Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Besondere Motive: Löwenrachenschnitt

Ein "Schnitt" bezeichnet die Aufteilung eines Schildes in zwei Flächen durch eine von Schildrand zu Schildrand reichende durchgehende Linie, die auf bestimmte Weise gestaltet ist. Je nach Objekten, die durch die Ausformung der Linie zu beiden Seiten ihrer Hauptrichtung entstehen, benennt man die unterschiedlichen Schnitte nach diesen Motiven. Der Trick dabei ist, daß sich beide Seiten wie Positiv und Negativ ineinandergreifend ergänzen. Der Löwenrachenschnitt läßt mit nur einer einzigen Linie, die vom oberen Schildrand zum unteren Schildrand geht, eine komplexe Teilung und ein Schildbild mit Inversionszentrum und C2-Symmetrie entstehen, in dem sich zwei Löwenköpfe wie Positiv und Negativ ergänzen und die Nase jeweils im aufgerissenen Rachen des Gegenstücks Platz findet.

Bildbeispiel: Nürnberg, St. Sebald, Ausschnitt aus dem Holzschuher-Fenster

Ein Beispiel für dieses Motiv ist das Wappen der fränkischen Familie Helchner (Siebmacher Band: Bg2 Seite: 3 Tafel: 5, Band: BayA1 Seite: 74 Tafel: 73, Schöler Tafel 91 und 156). Gabriel Helchner von Laufenthal, der Teil an Gräfenberg hatte, trat 1551 in Kriegsdienste der Stadt Nürnberg. In Farbe sehen wir das Motiv in der Nürnberger Kirche St. Sebald in Form eines Beischildes im Holzschuher-Fenster: Wolf Holzschuher, gest. 1547, hatte 1514 Margarete Helchner geheiratet. Sie brachte ihm nicht nur als Erbin ein Drittel von Gräfenberg mit in die Ehe, sondern auch eines der interessantesten Wappenbilder als Beischild): Es ist im Löwenrachenschnitt silbern-rot gespalten. Im Siebmacher werden die Köpfe weiter ausgeformt, so daß Anfangs- und Endpunkt der Teilungslinie an den Seitenrändern sitzen, deswegen spricht er auch von "im Löwenrachenschnitt geteilt", nicht gespalten. Hier jedoch verläuft die entscheidende Linie eindeutig vertikal. Hier ist das Wappen ohne Kleinod abgebildet, die Helmzier wäre auf einem Helm mit rot-silbernen Decken ein das Schildbild wiederholender Flügel oder Flug.

Im Englischen nennt man diesen Löwenrachenschnitt je nach Lage "per pale / per bend sinister /... in form of two lion's heads intertwined", im Französischen je nach Lage "parti / coupé / taillé ... de deux têtes de lions. Es gibt einige verwandte Schnitte, so den Adler- oder Greifenkopfschnitt, den Bärenkopfschnitt, den Hundekopfschnitt oder den Pferdekopfschnitt. Bei all diesen Formen gibt es zwei Möglichkeiten, nämlich einerseits die, daß die geöffneten Rachen (wie hier) ineinandergreifen, und andererseits die, daß zwei vollständige Köpfe mit separaten Rachen sich entlang der Linie abwechseln. In der Literatur wird das meist nicht unterschieden; im ersten Fall wäre m. E. der Ausdruck Löwenrachenschnitt angemessen, im zweiten Fall der Ausdruck Löwenkopfschnitt, um den Punkt des Wechsels in die inverse Form zu kennzeichnen, andere Beispiele analog.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Sebald: http://www.sebalduskirche.de/
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg, Band 2. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 31/2

Wappenbilderordnung, Symbolorum armoralium ordo, hrsg. vom HEROLD, bearbeitet von Jürgen Arndt und Werner Seeger, Skizzen von Lothar Müller-Westphal, Verlag Degener
, 2. Auflage 1996, Band 1 und 2

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