Bernhard
Peter
Die
Wappen des gräflichen und fürstlichen Hauses Stolberg
Die
Entwicklung des Stolberger Wappens
Die Grafen von Stolberg sind
ein uraltes gräfliches Geschlecht aus dem Harz, welches in einer
Linie 1742 den Reichsfürstenrang erreichte, welche aber wieder
erloschen ist. In anderen Linien hingegen blüht die Familie
fort. 1548 teilte sich das Haus Stolberg auf in eine rheinische
Linie und eine Harzer Linie. Die rheinische Linie erlosch 1631.
Die Harzer Linie teilte sich 1645 in die beiden Hauptlinien zu
Wernigerode und zu Stolberg, von denen weitere Linien abzweigten:
Es gab die Linien Stolberg-Gedern (nach Gedern bei Büdingen, ab
1677 zu Gedern, 1742 Reichsfürsten, 1804 ausgestorben und von
Stolberg-Wernigerode beerbt), Stolberg-Ortenberg (Grafen und
Fürsten, nach Ortenberg bei Büdingen, 1806 in Hessen-Darmstadt
mediatisiert), Stolberg-Rossla (Grafen und Fürsten, nach Rossla
bei Sangershausen benannt, 1706 von der Linie zu Stolberg
abgezweigt), Stolberg-Stolberg (Grafen, 1645 abgezweigt) und
Stolberg-Wernigerode (Grafen, 1645 entstanden durch Teilung der
Harzer Linie).
1. Wappen: Stammwappen Stolberg:

Abb.: Stammwappen Stolberg am Erbacher Schloß, am Eingang zur Rentkammer, wiederaufgebaut 1893. Es steht hier dort für Erika Juliana Prinzessin zu Stolberg-Stolberg (15.7.1856 - 20.3.1928), Tochter von Alfred Fürst und Graf zu Stolberg-Stolberg (23.11.1820 - 1903) und Augusta Amalia Ida Prinzessin zu Waldeck (21.7.1824 - 4.9.1893)
2. Wappen:
Wernigerode kommt ins Wappen:
Das Geschlecht der Grafen von
Wernigerode gehörte zu den ältesten im Harz. Schon 1121 wird es
erwähnt, als die Grafen ihren Sitz von Haymar/Haimar bei
Hildesheim auf die Burg Wernigerode an einer wichtigen
Straßenkreuzung im Harz verlegten. Die Grafen hatten neben ihren
Grafschaftsrechten auch die Verwaltung des Reichsforstes im
Nordostharz inne. 1343 erlangten sie die Grafschaftsrechte um
Wernigerode von den Grafen von Regenstein. Weiterhin hatten sie
die Vogteirechte der Klöster Ilsenburg und Drübeck inne.
Lehnsherr von Wernigerode war ab 1268 der Markgraf von
Brandenburg, ab 1381 das Erzstift Magdeburg, 1449 wieder
Brandenburg. Mit dem Tode des kinderlosen Grafen Heinrich von
Wernigerode am 3. Juni 1429 erlosch das Grafengeschlecht.
Wernigerode kam durch Erbverbrüderung zwischen beiden Häusern
(Erbvertrag) in den Besitz der Grafen zu Stolberg. Graf Botho
wird dadurch "Graf und Herr zu Stolberg und
Wernigerode". Stolberger und Wernigeroder Wappen wurden
damals vereinigt. Nach Anfall der Grafschaft Wernigerode in der
Mitte des 15. Jh. führen die Grafen von Stolberg ihr Wappen
geviert:
Helmzier:

Abb.: St. Georgs-Kirche
Weikersheim, Schlußstein, Veröffentlichung
der Innenaufnahme mit freundlicher Erlaubnis von
Herrn Pfarrer Martin Henzler-Hermann, Kirchengemeinde Weikersheim
2007, http://www.kirchengemeinde-weikersheim.de/ - an dieser Stelle ein herzliches
Dankeschön.

