: Wappen Schmidt v. Schwind
(Siebmacher Band: PrE Seite: 161 Tafel: 138), Blau mit einem auf
grünem Dreihügel stehenden natürlichen Reh, durchbohrt von
einer sechsendigen goldenen Hirschstange. Das Wappen Tolna
(Siebmacher Band: UnE Seite: 118 Tafel: 85) zeigt einen
doppelschwänzigen Löwen auf einer Blätterkrone, den Hals von
links waagerecht durchbohrt von einem Schwerte mit Parierstange.
Frisch hingeschlachtet in den siebenbürgischen Wäldern wurde
der Bär im Wappen Kosa (Siebmacher Band: Sibü
Seite: 270 Tafel: 201 und Band: Un Seite: 328 Tafel: 248): In
Blau auf grünem Boden ein schwarzer Bär, die Schulterblätter
von rückwärts nach vorne durchbohrt von einem Schwerte mit
goldener Parierstange, von dessen Spitze Blut träufelt. Doch der
Vogel wird wohl abgeschossen von Tieren, die sich selbst
verstümmeln. Das Wappen der Münchner Familie Taufkirchen
(Siebmacher Band: BayA1 Seite: 186 Tafel: 189, altbayerischer
Adel, im 17. Jh. erloschen) zeigt in Schwarz einen oberhalben
goldenen Löwen, der sich selbst ein silbernes Schwert durch
Rachen und Hinterkopf bohrt. Auf dem gekrönten Helm mit
schwarz-goldenen Decken das Schildbild. Gleichermaßen brutal und
noch etwas "unappetitlicher" das Wappen der ungarischen
Chapi v. Eszen u. Polyanka (Siebmacher Band: Un
Seite: 96 Tafel: 76), bei deren Wappen der Löwe mit der
erhobenen Rechten den silbernen Flitsch eines bluttriefenden
Pfeiles faßt, welcher durch das rechte und linke Auge desselben
gedrungen erscheint. Aua!
heraldischer Zirkus: kostümierte Tiere
Wer meint, mit menschlicher
Kleidung kostümierte Tiere, Raubtiere im Mäntelchen etc.
gehören der Welt des Zirkusses an, reibt sich verwundert die
Augen: Das gibt es auch in der Heraldik. So finden wir einen
Wolf, im Mittelalter gefürchteter Schafs-Räuber, in läppischer
Pose mit einem weißen Jacke bekleidet, die Vorderpfoten durch
die Ärmel gesteckt, das in Falten fallende Röckchen um den
Bauch, so daß der aufgerissene Rachen, der da aus dem
Halsausschnitt schaut, so gar nicht mehr zum Fürchten ist, im
Wappen der bayerischen Trainer zu Moß aus der
Regensburger Gegend, auch in Nürnberg vorkommend: In Rot ein
natürlicher aufspringender Wolf mit einer silbernen Schecke
(Jacke) bekleidet. Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen
Decken ein natürlicher aufspringender Wolf, der mit einer
silbernen Schecke (Jacke) bekleidet ist. Zu sehen ist dieser Wolf
im Wappenbuch des churbayrischen Adels, Band 1 Bayerische
Staatsbibliothek, BSB Cgm 1508, sowie im Siebmacher Band: BayA3
Seite: 113 Tafel: 74, Band: BayA3 Seite: 197. Später wurde ihr
Wappen geviert, Feld 1 und 4: Stammwappen, Feld 2 und 3: in
Silber eine rote Lindenblattspitze. Oder es gibt einen Löwen,
der sich eine Mönchskutte angezogen hat: Die schlesische und
brandenburgische Familie Schkopp hat im Schild
in Gold einen roten, in jeder Vorderpranke eine rote Kugel
haltenden, mit einer schwarzen Mönchskutte bekleideten Löwen.
Auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken der Löwe in der
Mönchskutte wachsend (Siebmacher Band: BraA Seite: 82 Tafel: 49,
Band: Pr Seite: 354 Tafel: 406). Die bürgerliche Familie Lutz
(Siebmacher Band: Bg1 Seite: 52 Tafel: 71) aus Ingolstadt führt
einen mit einem Mannsrock bekleideten Bären in Schild und
Helmzier, Farben unbekannt.
Literatur, Links und Quellen
Siebmachers Wappenbücher
Westfälisches Wappenbuch
Herrn Alois Lenz ein herzliches Dankeschön für wertvolle
Hinweise.
©
Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2009-2010
Autor: Bernhard Peter, Im Schenkelsberg 8, 56076 Koblenz
Bestandteil von www.dr-bernhard-peter.de