Abb. links: Stadtkirche Waldenburg, Grabdenkmal für Wolfgang Friedrich Graf von Hohenlohe-Waldenburg, Abb. rechts: Stadtkirche Waldenburg, Grabdenkmal für Dorothea Walpurgis v. Hohenlohe, Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Samuel Piringer, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.
Bereits Albrecht Georg (1519-1587) und dessen direkte Vorfahren im Jahre 1431 führten den Schild geviert von Stolberg und Wernigerode, und darauf den Stammhelm. Graf Christoph zu Stolberg, Dompropst zu Halberstadt (1523-1581) führte dazu als Herzschild das Wappen der Dompropstei Halberstadt, in Blau einen goldenen Adler.

Abb.: Ausschnitt aus einem auf 1893 datierten heraldischen Exlibris, entworfen von Adolf M. Hildebrandt (1844-1918) für Wilhelm Prinz von Stolberg-Wernigerode.
Keine
Wernigeroder Helmzier?
Die alte Helmzier der Grafen
von Wernigerode war übrigens eine rote Forelle balkenweise vor
einem grünen (natürlichen) Pfauenstoß, bzw. nach einer anderen
Darstellung eine rote Forelle balkenweise vor einem mit einem
grünen (natürlichen) Pfauenstoß besetzten hohen Hut oder
Schaft. Decken rot-silbern. Diese Helmzier wurde
erstaunlicherweise nicht mit in das Stolbergsche Wappen
aufgenommen. Grünenberg bildet eine Version mit zwei Helmen ab,
von denen der zweite zwar Wernigerode repräsentieren soll, aber
unrichtig ist:
Zwei Helme (nach Grünenberg, Wappencodex Tafel 24 Nr. 3):
Besondere
Varianten
Daneben wurden noch
Sonderformen des Stolbergschen Wappens überliefert:
3. Wappen
vom 17.5.1548: Königstein kommt ins Wappen
Die Grafen von Königstein
starben 1535 aus. Die Grafen von Stolberg waren an der
Königsteiner Erbschaft beteiligt, was sich durch folgende
Genealogie ergab: 1418 kamen die Herren von Eppstein an
Königstein (Erbschaft von den Falkensteinern). 1433 hatten sich
die Herren von Eppstein in die Linien Eppstein-Münzenberg und
Eppstein Königstein aufgespalten. 1505 wurde ihnen der
Grafentitel zugestanden. Die Herren von Eppstein-Münzenberg
waren schon 1522 mit Gottfried XII im Mannesstamm ausgestorben.
Das Geschlecht der Grafen von Eppstein-Königstein erlosch 1535.
Das Erbe fiel an Stolberg und 1581 an Mainz, andere Teile an
Hessen.
Über das neue, vermehrte Wappen erhielten die Grafen von Stolberg am 17.5.1548 in Augsburg einen bestätigenden Wappenbrief. Das Wappen ist aus sechs Feldern aufgebaut, der Schild ist geteilt und zweimal gespalten.
Dazu werden drei Helme geführt:
Variante
Eine etwas andere Anordnung
der Felder bei ansonsten identischen Inhalten zeigt das Wappen
auf einem Siegel von Graf Heinrich zu Stolberg, Königstein,
Rutzfort (=Rochefort), Wernigerode, Herr zu Epstein,
Müntzenberg, Breuberg und Agimont (1509-1572):
Die drei Helme zeigen die gleichen Kleinode wie oben beschrieben.
4. Wappen
der Grafen von Stolberg-Königstein-Wertheim
Graf Ludwig v. Stolberg führte in der zweiten Hälfte des 16.
Jh. ein etwas abweichendes Wappen, das die Grafschaft Wertheim,
die er erworben hatte, mit repräsentiert. 1556 stirbt das
Grafengeschlecht von Wertheim aus. Ihm folgt Ludwig Graf zu
Stolberg-Königstein, der seinerseits nur wenige Jahre später,
nämlich 1598, von einem seiner Schwiegersöhne, Graf Ludwig von
Löwenstein, abgelöst wird. Das Feld Wertheim war also nicht
bleibend im Stolberger Wappen. Wappen nach Erwerb der Grafschaft
Wertheim:
Bei Spener ist der Stolberger Hirsch als Feld 5 abgebildet, bei Siebmacher als echter Herzschild. An der Burg zu Wertheim ist es ebenfalls ein echter Herzschild, so daß die historische Evidenz den Herzschild belegt.
Die drei Helme zeigen:

Abb.: Burg Wertheim, Wappen für Graf Ludwig zu Stolberg-Königstein-Wertheim und Rochefort (gest. 1574)

Abb.: Stadtkirche Waldenburg, Wappen Stolberg am Epitaph für Philipp Gottfried Graf v. Hohenlohe-Waldenburg und Anna Christina v. Limpurg-Sontheim, Veröffentlichung der Innenaufnahme mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Samuel Piringer, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.
5. Wappen
nach dem Erwerb von Hohnstein:
Das Wappen wird gespalten,
vorne das Wappen Stolberg-Königstein von 1548, also wieder ohne
Wertheim, hinten das Wappen Hohnstein. Heraldisch korrekt ist
folglich eine mittige Spaltung. Um das Erbe der Grafen von
Hohnstein wurde lange zwischen den Häusern Stolberg und
Schwarzburg gestritten. Ergebnis war eine salomonische Lösung
von Kaiser Rudolf II aus dem Jahr 1597, in der er beiden Häusern
das Hohnsteinsche Wappen zubilligte. Deshalb finden wir die
gleichen Elemente im schwarzburgischen Wappen wieder (siehe
dort). Korrekter Aufbau wäre:
Gespalten:

Dazu werden drei Helme geführt:
Der Helm Klettenberg ist nicht vertreten, auch nicht in einer Kombination, er besäße ein Hirschgeweih, schwarz, silbern oder schwarz-silbern, und schwarz-silberne Decken.
Das Diplom
vom 18.4.1597 und die erste Verzerrung:
Tatsächlich wird der
heraldisch logische und korrekte Aufbau im Wappen von 1597
verzerrt: Bei der Kombination verschieben sich in der vorderen
Hälfte die Proportionen bei den üblichen Darstellungen, so daß
die Teilung des Schildes im oberen Drittel stattfindet und die
zugrundeliegende Geometrie ein zwölffeldriger Schild ist, dessen
Felder 4, 7 und 10 zu einem hochrechteckigen Feld vereinigt
werden, in dem die Wernigeroder Fische zu liegen kommen.
Desgleichen werden die Plätze 8 und 11 für Münzenberg und die
Plätze 9 und 12 für Agimont genommen. Wernigerode, Münzenberg
und Agimont werden also auf Kosten der übrigen Felder auf
unheraldische Weise vergrößert. Aufbau nach dem Diplom von
1597:

Gespalten:
Dazu werden drei Helme geführt:
Auch diese Anordnung ist heraldisch unlogisch und fragwürdig, denn dem Stammhelm Stolberg gebührt eigentlich der Ehrenplatz in der Mitte, wie er ihn auch bislang innehatte, und es gibt überhaupt keinen heraldischen oder logischen Grund, warum er jetzt dem Kombinationshelm Eppstein-Hohnstein weichen muß und an den rechten Rand auf die zweite Position gedrängt wird. Dabei war Hohnstein übrigens nie in faktischem Besitz der Grafen von Stolberg.
Vielfach wird das Wappen aber noch weiter verzerrt dargestellt, mit einer Spaltlinie im linken Drittel oder so. Deshalb wird das Wappen auch als auf 4 Spaltungen zu fünf Pfählen beruhend beschrieben, wie im folgenden erläutert wird.

Abb.: Wappen an der Rentkammer zu Wächtersbach für Ernestina Wilhelmina zu Stolberg-Gedern (29.1.1695 - 7.5.1759), Ehefrau von Ferdinand Maximilian II. Graf zu Ysenburg-Büdingen in Wächtersbach (12.1.1692 - 21.4.1755), datiert auf 1735/36. Der Aufbau folgt der Beschreibung im Abschnitt "6. Wappen".
6. Wappen,
Diplom vom 18.2.1742, Fürsten zu Stolberg-Gedern, weitere
Verschiebung der Platzaufteilung und zweite Verzerrung:
Der Wappenschild entspricht
dem Diplom von 1597 mit entsprechender Verschiebung der
Feldgrenzen wie im folgenden beschrieben, wodurch die
heraldischen Fehler zementiert und weiter verschlimmert wurden,
Wegfall der Helme, Schildhalter zwei goldene Löwen, Wappenmantel
und Fürstenhut.

Daraus hat sich im Laufe der Zeit folgende, heraldisch und logisch unrichtige Beschreibungsweise entwickelt, die nicht der historischen Entwicklung Rechnung trägt, sondern der Verschiebung der Proportionen durch graphische Bedürfnisse:
Viermal gespalten zu fünf Pfählen:
Die Elemente der Stolbergschen "Hälfte" werden also verbreitert, hinten wird das Hohnsteinsche Wappen zusammengequetscht. Diese Betrachtungsweise, egal ob darstellerisch oder beschreibend, illustriert den Verlust des Verständnisses der Herkunft der einzelnen Bestandteile und der einem Wappen innewohnenden Logik. Eigentlich ist diese Aufteilung heraldisch unbillig. Korrekter ist der Aufbau gemäß der Logik in der allerersten Beschreibung. Man findet jedoch meist Darstellungen, die der zweiten Beschreibung entsprechen.

Abb.: Wächtersbach, Personendenkmal, an einer Mauer zum Schloßpark aufgestellt.

Abb.: Reichenbach im Odenwald, Portal zur evangelischen Kirche
Dieser Wappenschild wird später von den gräflichen Linien mit rotem, hermelingefütterten Wappenmantel geführt. Im Grunde war dieses Diplom von 1742 die Quelle allen Übels, denn die gräflichen Linien ahmten nun diese unbillige Felderaufteilung nach (s.o.), obwohl sie streng genommen die korrektere Aufteilung nach dem Diplom von 1597 führen müßten, denn nur der fürstlichen Linie war die verzerrte Aufteilung verliehen worden. Schlimm genug, aber nun verließen auch die gräflichen Linien das Konzept der mittigen Spaltung.
Diese Aufteilung wird aber nicht erst seit 1742 benutzt, wie das Beispiel von 1735/36 an der Rentkammer Wächtersbach belegt. Vielmehr trägt das Diplom einer stattgefundenen Entwicklung Rechnung.
Seitens der Linie Wernigerode wurde übrigens das im Reichsgrafendiplom 1597 verliehene, heraldisch richtigere Wappen durch gräflichen Erlaß aus dem Jahre 1875 restituiert!

Abb.: Wappen am Eingang zum inneren Burghof in Schloß Büdingen. Hier ist es zu einer dritten Verschiebung gekommen. Das Feld für die Grafschaft Mark geht tiefer nach unten als das benachbarte Feld Eppstein, und drückt das Feld Agimont zusammen. Außerdem sind alle geschachten Elemente zu Kugeln geworden. Und auch in der linken Schild"hälfte" stimmen die Feldergrenzen nicht so ganz.
7. Wappen
natürlicher Kinder:
Einen Ausnahmefall stellt das
Wappen der natürlichen Kinder von Wolfgang Ernst Graf zu
Stolberg-Stolberg dar. Die Kinder dieser Verbindung trugen den
Namen "von Stolberg". Da die Söhne unverheiratet
starben, hatte das Wappen keine lange Funktion.
Das Wappen war gemäß einem zeitgenössischen Siegel geteilt, oben in Gold ein aus der Teilung wachsender schwarzer Hirsch, unten in Silber balkenweise eine rote Forelle. Das Wappen war also zweifach gemindert, zum einen wurde der Hirsch halbiert, zum andern wurde nur eine der beiden Forellen abgebildet. Die Helmzier war ein grüner (natürlicher) Pfauenstoß auf gekröntem Helm. Decken rechts schwarz-golden, links rot-silbern.
Literatur,
Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher,
insbesondere die Bände Grafen und Hoher Adel (Fürsten)
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf
CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die
deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H.
Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
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